28. April 2019

Die Sonn­ta­ge …
– dies­mal den Abschweifungen!

Nach vie­len Jah­ren – es waren derer sage und stau­ne 28 – habe ich ver­gan­ge­ne Woche wie­der ein­mal Paris besucht, die kul­tu­rel­le Herz­kam­mer Euro­pas, jedem Abend­län­der sogar dann urver­traut, wenn er sel­ber nie dort gewe­sen ist. Längst frei­lich durch­lau­fen ven­tri­ku­lä­re Fibril­la­tio­nen den grei­sen Kon­ti­nent samt sei­ner puls­ge­ben­den Zen­tren. Wie mir in den ver­gan­ge­nen Jah­ren viel­fach von orts­kun­di­gen Bekann­ten ver­si­chert wur­de, hat die Zahl der auto­chtho­nen Wel­schen an der Sei­ne so kon­ti­nu­ier­lich abge­nom­men, wie jene der nicht­wei­ßen Fran­zo­sen wuchs. TV-Nach­rich­ten lie­fer­ten von Zeit zu Zeit die­sem Befund sekun­die­ren­de Bil­der von maro­die­ren­den Vor­stadt­ju­gend­hor­den nicht­wel­schen Typs, pit­to­resk umrahmt von bren­nen­den Autos und demo­lier­ten Geschäf­ten. Das Zeit­fens­ter von 28 Son­nen­um­läu­fen gewähr­te mir eine eini­ger­ma­ßen erhel­len­de Ver­gleichs­per­spek­ti­ve. Die Zeit ver­än­dert Men­schen wie Städ­te, doch nor­ma­ler­wei­se die Erst­ge­nann­ten deut­lich stär­ker. Dies­mal war ich mir nicht sicher, wem von uns bei­den sich die ver­stri­che­nen Jah­re stär­ker ein­ge­prägt haben, Lute­tia oder mir. Eth­nisch ist Paris vie­ler­orts kei­ne im tra­di­tio­nel­len Sin­ne euro­päi­sche Stadt mehr, was hier, teu­re Leser zur Lin­ken, so wert­frei fest­ge­stellt sei, wie es unlängst Prä­si­dent Macron tat, als er sta­tu­ier­te, es gebe heu­te „kei­ne fran­zö­si­sche Kul­tur, son­dern nur eine Kul­tur in Frank­reich”, und die sei „divers”.

Divers ist dann logi­scher­wei­se und gott­lob auch die Haupt­stadt. Sor­tiert der Rei­sen­de in Gedan­ken die Tou­ris­ten aus den Pas­san­ten her­aus, ist gefühlt jeder vier­te bis fünf­te Innen­stadt-Pari­ser sehr deut­lich dun­kel­häu­ti­ger – respec­ti­ve­ment schwär­zer – als Jean­ne d’Arc, Sophie Mar­ceau, Cha­teau­bri­and, Bona­par­te oder de Gaul­le. Gefühlt, wie gesagt; Wiki­pe­dia belehrt uns eines Schlech­te­ren, nur 20,4 Pro­zent der Haupt­stadt­be­völ­ke­rung hät­ten den Mut­ter­schoß außer­halb Frank­reichs durch­bro­chen, heißt es dort, und unter denen wie­der­um drei Vier­tel außer­halb Euro­pas. So kann man sich arg­lis­tig sel­ber täu­schen! Der Anteil „der Jugend­li­chen unter 18 Jah­ren mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund” betra­ge indes 41 Pro­zent, und mehr als die Hälf­te die­ser Nach­wach­sen­den habe Wur­zeln außer­halb Euro­pas; ob ihrer­seits neue geschla­gen wur­den, die alten chto­nisch fort­we­sen oder bei­des zugleich, ist sta­tis­tisch schwer ermittelbar.

