1. Februar 2019

Die Nazi-Men­ta­li­tät auf Nazi-Suche, x.-te Fol­ge, eins.

Die­ses Schrei­ben wur­de ges­tern unter den Besu­chern eines Kon­zer­tes in der Baye­ri­schen Aka­de­mie der Schö­nen Küns­te zu Mün­chen  verteilt: 

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Fast jede Infor­ma­ti­on dar­in ist falsch oder gro­tesk ver­dreht. Der ein­zi­ge Glatz­kopf etwa, mit dem der erwähn­te schlim­me Cel­list freund­schaft­li­chen Ver­kehr pflegt, dürf­te – zumin­dest, was den Kahl­schä­del betrifft, tem­po­rär – ich sein. Aber wer sind die­se Het­zer, die sich hier auf Kos­ten eines Kol­le­gen so wohl­feil wie trend­kon­form zu expo­nie­ren ver­su­chen? Moos­dorf war so frei, sie zu beschrei­ben (also, im Duk­tus ihres Steck­briefs, sie „zu bedrohen”):

„Zum Bei­spiel Moritz Eggert, Pro­fes­sor an der Münch­ner Musik­hoch­schu­le. Wenn man dort fragt, wofür, bekommt man zur Ant­wort: für Denun­zia­ti­on. Denn als Kom­po­nist ist er so frei von Inspi­ra­ti­on wie als Pia­nist von Tech­nik und Klang­sinn. Die Man­nen, die er zur Erfül­lung sei­nes gesell­schafts­po­li­ti­schen Lebens­wer­kes um sich geschart hat, sind von ähn­li­cher Exzel­lenz. Arno Lücker, Alex­an­der Strauch – der geneig­te Leser möge die Namen und ihre bis­he­ri­gen Meri­ten goo­geln. Was sie ver­bin­det, ist die bedeu­tungs­lo­se Mit­tel­mä­ßig­keit und ihre gemein­sam gefun­de­ne Auf­ga­be. Als Akti­vis­ten der Musik­sze­ne bestä­ti­gen sie sich immer wie­der ihre wich­ti­ge Rol­le – vor allem unter­ein­an­der. Die NMZ (Neue Musik­zei­tung) betreibt mit ihrer Hil­fe einen ‚Bad Block of Musick’. Dort wer­den miss­lie­bi­ge Kol­le­gen oder auch nur Künst­ler, die eine eige­ne, gar abwei­chen­de Mei­nung haben, an den Pran­ger gestellt, ihre Likes an den fal­schen Stel­len gezählt und Ensem­bles dafür in Sip­pen­haft genom­men. Mei­ne Frau zum Bei­spiel, im obi­gen Pro­gramm­zet­tel noch (unzu­tref­fen­der­wei­se) als Jüdin bezeich­net, kommt in einem von die­ser Musik-Sta­si ver­fer­tig­ten Video als Hund vor: der Hund Olga. Her­um­kom­man­diert mit dem schau­spie­le­ri­schen Werk­zeug­kas­ten von KZ-Auf­se­hern – die mir zuge­dach­te Rolle.

Zum Kon­zert war Pro­fes­sor Eggert höchst­selbst erschie­nen, im Krei­se meh­re­rer gecken­haf­ter Jüng­lin­ge trug er Papp­schil­der in den vol­len Saal. Man hat­te schließ­lich ‚Über­ra­schun­gen’ ange­kün­digt. Die­se beschränk­ten sich dar­auf, wäh­rend des Kon­zer­tes die Paro­len hoch­zu­hal­ten und am Ende eines jeden Stü­ckes ‚Bra­vo, Moos­dorf, bra­vo von rechts!’ zu brül­len. Die Zuhö­rer schau­ten indi­gniert. Eggert ist übri­gens dort Akademiemitglied.

