21. März 2019

Im Kai­ser­reich herrsch­te deut­lich weni­ger Viel­falt als in Mer­kel­deutsch­land.
Außer an Nobelpreisträgern.

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Heu­te fand vor dem Leip­zi­ger Gewand­haus eine „Demo gegen rech­te Ver­la­ge auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se” statt, mel­det die Leip­zi­ger Täter­volks­zei­tung in Form einer „Foto­ga­le­rie zum Durch­kli­cken”. Was mit den prä­sen­tier­ten „rech­ten Büchern” pas­siert ist, ent­zieht sich mei­ner Kennt­nis; ich neh­me doch an, dass sie umwelt­ver­träg­lich ent­sorgt wor­den sind? Die Nazis haben sol­che Aktio­nen zwar ein­drucks­vol­ler gestal­tet, aber eben doch ungleich mehr CO2 dabei ausgestoßen.

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Lek­tü­re, eins.

Im Zeit­al­ter des sai­so­na­len Ver­brauchs von Büchern emp­fiehlt es sich, mit der Lek­tü­re erst dann zu begin­nen, wenn die Sai­son vor­bei und die Erre­gung der Rezen­sen­ten ver­hallt ist. Das gilt erst recht, wenn Roma­ne ent­lang poli­ti­scher Kri­te­ri­en trak­tiert wer­den. Dies bloß vor­aus­ge­schickt als Erklä­rung, war­um ich Moni­ka Marons „Munin oder Cha­os im Kopf” erst jetzt gele­sen habe. Tat­säch­lich habe ich den Roman schon jetzt gele­sen, und auch das nur auf­grund eines schö­nen Zufalls; ich habe ihn gewis­ser­ma­ßen gegen eine Por­ti­on Aus­tern eingetauscht.

Der israe­li­sche His­to­ri­ker Mar­tin van Creveld pro­phe­zei­te zu Beginn des Syri­en­kon­flikts, dort ste­he ein neu­er Drei­ßig­jäh­ri­ger Krieg ins Haus, also ein unab­seh­bar lan­ger Bür­ger­krieg, der von aus­län­di­schen Mäch­ten unter­stützt und als Stell­ver­tre­ter­krieg geführt wird. Ein in sich tief gespal­te­nes Land, auf des­sen Ter­ri­to­ri­um frem­de Trup­pen agie­ren und es über vie­le Jah­re hin­weg in Schutt und Asche legen – die­se Heim­su­chung ist aus der deut­schen Geschich­te bekannt, das war Deutsch­lands Lage zwi­schen 1618 und 1648. In Moni­ka Marons Buch ist die Ich-Erzäh­le­rin beauf­tragt, für eine Fest­schrift einen Auf­satz über den Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg zu schrei­ben. Das Cha­os im Kopf der Erzäh­le­rin ent­steht durch die Über­schnei­dung der Kriegs­er­eig­nis­se im 17. Jahr­hun­dert mit ihrer zuse­hends ins Unheim­li­che drif­ten­den Gegenwart.

Im Roman sel­ber ist die­ses Cha­os tat­säch­lich eine kunst­vol­le Eng­füh­rung der Moti­ve. Es beginnt ver­gleichs­wei­se harm­los damit, dass eine Ver­rück­te, die sich für eine Opern­di­va hält, die Stra­ße vom Bal­kon ihrer Woh­nung aus mit ihrem uner­träg­li­chen Gesang beschallt; ein Mal­heur, das sich nicht abstel­len lässt, weil die när­ri­sche Frau den berühm­ten Jagd­schein besitzt und nicht straf­mün­dig ist. Eine Anwoh­ne­rin orga­ni­siert schließ­lich eine Bür­ger­initia­ti­ve gegen die täg­li­che Zumu­tung; es gibt aber auch Ver­tei­di­ger der Lär­me­rin, bes­ser Situ­ier­te aus dem bes­se­ren Teil der Stra­ße (den „Alt­bau­ten”). In zwei Figu­ren kris­tal­li­siert sich die Zwie­tracht: einem Taxi­fah­rer, der im sel­ben Hau­se wie die „Sän­ge­rin” wohnt und von ihr um sei­nen unent­behr­li­chen Tag­schlaf gebracht wird, sowie einem „Audi-Besit­zer”, der „beim Fern­se­hen arbei­tet” und in einer Ver­samm­lung den Anwe­sen­den und spe­zi­ell dem Taxi­fah­rer unter­stellt, sie rich­te­ten ihre „Wut über alles, was sie nicht ändern kön­nen”, auf die sin­gen­de Ner­ven­sä­ge; „Sie füh­ren hier einen Stell­ver­tre­ter­krieg gegen eine hilf­lo­se, also hilfs­be­dürf­ti­ge Per­son. Und das ist, ent­schul­di­gen Sie das har­te Wort, das ist schä­big.” Das Men­schen­recht aufs in-Ruhe-gelas­sen-wer­den kol­li­diert mit den Men­schen­rech­ten einer Diskriminierten.