In Rede steht ein Pro­zess, der selbst­re­dend nichts mit einer Umvol­kung oder dem soge­nann­ten Grand Rem­pla­ce­ment oder ande­ren Luder­mä­ren wei­ßer Ras­sis­ten zu tun hat, son­dern nur ein Kom­men und Gehen bzw. ein für-immer-Weg­ge­hen und ver­ste­tig­tes Neu­an­kom­men ist, wie es in Metro­po­len seit jeher statt­fin­det und wie es schon vor mehr als zwei Jahr­tau­sen­den der Pytha­go­rä­er Nigi­di­us Figu­lus im dop­pel­ge­sich­ti­gen alt­rö­mi­sche Gott Ianus welt­ge­setz­haft sym­bo­li­siert fand. Die schwar­zen Lute­tier spre­chen, da mag Scho­pen­hau­er läs­tern, wie er will, die schöns­te oder jeden­falls klang­schöns­te Spra­che der Welt (wie gut, ver­mag ich nicht zu beur­tei­len); vie­le sind habi­tu­el­le Fran­zo­sen, etwa jener grau­bär­ti­ge, hage­re Wär­ter im Lou­vre, der mit hei­li­gem Zorn einen (wei­ßen) Bar­ba­ren ansch­nob, weil der allen Erns­tes für ein Foto den Sockel erstei­gen woll­te, auf wel­chem die geflü­gel­te Nike von Samo­thra­ke in ihre lei­der ver­schol­le­ne Fan­fa­re stößt.

Aber wäre ein zur Hälf­te von Schwar­zen besie­del­tes Paris noch Paris?

Die­se Fra­ge könn­te öffent­lich kein Wei­ßer mehr stel­len, der noch auf eine Kar­rie­re und Ein­la­dun­gen zu den Par­tys des Jus­te Milieu spe­ku­liert, egal in wel­cher Bran­che; er wür­de flugs als Ras­sist ent­larvt und abge­straft. Da ich über der­glei­chen Flau­sen hin­aus, also prak­tisch immun bin, lan­de ich mit ihr allen­falls in der taz, der Frank­fur­ter Rund­schau oder einem ande­ren in Auf­lö­sung begrif­fe­nen Detache­ment der qua­li­täts­jour­na­lis­ti­schen Arriè­re­gar­de. Ich stel­le die Fra­ge frei­lich nicht aus der Per­spek­ti­ve des Ras­sis­ten – es man­gelt mir an Phan­ta­sie, mich wirk­lich in einen sol­chen hin­ein­zu­ver­set­zen, ich bin zu reak­tio­när und wahr­schein­lich zu wenig durch die Welt gereist dafür –, son­dern als Phä­no­me­no­lo­ge, Ästhet und Kul­tur­anthro­po­lo­ge. Gewiss, aus der Sicht eines pro­gres­si­ven Poli­to­lo­gen wäre sogar ein voll­stän­dig von Schwar­zen besie­del­tes Paris noch Paris, sofern des­sen Bewoh­ner sich nicht zu einer Umbe­nen­nung ent­schlös­sen, doch das ist nicht gemeint. Ich spre­che, wenn ich Paris sage, nicht von einem x‑beliebigen Bal­lungs­zen­trum mit x‑beliebigen Bewoh­nern (das tu’ ich nicht mal, wenn ich heu­te Ber­lin sage, obwohl beacht­li­che Grün­de vor­lä­gen), son­dern von einem in sich geschlos­se­nen jahr­hun­der­tal­ten Men­ta­li­täts­raum und kul­tu­rel­len Aus­strah­lungs­zen­trum, von einem Daseins­ge­fühl und Stadt­ge­sicht, von einer Aura, von Savoir-viv­re, ele­gan­ten Frau­en und geraun­ten Fri­vo­li­tä­ten, von den Tui­le­rien und Le Meu­rice, Pigal­le und Chan­son, Bis­tros und Sepa­rees, Foie gras und rotem Wein, der das Herz­leid ver­lieb­ter Roman­prot­ago­nis­ten täubt, von Varie­té und Operá, Liber­té und Gloire, Bohè­me und Bar­ri­ka­de, von Hugo, Flau­bert, Riva­rol, Cham­fort, Proust und Hou­el­le­becq, von einer lite­ra­risch-geis­ti­gen Welt, die zwar nicht fähig wäre, „Die Kri­tik der rei­nen Ver­nunft”, „Die Wis­sen­schaft der Logik” und „Die Kunst der Fuge” her­vor­zu­brin­gen, aber sonst nahe­zu alles. Ich bezäh­me mich mit wei­te­ren Exem­peln; wer mich ver­ste­hen will, ver­steht mich.

