29. Januar 2019

Aus dem Zita­ten­käst­lein des Michel Onfray: „Spren­ger und Insti­to­ris (die Ver­fas­ser des ‚Hexen­ham­mer’ – M.K.) kommt inner­halb der Theo­lo­gie der Inqui­si­ti­on der Rang zu, den etwa Deleu­ze und Guatta­ri für die Phi­lo­so­phie der 1970er Jah­re haben.”

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Ges­tern lud die Deut­sche Atlan­ti­sche Gesell­schaft zum Vor­trags- und Dis­kus­si­ons­abend ins Adlon. Als der Haupt­red­ner, Géza von Geyr, Minis­te­ri­al­di­rek­tor im Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um, den isla­mi­schen Ter­ro­ris­mus kur­zer­hand in „trans­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus” umtauf­te bzw. umde­fi­nier­te, war ich eini­ger­ma­ßen irri­tiert; als er erklär­te, aus heu­ti­ger Sicht gebe es für den Bre­x­it kei­ne nach­voll­zieh­ba­ren Grün­de mehr, stand ich kurz davor zu gehen; als er ver­si­cher­te, das Ziel der deut­schen Sicher­heits­po­li­tik sei „eine demo­kra­ti­sche, tole­ran­te Gesell­schaft”, bin ich gegangen.

                                   

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Ich will ange­sichts der Debat­te, die durch den offe­nen Brief der „100 Lun­gen­ärz­te” ange­sto­ßen wur­de, dar­auf hin­wei­sen, dass hier die womög­lich seriö­ses­te Betrach­tung zum The­ma in oben­drein über­schau­ba­rer Län­ge zu lesen ist.

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Ein guter Bekann­ter bringt die Kate­go­rie des Rangs ins Gespräch. Sie sei für sei­nen Umgang mit ande­ren Men­schen zen­tral. Jedem Men­schen sei sein Rang gleich­sam ein­ge­prägt. Man müs­se sich stets bewusst sein, ob man im Ran­ge über oder unter sei­nem Gegen­über ste­he. Wenn jeder sei­nen Platz ken­ne, erleich­te­re das den Umgang mit­ein­an­der ungemein.

Da schluckt der klei­ne Modern­ski: Was sind denn das für alte Zöp­fe? Schließ­lich hat jeder Ber­li­ner Abitu­ri­ent schon bei Schil­ler gele­sen: „Die­ses Pos­sen­spiel des Ranges/ Sei künf­tig­hin aus unserm Bund ver­wie­sen!“ (Don Car­los, 1. Akt, 9. Auf­tritt). Rang ist so was von alt­mo­disch und out! Das kann jeder beim Team­mee­ting, Grü­nen-Par­tei­tag oder Yogakurs, ja sogar bei der Dienst­aus­ga­be in der Bun­des­wehr stu­die­ren. Die Zukunft gehört fla­chen Hierarchien.

Die­ser Rang – der offi­zi­el­le Dienst­rang – ist aber nicht gemeint. Der Rang bezeich­net die Per­sön­lich­keit eines Men­schen, sei­nen Cha­rak­ter, sei­ne Fähig­kei­ten, sei­nen Geist, sei­nen Stolz, sei­ne Stand­haf­tig­keit, sei­ne – um ein Lieb­lings­wort der aktu­el­len Mol­lus­ken zu ver­wen­den – Hal­tung. Kurz­um: sei­nen Wert. Car­los spricht zwar von einem „Bund”, doch er weiß, dass Posa in jenem ande­ren, unsicht­ba­ren Rang über ihm steht. Wenn Sie sich Kurt Schu­ma­cher anschau­en und des­sen spä­ten Genos­sen Hei­ko Maas, dann besteht trotz des höhe­ren Dienst­ran­ges von Hei­ko, der Regie­rungs­mit­glied und Außen­mi­nis­ter ist, wäh­rend Schu­ma­cher bloß Oppo­si­ti­ons­füh­rer war, nicht die Spur eines Zwei­fels über die Rangordnung.

K.Schumacher1200px 2017 11 29 Heiko Maas Maischberger 5685

Der Ver­gleich ist ein biss­chen unfair, die bei­den gehö­ren ver­schie­de­nen Genera­tio­nen an, nicht der Mensch ist zu klein, son­dern das Amt zu groß, wie Mon­tes­quieu fest­hielt, doch zur Ver­deut­li­chung des­sen, was hier gemeint ist, taugt das Bei­spiel am Ende doch.

(Der Ver­gleich ist aber vor allem Schu­ma­cher gegen­über unfair, als Beweis mag die­ser Link hinreichen.)

Zwi­schen zwei Män­nern exis­tiert immer ein Gefäl­le, immer eine spon­ta­ne Rang­ord­nung, und wenn sie von den Betref­fen­den nicht selbst wahr­ge­nom­men wird, erle­digt es die Umwelt. Das gilt auch und sogar für gute Freun­de. Bei Marx und Engels war das Gefäl­le so klar wie bei Strauss und Hof­manns­thal oder bei Goe­the und Schil­ler. Nie­mand begeg­net einem ande­ren wirk­lich auf Augen­hö­he. Dass die meis­ten es nicht bemer­ken, weil sie für sol­che Nuan­cen kein Sen­so­ri­um beseit­zen und die Gesell­schaft ihnen ein­re­det, Glei­che unter Glei­chen zu sein, tut nichts zur Sache, schmä­lert aber halb­wegs ver­läss­lich ihren eige­nen Rang.

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Guter Jour­na­list. Böser Journalist.

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