20. Januar 2019

Die Sonn­ta­ge immer…!

Unlängst, am Ran­de eines Emp­fangs im Bun­des­tag, ver­irr­te ich mich erst­mals in den soge­nann­ten Club­raum, der, wie es heißt, bei der Links­par­tei beson­ders beliebt ist. Dar­in befin­det sich ein Bild des rus­si­schen Malers oder Künst­lers Gri­sha Bruskin, ein Tri­pty­chon, das man mit etwas Mut­wil­len die Par­odie einer Iko­no­sta­se nen­nen könn­te. Das Gemäl­de stammt aus dem Jahr 1999 und trägt den Titel „Leben über alles”.

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Auf der Web­sei­te des Bun­des­ta­ges heißt es dazu: „Gri­sha Bruskin iro­ni­siert im Club­raum in einem Tri­pty­chon ideo­lo­gi­sche Mythen, ins­be­son­de­re die ‚Skulp­tur-Manie’ Sowjet­ruß­lands. Wie auf einer Iko­nen­wand rei­hen sich 115 Ein­zel­bil­der anein­an­der, jeweils eine Per­son als weiß­lich-mono­chro­mer Sche­men, der erst durch sei­ne far­bi­gen Attri­bu­te als Indi­vi­du­um iden­ti­fi­zier­bar wird, sei es als Kol­chos­bäue­rin mit über­gro­ßen Feld­früch­ten, als rus­si­scher Sol­dat mit den Wap­pen von Bun­des­re­pu­blik und DDR oder als Kos­mo­naut mit dem Por­trät von Juri Gagarin.”

Nicht nur Por­träts von Gaga­rin. Etwa auch von die­sem Her­ren (ich bit­te um Par­don, es sind Hän­di-Fotos aus einer gewis­sen unschär­fe­för­der­li­chen Ent­fer­nung, der Raum ist recht hoch):

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Oder jener:

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Haben wir denn kei­ne deut­schen Mas­sen­mör­der, deren Kon­ter­feis wir an die Wand hän­gen und deren Anhän­ger wir „iro­ni­sie­ren” kön­nen? Bruskin sel­ber erläu­ter­te in einem kur­zen Text über sein Gemäl­de, es han­de­le sich bei den Figu­ren nicht um rich­ti­ge Men­schen, son­dern um „Phan­to­me, Arche­ty­pen sowje­ti­scher Ideo­lo­gie-Mythen”. Ja, das mag sein, aber was suchen die im deut­schen Bun­des­tag? Dort ver­un­zie­ren doch schon hin­rei­chend vie­le Graf­fi­tis die Innen­wän­de, die sowje­ti­sche Sol­da­ten 1945 hin­ter­las­sen haben, wobei man die rus­ti­ka­le­ren, der Rache an den Deut­schen im All­ge­mei­nen und den deut­schen Frau­en im Spe­zi­el­len gewid­me­ten Inschrif­ten getilgt hat, weil sie bei eini­gen des Rus­si­schen kun­di­gen Besu­chern Irri­ta­tio­nen aus­lös­ten. War­um also noch­mals Iko­no­gra­phie und Ideo­lo­gie des tota­li­tä­ren Sie­ger­staa­tes im deut­schen Par­la­ment, etwa die­ser sowje­ti­sche Panzersoldat? 

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Und die­ser rot­ar­mis­ti­sche Täter­volks­be­frei­er stellt die Losung „Социализм непобедим” (Der Sozia­lis­mus ist unbe­sieg­bar) im Reichs­tag zur Schau, wo sie ja täg­lich immer bes­ser ver­wirk­licht wird: 

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„Russ­land half den Deut­schen, den Faschi­mus zu bekämp­fen und zu besie­gen”, schreibt der Künst­ler dazu. Haben wir echt gegen Mus­so­li­ni gekämpft? Na egal, jeden­falls sit­zen ja längst wie­der „Nazis” im Bun­des­tag und oben­drein im Wei­ßen Haus und dies­mal irgend­wie sogar im Kreml, die Lage ist unüber­sicht­lich gewor­den, aber wie jeder weiß, gehört das Suh­len in der hoch­ver­dien­ten Nie­der­la­ge – man kann auch for­mu­lie­ren: in den bei­den Nie­der­la­gen –  bekannt­lich zu den neu­deut­schen Pri­mär­be­dürf­nis­sen. Am Ran­de: Wer hat eigent­lich den Sowjet­komu­nis­mus besiegt?

Ein schon etwas län­ger die­nen­der Mit­ar­bei­ter der Bun­des­tags­ver­wal­tung erzähl­te mir, die zu Zei­ten der Ber­li­n­um­zugs-Vor­be­rei­tun­gen wal­ten­de Bun­des­tags­prä­si­den­tin Rita Süss­muth habe damals dafür gesorgt, dass im neu­en Par­la­ments­ge­bäu­de kei­ner­lei posi­ti­ver Bezug auf die deut­sche Nati­on und deren Geschich­te genom­men wer­de. Ihr Nach­fol­ger Thier­se, in des­sen lus­ti­ge Amts­zeit der Umzug dann fiel, dürf­te ihr nicht gera­de krei­schend in den Arm gefal­len sein. Des­we­gen, schloss der Beam­te, besä­ßen wir das wahr­schein­lich ein­zi­ge Par­la­ments­ge­bäu­de der Welt, in dem sich kein Kunst­werk befin­de, dass die eige­ne Geschich­te in Gestalt irgend­ei­nes iden­ti­täts­stif­ten­den Ereig­nis­ses darstellt. 

Das Pro­blem ist nicht, wenn du Mil­lio­nen Tote auf dem Kerb­holz hast. Dass Pro­blem besteht ein­zig dar­in, sei­ne Krie­ge zu ver­lie­ren und dann Zer­knir­schungs­ath­le­ten ertra­gen zu müs­sen, die um Süh­ne­punk­te wett­ei­fern und dafür die his­to­ri­schen Wun­den immer schön offen und eiternd halten.

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