Bekannt­lich aber ist nichts von Dau­er, Tro­ja, Jeri­cho, Kar­tha­go, Babel, Tenoch­ti­tlan und das hun­dert­to­ri­ge The­ben sind ver­schwun­den, ver­sun­ken, ver­weht; am Ant­litz Jeru­sa­lems, Roms, Kon­stan­ti­no­pels, Alex­an­dri­as oder Bag­dads haben die Stür­me der Epo­chen gefurcht und die Begrün­der der jeweils nächs­ten gemei­ßelt. Pan­ta rhei, in jedem Ende liegt ein Anfang, und jedem Anfang wohnt ein Zau­ber inne. Städ­te ver­wan­deln sich, Bevöl­ke­run­gen wech­seln. Nichts bleibt, wie es ist.

Kei­ne Sor­ge, ich kom­me wie­der auf Paris zurück, aber ich gestat­te mir eine Abschwei­fung von der Abschwei­fung, wel­che uns jetzt nach aus­ge­rech­net Ober­am­mer­gau führt. Ich stieg im ver­gan­ge­nen Som­mer dort­selbst auf dem Weg nach *** aus dem Zug und fand in der ansons­ten men­schen­lee­ren Bahn­hofs­hal­le, die streng­ge­nom­men ein Hütt­lein ist, einen Trupp juve­ni­ler Schwar­zer vor, ver­tieft in eine ihrer Lieb­lings­be­schäf­ti­gun­gen, ins Her­um­lun­gern. Gut, dach­te ich, was sol­len sie in Deutsch­land ande­res tun? Sie säen nicht, sie ern­ten nicht, und das Sozi­al­amt nährt sie doch; die Vög­lein wären töricht, wenn sie davon­flö­gen. Den­noch erreg­te die­ser Anblick mei­nen Wider­wil­len, weni­ger wegen der osten­ta­tiv zele­brier­ten Tage­die­be­rei, son­dern weil ich die­se son­nen­be­brill­ten und mit ihren Hän­dis han­tie­ren­den Moh­ren­bu­ben, die ein im Radi­us von fünf- bis sechs­tau­send Kilo­me­tern all­ge­mein unver­ständ­li­ches Idi­om spra­chen, als Emp­fangs­ko­mi­tee eines pit­to­res­ken ober­bay­ri­schen Alpen­städt­chens denk­bar unpas­send fand. Unpas­send ist das pas­sen­de Wort: Es pass­te nicht zusam­men. Sie pass­ten nicht dort­hin. Sie waren gro­tes­ke Fremd­kör­per. Der Ador­no-Kalau­er, dass kein rich­ti­ges Leben im fal­schen mög­lich sei, mene­te­kel­te um die­se Räb­chen­schar. Was also, frug ich mich, soll­te der Unsinn, sie hier­her umzutopfen?

