2. Februar 2019

Wie zähe Leser die­ses Dia­ri­ums wis­sen, arbei­te ich mich seit Jah­ren spo­ra­disch-exzes­siv, aber regel­mä­ßig an der Fra­ge ab, wel­che Moti­ve wohl Frau Mer­kel bei ihrem stur­hei­len Marsch in den wahr­schein­lich letz­ten deut­schen Son­der­weg antrei­ben. Im Netz wuchern die Spe­ku­la­tio­nen über die Beweg­grün­de die­ser unse­li­gen Per­son, die von ihren Anhän­gern nur­mehr noch mit escha­to­lo­gi­schen Argu­men­ten ver­tei­digt wird; vie­le Hei­den indes sehen in ihr eine Voll­stre­cke­rin inter­na­tio­na­lis­ti­scher Poli­ti­ken und glo­ba­lis­ti­scher Agen­den, ande­re, zu denen auch ich zäh­le, suchen den Schlüs­sel zu ihren Moti­ven in ihrer jugend­li­chen Prä­gung durch eine per­ver­se Kom­bi­na­ti­on aus Pro­tes­tan­tis­mus und Sozia­lis­mus und einer dar­aus rüh­ren­den tie­fen Ver­ach­tung von kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen, natio­na­len Eigen­ar­ten, indi­vi­du­el­ler Frei­heit sowie jener des Mark­tes, von Mer­kels Gering­schät­zung des Deut­schen im All­ge­mei­nen und der deut­schen Spra­che im Beson­de­ren heu­te ein­mal zu schweigen.

Im Dezem­ber 2015 zitier­te ich hier einen lang­jäh­ri­gen Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten der Uni­on mit den Wor­ten, Mer­kels Poli­tik­stil sei „rei­nes Rodeo” und ken­ne nur ein Motiv: oben blei­ben. Die­ser Ansicht ist auch der Jour­na­list Fer­di­nand Knauß, der in der Wirt­schafts­wo­che die pre­kä­re Plan­stel­le des Regie­rungs­kri­ti­kers besetzt. In sei­nem Buch „Mer­kel am Ende. War­um die Metho­de Ange­la Mer­kels nicht mehr in unse­re Zeit passt” lie­fert er eine strin­gen­te Ana­ly­se des zugleich hoch­span­nen­den und unend­lich lang­wei­li­gen Phä­no­mens Ange­la I. Knauß zufol­ge ist die Kanz­le­rin „ein unpo­li­ti­scher Mensch”, eine rei­ne Mana­ge­rin, die sich aus Grün­den der Gewohn­heit an ihren Job klam­mert und das Glück hat, nicht in der frei­en Wirt­schaft für ihre Bilanz gerad­ste­hen zu müs­sen: „Nicht obwohl, son­dern weil sie unpo­li­tisch ist, war Mer­kel die pas­sen­de Kanz­le­rin für eine Gesell­schaft, die sich am Ende der Geschich­te wähn­te. Für eine Gesell­schaft, die das Poli­ti­sche, also das Ent­schei­den grund­le­gen­der Fra­gen – anders gesagt: das Geschich­te-Machen –, für obso­let hielt.” Was im Innern die­ser Frau vor­ge­he, sei des­halb womög­lich „gar nicht so inter­es­sant”, man habe es mit einer intel­lek­tu­ell eher bana­len Per­son zu tun, die nicht inhalt­lich, son­dern aus­schließ­lich tak­tisch den­ke. Des­halb ver­mei­de sie auch mit gro­ßer Sorg­falt Aus­sa­gen, die auf ihre Defi­zi­te schlie­ßen las­sen wür­den und weicht jeder Fra­ge aus, die auf eine kon­kre­te poli­ti­sche Hal­tung zielt.

