17. Februar 2019

Nie­mand ist nach der Lek­tü­re einer Bio­gra­phie heiter.

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Ein enger Ver­wand­ter ist seit einem hal­ben Jahr mit einer Zen­tral­afri­ka­ne­rin liiert, und vor kur­zem ver­brach­te er sei­nen ers­ten län­ge­ren Urlaub im Lan­de der Liebs­ten. Nach der Heim­kehr berich­te­te er, was so ziem­lich alle Afri­ka-Rei­sen­den zu berich­ten pfle­gen: Er schwärm­te von der Groß­ar­tig­keit der Land­schaf­ten, von der Natur über­haupt, von der Herz­lich­keit und habi­tu­el­len Grund­f­röh­lich­keit der Men­schen, aber zugleich beteu­er­te er, dass man die­sen Kon­ti­nent wohl nicht zu unrecht den ver­lo­re­nen nen­ne; nichts funk­tio­nie­re dort rich­tig, von der sim­pels­ten häus­li­chen Tech­nik bis zur Infra­struk­tur, doch nie­mand neh­me dar­an Anstoß, geschwei­ge dass sich jemand zur Besei­ti­gung der Mise­ren und Kala­mi­tä­ten auf­raff­te; die Sicher­heits­la­ge sei vie­ler­orts pre­kär, so etwas wie eine res publi­ca exis­tie­re nicht, die Vor­stel­lun­gen von Recht und Eigen­tum, die Ein­stel­lung zur Arbeit, der herr­schen­de Glau­be an Voo­doo, Hexe­rei usw., all das sei mit der euro­päi­schen Lebens­wei­se wenig kom­pa­ti­bel. Die Ein­ge­bo­re­nen däch­ten und emp­fän­den in Fami­li­en oder Clans, Loya­li­tä­ten dar­über hin­aus sei­en eher unbe­kannt, das Ver­hält­nis zu Ter­mi­nen und Abspra­chen sei über­aus elas­tisch, kurz­um: man lebe dort ein­fach grund­le­gend anders als hierzulande.

Der­glei­chen aus empi­ri­sche Beob­ach­tun­gen gewon­ne­ne Schlüs­se sind weder reprä­sen­ta­tiv noch fal­si­fi­zier­bar. Was den Blick­win­kel des kon­kre­ten Beob­ach­ters betrifft, sind sie wahr, und je mehr kon­kre­te Beob­ach­ter die­ses „Nar­ra­tiv” bestä­ti­gen, des­to wah­rer wird es. Die Fest­stel­lung, dass Afri­ka­ner anders sind als Euro­pä­er, ist eine Binse.

Anders ist nun aber bekannt­lich das neue schlimm, wes­halb jeder Hin­weis dar­auf, dass mensch­li­che Groß­kol­lek­ti­ve sich von­ein­an­der unter­schei­den, womög­lich sogar auf eine unver­ein­ba­re Art und Wei­se, von den Agen­ten des Glo­ba­lis­mus als ras­sis­tisch weg­ge­bü­gelt wird. Tat­säch­li­che Ver­schie­den­heit  ist unse­ren Bunt­heits­ver­kün­dern näm­lich ein Greu­el. Die Pro­pa­gan­dis­ten eines radi­kal uni­ver­sa­lis­ti­schen Men­schen­bilds wol­len jedes Indi­vi­du­um nur noch als Tabu­la rasa gel­ten las­sen, als ein fol­gen­los umtopf- oder ver­misch­ba­res Wesen ohne kul­tu­rel­le Prä­gun­gen, ohne Tra­di­tio­nen, ohne eth­ni­sche oder – hor­ri­bi­le dic­tu – gene­ti­sche Unter­schie­de, das schließ­lich als gleich­ar­ti­ger und gleich­be­rech­tig­ter glo­ba­ler Markt­teil­neh­mer kon­flikt­frei mit ande­ren Gleich­ar­ti­gen auf­ein­an­der­trifft. Jeder weiß, dass es sich bei die­sem Modell, wohl­wol­lend for­mu­liert, um eine Illu­si­on han­delt. Das Mot­to der gut­mei­nen­den Nivel­lie­rer lau­tet des­halb: Friss es – oder sei Ras­sist

