7. Februar 2019

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Merk­wür­dig: Nach­dem die AfD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de Ali­ce Wei­del den Publi­zis­ten Hen­ryk M. Bro­der öffent­lich umarmt hat­te, also die Rechts­po­pu­lis­tin ihre Sym­pa­thie für einen Juden zum Aus­druck brach­te, hat kein Jour­na­list, kein Autor, kein poli­ti­scher Kon­kur­rent erklärt, nun zei­ge die AfD „end­lich ihr wah­res Gesicht”. 

Das „wah­re Gesicht” der AfD prä­sen­tiert näm­lich, wenn Björn Höcke mal aus­fällt und Rich­ter Mai­er nicht twit­tert, der frak­ti­ons­lo­se Stutt­gar­ter Abge­ord­ne­te Wolf­gang Gede­on (wobei der ange­sichts von Wei­dels Umar­mung tat­säch­lich gedacht haben mag: Jetzt zei­gen sie an der Par­tei­spit­ze ihr wah­res Gesicht… ? )

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Da meh­re­re Leser sich erkun­digt haben: Ja, es wird auch die­ses Jahr wie­der eine Buch­ver­si­on der Acta diur­na geben, ich bin gera­de am Zusam­men­strei­chen; die Text­men­ge hat 2018 einen Umfang erreicht, der – die ent­setz­li­che Öde der beschrie­be­nen Vor­gän­ge und die pole­mi­sche Las­ter­haf­tig­keit des Ver­fas­sers noch nicht ein­mal berück­sich­tigt – erheb­li­cher Kür­zun­gen bedarf, bevor das zwi­schen zwei Buch­de­ckel passt. Ich wer­de Sie hier selbst­ver­ständ­lich in Kennt­nis set­zen, wann es soweit ist.
                              
                                  
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Die Geo­po­li­tik kehrt wie­der, und sie hat nichts zu tun mit Brüs­se­ler Spit­zen, UN-Gre­mi­en, „mul­ti­la­te­ra­len Lösun­gen” oder Anti­dis­kri­mie­rungs­ver­ord­nun­gen. Die Mel­dung des Tages ist Macrons Absa­ge für die Münch­ner Sicher­heits­kon­fe­renz vor dem Hin­ter­grund des Streits um die „Nord Stream 2”-Pipeline (auch wenn angeb­lich mal wie­der nix mit nix zu tun hat). Die Fran­zo­sen stel­len sich gegen die Gastras­se (Gas-Tras­se, geehr­ter Herr ***,  nicht Gast-Ras­se!) und auf die Sei­te der Ame­ri­ka­ner; sie beteu­ern, die Inter­es­sen der Ost­eu­ro­pä­er zu ver­tre­ten. Das ame­ri­ka­ni­sche Argu­ment gegen rus­si­sches Gas für Deutsch­land lau­tet, es mache uns durch den Kreml erpress­bar, und wir müs­sen uns schon ent­schei­den, ob wir aus dem Kreml oder dem Wei­ßen Haus erpresst wer­den wol­len. Wie es aus­sieht, bahnt sich zwi­schen Russ­land und den USA ein Revi­val des Kal­ten Krie­ges an, in das die Euro­pä­er natur­ge­mäß invol­viert sind. Es geht um die Ukrai­ne, der schon bei Zbi­gniew Brze­zinski die Rol­le des stra­te­gi­schen Zank­ap­fels zuge­wie­sen wird – US-Bot­schaf­ter Richard Grenell warnt, durch das Gas-Pro­jekt wür­de die Gefahr einer rus­si­schen Inter­ven­ti­on in der Ukrai­ne stei­gen –, und Deutsch­land hat sich aus der Sicht des wan­ken­den Hege­mons in Über­see gegen Russ­land zu posi­tio­nie­ren. Der Auf­stieg Chi­nas im Rücken der Rus­sen ver­leiht der gan­zen Sache eine beson­de­re Pikan­te­rie. Das deut­sche Pro­blem lau­tet: Was tun? Den Amis sowie unse­rem lie­ben Freund Macron nach­ge­ben und die Pipe­line can­celn? Ach, könn­te man doch zu bei­den Sei­ten auf Distanz gehen, aber das funk­tio­niert in der Poli­tik bekannt­lich nicht. Frei­lich hat die deut­sche Füh­rung in der ver­gan­ge­nen Deka­de dafür gesorgt, dass unser Land hilf­lo­ser und unbe­darf­ter dasteht als je zuvor.