Die Kanz­le­rin, schreibt der Wirt­schafts­wo­che-Autor, erfül­le kaum eine der Bedin­gun­gen, die Max Weber in sei­nem berühm­ten Auf­satz „Poli­tik als Beruf” vor­gibt: „Sie hat kein Cha­ris­ma und kann nicht gut reden. Sie hat kei­ne sach­li­che Lei­den­schaft und kein Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl. Allen­falls könn­te man ihr Augen­maß attes­tie­ren – nach dem Sep­tem­ber 2015 muss man aber auch dar­an sehr zwei­feln. Was sie aller­dings in höchs­tem Maße besitzt, ist eine Gabe zur Ana­ly­se der Bedin­gun­gen für den Macht­er­werb und Machterhalt.”

Für die­se Sicht­wei­se exis­tie­ren star­ke Argu­men­te, die Knauß in sei­ner unauf­ge­reg­ten und klu­gen Ana­ly­se auch alle auf­lis­tet. Im Lau­fe ihrer drei­zehn­jäh­ri­gen Amts­zeit hat die Kanz­le­rin ihre Ansich­ten gewech­selt wie Hosen­an­zü­ge. So sprach sie sich erst für die „Brü­cken­tech­no­lo­gie” Kern­kraft und eine Ver­län­ge­rung der AKW-Lauf­zei­ten aus, stieg aber dann im Hand­streich aus der Atom­ener­gie aus; sie erklär­te Mul­ti­kul­ti für geschei­tert und gab anno 2003 zu Pro­to­koll: „Wenn wir die Aus­wir­kun­gen der Zuwan­de­rung nach Deutsch­land in den letz­ten fünf­zig oder vier­zig Jah­ren betrach­ten, dann fällt die Bilanz, wenn man die Sozi­al­hil­fe und alles hin­zu­rech­net, nega­tiv für Deutsch­land aus”; zwölf Jah­re spä­ter impor­tier­te sie dann auf einen Ruck nahe­zu zwei Mil­lio­nen Mosa­ik­bau­stein­chen für ein sich am Zeit­ho­ri­zont far­ben­präch­tig abzeich­nen­des, über die Sozi­al­kas­sen finan­zier­tes Mulkul-’schland; als Oppo­si­ti­ons­füh­re­rin for­der­te sie ordo­li­be­ra­le Refor­men, aber unter ihr als Kanz­le­rin stie­gen die Steu­er­ein­nah­men, flo­rier­te die Umver­tei­lung und explo­dier­ten die Sozi­al­aus­ga­ben. 2003 schil­der­te Mer­kel ihren „Deutsch­land-Alp­traum” mit den Wor­ten: „Jeder besitzt eine Wind­müh­le und glaubt sogar noch, er tue etwas für die Umwelt, ver­gisst aber die hohen Sub­ven­tio­nen.” Acht Jah­re spä­ter rief sie die Ener­gie­wen­de aus, finan­ziert mit einem sub­ven­tio­nis­ti­schen Umver­tei­lungs­me­cha­nis­mus namens EEG-Umla­ge (wel­che nach Mer­kels Beteue­rung vom Juni 2011 „nicht über ihre heu­ti­ge Grö­ßen­ord­nung hin­aus stei­gen” wer­de; damals lag sie bei 3,5 Cent pro Kilo­watt­stun­de, 2018 waren es 6,8 Cent).

Han­delt so ein Mensch, der irgend­ein defi­nier­tes poli­ti­sches Ziel ver­folgt? „Mer­kel hat in 28 Jah­ren als Poli­ti­ke­rin, als Minis­te­rin, CDU-Che­fin und schließ­lich Kanz­le­rin kaum jemals irgend­ein Prin­zip oder poli­ti­sches Ziel, das sie zunächst behaup­te­te, kon­se­quent und unter Hin­nah­me per­sön­li­chen Risi­kos ver­tei­digt. Sie hat sie alle auf­ge­ge­ben”, notiert Knauß, um sich anschlie­ßend zu ver­wun­dern: „Und jetzt soll aus­ge­rech­net sie zur last woman stan­ding des Wes­tens werden?”