Der „Fach­ver­band Afri­ka­nis­tik e.V.”, ein Hoch­schul­wis­sen­schaft­ler­ver­ein, hat die Bun­des­kanz­le­rin in einem offe­nen Brief auf­ge­for­dert, den Afri­ka-Beauf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung, Gün­ter Noo­ke, zu ent­las­sen. Der CDU-Poli­ti­ker, heißt es dar­in, habe sich mit „kolo­nia­len Ste­reo­ty­pen und ras­sis­ti­schen Unter­tö­nen” für die­sen Job unmög­lich gemacht – Sie mer­ken, geneig­ter Leser, das Deutsch der Klä­ger stammt vom Grab­bel­tisch, aber es sind ja auch Afri­ka­nis­ten. (Noo­kes Äuße­run­gen wer­den in den Acta-Nota­ten vom 25. und 30. Okto­ber 2018 traktiert.)

Die Welt berich­tet: „Am Mitt­woch kam es im Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit und Ent­wick­lung in Ber­lin zur Aus­spra­che zwi­schen Noo­ke und den Afri­ka­nis­ten. In der für Jour­na­lis­ten zugäng­li­chen zwei­stün­di­gen Debat­te, die nicht immer frei war vom Anschein eines Tri­bu­nals und von gereiz­ten Reak­tio­nen, woll­te Kra­mer wis­sen, ob Noo­ke wei­ter­hin zu sei­nen Inter­view­aus­sa­gen ste­he. Für ‚erheb­li­chen Unmut’ – so steht es im Brief an Mer­kel – hat­te der eins­ti­ge DDR-Bür­ger­recht­ler mit Hin­wei­sen dar­auf gesorgt, dass die Gesell­schaf­ten in Afri­ka ‚anders funk­tio­nie­ren’, dass es ‚Clan­struk­tu­ren’ gebe und, auch wegen hoher Tem­pe­ra­tu­ren und Luft­feuch­tig­keit, ‚die Arbeits­pro­duk­ti­vi­tät auf dem Bau eine ande­re ist als hier’. Noo­ke wei­ter: ‚In Niger bekom­men die Frau­en im Schnitt 7,3 Kin­der, die Män­ner hät­ten gern elf!’”

Eine Pro­fes­so­rin monier­te zudem, Noo­ke habe ins Gäs­te­buch im Opern­haus von Mali einen Satz geschrie­ben, den sie zwar nicht genau ken­ne, der aber „irgend­wie so in der Art” lau­te­te: „Afri­ka, so nah und doch so fern.” Mit die­ser Bemer­kung habe Noo­ke das Ste­reo­typ ver­brei­tet, Afri­ka sei „anders”. Also ein Ste­reo­typ, das durch jede Afri­ka-Rei­se, jeden Doku­men­tar­film von dort und neu­er­dings auch die Aus­brei­tung bizar­rer afri­ka­ni­scher Riten in Euro­pa bezeugt wird. Man­che Afri­ka­nis­ten erbli­cken dar­in wohl eine Hint­an­set­zung ihrer Kli­en­tel, was ich, wenn man mich frü­ge, für latent ras­sis­tisch erklä­ren wür­de, sofern ich mir die­sen Plap­per­be­griff nicht gene­rell ver­bö­te. Ich schwei­fe ab – .

Was denn an sei­nen Aus­sa­gen falsch sei, begehr­te Noo­ke von den Demen­to­ren einer ähn­lich­keits­ba­sier­ten Afri­ka­nis­tik zu wis­sen. „Wir als Geis­tes­wis­sen­schaft­ler haben viel­leicht einen ande­ren Fak­ten­be­griff als Sie”, ließ sich der Ham­bur­ger Pro­fes­sor Jür­gen Zim­me­rer mit der Replik nicht lum­pen. Ob die­se Ver­si­on des soeben noch geschmäh­ten Anders­seins womög­lich mit sei­nem For­schungs­ge­gen­stand zu tun hat? Dass die meis­ten aktu­el­len west­li­chen Geis­tes­wis­sen­schaft­ler in ihrem kon­struk­ti­vis­ti­schen Rausch Fak­ten nicht mehr von The­sen, Hypo­the­sen, Paran­the­sen und Ansich­ten unter­schei­den kön­nen, bezeugt bereits die Rede vom „Fak­ten­be­griff”. O glück­lich, wer noch hof­fen kann, aus die­sem Meer des Irr­tums aufzutauchen!