Nun war das aber nicht irgend­ein Kon­zert. Das Leip­zi­ger Streich­quar­tett, mit bis­her über 3000 gege­be­nen Kon­zer­ten welt­weit, hat sich auf sei­nen etwa 120 CD-Pro­duk­tio­nen immer auch für die Neue Musik ein­ge­setzt, ver­fem­te Kom­po­nis­ten bekannt und ihre Wer­ke hör­bar gemacht. Ges­tern Abend waren die Aka­de­mie und der Baye­ri­sche Rund­funk Gast­ge­ber für die bei­den hoch­be­tag­ten Welt­stars auf dem Feld der Kom­po­nis­ten: Sofia Gubai­du­li­na und Chris­to­bal Halff­ter. Ihre Dis­kus­si­on wur­de durch je eines ihrer Streich­quar­tet­te musi­ka­lisch umrahmt. Bei­de hat­ten in ihrem Leben Repres­sio­nen erlebt, wuss­ten somit genau ein­zu­ord­nen, wie die zuerst fili­gra­nen Ris­se im Fir­nis der Kul­tur in die Kata­stro­phe mün­den. Vor allem Gubai­du­li­na ver­steht sich als ein Seis­mo­graph die­ser so ver­häng­nis­vol­len gesell­schaft­li­chen Ver­wer­fun­gen. Ihre Musik ist der Kampf gegen den Nie­der­gang des Wes­tens – so ihre Dia­gno­se. Man kann ihrer bei­der Gesichts­aus­druck nicht mehr Betrof­fen­heit nen­nen, so sehr ver­stör­te sie die offen­ba­re Wie­der­kehr von längst über­wun­den geglaub­ten Zei­ten. Das war augen­schein­lich nicht ihr heu­ti­ges, frei­heit­li­ches Euro­pa. Denn mit den von Eggert & Co geleb­ten Tugen­den wur­de das Ver­steck von Anne Frank ver­ra­ten, wur­den im Mos­kau­er Hotel Lux die Lis­ten ver­meint­li­cher Volks­fein­de für Sta­lin zusam­men­ge­stellt und in der DDR die Mit­bür­ger ins Zucht­haus befördert. 

Ohne will­fäh­ri­ge Zuträ­ger und Denu­zi­an­ten und ihre Grund­über­zeu­gung, auf der rich­ti­gen Sei­te zu ste­hen, kann kein Sys­tem der Gesin­nungs­kon­trol­le exis­tie­ren. Die Frei­heit zer­schellt an der Mau­er der ver­meint­lich rich­ti­gen Ideo­lo­gie und die Demo­kra­tie am mora­li­schen Impe­ra­tiv.  Und der Kunst­be­trieb, die Avant­gar­de der spie­len­den und schrei­ben­den Zunft assis­tiert, ver­mut­lich weil ihm ande­re Argu­men­te feh­len. Das ist es, was die ‚Erklä­rung der Vie­len’ zuletzt dar­stellt: eine bestell­te Erge­ben­heits­adres­se, ein­ge­trie­ben von der Angst, auf der fal­schen Sei­te zu ste­hen, von Leu­ten wie Eggert. Ein Typus, ohne den sich 1944 kein Frei­wil­li­ger mehr für die Ost­front und 1988 kein Kan­di­dat mehr für die SED gefun­den hät­te. Wei­ter so!”

Nun, hier ist es aber Moos­dorf, der maß­los über­treibt: Eine sol­che Mol­lus­ke wäre ein schnei­di­ger Pg gewor­den, hät­te sich aber nie­mals frei­wil­lig zur Front gemeldet.

                                        ***

Die Nazi-Men­ta­li­tät auf Nazi-Suche, x.-te Fol­ge, zwei.