Die lan­ge Herr­schaft Mer­kels und ihrer unpo­li­ti­schen Metho­de muss also Wün­sche und Illu­sio­nen bedie­nen, die in wei­ten Tei­len die­ses merk­wür­di­gen Vol­kes ange­legt sind. Der Slo­gan vom „Ende der Geschich­te” fiel bereits; in kei­nem Land der Erde dürf­te die­se Vor­stel­lung ver­brei­te­ter sein als bei den ver­schwin­dens­be­rei­ten Welt­um­ar­mern im Her­zen Euro­pas. Die „kos­mo­po­li­ti­sche Illu­si­on” (Knauß) als Iden­ti­täts­pro­the­se ist ohne­hin etwas sehr Deut­sches, sie ent­stand in einer Zeit, als an ein poli­tisch geein­tes Deutsch­land nicht zu den­ken war, und füll­te nach dem zwei­fa­chen Zusam­men­bruch des Rei­ches bei den meis­ten Poli­ti­kern und Intel­lek­tu­el­len die Leer­stel­le der natio­na­len Zuge­hö­rig­keit. Nur nicht wie­der eigen­ver­ant­wort­lich agie­ren müs­sen, lau­te­te und lau­tet ihre Maxi­me. Es han­delt sich um einen Kos­mo­po­li­tis­mus, der nicht auf inne­rer Fes­tig­keit und einem soli­den Ein­ver­stan­den­sein mit sich selbst grün­det, son­dern einen affek­ti­ven Wil­len zur Selbst­ver­leug­nung und Wie­der­gut­ma­chung zum Aus­druck bringt. Die Men­ta­li­täts­herr­schaft der Grü­nen beruht auf die­sem Phä­no­men, dar­aus saugt sie ihr mora­li­sches Erpres­sungs­ka­pi­tal. Mer­kel hat erkannt, dass sie sich, wenn sie oben blei­ben will, den Vor­stel­lun­gen der Grü­nen und der sie mehr­heit­lich unter­stüt­zen­den intel­lek­tu­el­len Laut­spre­cher anpas­sen muss, und des­we­gen hat sie ihre gesam­te Poli­tik mora­lisch aufgeladen.

„Die Links­be­we­gung der CDU fand auf dem ent­schei­den­den Feld der kul­tu­rel­len Ein­stel­lun­gen und Wert­vor­stel­lun­gen statt, also da wo die Kate­go­rien von Gut und Böse aus­ge­han­delt wer­den”, schreibt Knauß. Die CDU habe „fürs Regie­ren ihre See­le verkauft”.

Den Grü­nen und einer sie unter­stüt­zen­den Mehr­heit der Jour­na­lis­ten und Öffent­lich­keits­ar­bei­ter ist es zuzu­schrei­ben, dass auch in der Poli­tik die Unter­schei­dung zwi­schen rich­tig und falsch in eine zwi­schen gut und böse umge­wan­delt wur­de. Die­se Umfor­ma­tie­rung poli­ti­scher Ent­schei­dun­gen in mora­li­sche hat die „ers­te Kanz­le­rin der Grü­nen” (so Bernd Ulrich, stell­ver­tre­ten­der Chef­re­dak­teur der Zeit, durch­aus bewun­dernd) zwar inter­na­tio­nal immer mehr iso­liert, aber ihre Herr­schaft im eige­nen Lan­de gesi­chert, jener pla­ne­ta­ri­schen Wet­ter­ecke der poli­ti­schen Roman­tik, wo jede tie­fer­ge­hen­de Kri­tik an ihren Ent­schei­dun­gen als unmo­ra­lisch zurück­ge­wie­sen wer­den konn­te. Die momen­tan ein­zi­ge Oppo­si­ti­ons­par­tei – „ein unmit­tel­ba­res Resul­tat der Regie­rung Mer­kels und ihre Hin­ter­las­sen­schaft” (Knauß) – ließ sich so als eine Zwei­ge­stel­le des Leib­haf­ti­gen stig­ma­ti­sie­ren, für deren Ent­ste­hung kei­ne ratio­na­len Grün­de vor­la­gen und deren Argu­men­te man gar nicht erst anhö­ren müsse.