Noo­ke, Jahr­gang 1959, wie gesagt ein Ost­deut­scher und als sol­cher im Ein­kni­cken, Distan­zie­ren und Zer­knir­schungs­heu­cheln noch immer von zona­ler Unge­schmei­dig­keit, nahm sei­ne „umstrit­te­nen” Äuße­run­gen übri­gens nicht zurück. Er ist wahr­schein­lich ein­fach nicht in der BRD angekommen.

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Zum Vori­gen. Eine Hand­voll mit­tel­mä­ßi­ger Aka­de­mi­ker ver­langt also von der Regie­rungs­chefin die Ent­las­sung eines Poli­ti­kers, weil der aus­spricht, was jeder weiß und jeder sieht. Die­se sinis­tren Figu­ren füh­len sich dazu bemü­ßigt, weil sie den Zeit­geist hin­ter sich wis­sen, wenn sie die tota­li­tä­re Dok­trin des soge­nann­ten Anti­ras­sis­mus gegen einen ehe­ma­li­gen DDR-Bür­ger­recht­ler wen­den. Noo­ke sei­ner­seits wird sich dar­über im Kla­ren befin­den, dass er es bloß mit der aktu­el­len Mas­ke des Mar­xis­mus zu tun bekommt, nach­dem er beim Her­un­ter­rei­ßen der real­so­zia­lis­ti­schen Vor­gän­ge­rin eine gewis­se Rol­le gespielt hat. 

Die Denun­zia­ti­on Noo­kes ist Bestand­teil einer Stra­te­gie, die ich an die­ser Stel­le schon mehr­fach the­ma­ti­siert habe und deren Ziel die Herr­schaft erwünsch­ter Illu­sio­nen ist. Die neu­en Tabu­la-rasa-Men­schen sol­len nicht län­ger an die Unter­schie­de glau­ben, die sie sehen und erle­ben, son­dern die­se Dif­fe­ren­zen igno­rie­ren, bestrei­ten, leug­nen, egal wel­chen Preis sie dafür zah­len müs­sen. Sie sol­len sich im Reich der Lüge ein­rich­ten, weil es dort ange­neh­mer ist als in der Wirk­lich­keit, wo man sie Ras­sis­ten nen­nen, äch­ten und straf­ver­fol­gen wird, wenn sie sagen, was sie gese­hen und erlebt haben. Das Reich der Lüge ist natür­lich nur ein Zwi­schen­reich, ein Pur­ga­to­ri­um, das so lan­ge währt, bis die Völ­ker abge­schafft sind, bis die Wöl­fe neben den Scha­fen wei­den, bis die öko­lo­gisch-sozia­le Welt­re­gie­rung und die Welt­öku­me­ne errich­tet sind. (Ein ande­rer, hier eben­falls oft beleg­ter Bestand­teil die­ser Gau­ner-Masche ist die immer wie­der gegen­über Medi­en­schaf­fen­den erho­be­ne For­de­rung, die Eth­nie oder Natio­na­li­tät von Straf­tä­tern oder die Kos­ten der Migra­ti­on nicht mehr zu erwäh­nen.) Aber, mit Geh­lens wahr­schein­lich ewig­gül­ti­gen Worten: 

„Teuf­lisch ist, wer das Reich der Lüge auf­rich­tet und ande­re Men­schen zwingt, in ihm zu leben. (…) Der Teu­fel ist nicht der Töter, er ist Dia­bo­los, der Ver­leum­der, ist der Gott, in dem die Lüge nicht Feig­heit ist, wie im Men­schen, son­dern Herr­schaft. Er ver­schüt­tet den letz­ten Aus­weg der Ver­zweif­lung, die Erkennt­nis, er stif­tet das Reich der Ver­rückt­heit, denn es ist Wahn­sinn, sich in der Lüge einzurichten.”