Spä­ter erzähl­te ich einer Bekann­ten (mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund) vom Ober­am­mer­gau­er Begrü­ßungs­aus­schuss, und sie teil­te mein Befrem­den nicht nur prompt, son­dern schimpf­te über eine Kanz­le­rin, die deutsch­land­weit die Weg­wei­ser der­art ver­stellt habe, dass sol­che Ankünf­te dar­aus resul­tier­ten. Aller­dings woll­te sie mir nicht fol­gen, als ich ihr ver­si­cher­te, dass ich mich auch an einem kohl­pechraben­schwar­zen comi­té d’ac­cueil mit­ten in Ober­bay­ern nicht gesto­ßen haben wür­de, wenn die Bur­schen in Leder­ho­sen dort geses­sen und im brei­tes­ten Bay­risch mit­ein­an­der gere­det hät­ten. Nein, sie sei grund­sätz­lich dage­gen, die Län­der mögen doch bit­te blei­ben, was, und die Völ­ker, wo sie sind. Aber sie selbst?, frag­te ich. Und mein Groß­va­ter? Das gehö­re zur nor­ma­len inner­eu­ro­päi­schen Arbeits­mi­gra­ti­on und sei etwas ande­res. Sol­che Wan­de­run­gen hät­ten immer zur Anpas­sung der Ankömm­lin­ge an die Kul­tur des Auf­nah­me­lan­des geführt, bei leich­ter Modi­fi­ka­ti­on der Let­ze­ren, es habe sich gewis­ser­ma­ßen die Würz­mi­schung all­mäh­lich ver­än­dert. Was der­zeit in West­eu­ro­pa statt­fin­de, sei die dau­er­haf­te Eta­blie­rung des Frem­den, Fremd­kul­tu­rel­len, reli­gi­ös Feind­se­li­gen, ohne auch nur das Ziel einer Anpas­sung an die Sit­ten der Ein­hei­mi­schen noch ins Auge zu fas­sen, per­ver­ser­wei­se finan­ziert von den Steu­ern der Auto­chtho­nen. Die Gebur­ten gäben eine ein­deu­ti­ge Aus­kunft dar­über, wohin die­ser Pro­zess füh­re: Ver­drän­gung und lang­sa­me kul­tu­rel­le Auslöschung.

Oh, gab ich zurück, kul­tu­rell aus­ge­löscht sei­en die meis­ten Deut­schen ohn­hin längst, sie möge sich nur die Reden der Kanz­leret­te oder die Inter­views des Grü­nen-Chefs anhö­ren, da pran­ge die Unbil­dung in aller Unbe­wusst­heit und Scham­fer­ne, und über­haupt sei­en mir vie­le Deut­sche eben ihrer Unbil­dung wegen fremd bis zum Ekel. Das deut­sche Bil­dungs- und Uni­ver­si­täts­we­sen pro­du­zie­re nur noch kul­tu­rel­len Tief­stand, öffent­li­che Debat­ten hät­ten sich dem intel­lek­tu­el­len Niveau poly­ne­si­scher Totem-Kul­te ange­nä­hert, was frü­her Feuil­le­ton war, sei heu­te Regie­rungs­bor­dell, die­ser Kampf sei ver­lo­ren, man müs­se sich der Erhal­tung der Zivi­li­sa­ti­on wid­men, mit Ver­bün­de­ten wel­cher Her­kunft auch immer.

Ich woll­te sodann mei­ne Habi­tus-Theo­rie ent­fal­ten, wel­che auf der Beob­ach­tung fußt, dass es zahl­reich Schwar­zen- oder Asia­ten­kin­der gibt, die in Euro­pa gebo­ren und habi­tu­ell voll­kom­men euro­päi­siert sind, die Lan­des­spra­che im Zun­gen­schlag jener Regi­on spre­chen, aus der sie stam­men – als pro­mi­nen­te Par­tes pro Toto nen­ne ich gern die Fuß­bal­ler David Ala­ba und Manu­el Akan­ji –, aber Madame moch­te nicht mehr zuhö­ren, also wech­sel­ten wir das Thema. 

Fest­ge­hal­ten sei gleich­wohl: Wenn sie Leder­ho­sen trü­gen und bay­risch sprä­chen, wäre mein Sinn für Har­mo­nie befrie­digt. Das­sel­be gäl­te sinn­ge­mäß für Paris. Ich bin kein Ras­sist, ich bin Kul­tur­chau­vi­nist. Ist aber wahr­schein­lich noch schlimmer.