Das wer­de aber nicht mehr län­ger gut­ge­hen, sta­tu­iert Knauß. Zum einen kön­ne man „auf die Dau­er eine Par­tei von über 15 Pro­zent, in Sach­sen viel­leicht bald 30 Pro­zent nicht als Gott­sei­bei­uns behan­deln”, sonst steue­re Land „mit­tel­fris­tig auf die Unre­gier­bar­keit zu”. Zum ande­ren füh­re eine Poli­tik der per­ma­nen­ten Über­deh­nung der eige­nen wirt­schaft­li­chen und men­ta­len Kräf­te unaus­weich­lich in Kri­sen, Unru­hen und Ver­tei­lungs­kämp­fe. Dass neben dem Gros der Eli­ten zwar kei­ne Mehr­heit, aber immer­hin ein bedeu­ten­der Teil der Wäh­ler die­ser Ver­schleu­de­rung des natio­na­len Tafel­sil­bers applau­die­re, irri­tiert Knauß selbst­ver­ständ­lich, doch his­to­risch beschla­ge­ne Men­schen wis­sen, dass die­ses amok­läu­fe­ri­sche Fest­hal­ten am ein­mal ein­ge­schla­ge­nen Kurs für idea­lis­ti­sche Deut­sche immer­hin kei­ne Pre­mie­re mehr bedeu­tet. „Am Ende hän­gen wir doch ab/Von Krea­tu­ren, die wir mach­ten”, spricht Mephis­to­phe­les wei­se; durch die Wie­der­wahl der Frem­den­füh­re­rin haben die Deut­schen dem Aus­land signa­li­siert, dass die­se Fest­stel­lung für bei­de Sei­ten vice ver­sa gilt, Füh­re­rin und Volk, „Iko­ne des Wes­tens” (Ulf Pos­ch­ardt) und Bet­ge­mein­de, schon län­ger hier Regie­ren­de und schon län­ger hier Lebende.

Einst stand die­ses Deutsch­land bekannt­lich in schim­mern­der Wehr gegen eine Welt von Fein­den, bis die ihm die Gren­zen sei­ner Kräf­te auf­zeig­ten. „Heu­te glau­ben offen­bar vie­le Deut­sche und die Kanz­le­rin selbst, dass aus­ge­rech­net Deutsch­land, not­falls auch ohne die USA und einen Groß­teil der EU – von den Macht­staa­ten Russ­land, Chi­na, Tür­kei, Iran usw. ganz zu schwei­gen –, beru­fen ist, das Ende der Geschich­te zu ver­tei­di­gen: als selbst­lo­ser Anti-Natio­nal­staat ein höhe­res euro­päi­sches oder gar Welt­in­ter­es­se zu ver­tre­ten.” Auch die­se Hybris wird nicht unge­sühnt blei­ben. Mer­kel als „Inkar­na­ti­on eines selt­sa­men, post­deut­schen Grö­ßen­wahns” über­schät­ze „in ver­ant­wor­tungs­lo­ser Wei­se die Mög­lich­kei­ten des eige­nen Lan­des, das sich zugleich in Euro­pa und der Welt auf­lö­sen und Euro­pa und die Welt ret­ten soll”. Unge­fähr das dürf­te Hen­ry Kis­sin­ger gemeint haben, als er sag­te: „Ange­la Mer­kel is very local.”