           

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Ein wei­te­res Exem­pel des Lan­gen Marschs ins Reich der Lüge hat die ARD gestar­tet, frei­lich der­ma­ßen unraf­fi­niert, dass es wohl ein Rohr­kre­pie­rer wird. Es geht, na klar doch, um das „Poli­ti­cal Framing”-Papier, das die „Sprach- und Kogni­ti­ons­wis­sen­schaft­le­rin” Eli­sa­beth Weh­ling ver­zapft hat. Die won­ni­ge Maid beab­sich­tigt damit nicht weni­ger als „in Wor­te zu fas­sen und dau­er­haft eine Spra­che zu ver­wen­den, die im Den­ken der Mit­bür­ger kräf­tig wirkt und sie von der Not­wen­dig­keit eines gemein­sa­men, frei­en Rund­funks ARD überzeugt”.

Die Stu­die wim­melt von zitie­rens­wer­ten Pas­sa­gen. Zum Bei­spiel hat auch Frau Weh­ling einen Fak­ten­be­griff. Fak­ten, sta­tu­iert sie, „wer­den in einer öffent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung erst zu guter Muni­ti­on, wo ihre mora­li­sche Dring­lich­keit kom­mu­ni­ziert wird”. Die ARD set­ze sich „für bestimm­te Din­ge ein, weil sie von ihrer mora­li­schen Not­wen­dig­keit für das gesell­schaft­li­che Mit­ein­an­der über­zeugt ist”. Das ist eine post­fak­ti­sche Neu­de­fi­ni­ti­on von Jour­na­lis­mus im ful­mi­nan­ten Geis­te H. Prantls und G. Rest­les! Und umgekehrt!

Wiki­pe­dia belehrt uns, dass Frau Weh­ling sich im Rah­men ihrer Stu­di­en auch oder vor­zugs­wei­se mit der NS-Pro­pa­gan­da beschäf­tigt hat. „Nut­zen Sie nie, aber auch wirk­lich nie, den Frame Ihrer Geg­ner, und nut­zen Sie die­je­ni­gen Frames, die Ihre mora­li­sche Per­spek­ti­ve auf die Sach­ver­hal­te deut­lich machen, immer und immer wie­der – von Inter­view zu Inter­view, von Debat­te zu Debat­te, von Schrift­satz zu Schrift­satz”, ermun­tert sie. „Und dann beim drit­ten, vier­ten, fünf­ten Mal erge­ben sich Ein­schleif-Pro­zes­se im Gehirn und ein Wie­der­erken­nungs­ef­fekt – egal, ob die Sache wahr­haft ist oder eine Lüge. Und dann sagt das Gehirn irgend­wann: ‚Ist mir viel zu anstren­gend, das ist für mich jetzt eine Wahrheit.’ ”

Das hat unser klei­ner Dok­tor genau­so gese­hen und – hier sind die Gevat­te­rin und ihr steu­er­zah­lera­li­men­tier­ter Auf­trag­ge­ber noch nicht so weit – vor allem prak­ti­ziert. (Also ich mei­ne jetzt nicht den klei­nen Dok­tor vom Süd­deut­schen Beob­ach­ter, der auch jahr­ein jahr­aus, immer und immer wie­der, Leit­ar­ti­kel auf Kom­men­tar das­sel­be behaup­tet, damit im Ober­stüb­chen sei­ner wohl meist etwas in die Jah­re gekom­me­nen Fans gewis­se Ein­schleif- und Wie­der­erken­nungs­pro­zes­se als Wahr­hei­ten „sit­zen”; ich spre­che schon vom Original.)

Zwei Zita­te habe ich noch (wei­te­re kön­nen Sie hier lesen):

„Nur in einem Land mit einer sta­bi­len gemein­sa­men Rund­funk­in­fra­struk­tur kann man frei und erfolg­reich leben und sei­nen Geschäf­ten nachgehen.”

„Unse­re demo­kra­ti­sche Rund­funk­in­fra­struk­tur ARD ist also zugleich Schutz und Befä­hi­gung. Die ARD ist ein frei­er und unab­hän­gi­ger Beob­ach­ter, da sie demo­kra­tisch kon­trol­liert und gemein­schaft­lich finan­ziert ist. So kann sie jen­seits wirt­schaft­li­cher und poli­ti­scher Druck­aus­übung im Sin­ne aller agie­ren. Und sie bie­tet Frei­heit vor Über­grif­fen auf unser Den­ken, unse­re Daten und unse­re Würde.”

