28. März 2019

Ein Schelm schreibt auf twit­ter – mit­un­ter schaue ich nach, was dort so über einen ver­brei­tet wird –, ich zähl­te in mei­nem „Lebenswerte”-Buch „Brüs­te, Hotels und ICE-Spei­se­wa­gen” zu den­sel­ben, was er als Ver­höh­nung mei­nes Reper­toires ver­stan­den wis­sen will. Dar­aus muss man wahr­schein­lich fol­gern, dass der Arme in sei­nem Leben bis­lang weder in einem wirk­lich kom­for­ta­blen Hotel abstei­gen noch pas­sa­ble Brüs­te befon­deln durf­te, was mir sehr leid für ihn tut, aber viel­leicht klappt’s ja noch. Was frei­lich die ICE-Spei­se­wa­gen betrifft, stimmt das Zitat nicht ganz, und nur des­halb erwäh­ne ich die­sen Tweet über­haupt; tat­säch­lich trägt das Kapi­tel den Titel „Spei­se­wa­gen” ohne jeden Zusatz und beklagt im Übri­gen deren qua­li­ta­ti­ven Nie­der­gang. ICE-Spei­se­wa­gen sind gewiss kein Lebens­wert. Sie kön­nen den­je­ni­gen, die kei­ne rich­ti­gen Wag­gon-Restau­rants mehr ken­nen­ler­nen durf­ten, nur noch eine Ahnung ver­mit­teln, wie ange­nehm die Rei­se im Spei­se­wa­gen ein­mal gewe­sen ist. Wer kom­for­ta­bel rei­sen will, muss Deutsch­land oder das Jahr­hun­dert verlassen. –

Ich notie­re dies in einem „Sprin­ter” gehei­ße­nen ICE von Mün­chen nach Ber­lin, der, nach­dem er lan­ge vor Erfurt still­stand, weil der gesam­te Bahn­hof zunächst angeb­lich durch irgend­ei­nen Soft­ware-Scha­den lahm­ge­legt war, der sich im Lau­fe der War­te­zeit in eine Stre­cken­stö­rung und einen Feu­er­wehr­ein­satz ver­wan­del­te, nun mit zwei Stun­den Ver­spä­tung der Haupt­stadt der DDR ent­ge­gen­braust, wobei es von Anfang an kei­nen Lat­te mac­chia­to gab, die ein­zi­ge trink­ba­re Kaf­fee-Ver­si­on im ICE, weil irgend­was an der Maschi­ne kaputt oder falsch ein­ge­stellt war, und die Crois­sants waren so schnell aus, dass kei­nes für mich übrig­blieb, aber als Viel­fah­rer erle­be ich ja regel­mä­ßig, dass es irgend­et­was nicht gibt, die Mit­tei­lung des zur Bedie­nung der Fahr­gäs­te abge­stell­ten Zug­be­glei­ters, dass „heu­te nur ein ein­ge­schränk­tes Spei­sen- und Geträn­ke­an­ge­bot” zu Gebo­te ste­he, beglei­tet mich auf vie­len mei­ner Wege. Wobei die in Rich­tung Schwel­len­land­ni­veau abschwir­ren­de Deut­sche Bahn die­ses Ange­bot ohne­hin von Halb­jahr zu Halb­jahr stark redu­ziert; inzwi­schen kann man im Grun­de nichts mehr essen, was im ICE offe­riert wird, zumin­dest sind die weni­gen Sachen, die ich gele­gent­lich aß, von der immer klei­ne­ren Kar­te ver­schwun­den, auch das Wein­an­ge­bot ist um ein Drit­tel redu­ziert wor­den, wozu gut passt, dass die Ein­rich­tung der neu­es­ten Spei­se­wa­gen den Charme einer McDo­nalds-Filia­le oder einer Hand­wer­ker­kan­ti­ne besitzt. Anschei­nend lohnt sich der Ver­kauf für die Bahn nicht, und wahr­schein­lich wird man sich dem­nächst sei­ne Spei­sen und Geträn­ke, wie wei­land in der DDR, von daheim mit­brin­gen müssen.

Also, begna­de­ter Twit­te­rer, Hotels als Lebens­wer­te: ja, klar, Brüs­te: aber hal­lo!, Spei­se­wa­gen indes nur frü­her oder anders­wo, viel­leicht in der Trans­si­bi­ri­schen. Capi­to?

 

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Die aktu­el­le Zeit fragt sich und alle Welt: 