Am 22. Janu­ar stürm­te eine Grup­pe mas­kier­ter Anti­fas an der Frank­fur­ter Uni­ver­si­tät eine Vor­le­sung in kli­ni­scher Psy­cho­lo­gie, um eine Stu­den­tin als Mit­glied der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung zu ent­lar­ven. Eine eher wohl lin­ke Web­sei­te beschreibt den Vor­gang indi­gniert: „Die selbst­er­nann­ten Cam­pus­schüt­zer enter­ten lär­mend den Hör­saal, stell­ten die Betref­fen­de nament­lich bloß und ver­teil­ten ein Flug­blatt, in dem nicht nur Name und Adres­se der ‚Täte­rin’ genannt wur­den, son­dern in dem alle ande­ren Stu­den­ten gleich­sam dazu ermun­tert wur­den, der nun im Fokus des anti­fa­schis­ti­schen Volks­zorns Ste­hen­den bei einem ‚zufäl­li­gen Tref­fen’ zu zei­gen, was von ‚rechts­ra­di­ka­len Akteu­rIn­nen’ zu hal­ten sei. Für die­ses tri­um­pha­le öffent­li­che Vor­füh­ren einer ein­zel­nen Stu­den­tin inklu­si­ve des mit­ge­lie­fer­ten Auf­rufs zur Gewalt erwar­te­te die hero­isch kämp­fen­de Kra­wall­trup­pe wohl eine ordent­li­che Por­ti­on Aner­ken­nung von allen Beob­ach­tern des Trei­bens, schließ­lich ver­hin­der­te man mit die­sem Ein­satz gegen die hoch­ge­fähr­li­che Psy­cho­lo­gie-Stu­den­tin mit iden­ti­tä­rem Fim­mel mal wie­der die Auf­rüs­tung zum Vier­ten Reich oder Schlimmeres.”

                                      ***

Die Nazi-Men­ta­li­tät auf Nazi-Suche, x.-te Fol­ge, drei.

Leser *** teilt mir mit: „Ich bin Hör­ge­rä­te­trä­ger und seit 15 Jah­ren treu­er Kun­de der Fa.*** in ***. Nun benö­ti­ge ich ein neu­es Hör­ge­rät mit Anbin­dung an mei­ne Gerä­te am Arbeits­platz, und habe mich dazu an den Geschäfts­füh­rer der Fir­ma gewen­det. Nach mei­ner per­sön­li­chen Vor­stel­lung dort bekam ich eine Mail, die sag­te: ‚Nach Rück­spra­che und reif­li­cher Über­le­gung, neh­men wir Abstand von der Hör­ge­rä­te­aus­pro­be. Ich bit­te Sie dies zu akzep­tie­ren und nicht wei­ter zu hinterfragen.’ ” 

Über­aus ver­wun­dert über die­se Mail habe er sich schrift­lich nach den Grün­den erkun­digt. Die Ant­wort lau­te­te, man habe vom Enga­ge­ment des Kun­den für die AfD erfah­ren, „nach­voll­zieh­bar das Jahr 2014”. Der Geschäfts­füh­rer hal­te „Tei­le der AfD für men­schen­ver­ach­tend und gefähr­lich”, und aus die­sem Grun­de möge sich der Fra­ger sei­ne Hör­ge­rä­te anders­wo besorgen.

„Man hat sich einen Vor­gang im Jah­re 2014 notiert und im Inter­net nach­ge­schaut, daß ich bei der AfD war, und hat dar­aus beschlos­sen, die Geschäfts­be­zie­hung zu mir abzu­bre­chen, ohne per­sön­lich mit mir dar­über zu spre­chen”, schreibt ***. „Ist die­se Gesell­schaft in Deutsch­land noch normal?”

                                         ***

Man darf eines nicht ver­ges­sen: Nach­dem die Nazis ihnen jah­re­lang ein­ge­bimst hat­ten, dass alles Übel von den Juden aus­ge­he, glaub­ten vie­le bra­ve Deut­sche, ab 1933 beim Juden­boy­kott und Gesicht zei­gen gegen „Juda” ein gutes Werk zu tun.

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