In der Fol­ge spal­tet sich die gesam­te Ein­woh­ner­schaft in zwei Par­tei­en, „was umso unver­ständ­li­cher war, als alle gleich­zei­tig unter der Sän­ge­rin zu lei­den hat­ten”. Mer­ke: „Ein von frem­den Ton­wel­len durch­zo­ge­ner Raum ist als eige­ner Raum zer­stört“ (Carl Schmitt). Ein Riss tritt zuta­ge, der west­li­che Gesell­schaf­ten heu­te über­all durch­zieht und der sich im Lau­fe der Roman­hand­lung ver­tieft, weil das neue Pro­blem Num­mer eins Raum gewinnt. Ange­sichts der „Mel­dun­gen über zuneh­men­de Ver­ge­wal­ti­gun­gen, Mes­ser­ste­che­rei­en, Raub­zü­ge und sogar Angrif­fe auf die Poli­zei” emp­fin­det die Ich-Erzäh­le­rin das „Gefühl, unse­re gewohn­te Ord­nung löse sich ganz all­mäh­lich auf, als sei mit den Mil­lio­nen Men­schen, die in den letz­ten Jah­ren aus frem­den Kon­ti­nen­ten ein­ge­wan­dert waren, auch der Krieg ein­ge­wan­dert, dem sie ent­flo­hen waren”. Und deren „dunk­les Getüm­mel” (Her­der) erreicht schließ­lich auch jene Stra­ße, in wel­cher eine als Heul­bo­je auf­tre­ten­de ver­krach­te Exis­tenz das größ­te denk­ba­re Übel schien…

Mei­nes Wis­sens gibt es bis­lang kei­nen ande­ren Roman, der die Situa­ti­on zum Gegen­stand hat, in wel­cher sich wei­te Tei­le Deutsch­lands, Kanz­ler­amt und Ham­bur­ger Relo­ti­us­spit­ze natür­lich aus­ge­nom­men, seit den Tagen des freund­li­chen Gesichts befin­den. Eine Ver­bin­dung zwi­schen dem Deutsch­land des 17. Jahr­hun­derts, über das die Ich-Erzäh­le­rin schreibt, und der Gegen­wart stellt sich für sie her, „seit sich die Reli­gi­on wie­der in unser all­täg­li­ches Leben zuerst geschli­chen und dann dar­in breit­ge­macht hat­te, seit in ihrem Namen wie­der Krieg geführt wur­de, nicht nur auf ihren ange­stamm­ten Ter­ri­to­ri­en im Irak oder Syri­en, son­dern bei uns, auf unse­ren Stra­ßen und Plät­zen, seit uns unver­hoh­len unse­re Erobe­rung ange­kün­digt wur­de, mit Waf­fen und Gebur­ten­ra­ten”. Leben wir, fragt sie sich und schließ­lich sogar Nach­barn, leben wir etwa in einer Vorkriegszeit?

Auf sol­che Fra­gen erfolgt im bes­ten Land aller Zei­ten sel­ten eine ehr­lich gemein­te Ant­wort. Beim Gespräch der Erzäh­le­rin mit einem Anwoh­ner-Paar, das frü­her in der DDR gelebt hat, erklärt der Mann: „Man wird vor­sich­tig mit dem, was man sagt. Wir hät­ten auch nicht gedacht, dass sich das in unse­rem Leben noch ein­mal wie­der­holt. (…) Wer weiß, wie man spä­ter mal über die­se Jah­re den­ken wird.”

Man wird spä­ter jeden­falls in Moni­ka Marons Roman viel über die Vor­ah­nun­gen derer nach­le­sen kön­nen, die an die Wun­der­waf­fen der Will­kom­mens­be­rausch­ten nicht recht glau­ben konnten.

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Lek­tü­re, zwei.

