8. Januar 2019

Der AfD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te und Bre­mer Lan­des­vor­sit­zen­de Frank Magnitz ist in Bre­men von drei Män­nern ange­grif­fen und bis zur Bewusst­lo­sig­keit zusam­men­ge­schla­gen wor­den. Die Täter sol­len mit einem Kant­holz auf den Poli­ti­ker ein­ge­prü­gelt und ihn, als er am Boden lag, gegen den Kopf getre­ten haben.* In wel­chem Zustand sich der 66jährige befin­det, sehen Sie hier. Es dürf­te kaum abwe­gig sein, von einer Kör­per­ver­let­zung unter Inkauf­nah­me blei­ben­der Schä­den – wenn nicht von einem Mord­ver­such* – zu sprechen.

(* Nach­schrift vom 10. Janu­ar: Den Bil­dern einer Video­ka­me­ra zufol­ge sol­len die Täter nicht mit einem Gegen­stand zuge­schla­gen haben; außer­dem, heißt es, hät­ten sie Magnitz nicht auf den Kopf geschla­gen, son­dern von hin­ten ange­sprun­gen und zu Fall gebracht. Sei­ne Ver­let­zun­gen sehen frei­lich nicht nach einem Sturz aus; sie­he hier.)

Es gibt meh­re­re Mög­lich­kei­ten der Kom­men­tie­rung. Die sar­kas­ti­sche: Alle Ach­tung, zu dritt von hin­ten auf einen 66jährigen, scha­de, dass die Hel­den­fried­hö­fe alle schon belegt sind. Die sati­ri­sche: Der Ver­fas­sungs­schutz hat bereits einen Mann am Kran­ken­bett. Die real­sa­ti­ri­sche: Poli­ti­ker aller lin­ken Par­tei­en ver­ur­tei­len die Tat (hier; ich emp­feh­le beson­ders auf­ge­wühl­ten Links­grün­bun­ten den guten alten Mes­ca­le­ro-Brief als Lek­tü­re fürs Abkling­be­cken). Die jour­na­lis­tisch aus­ge­wo­ge­ne offe­riert, wenn auch etwas ver­steckt, die Zeit: „Bre­mens AfD-Lan­des­chef atta­ckiert” (stel­len Sie sich die Schlag­zei­le und deren Plat­zie­rung vor, wenn drei Neo­na­zis einen Grü­nen ins Koma gestreckt hät­ten; dass man das „AfD-Per­so­nal atta­ckie­ren” müs­se, hat Ralf Steg­ner, SPD, auf twit­ter gefor­dert; das Aus­maß sei­ner klamm­heim­li­chen Freu­de ent­zieht sich mei­ner Kennt­nis). Die quietsch­dumm­grün auf Logik machen­de: „Wer Hass mit Hass bekämpft, lässt am Ende immer den Hass gewin­nen” (so die twit­ter-Reak­ti­on Cem Özde­mirs); das heißt: Magnitz hat das Glei­che getan wie die Schlä­ger und bekam es in glei­cher Mün­ze zurückerstattet.

Und dann gibt es noch den Kom­men­tar auf Raten, über Mona­te und Jah­re: „Bre­mer Senat deckt Links­ex­tre­me” (hier).

Dass eine Gesell­schaft poli­tisch ver­roht und intel­lek­tu­ell ver­kommt, bemerkt man dar­an, dass nach einer Gewalt­tat mehr über die Gesin­nung des Opfers als über jene der Täter gespro­chen wird (kom­me mir kei­ner mit: Man weiß doch gar nicht, wer’s war; wenn’s die Mafia gewe­sen sein soll­te, fällt auto­ma­tisch auch die Gesin­nung des Opfers weg). Unse­re Leit­me­di­en bzw. ‑fos­si­le wer­den dafür sor­gen, dass rasch der Kaf­tan des Schwei­gens über den Vor­fall gebrei­tet wird, der, wie wir seit dem Anschlag in Döbeln wis­sen, am Ende nur der AfD nützt.