Ange­sichts der ja kei­nes­wegs in Rich­tung Demo­kra­ti­sie­rung und Welt­ver­ei­ni­gung zie­len­den glo­ba­len Ten­den­zen – die Reis­la­mi­sie­rung der ara­bi­schen Welt und der Tür­kei, der Auf­stieg Chi­nas, der demo­gra­fi­sche Nie­der­gang des Wes­tens, die anschwel­len­de Wan­de­rungs­be­we­gung aus Afri­ka und West­asi­en in die west­li­che Wohl­stands­zo­ne – wer­den für die Bewoh­ner des Wes­tens Bedro­hun­gen sicht­bar und vor allem spür­bar, die sich nicht mehr län­ger durch Tabui­sie­rung, Schutz­geld­zah­lun­gen, Dia­log­an­ge­bo­te und die Abwäl­zung der direk­ten Fol­gen auf die Unter­schich­ten mana­gen las­sen. Es wird wie­der Kon­flik­te geben, die ohne Gewalt nicht zu befrie­den sind. Es wird wie­der Feind­schaf­ten gege­ben. „Und damit”, so Knauß, „schwin­den die Vor­aus­set­zun­gen für die Metho­de Merkel.”

Knauß: „Wenn die Geschich­te sich zurück­mel­det und mit ihr die Nach­fra­ge nach dem Poli­ti­schen, also nach Poli­ti­kern, die auch gegen star­ken Wider­stand die fun­da­men­ta­len Inter­es­sen derer ver­tre­ten, die sie reprä­sen­tie­ren, hat Mer­kel nicht viel zu bie­ten.” Und die Geschich­te mel­de sich zurück, zunächst ein­mal in Gestalt grund­le­gen­der Fra­gen, deren Beant­wor­tung allen­falls die Kanz­le­rin sel­ber, aber kei­ner ihrer Nach­fol­ger aus­wei­chen kön­nen wird, Fra­gen wie: Wol­len wir wei­te­re Ein­wan­de­rung? Wenn ja, wie viel und wel­che Ein­wan­de­rer wol­len wir? Ist der Islam ein Teil von Deutsch­land? Soll die Euro­päi­sche Wäh­rungs­uni­on unbe­dingt und um jeden Preis auf­recht­erhal­ten wer­den? Müs­sen deut­sche Steu­er­zah­ler dar­um noch mehr Haf­tung für euro­päi­sche Ban­ken- und Sozi­al­sys­te­me über­neh­men? Ist der Aus­bau der Wind­ener­gie not­wen­dig oder zer­stört er auf uner­träg­li­che Wei­se die Land­schaf­ten? „Auf kei­ne die­ser Fra­ge hat Mer­kel je eine kla­re Ant­wort gegeben.”

Unter die­ser Kanz­le­rin, sagt Knauß mit einem schö­nen Bild, sei „aus Levia­than eine Milch­kuh” gewor­den. Aber die Kräf­te Behe­mo­ths sam­meln sich welt­weit. Staa­ten und Staats­chefs wer­den dar­auf reagie­ren müs­sen. Die schein­ba­ren Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten des hin­ter uns lie­gen­den Zeit­al­ters, sowohl den Wohl­stand als auch inne­re wie äuße­re Sicher­heit betref­fend, gin­gen ver­lo­ren. „Die Angst als Urgrund poli­ti­scher Lei­den­schaft ist wie­der da und mit ihr das Bedürf­nis nach Schutz.” Der Kon­flikt zwi­schen dem Trend zur Welt­ge­sell­schaft und dem Bedürf­nis nach dem Schutz des Eige­nen sei nicht auf­zu­lö­sen. Aber er kön­ne zivi­li­siert und demo­kra­tisch geführt und ent­schärft wer­den durch prag­ma­ti­sche Kom­pro­mis­se: „Das wird die gro­ße Auf­ga­be demo­kra­ti­scher Poli­tik in den kom­men­den Jah­ren sein.” 