Die Gute trägt frei­lich der­ma­ßen dick auf, dass man sie für ein Schü­le­rin Bernd Zel­lers hal­ten könn­te. Die Welt kom­men­tiert denn heu­te auch, ihre Aus­füh­run­gen klän­gen „ein biss­chen so, als hät­ten die Ver­fas­ser von ‚Aus dem Wör­ter­buch des Unmen­schen’, die nach 1945 die Nazi­spra­che ana­ly­sier­ten, anschlie­ßend ein ‚Wör­ter­buch für Gut­men­schen’ geschrie­ben, in dem sie lehr­ten, wie man Goe­b­bels’ Metho­den nun für die Demo­kra­tie nutz­bar machen könne.” 

Damit er mit sei­ner Kri­tik nicht übers Ziel schie­ße, schrieb der Qua­li­täts­jour­na­list noch dies: „Weh­ling und die ARD bestä­ti­gen damit unge­wollt die rechts­po­pu­lis­ti­sche Para­noia vom ‚Neu­sprech’, mit dem Lin­ke und Grü­ne – wie in Geor­ge Orwells Roman ‚1984’ – angeb­lich unsag­bar machen wol­len, was ihnen nicht in den Kram passt.” Die bestä­tig­te Para­noia, was es nicht alles gibt, aber, Hoch­be­gab­te bei Sprin­ger und anders­wo, ist das denn noch eine?
 

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Wenn einem Men­schen wirk­lich nur die Wahl blie­be zwi­schen Het­ze und Lüge, müss­te der Ärms­te wohl die Het­ze als das klei­ne­re Übel wählen. 

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Dass eine Gesell­schaft, deren Wort­füh­rer dafür plä­die­ren, dass Unge­bo­re­ne mög­lichst ohne Ein­schrän­kung getö­tet wer­den dür­fen, wäh­rend sie sich vehe­ment gegen die Todes­stra­fe für über­führ­te Mör­der aus­spre­chen, mit einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft har­mo­niert, die den Wein ener­gisch ver­bie­tet, aber zur Tötung Ungläu­bi­ger ani­miert, ist in einem höhe­ren logi­schen Sin­ne durch­aus ein­leuch­tend, doch, doch.

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Mei­ne loben­den Wor­te für den neu­en kon­ser­va­ti­ven Welt­star Jor­dan Peter­son sind unter den Besu­chern des klei­nen Eck­la­dens auf inter­es­san­te Kri­tik gestoßen.

„Peter­son geht hart mit den Lin­ken, den iden­ti­ty poli­tics und aller­lei pro­gres­si­vem Wahn­sinn ins Gericht und hat über­dies vie­le gute Ein­sich­ten zu aller­lei psy­cho­lo­gi­schen The­men”, schreibt Leser ***, „aber er gehört lei­der gar nicht auf unse­re Sei­te. Er hat viel­mehr erkannt, dass zu viel des Wahn­sinns in zu kur­zer Zeit und vor allem die iden­ti­ty poli­tics den wei­ßen Mann auf­we­cken wer­den, den er für den gefähr­lichs­ten Böse­wicht von allen hält. Er ist im Grun­de der geg­ne­ri­sche Haupt­mann der ‚Hold your fire!’ ruft (…)

In einem Pod­cast sagt er, die Alli­anz der Min­der­hei­ten sei künst­lich, nichts hal­te die­se Trup­pe aus Trans­gen­dern, Femi­nis­ten, Mos­lems, Lati­nos usw. wirk­lich zusam­men. Aber ihr Lär­men könn­te die Wei­ßen aus ihrem Schlaf rei­ßen und die­se könn­ten eine natür­li­che und ech­te Alli­anz mit­ein­an­der ein­ge­hen. Sei­ne (zu kon­trol­lie­ren­de) Ziel­grup­pe ist denn auch der jun­ge wei­ße Mann, dem er immer wie­der sagt, er sol­le sich um sich selbst küm­mern und bloß die Fin­ger von sei­ner wei­ßen Iden­ti­tät las­sen. Wird dei­ne Schwes­ter in der Küche ver­ge­wal­tigt, dann geh dein Zim­mer auf­räu­men. Und sit­zen fünf Frem­de im Wohn­zim­mer und wet­zen die Mes­ser, dann darfst du dich nicht mit dei­nen Fami­li­en­mit­glie­dern bespre­chen oder zusam­men­tun, denn das ist das­sel­be üble Gewe­se, das die­se Frem­den machen.”