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Nach der Relo­tia­de über Fer­gus Falls mach­te ein ame­ri­ka­ni­sches Maga­zin einen Gegen­be­such beim Spie­gel, um sei­ne Leser zu infor­mie­ren, unter wel­chen Umstän­den in Deutsch­land kri­ti­scher Qua­li­täts­jour­na­lis­mus ent­steht. Ein Auszug:

„Die Büros befin­den sich hoch in den Alpen, in einem Schloss. (…) Die Emp­fangs­da­me, Ilsa She­wolff, 32, eine ehe­ma­li­ge Gefäng­nis­wär­te­rin, mus­ter­te mich mit einem furcht­ein­flö­ßen­den Blick, ent­fern­te einen Tabak­krü­mel von ihren blut­ro­ten Lip­pen und führ­te mich durch eine Hal­le mit Büs­ten der ehe­ma­li­gen Chef­re­dak­teu­re (…) Adolph B. Beet­ho­ven saß hin­ter einem mas­si­ven Schreib­tisch, auf dem eine Euro­pa­kar­te aus­ge­brei­tet lag, und unter­hielt sich mit einem Mann in brau­ner Uni­form. Ich dach­te zuerst, sie plan­ten eine Inva­si­on, aber wie sich her­aus­stell­te, han­del­te es sich um einen UPS-Boten.

Der Chef­re­dak­teur war ein beleib­ter Mann in den Fünf­zi­gern. Er trug Leder­ho­sen und auf dem Kopf eine spit­ze grü­ne Filz­müt­ze mit einer Feder. In sei­nem Gür­tel steck­te eine Luger. ‚Schnaps?’ frag­te er. ‚Schnit­zel?’“ (Wei­ter hier).

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Das war eine Relo­tio­a­de im engs­ten Sin­ne. Rela­tio­a­de im wei­te­ren Sin­ne bedeu­tet, dass ein Jour­na­list mit sei­nem Text nicht aus­schließ­lich ver­sucht, die Wirk­lich­keit abzu­bil­den, son­dern sie färbt, wie er sie gern hät­te, dass er die Wirk­lich­keit also ten­den­zi­ell sei­ner Gesin­nung anschmiegt (wobei das besitz­an­zei­gen­de Für­wort eine gewal­ti­ge Über­trei­bung ist; die jour­na­lis­ti­sche Mei­nung ist unge­fähr so indi­vi­du­ell wie die Schwimm­rich­tung einer Sar­di­ne). Im wei­te­ren Sin­ne besteht der deut­sche Jour­na­lis­mus also min­des­tens zur Hälf­te aus Relo­tia­den. Alex­an­der Wendt hat das anhand der unter­schied­li­chen Bewer­tung eini­ger Gewalt­ta­ten der letz­ten Tage unter­sucht, mit einer plau­si­blen Poin­te und dem erwart­ba­ren Resul­tat: Sie wol­len ihre dop­pel­te Optik ein­fach nicht „hin­ter­fra­gen”, wie ein Qua­li­täts­jour­na­list schrei­ben könn­te, und zwar nicht aus Rou­ti­ne und Gewohn­heit, son­dern aus Oppor­tu­nis­mus und Treue zum Zeit­geist – ob stramm zum der­zei­ti­gen oder bloß fle­xi­bel zum jewei­li­gen, wird zu beob­ach­ten sein.

Ein Bei­spiel. Im Zeit-Inter­view äußert sich die Gie­ße­ner Kri­mi­no­lo­gie-Pro­fes­so­rin Brit­ta Ban­nen­berg zu der Amok­fahrt von Bot­trop. Nach­dem sich her­aus­ge­stellt hat, dass der Täter wegen einer Schi­zo­phre­nie in Behand­lung war, ver­sucht das Ham­bur­ger Huma­nis­ten­blatt, vom Ter­ror­an­schlag eines Rechts­ex­tre­men zu ret­ten, was zu ret­ten ist. Frei­lich perlt das Insis­tie­ren der Inter­viewe­rin an nahe­zu jeder Ant­wort der Kri­mi­no­lo­gin ab, die – für mei­ne Begrif­fe all­zu­sehr – ihrer­seits auf psy­chi­sche Stö­run­gen sol­cher Täter insis­tiert. Nun gut, es ist ihr Job, ihre Kli­en­tel, und für die tut man was. Die Jour­na­lis­tin hat aber auch ihre Kli­en­tel, den Zeit-Leser, der meis­tens Päd­ago­ge, Sozi­al­wis­sen­schaft­ler oder der­glei­chen und „links­li­be­ral” ist, und folg­lich ver­sucht sie, die pas­sen­de, in im Tenor längst feste­hen­de Schlag­zei­le aus ihrer Gesprächs­part­ne­rin zu locken:

„Ist es denk­bar, dass der mut­maß­li­che Täter von Bot­trop und Essen ähn­li­che irra­tio­na­le Ängs­te vor Aus­län­dern ent­wi­ckelt hat­te und sich in sei­ner Wahn­vor­stel­lung weh­ren muss­te?
Ban­nen­berg: Wenn der Täter tat­säch­lich schi­zo­phren ist, ist es sehr wahr­schein­lich, dass sein Wahn ihn zur Tat getrie­ben hat.”

Mist, das ging schief. (Wir las­sen hier den von der Fra­ge­rin aus­ge­blen­de­ten Unter­schied zwi­schen irra­tio­na­len und ratio­na­len Ängs­ten von „Aus­län­dern” eben­falls aus­ge­blen­det.) Nächs­ter Versuch: 

„Wie vie­le sol­cher Taten ent­fal­len denn auf psy­chisch Erkrank­te?
Ban­nen­berg: Was Amok­ta­ten angeht, sind psy­chi­sche Erkran­kun­gen eine rele­van­te Ursa­che.
Und was ist mit dem Rest?
Ban­nen­berg: Die rest­li­chen Täter wie­sen in den meis­ten Fäl­len eine Per­sön­lich­keits­stö­rung auf.
Und wie hoch ist der Anteil derer, die kei­ne Dia­gno­se haben und so eine Tat bege­hen?
Ban­nen­berg: In der Regel ist kein Amok­tä­ter psy­chisch gesund.”

Spä­tes­tens hier hat die Maid begrif­fen, dass sie es auf dem Weg über Fak­ten nicht mal bis ins Tie break schafft. Also feu­ert sie die jedes Exper­ten-Tef­lon durch­bre­chen­de Fra­ge ab: 

„Lie­fert die Stim­mung in der Gesell­schaft Inhal­te für die Wahn­vor­stel­lung sol­cher Men­schen?
Ban­nen­berg: „Das tut sie immer. Gene­rell sind Mehr­fach­tö­tun­gen, auch ver­such­te, sehr sel­te­ne Taten. Die­se Täter neh­men gesell­schaft­li­che Ein­flüs­se, aber auch ihre ganz per­sön­li­che Wahr­neh­mung als Fut­ter für ihre Hassfantasien.”

Bin­go. Damit ist die Über­schrift im Sack. Sie lau­tet: „Die Gesell­schaft lie­fert Fut­ter für Hass­phan­ta­sien”. Das ist zwar allen­falls die Hälf­te der erteil­ten Ant­wort, außer­dem eine für den gesam­ten Gesprächs­ver­lauf eher absei­ti­ge Aus­kunft und eine Bin­se sowie­so, die immer und über­all gilt – Robin­sons Insel natür­lich aus­ge­nom­men –, aber auf die­se Wei­se hat die Zeit-Schrei­be­rin end­lich die rech­ten Het­zer in ihrer Sto­ry. Und dass die Gesell­schaft am Ende immer an allem die Schuld trägt, ist ohne­hin ein lin­kes Man­tra, denn unse­re Lin­ken leben ja davon, die Unvoll­kom­men­hei­ten der Gesell­schaft anzu­pran­gern und dann ihre The­ra­pien anzu­bie­ten, die zwar nie funk­tio­nie­ren, aber trotz­dem ein Per­pe­tu­um mobi­le am Lau­fen hal­ten, das angeb­lich auch nicht funk­tio­niert, in die­sem Fal­le aber ver­blüf­fen­der­wei­se doch.

Sela, Psal­me­nen­de.

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