7. Januar 2019

„Prä­si­dent Trump hat kürz­lich erklärt: ‚Sie wis­sen, was ich bin? Ich bin ein Natio­na­list!’ Genau wie ich. Natio­na­lis­ten kön­nen mit­ein­an­der reden; selt­sa­mer­wei­se funk­tio­nie­ren Gesprä­che mit Inter­na­tio­na­lis­ten nicht so gut.„
Michel Hou­el­le­becq

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Eine Regie­rungs­spre­che­rin gab zu den Taten von Amberg und Bot­trop fol­gen­des State­ment: „Die Bun­des­re­gie­rung wird alles dar­an­set­zen, Extre­mis­mus, Frem­den­feind­lich­keit und Into­le­ranz mit allen Mit­teln des Rechts­staa­tes kom­pro­miss­los und unnach­sich­tig zu bekämpfen.” 

Die Bun­des­re­gie­rung will Into­le­ranz unnach­sich­tig bekämp­fen? Erle­ben wir es noch, wie der Straf­tat­be­stand der Tole­ranz­kraft­zer­set­zung in die Recht­spre­chung ein­zieht? Nein, nein, es ist bloß aufs Per­so­nal abge­färb­tes Mer­kel­deutsch, ein Mer­kel­scher Ver­spre­cher sozu­sa­gen. Bezie­hungs­wei­se ein Freudscher. 

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Der Ber­li­ner Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Hajo Fun­ke meint, dass die AfD bald „in Gän­ze oder in grö­ße­ren Tei­len” vom Ver­fas­sungs­schutz beob­ach­tet wird. Das sei gerecht­fer­tigt, zitiert ihn der Tages­spie­gel – und fährt fort: „Fun­ke sieht Ten­den­zen zu Geschichts­re­vi­sio­nis­mus, Rela­ti­vie­rung des Holo­causts und Anti­se­mi­tis­mus, dazu die Ent­fes­se­lung von ‚Res­sen­ti­ments gegen alle grö­ße­ren eth­ni­schen und reli­giö­sen Min­der­hei­ten in Deutsch­land – das Gan­ze in Ver­bin­dung mit dem Anstre­ben einer ande­ren Republik.’ ”

Der Ver­fas­sungs­schutz soll­te also nach Ansicht die­ses Exper­ten gegen „Geschichts­re­vi­sio­nis­mus” und die „Rela­ti­vie­rung des Holo­causts” vor­ge­hen; man wüss­te nur gern, auf­grund wel­ches Ver­fas­sungs­ar­ti­kels. Außer­halb von tota­li­tä­ren Gesell­schaf­ten gehört der Revi­sio­nis­mus zur His­to­rio­gra­phie wie der Wan­del zum Kli­ma, und die „Rela­ti­vie­rung des Holo­causts” – was auch immer damit gemeint sein mag; genügt schon der Hin­weis auf die kom­mu­nis­ti­schen Lager? – ist nicht verboten.

„Res­sen­ti­ments gegen alle grö­ße­ren eth­ni­schen und reli­giö­sen Min­der­hei­ten” hält Herr Fun­ke eben­falls für ver­fas­sungs­schutz­re­le­vant. Wenn die Schlapp­hü­te sich auch noch mit den im Lan­de gras­sie­ren­den Res­sen­ti­ments befas­sen sol­len, müss­te die Behör­de ihre Plan­stel­len min­des­tens ver­tau­send­fa­chen. Und gegen wel­che „grö­ße­ren reli­giö­sen Min­der­hei­ten” hegen und pfle­gen die rechts­po­pu­lis­ti­schen Schwe­fel­bu­ben denn die Ihren? Laut Fun­ke gegen alle grö­ße­ren. „Ent­fes­selt” die AfD „Res­sen­ti­ments” gegen Hin­dus? Gegen Bud­dhis­ten? Gegen die ortho­do­xe Kir­che? Zeu­gen Jeho­vas? Shin­tois­ten? Neu­hei­den? Die grü­ne Jugend? Und wie ver­hält es sich mit dem „Anti­se­mi­tis­mus”, einem belieb­ten, aber nach dem regie­rungs­of­fi­zi­el­len Her­ein­win­ken von Aber­tau­sen­den dar­in geschul­ten reli­gi­ons­päd­ago­gi­schen Fach­kräf­ten inzwi­schen etwas kraft­lo­sen Vor­wurf, zumal er sich gegen die israel­freund­lichs­te aller Bun­des­tags­par­tei­en, in deren Mit­te sich die Grup­pe „Juden in der AfD” kon­sti­tu­iert hat, durch­aus bizarr ausnimmt. 