Knauß über­mit­telt also eine im Kern opti­mis­ti­sche Bot­schaft: Nicht allein die Zeit Mer­kels ist abge­lau­fen, son­dern auch ihre Art Poli­tik, das Sys­tem Mer­kel, endet. An ihrer Scha­dens­bi­lanz wird Deutsch­land, im Gegen­satz zu Mer­kels nicht­vor­han­de­nen Nach­kom­men, lan­ge tra­gen, wahr­schein­lich ist sie irrever­si­bel, und Schuld dar­an sind letzt­lich die deut­sche Tüch­tig­keit, die deut­sche Obrig­keits­hö­rig­keit und der deut­sche Eska­pis­mus. Die Rech­nung wer­den Mer­kels Nach­fol­ger prä­sen­tiert bekom­men. Und eine Iro­nie der Geschich­te könn­te dar­in bestehen, dass man ein­mal eine (mit-)regierenden AfD für die Fol­gen der Mer­kel­schen poli­ti­schen Idio­tis­men ver­ant­wort­lich machen wird.

                                      ***

Die Zeit schlägt Alarm: „In ihrer Selbst­dar­stel­lung auf You Tube und Insta­gram ori­en­tie­ren sich jun­ge Frau­en und Mäd­chen weit­ge­hend an ver­al­tet anmu­ten­den Rol­len­bil­dern. Das ist das Ergeb­nis meh­re­rer reprä­sen­ta­ti­ver Stu­di­en zu Geschlech­ter­dar­stel­lun­gen in den sozia­len Medi­en, die die von Schau­spie­le­rin Maria Furtwäng­ler und ihrer Toch­ter Eli­sa­beth gegrün­de­te Stif­tung MaLi­sa in Auf­trag gege­ben hat. Die Geschlech­ter­dar­stel­lun­gen in den erfolg­reichs­ten You­Tube-Kanä­len basie­ren den Stu­di­en zufol­ge zudem auf alt­her­ge­brach­ten Stereotypen.”

Reich­lich ver­al­tet anmu­ten­de weib­li­che Rol­len­bil­der sind seit eini­gen Jah­ren in Deutsch­land tat­säch­lich en vogue, das stimmt. Ein­wan­de­rer aus einer spe­zi­el­len Welt­ge­gend betrach­ten Frau­en als ihr Eigen­tum, auch die­je­ni­gen, die sie eben erst in der Dis­co oder auf dem Schul­hof geschos­sen haben; die mas­ku­li­ne Poly­ga­mie wird Schritt für Schritt lega­li­siert, und der deut­sche Steu­er­zah­ler darf die mit einer gewis­sen Fol­ge­rich­tig­keit dar­aus ent­ste­hen­den fide­len Groß­fa­mi­li­en ali­men­tie­ren; immer mehr weib­li­che Köp­fe ver­schwin­den unter Kopf­tü­chern oder kom­plet­te­ren Ver­hül­lun­gen; min­der­jäh­ri­ge Mäd­chen wer­den neu­er­dings auch hier­zu­lan­de zwangs­ver­hei­ra­tet; hun­der­te Zwangs­be­schnei­dun­gen von Mäd­chen fin­den inzwi­schen jähr­lich im eins­ti­gen Stamm­land der Auf­klä­rung statt. Außer­dem dis­kri­mi­nie­ren poli­ti­sche Hin­ter­wäld­le­rin­nen wie Jus­tiz­mi­nis­te­rin Bar­ley und SPD-Che­fin Nah­les ande­re Frau­en, indem sie unter­stel­len, sie sei­en zu däm­lich, um ohne Quo­ten an gute Jobs zu kommen.