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Also im Grun­de kann es gar nicht sein, dass der Wes­ten immer düm­mer wird, denn spe­zi­ell die West­deut­schen (aber auch die Schwe­den, die Fran­zo­sen und ande­re pro­gres­si­ve Län­der) haben alles rich­tig gemacht: Sie haben die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten auf­ge­wer­tet und vor allem zah­len­mä­ßig deut­lich auf­ge­stockt, sie haben, unter ande­rem als Reak­ti­on auf das schlech­te Abschnei­den bei den Pisa- und TIMSS-Stu­di­en, den Abitu­ri­en­ten­an­teil immer wei­ter erhöht, sie haben die Schü­ler aus den Zwän­gen von Recht­schrei­bung, alten Spra­chen, logi­schem Den­ken und Aus­wen­dig­ler­nen befreit, die Uni­ver­si­tä­ten euro­pa­weit ver­ein­heit­licht und die ver­staub­te Bil­dung durch schi­cke Modu­le ersetzt, sie haben Frau­en geför­dert ohne Ende, mit Mäd­chen­ta­gen und Quo­ten, bald auch in den Natur­wis­sen­schaf­ten, und mit den Gen­der-Stu­dies und der Erfor­schung der Geschlech­ter­viel­falt wur­den neue Zukunfts­tech­no­lo­gien über­haupt erst eta­bliert; sie haben immer neue Stif­tun­gen, Ver­ei­ne und NGOs gegrün­det und mit bis­lang Benach­tei­lig­ten besetzt, die Ras­sis­mus, Sexis­mus und Dis­kri­mi­nie­rung bekämp­fen und damit auto­ma­tisch die Chan­cen auf Teil­ha­be an der Klü­ger­wer­dung erhö­hen; sie haben die Bunt­heit und Viel­falt durch die spon­ta­ne Her­bei­ru­fung von Mil­lio­nen Ärz­ten, Inge­nieu­ren, Theo­lo­gen und ande­ren Fach­kräf­ten aus afri­ka­nisch-ori­en­ta­li­schen Kom­pe­tenz­zen­tren gestei­gert, von denen vie­le einer Reli­gi­on fol­gen, in der Wis­sen, Wis­sens­durst und Wis­sen­schaft einen her­aus­ra­gen­den Stel­len­wert genie­ßen; sie haben die Dekar­bo­ni­sie­rung der Wirt­schaft durch die Abwra­ckung über­hol­ter Tech­no­lo­gien wie Atom­kraft, Auto­mo­bi­li­tät und Gen­ma­ni­pu­la­ti­on ein­ge­lei­tet… –, kurz­um: An der west­li­chen Gesell­schaft kann es nicht lie­gen. Wahr­schein­lich sind die Rechts­po­pu­lis­ten schuld, die mit Hass, Het­ze, Ver­schwö­rungs­theo­rien und Fake news die Wis­sens­ge­sell­schaft spal­ten und die Intel­li­genz bekämp­fen, und über­haupt sagt doch ein sin­ken­der Durch­nitts-IQ gar nichts aus oder allen­falls, dass dis­kri­mi­nie­ren­de, kul­tur­un­sen­si­ble und sexis­ti­sche Mess­me­tho­den auf den his­to­ri­schen Son­der­müll gehö­ren. Und wenn der IQ in Asi­en, also in Ost­asi­en, steigt oder jeden­falls signi­fi­kant höher ist, zeigt das ja nur, dass man dort noch an Göt­zen glaubt, die im auf­ge­klär­ten Wes­ten längst gestürzt wurden.

 
                               
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Irgend­wie noch zum Vori­gen. Frau­en, bemerkt Had­mut Danisch, sei­en eine merk­wür­di­ge Spe­zi­es: Obwohl sie alles eben­so gut oder sogar noch bes­ser kön­nen als Män­ner, fried­fer­ti­ger, umwelt­be­wuss­ter und sozi­al kom­pe­ten­ter agie­ren und über­dies noch ein Fünf­tel weni­ger Geld für glei­che Leis­tun­gen ver­die­nen, also die mark­wirt­schaft­lich ren­ta­bels­ten Geschöp­fe unter Got­tes Son­ne sind, kom­men sie ohne die För­de­rung durch staat­lich ver­ord­ne­te Quo­ten nicht vor­an, wobei selbst die­se Unter­stüt­zung sie nicht wirk­lich zu den Ker­len auf­schlie­ßen lässt. Nur als – staat­lich finan­zier­te – Kla­ge­wei­ber lie­gen sie deut­lich vor den Män­nern. Was ist da los? Oder, mit den Wor­ten eines Freun­des: „Wo sind eigent­lich die intel­li­gen­ten Frauen?”

Irgend­wo müs­sen sie ja sein. Schließ­lich ist die Intel­li­genz, die Extrem­aus­schlä­ge nach oben und unten, die männ­lich besetzt sind, abge­rech­net, zwi­schen den Geschlech­tern gleich ver­teilt. Also, wo sind sie? In der Poli­tik und in den poli­ti­schen Stif­tun­gen jeden­falls nicht – aber das gilt ja für bei­de Geschlech­ter, und in Rede soll eine deut­lich über­durch­schnitt­li­che Intel­li­genz ste­hen, die einen zum Her­um­sit­zen in Aus­schüs­sen oder zur Mit­ar­beit bei der Ama­deu- oder Böll­stif­tung unge­eig­net macht. Über­haupt fin­det man sol­che Frau­en in der Öffent­lich­keit fast nie, dort agie­ren nahe­zu aus­schließ­lich mit­tel­mä­ßig begab­te Zeit­geist-Sprech­pup­pen – aber auch das gilt ja für bei­de Geschlech­ter. Viel­leicht in den Küns­ten? Mmh… Fällt jeman­dem jemand ein? Da die intel­li­gen­ten Frau­en irgend­wo sein müs­sen, bleibt nur die Fol­ge­rung, dass sie sich ver­ste­cken. Dass sie als gute Epi­ku­ree­rin­nen im Ver­bor­ge­nen leben. Dass sie den Drang, sich zu prä­sen­tie­ren, nicht ver­spü­ren. Die deut­sche Bio­che­mi­ke­rin Chris­tia­ne Nüss­lein-Vol­hard, die 1995 den Medi­zin-Nobel­prei­ses erhielt, scheint so ein Bei­spiel zu sein. Nie hat sie sich über Benach­tei­li­gung durch Män­ner und spe­zi­ell männ­li­che Vor­ge­setz­te beklagt – was hät­te ein Vor­ge­setz­ter davon, eine talen­tier­te Frau in sei­ner Abtei­lung zu behin­dern, statt sie zu för­dern, frag­te sie ein­mal –, nie hat sie Quo­ten gefor­dert und mei­nes Wis­sens auch nie unter­stützt, und wahr­schein­lich bekommt sie sogar min­des­tens so viel Gehalt wie ihre männ­li­chen Kollegen.

Also, ich stel­le die Fra­ge von Freund *** jetzt in die Run­de: Wo sind die intel­li­gen­ten Frauen?

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