Ohne ein allen ver­ständ­li­ches Reper­toire von Phra­sen kommt kei­ne Gesell­schaft aus. Phra­sen sind gewis­ser­ma­ßen der Bau­satz des poli­ti­schen small talks, aber die Lage wird kri­tisch, wenn sie plötz­lich Digni­tät besit­zen sol­len und sogar von der Regie­rung als poli­ti­sche Maxi­men, ja als Staats­ziel­be­schrei­bun­gen dekla­riert wer­den. Wenn sie, mit einem Wort, herr­schen sollen.

„Eine Phra­se ist kei­ne Lüge”, schreibt der Jour­na­list Alex­an­der Kis­s­ler in sei­nem Buch „Wider­wor­te. War­um mit Phra­sen Schluss sein muss”. „Zur Phra­se wird ein Spruch, wenn er einen wah­ren Teil­aspekt aus­spricht und die­sen zur gan­zen Wahr­heit erklärt. Dar­um kommt die Phra­se so bezwin­gend selbst­ver­ständ­lich daher.”

Bei der Natio­na­len Volks­ar­mee ging das Gerücht um, den Rekru­ten wer­de ein Mit­tel ins Essen gemischt, wel­ches ihren Geschlechts­trieb redu­zie­re und sie damit gefü­gi­ger mache; heu­te geht ein ähn­li­ches Gerücht um, näm­lich dass der soge­nann­ten Zivil­ge­sell­schaft ein Mit­tel ins Den­ken gemischt wer­de, das ihr Dif­fe­ren­zie­rungs­ver­mö­gen auf Kir­chen­tags­ni­veau absen­ke (das NVA-Gerücht war falsch). Der Flos­kel- und Phra­sen­schatz im bes­ten Deutsch­land ever wächst jeden­falls pro­por­tio­nal zum Gold­schatz, den die Schif­fe zu uns brin­gen, und der Cice­ro-Autor wid­met sich die­sem Phä­no­men mit bewun­derns­wer­ter Sorgfalt.

„Kis­s­ler ver­steht sich auf das Kunst­stück, dem Nichts Haken und Ösen ein­zu­zie­hen, um es auf­hän­gen zu kön­nen”, notiert Cora Ste­phan, und recht hat sie. Die­ses Buch ist ein kom­men­tier­tes Kom­pen­di­um von nich­ti­gen Äuße­run­gen, wie man sie allen­falls Kobol­den, Kre­tins oder Gre­tas zubil­li­gen wür­de, die aber aus pro­mi­nen­ten Mün­dern stam­men, allen vor­an selbst­ver­ständ­lich die Kanz­le­rin: „Deutsch­land ist ein tol­les Land” (Mer­kel 2015); „Afri­ka ist ein tol­ler Kon­ti­nent” (Mer­kel 2018) – ich gestat­te mir, pro­gnos­ti­zie­rend hin­zu­zu­fü­gen: „Die Venus ist ein tol­ler Pla­net” (Mer­kel 2020 oder 2021); „Chi­le ist auch toll” (Mer­kel um 2027) –, und natür­lich feh­len unse­re Spit­zen­pfaf­fen nicht. Hein­rich Bed­ford-Strohm etwa sag­te Weih­nach­ten 2014 – wir sind bei der Phra­se „Gewalt ist kei­ne Lösung” –: „Wenn ein IS-Kämp­fer von einer Gra­na­te zer­fetzt wird, dann ist das Anlass zur Trau­er, weil ein Mensch gestor­ben ist.” Kis­s­ler repli­ziert: „Bekannt­lich waren in Deutsch­land vie­le Pro­tes­tan­ten, auch sol­che in lei­ten­der Funk­ti­on, am 30. April 1945 trau­rig, weil ein Mensch gestor­ben war.”

Erz­bi­schof Marx wie­der­um, der ande­re Jeru­sa­le­mer Kreuz­ab­neh­mer und Hei­lands­ver­leug­ner, dem wir unter ande­rem im Kapi­tel „Angst hat man nur vor dem, was man nicht kennt” begeg­nen, sprach: „Je mehr Men­schen sich begeg­nen, umso weni­ger Hass ist da. Und da wo kei­ne Begeg­nung mit dem Ande­ren da ist, ist die Frem­den­feind­lich­keit am größ­ten.” Und als­bald krä­he­te zwar nicht der Hahn, aber der Kis­s­ler: „Also wären etwa die in den Anden leben­den indi­ge­nen Völ­ker beson­ders frem­den­feind­lich und hass­ge­trie­ben, wäh­rend in den bunt gemisch­ten Vier­teln von Mum­bai, Nai­ro­bi, Ber­lin nir­gends ‚Angst vor dem Ande­ren’ (Marx) herrsch­te. Glaubt das der Erz­bi­schof wirk­lich?” (Mal unter uns, Kis­s­ler, was Marx wirk­lich glaubt, das wol­len und soll­ten Sie als Katho­lik bes­ser gar nicht wissen.)