Aber das meint die femi­nis­tisch beweg­te Mil­li­ar­därs­gat­tin Furtwäng­ler natür­lich nicht, sie stößt sich viel­mehr dar­an, dass hier „das Frau­en­bild der Fünf­zi­ger­jah­re geför­dert“ wer­de, also der deut­schen Fünf­zi­ger­jah­re, der Spät­aus­läu­fer des sexis­ti­schen euro­päi­schen Mit­tel­al­ters, eine blei­er­ne Zeit, als man noch an Geschlechts­un­ter­schie­de bzw. Geschlech­ter­rol­len glaub­te statt an die freie Wahl sei­nes Geschlechts und juve­ni­le Blon­di­nen sich rei­che bzw. ein­fluss­rei­che älte­re Män­ner angeln muss­ten, um eine Film­kar­rie­re hin­le­gen zu können.

„Auch in Musik­vi­de­os, die heu­te über­wie­gend über You Tube kon­su­miert wer­den, wer­den Frau­en den Anga­ben nach noch immer mehr­heit­lich sexy und pas­siv insze­niert”, ächzt die Zeit-Autorin, zu deren Guns­ten wir mal anneh­men, dass sie sich all­zeit aktiv unse­xy inszeniert.

„Wenn man sieht, dass die Frau­en auch in den Medi­en, die haupt­säch­lich von Jugend­li­chen kon­su­miert wer­den, nur ein Drit­tel der Prot­ago­nis­tin­nen und Prot­ago­nis­ten stel­len, muss man sich fra­gen, was mit den Struk­tu­ren nicht stimmt”, meint wie­der­um Frau Furtwäng­ler, schreibt die Zeit. Dass mit den Struk­tu­ren etwas nicht stim­me, wenn irgend­wo zu weni­ge Frau­en ver­tre­ten sind, wo sich etwas abgrei­fen lässt: Die­ses Man­tra kennt man inzwi­schen zur Genü­ge, und zumin­dest die „Tatort”-Mädels haben es geschafft, ihre nume­ri­sche Gleich­stel­lung durch­zu­set­zen, auch wenn in der tris­ten Rea­li­tät Kom­mis­sa­rin­nen eher die Aus­nah­me sind. Noch­mals: Die Maid mit dem erlauch­ten Namen­s­pe­digree spricht von You­tube und Insta­gram – „nach Anga­ben der Stif­tung MaLi­sa wur­den für die Stu­die der Uni­ver­si­tät Ros­tock und der Film­uni­ver­si­tät Babels­berg 1.000 You­Tube-Kanä­le ana­ly­siert, 2.000 Vide­os unter­sucht und 14 You­Tube­rin­nen in Inter­views zu ihrer Sicht auf die Bran­che befragt” –, also von zwei online-Platt­for­men, deren angeb­lich „nicht stim­men­de” Struk­tur dar­in besteht, dass jeder dort frei­en Zugang hat, wo also die völ­li­ge Frei­heit der Selbst­dar­stel­lung herrscht. Und das passt Quo­ten­for­de­rern und Regu­lie­rern bekannt­lich nicht, nie sind sol­che Figu­ren mit der Frei­heit zufrie­den, weil die immer zu fal­schen Ergeb­nis­sen führt. Gibt man Frau­en und Män­nern die Mög­lich­keit, sich ein­fach so zu prä­sen­tie­ren, wie sie mögen, dann keh­ren auf ein­mal die soge­nann­ten Geschlech­ter­ste­reo­ty­pe wie­der, gegen die auf allen Kanä­len und in allen Redak­tio­nen rund um die Uhr ver­geb­lich agi­tiert wird. Aller­dings han­delt es sich dabei nicht um die „Geschlech­ter­rol­len der Fünf­zi­ger”, son­dern um jene der Con­di­tio huma­na. Dann stel­len sich, ein paar teils lie­bens­wür­di­ge, teil bedau­erns­wer­te Freaks aus­ge­nom­men, Frau­en eben weib­lich und Män­ner eben männ­lich dar – und es gibt kein Mit­tel dage­gen außer Quo­ten­for­de­run­gen, Dis­kri­mi­nie­rungs­ge­plärr, Gesin­nungs­ter­ror, Mani­pu­la­ti­on und staat­li­chem Druck. 