Leser *** sekun­diert, Peter­son sei „so etwas, was man bei 4chan als ‚Shill’ bezeich­net, also ein Lock­vo­gel. Er tauch­te vor 3 Jah­ren wäh­rend des Wahl­kamp­fes von Donald Trump aus dem Nichts auf, koket­tier­te mit dem Pepe Meme von 4chan und stell­te sich mar­xis­ti­schen Stu­den­ten und Pro­fes­so­ren ver­bal in den Weg. Vor­her war er ein links­li­be­ra­ler Pro­fes­sor für kli­ni­sche Psy­cho­lo­gie. Das hat ihm unter jun­gen, kon­ser­va­tiv ein­ge­stell­ten Stu­den­ten, eine gro­ße Anhän­ger­schaft gebracht. Er ist expli­zit ange­tre­ten, um den jun­gen wei­ßen dis­ori­en­tier­ten Män­nern zu hel­fen. Daher auch sein Buch 12 Rules For Life. 

Aller­dings ist er laut eige­nen Aus­sa­gen auch daher in die­se kon­ser­va­ti­ve Ecke gerückt, damit er die jun­gen wei­ßen Män­ner, die er expli­zit als gefähr­lich ansieht, abfan­gen kann (‚they have guns’), indem er Ihnen eine Schei­ni­deo­lo­gie vor­gau­kelt. Was das bewirkt ist, das er als eine Art Gate­kee­per fun­giert, indem er wei­ßen Men­schen eine Iden­ti­täts­po­li­tik expli­zit abspricht.”

Hier kön­ne man „eine Femi­nis­tin sehen, die Jor­dan B. Peter­son ver­bal aus­ein­an­der­nimmt, eben weil sein Welt­bild ein lin­kes, inko­hä­ren­tes ist und er ihr nicht wider­spre­chen kann, weil er eben genau­so denkt wie sie”.

Ich kom­men­tie­re das nicht, weil ich von Peter­son zu wenig gele­sen habe, um zu einem Urteil gelangt zu sein.

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Aber, um den Sonn­tag zu wür­di­gen, am Ende doch noch ein Schwenk zu den Küns­ten. Jeder Opern­gän­ger wird sich in Zei­ten von #metoo und ähn­li­cher Kol­lek­tiv­kla­gen noto­risch unbe­schla­fe­ner Frau­en gegen den toxi­schen nicht­mus­li­mi­schen Mann zu der tris­ten Über­le­gung bemü­ßigt sehen, dass gera­de auf der Musik­thea­ter­büh­ne in erschüt­tern­der Häu­fung sexu­el­le Beläs­ti­gun­gen statt­fin­den (und außer in der Tos­ca kaum gesühnt wer­den, schlimms­ten­falls wie in La Gio­con­da sogar mit dem Selbst­mord des Opfers enden). Eine der präch­tigs­ten Beläs­ti­gun­gen hat Mas­sen­et in Töne gesetzt (ich wer­de nie ver­ste­hen, wie jemand etwas gegen Jonas Kauf­mann sagen kann, und die gött­li­che Sophie Koch noch als Surplus!).

„Wert­her” ist im Grun­de eine Kam­mer­oper. Die Instru­men­tie­rung bleibt bür­ger­lich-intim; nur in den Sze­nen der bei­den Lie­ben­den set­zen sich die dra­ma­ti­schen Erup­tio­nen im Orches­ter fort. Man könn­te die Oper auch als ein gele­gent­lich von Sta­tis­ten unter­bro­che­nes Lie­bes­du­ett bezeich­nen. Ihr stil­les Zen­trum bil­det Char­lot­tes nahe­zu in Form eines lang­sa­men Wal­zers ange­leg­te soge­nann­te Trä­ne­n­a­rie, ein erle­se­nes, obo­en­um­wo­be­nes Stück Kum­mer­be­wäl­ti­gung (hier).

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