Jeder Phra­se – „Mensch­lich­keit kennt kei­ne Ober­gren­ze”, „Unser Reich­tum ist die Armut der ande­ren” etc. pp. – wid­met der Autor ein eige­nes Kapi­tel. Die Stein­mei­er-Flos­kel „Hei­mat gibt es auch im Plu­ral” kom­men­tiert er mit den Wor­ten: „Hei­mat ist die Ein­sicht, dass du wur­dest, ehe du warst. (…) Hei­mat muss sein, damit das Ich wer­den kann. Hei­ma­ten sind ange­wand­te Schi­zo­phre­ni­en.” Und auch für moder­ne Noma­den­exis­ten­zen gel­te: „Irgend­wann kommt es zum Schwur: Hei­mat ist, wozu du Ja sagst und wo du blei­ben willst für lan­ge Zeit, dem du die Treue hältst über Absto­ßun­gen hinweg.”

Ver­fol­gen wir noch anhand zwei­er Bei­spie­le das Ping-pong zwi­schen Phra­se und Kissler:

„Jeder ver­dient Respekt.” – „Es gibt offen­bar kei­ne Erschei­nung der beleb­ten Natur, für die sich kein Respekt ein­for­dern ließe.”

„Euro­pas Wer­te ertrin­ken im Mit­tel­meer.” – „Zunächst ein­mal ertrin­ken dort Men­schen, kei­ne Wer­te, ertrin­ken Per­so­nen, deren Tod trau­rig stimmt und grü­beln macht. Er wäre zu ver­hin­dern gewe­sen. Die Schuld trifft frei­lich nicht Euro­pa. Jeder Mensch trägt die Ver­ant­wor­tung sei­nes Tuns. Die Schlep­per sind eben­so ver­ant­wort­lich wie deren migrie­ren­de Kun­den, eben­so die Poten­ta­ten, denen das Leben ihrer Bür­ger gleich­gül­tig ist, und eine über­bor­den­de Will­kom­mens­rhe­to­rik, die den Ein­druck ver­mit­telt, es gäbe ein Recht auf dau­er­haf­te Nie­der­las­sung in Euro­pa samt Anschluss an die euro­päi­schen Sozi­al­sys­te­me für alle Men­schen die­ser Erde. (…) Wo das Sen­ti­ment zur Dok­trin wird, kol­la­biert erst die Ver­nunft und dann der Haushalt.”

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Lek­tü­re, drei.

Seit lan­ger Zeit ein­mal wie­der im „Grü­nen Heft” von Thé­o­do­re Jouff­roy (1796–1842) geblättert:

„Man müss­te Trup­pen an die Gren­zen des Todes ver­le­gen, wenn die Unsterb­lich­keit bewie­sen wäre, sonst wür­de die Armee der Leben­den desertieren.”

„Unwill­kür­lich wird der Mensch geprägt von den Far­ben des Lan­des, in dem er wohnt. Die Gesich­ter sind melan­cho­lisch in einem trau­ri­gen Land, ernst in einem stren­gen, lei­dend in einem ver­öde­ten, leb­haft und hei­ter in einem fröh­li­chen, unbe­deu­tend in einem unbe­deu­ten­den Land.”

„Die Kri­tik ist ein­fach, denn die Gren­zen des Genies sind leicht bemerk­bar. Es ist offen­sicht­lich für den Krä­mer in der Rue des Lom­bards, dass Lord Byron nichts vom Kolo­ni­al­wa­ren­han­del versteht.”

„Man muss viel Geschmack haben, um dem sei­nes Zeit­al­ters zu entgehen.”

„Ein Tag genügt, um fest­zu­stel­len, dass ein Mensch böse ist, man braucht ein Leben, um fest­zu­stel­len, dass er gut ist.”

„Trös­ten heißt, an den Ego­is­mus erinnern.”

„Die Poly­ga­mie ist nicht der Aus­druck einer höchs­ten Lie­be, son­dern einer außer­or­dent­li­chen Ver­ach­tung der Frauen.”

„Das Leben trös­tet uns über den Tod, und der Tod über das Leben.”

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