Auf Insta­gram, jam­mert es wei­ter, sei­en ins­be­son­de­re Frau­en erfolg­reich, die einem nor­mier­ten Schön­heits­ide­al ent­sprä­chen, und die sei­en „dünn und lang­haa­rig“ – nicht etwa fett und min­des­tens auf einer Sei­te des Schä­dels kahl­ra­siert, wie es in Ber­li­ner Sze­ne­be­zir­ken guter Stan­dard ist. Außer­dem hät­ten die für die Stu­die befrag­ten You­tube­rin­nen „von Hür­den gespro­chen, die es erschwer­ten, aus dem The­ma Schön­heit aus­zu­bre­chen und sich neue Gen­res wie Come­dy oder Poli­tik zu erschlie­ßen”. Eine der Vier­zehn gab zu Pro­to­koll: „Eine star­ke eige­ne Mei­nung schmä­lert dei­nen finan­zi­el­len Wert, weil sich dann bestimm­te Fir­men nicht mehr mit dir zei­gen wol­len.” Zum Bei­spiel, wenn man die star­ke eige­ne Mei­nung ver­tritt, dass Frau­en sich weib­lich und Män­ner sich männ­lich prä­sen­tie­ren soll­ten. Oder die star­ke eige­ne Mei­nung, dass Frau­en­quo­ten begab­te Frau­en ernied­ri­gen und unbe­gab­te för­dern. Oder auch nur, wenn man sei­ne star­ke eige­ne Mei­nung auf Platt­for­men wie ach­gut oder eigen­tüm­lich frei publi­ziert. Oder wenn man die star­ke Mei­nung am Ende gar, hui-buh!, in der Schwe­fel­par­tei vertritt…

Die Vor­zei­le des Zeit-Arti­kels lau­tet übri­gens: „Jun­ge Frau­en insze­nie­ren sich einer Stu­die zufol­ge auf Insta­gram und You­Tube nach alt­her­ge­brach­ten Ste­reo­ty­pen. Ihr Cre­do: Haupt­sa­che, kei­ne eige­ne Mei­nung ver­tre­ten.” Dass man bloß von einer Pro­ban­din the­sen­ori­en­tiert auf alle ande­ren schlie­ßen muss, um zur erwünsch­ten Aus­sa­ge eines Arti­kels zu gelan­gen, das haben sie im Ham­bu­g­er Welt­blatt seit Lan­gem ver­stan­den, zum Höcke! Von den Ver­tre­te­rin­nen der deut­schen Wahr­heits- und Qua­li­täts­me­di­en könn­ten die sich im Netz sprei­zen­den lang­haa­ri­gen und schlan­ken Dumm­chen, so sie denn woll­ten, immer­hin ler­nen, wel­che Mei­nun­gen bei ihnen als „eige­ne” durch­ge­hen wür­den. Deren Zahl ist gott­lob überschaubar. 

Total
0
Shares
Vorheriger Beitrag

1. Februar 2019

Nächster Beitrag

3. Februar 2019

Ebenfalls lesenswert

In memoriam

Ges­tern erreich­te mich die Nach­richt, dass Jean Ras­pail gestor­ben ist. R.I.P.

14. November 2019

Das zwei­te der unlängst als Schreib­klaus­ner­stell­ver­tre­ter und Eck­la­den-Platz­hal­ter ange­kün­dig­ten Vide­os ist jetzt online; es han­delt sich um den…

19. Januar 2018

„Auf die in Schluch­ten und Tälern her­um­ir­ren­den Men­schen­ka­ra­wa­nen lässt die Lin­ke Lawi­nen fal­scher Ver­hei­ßun­gen nie­der­ge­hen.„Nicolás Gómez Dávila                              …

15. Februar 2020

„Einem, der zu reden anfängt, bevor er gegrüßt hat, dem ant­wor­te nicht.„Moham­med (Muham­mad)                                  *** Ich fin­de, der…