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Zur Erin­ne­rung: Die Vor­sit­zen­de der Ama­deu-Anto­nio-Stif­tung, Anet­ta Kaha­ne, hat, noch vor der gro­ßen Wel­le, beklagt, dass in den öst­li­chen Bun­des­län­dern zu vie­le Wei­ße leb­ten, was inzwi­schen zumin­dest säch­si­schen Knäs­ten nicht mehr unter­stellt wer­den kann. Es sei „die größ­te Bank­rott­erklä­rung” der deut­schen Poli­tik seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung, „dass ein Drit­tel des Staats­ge­biets weiß” geblie­ben sei.

Ras­sen­schan­de 2.0.

(Wobei: Wenn man sich die­se Har­py­ie anschaut, ganz dane­ben liegt sie nicht…)

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Es han­del­te sich um einen rei­nen Zufall, dass ich weni­ge Tage nach dem Brand von Not­re Dame in Paris ein­traf, die Rei­se war Wochen vor­her fest­ge­legt, sie war ein Geschenk an den Jüngs­ten zu des­sen zehn­tem Geburts­tag, doch wie ich inzwi­schen weiß, ist es rein sta­tis­tisch nahe­zu unmög­lich, bei der Ein­rei­se nach Frank­reich einen Tag zu erwi­schen, an wel­chem nicht wenigs­tens ein christ­li­ches Got­tes­haus dort­zu­lan­de geschän­det wird. Von wem? Nun, das fragt sich nicht. In höhe­ren und höchs­ten Rän­gen scheint die Angst vor dem Aus­bruch bür­ger­kriegs­ar­ti­ger Kon­flik­te so enorm zu sein, dass man die Atta­cken auf Kir­chen klein­re­det und die Moti­ve der Täter beschweigt. Wir rechts­rhei­ni­schen Rechts­po­pu­lis­ten wer­den sogar von den, wenn man so will, eige­nen Medi­en gewarnt, Mut­ma­ßun­gen dar­über anzu­stel­len, ob es nicht reli­gi­ös moti­vier­te Feu­er­teu­fel gewe­sen sind, die der berühm­ten Kathe­dra­le an der Spit­ze der Île de la Cité den roten Hahn auf­setz­ten. Aber immer­hin: Soll­te Not­re Dame durch einen Kurz­schluss außer­halb eines Radi­ka­len­köpf­chens oder sogar durch Selbst­ent­zün­dung in Brand gera­ten sein, stün­den wir end­lich vor einem Phä­no­men, das seit 2015 viel­fach beschwo­ren, aber bis­lang nie erlebt wor­den ist: dem Einzelfall.

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Was war noch anders als vor 28 Jah­ren? Wie über­all dort, wo die musea­le abend­län­di­sche Kul­tur­schön­heit dem inter­na­tio­na­len Lauf­pu­bli­kum dar­ge­bo­ten wird, haben die Tou­ris­ten­strö­me ein Aus­maß erreicht, vor wel­chem sich der Gast mit Grau­sen wen­det. Städ­te­rei­sen haben jeden Reiz ver­lo­ren, womög­lich auch jeden Sinn. Der Lou­vre, ein­gangs umla­gert von Schwar­zen, die einem mit unan­ge­neh­mer Pene­tranz angeb­lich bil­li­ge­re Kar­ten andre­hen woll­ten, war über­füllt wie eine Metro­sta­ti­on wäh­rend des Fei­er­abend­ver­kehrs. Ein Kul­tur­op­ti­mist könn­te loben, wie vie­le Men­schen sich doch für die Male­rei der Alten begeis­ter­ten, der Kul­tur­pes­si­mist fragt sich, was die­se Leu­te dort über­haupt sehen und ob sie nicht bloß eine Sta­ti­on ihres sight­see­ing-Pro­gramms teil­nahms­los abha­ken. Neu (für mich) war der Extra­saal, in dem die Mona Lisa ganz für sich allein hängt, als eine Iko­ne des Wie­der­erken­nens und tou­ris­ti­sche Epi­pha­nie, vor wel­cher sich, und da endet das Allein­sein schon, wah­re Sel­fie-Satur­na­li­en abspie­len. Für den moder­nen Mas­sen­men­schen scheint ein Kunst­werk ein Ding zu sein, vor dem man Zeug­nis sei­nes Dort­ge­we­sen­seins ablegt, kein Gegen­stand der Betrach­tung oder gar Kon­tem­pla­ti­on. Kein Wort gegen den gro­ßen Leo­nar­do und sei­ne acht­ba­re Gio­con­da, aber deren irra­tio­na­les Renom­mee ist rei­ne PR, die Lisa ist zu einer Art Gre­ta auf Lein­wand gewor­den, sie bewegt die Mas­sen, doch wel­cher unter den aber­tau­sen­den Hals­re­ckern und Selbst­por­trä­tis­ten wüss­te auch nur einen Grund zu nen­nen, war­um ihn gera­de die­ses Por­trät so magisch anrief? Außer dem einen: weil es alle ruft? 