Jetzt kom­men kurio­ser­wei­se die Grü­nen ins Spiel und Ange­la Mer­kel als eigent­lich deren Kanz­le­rin (sie­he den Ein­trag vom 2. Febru­ar sowie Dut­zen­de vor­her). 2022 gehen die deut­schen AKW vom Netz, par­al­lel steigt Deutsch­land aus der Braun­koh­le­ver­stro­mung aus, die deut­schen Gas­kraft­werks­be­trei­ber sind über die Jah­re ver­prellt und hint­an­ge­stellt wor­den, sie haben hoch­mo­der­ne Anla­gen demon­tie­ren müs­sen und teil­wei­se nach Ame­ri­ka ver­schifft. Zugleich wach­sen die sub­ven­tio­nier­ten Wind­parks, deren ent­schei­den­de Eigen­schaft dar­in besteht, dass sie mal Strom lie­fern und mal nicht, und es gibt kein Mit­tel dage­gen. Wir haben heu­te schon gro­ße Pro­ble­me mit der Ener­gie­ver­sor­gung, „immer wie­der kommt es zu brenz­li­gen Situa­tio­nen, wenn Solar- und Wind­kraft­an­la­gen zu wenig Strom lie­fern. Dann müs­sen Indus­trie­an­la­gen abge­schal­tet wer­den. Die Netz­schwan­kun­gen könn­ten aber noch schlim­mer wer­den”, notiert die FAZ. Die „Insta­bi­li­tät des deut­schen Strom­net­zes” setzt die Linz AG unter Druck: „Weil der unre­gel­mä­ßig erzeug­te Wind­strom aus Nord­deutsch­land wegen man­geln­der Lei­tungs­ka­pa­zi­tä­ten nur schwer zu den gro­ßen Abneh­mern der Indus­trie im Süden trans­por­tiert wer­den kann, müs­sen süd­li­che Strom­erzeu­ger immer kurz­fris­ti­ger ‚dage­gen­hal­ten’ ”, mault es aus der Ost­mark. (Gleich­zei­tig zahlt Deutsch­land dafür, dass die Nach­barn die Strom­über­pro­duk­ti­on abneh­men, wenn mal die Son­ne rich­tig scheint und der Wind kräf­tig weht.) Wenn nun die Plä­ne mit dem rus­si­schen Gas schei­tern, was dann? Frie­ren für Ame­ri­ka? Mon­sieur Macron, erin­nern wir uns, erklär­te in sei­ner Jahr­tau­sen­dre­de zur „Neu­be­grün­dung Euro­pas” vor der Pari­ser Sor­bon­ne „die koh­len­stoff­freie und kos­ten­güns­ti­ge Atom­ener­gie” für „uner­läss­lich”; er hat heu­te beim Blick über den Rhein die Lacher auf sei­ner Seite.

Irgend­wann wird es wohl einen Black­out geben. Das wäre schlimm für die­je­ni­gen, die in ste­cken­ge­blie­be­nen Lif­ten erfrie­ren oder ver­durs­ten, auf Inten­siv­sta­tio­nen ster­ben, weil die Not­strom­ag­gre­ga­te nicht aus­rei­chen, bei Unru­hen getö­tet wer­den oder was auch immer, aber am schlimms­ten wäre es für die Grü­nen, denn die wür­den ihn poli­tisch nicht über­le­ben; der so unend­lich bra­ve, duld­sa­me und wohl­mei­nen­de deut­sche Michel wür­de dann doch schnal­len, wel­cher Gau­ner­bri­ga­de er (oder meis­tens wohl sie, die Miche­li­ne) sein Ver­trau­en geschenkt hat und wohin die Men­ta­li­täts­herr­schaft die­ser Spitz­bu­ben das Land gebracht hat. Aber unter­halb einer ech­ten Kata­stro­phe wol­len Deutschmi­chel und Deutschmi­che­lin­chen ja seit ca. hun­dert Jah­ren kei­ne Lek­ti­on lernen. 

PS: Leser *** weist auf die­se Mit­tei­lung des Fraun­ho­fer-Insti­tuts hin, wel­cher zufol­ge deut­sche Kraft­wer­ke im Janu­ar mehr Ener­gie als je zuvor pro­du­ziert haben, und meint, dass ja alles in Ord­nung sei. Man muss frei­lich aus dem Ener­gie­mix die Koh­le und die AKW her­aus­rech­nen, beim Gas weiß man’s nicht so ganz genau. Wir ste­hen dann noch immer bol­zen­stramm vor dem Pro­blem, dass die Erneu­er­ba­ren (die, wenn man auf die Land­schaf­ten schaut, die sie hin­ter­las­sen, gar nicht so erneu­er­bar sind) ein unzu­ver­läs­si­ger Lie­fe­rant sind, der teils Über­schüs­se pro­du­ziert, teils über­haupt nix. (Es sit­zen doch bestimmt Ken­ner in der Run­de: Haben wir für unse­re Strom­ex­por­te im Janu­ar wie­der bezahlt?)

Es gibt, sofern Homo sapi­ens kei­ne Ener­gie­spei­cher­mög­lich­kei­ten gro­ßen Stils ent­deckt (und es sieht der­zeit nicht danach aus), kei­ne Zukunft ohne Ato­m­ern­er­gie, so wie es kei­ne Zukunft ohne Schuss­waf­fen und Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät gibt, zumin­dest mit­tel­fris­tig, und mit Aus­nah­me der wil­den Edlen aus dem Her­zen Euro­pas besteht dar­über auch kein Dis­sens, zumal in der Atom­müll­auf­be­rei­tung tech­no­lo­gisch noch nicht alle Mes­sen gesun­gen sind. Aber wie gesagt, der Deut­sche ist hart­hir­nig, wenn er erst mal mit all sei­ner Gründ­lich­keit auf den Pfa­den der Tugend und Welt­ver­ede­lung wan­delt, er braucht tüch­tig was auf die Nuss, um zur Ver­nunft zu kommen. 

Sela, Psal­me­nen­de.   

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Grund­ge­setz­kun­de mit Tho­mas Opper­mann, SPD: „§ 1: Alle Men­schen sind gleich viel wert” (hier). Ich schrieb hier vor kur­zem, dass die­se Repu­blik nie ein düm­me­res poli­ti­sches Per­so­nal gese­hen hat als das der­zei­ti­ge, und bean­tra­ge, die­ses Bei­spiel auf die Beweis­lis­te zu setzen.

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