Wahr­schein­lich ist der Herr Fun­ke bloß ein armer Huschel, der an Fascho­lalie lei­det und sich in einer vor Publi­kum schrei­ben­den Selbst­hil­fe­grup­pe ähn­lich Gehan­di­cap­ter zu the­ra­pie­ren müht.

Was indes die „ande­re Repu­blik” angeht: Die ist bekannt­lich zwar nicht unbe­dingt Regie­rungs­pro­gramm, aber stur­hei­les Regierungshandeln.

Nach­schrift. Meh­re­re Leser wei­sen mich dar­auf hin, dass Herr Fun­ke mit­nich­ten ein Huscherl sei, son­dern ein lupen­rei­ner Gesin­nungs­tä­ter mit extrem lin­ker Agen­da und der typi­schen Bio­gra­phie, die unse­re west­deut­schen Pro­gres­sis­ten so sym­pa­thisch macht: Vater Nazi, Soh­ne­mann stram­mer 68er, SDS, AStA, Neue Lin­ke, nie mit sei­nen Hän­den gear­bei­tet, Geschwätz­wis­sen­schaf­ten stu­diert, zeit­le­bens treu­deutsch gegen „rechts” gekämpft. Glanz­punkt sei­nes cou­ra­gier­ten Lebens dürf­te Funkes Enga­ge­ment für die Mär­chen­er­zäh­ler-Fami­lie Kan­tel­berg-Abdul­lah aus Seb­nitz gewe­sen sein, deren Kind von meh­re­ren hun­dert säch­si­schen Skin­heads im städ­ti­schen Frei­bad ertränkt wur­de. (Mehr hier hier und hier.)

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Die Spo­e­ken­kie­ke­rei bringt einen ent­lar­ven­den Text über die „para-staat­li­che grü­ne Ideo­lo­gie-Miliz” Deut­sche Umwelt­hil­fe (DUH), dem sich ent­neh­men lässt, dass ein gewis­ser Rai­ner Baa­ke, der 2014 zum beam­te­ten Staats­se­kre­tär ins Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wirt­schaft und Ener­gie beru­fen wur­de, zuvor von 2006 bis 2012 Bun­des­ge­schäfts­füh­rer der DUH war. „Die deut­sche Regie­rung hat­te also von 2014 bis 2018 den lang­jäh­ri­gen Chef­ideo­lo­gen der DUH an ent­schei­den­der Stel­le im Pelz sit­zen – wo er flei­ßigst dar­an mit­ar­bei­ten konn­te, absur­de Grenz­wer­te und Hor­ror­zah­len, frag­wür­di­ge Mess­prak­ti­ken und in Fol­ge dann auch bür­ger­gän­geln­de Geset­ze und Ver­ord­nun­gen auf den Weg zu brin­gen. Er kann­te das Geschäft bes­tens: Denn bevor Baa­ke 2006 DUH-Chef wur­de, dien­te er von 1998 bis 2005 als beam­te­ter Staats­e­kre­tär im Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Umwelt, Natur­schutz und Reak­tor­si­cher­heit – unter sei­nem Kum­pel Jür­gen Trittin.”

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„(Roland) Bar­t­hes hat­te lan­ge geplant, einen Roman nach Proust’schem Vor­bild zu schrei­ben. Statt­des­sen ver­brach­te er sein Leben damit, die Tex­te ande­rer zu ana­ly­sie­ren. (…) Er, der unzäh­li­ge Noti­zen für sei­nen unge­schrie­be­nen Roman hin­ter­ließ und abends im Bett mit Genuss Cha­teau­bri­and las, ver­kün­de­te den Tod des Autors, weil es ihm nicht gelang, sel­ber einer zu wer­den. Bar­t­hes moch­te kei­ne Bio­gra­phien. Aus gutem Grun­de: Sie sind der Schlüs­sel zu jeder Theo­rie.
Auch Fou­cault moch­te kei­ne Bio­gra­phien. Und er hat­te die glei­chen guten Grün­de wie Bar­t­hes.”
(Michel Onfray, „Nie­der­gang“, S. 576)

Das her­aus­ra­gen­de Indi­vi­du­um ist die Klip­pe für jede mun­ter daher­se­geln­de Geschichts­theo­rie. Über ein Phä­no­men wie den Autor des Koran, der von sich behaup­te­te, ein Erz­engel habe ihm Got­tes Wort dik­tiert und des­sen Gebo­te heu­te von fast andert­halb Mil­li­ar­den „Lesern“ („Fol­lo­wern”) befolgt wer­den, haben Struk­tu­ra­lis­ten, Post­struk­tu­ra­lis­ten, Kon­struk­ti­vis­ten e tut­ti quan­ti nichts zu sagen.

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