Fort aus dem Geschie­be, hin­weg von den indo­len­ten Selbst­be­zeu­gern, hin­aus an die Luft! Adieu, Lou­vre, lebe wohl! – –

Der geschun­de­nen See­le bie­tet das „La Lor­rai­ne” Trost, ein buchens­wer­tes Fisch-Restau­rant unweit des Arc de Triom­phe, woselbst an den Nach­bar­ti­schen ein Ter­zett jun­ger Pari­se­rin­nen und ein gleich als Stamm­gast erkenn­ba­rer Hom­me d’lettres ihre Mee­res­früch­te-Eta­ge­ren lee­ren. Dort voll­zieht sich eine Kon­stan­te mei­nes Seins-zu-Tische: Noch nie habe ich einen Hum­mer anders geor­dert als mit Zitro­ne und nichts außer­dem, und noch nie, in kei­nem Lokal, ist mir die­ser Wunsch je erfüllt wor­den. Es scheint sich um eine Art Hor­ror vacui zu han­deln, der das Per­so­nal befällt, als ob der Bru­der Lobs­ter allein auf sei­nem Tel­ler nicht reprä­sen­ta­tiv genug wir­ke, also ob geschmack­lo­se Salat­blät­ter und bar­ba­ri­sche Sau­cen ihm bei sei­nem letz­ten Weg unbe­dingt assis­tie­ren müssten…

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Der zehn­te Geburts­tag des Juni­ors führ­te mich auf das bei Paris gele­ge­ne Mars­feld der Rund­um­be­spa­ßung, wohin ich vor 28 Jah­ren die Ältest­ge­bo­re­ne eben­falls ange­le­gent­lich ihres zehn­ten Wie­gen­fes­tes führ­te, aber nun sei es genug! Es ist Nepp, und es ist vor allem ein abge­schmack­tes, quietsch­doo­fes Spek­ta­kel. Erstaun­lich immer­hin, dass sich hier Aber­tau­sen­de Men­schen in raf­fi­niert ver­win­kel­te und ihre tat­säch­li­che Län­ge per­fi­de ver­heh­len­de Ansteh­gat­ter drän­gen, wo sie bis zu andert­halb Stun­den ihrer Lebens­zeit damit ver­tun, dar­auf zu war­ten, für zwei Minu­ten einen Peter-Pan-Flug über illu­mi­nier­te Papp­ma­ché zu absol­vie­ren, an beweg­li­chen Cap­tain-Hook- und Jack-Spar­row-Pup­pen vor­bei­zu­schip­pern oder mit einer Wild­west-Ach­ter­bahn über einen Kunst­berg zu rum­peln. Erwäh­nens­wert war ein Pär­chen mitt­le­ren Alters von indisch-ben­ga­li­schem Aus­se­hen, dick, unge­pflegt, unzi­vi­li­siert – bei­de ver­zehr­ten schmat­zend ihr Eis und lie­ßen die Res­te unge­niert auf den Boden fal­len –, das sich, erwach­se­ne Men­schen wie gesagt, auf die scham­lo­ses­te Wei­se vor­drän­gel­te, um eher als die ande­ren Kin­der bei Peter Pan anzulangen.

„Die Amer­ka­ner kön­nen Mar­ke­ting”, belehrt mich die Gemah­lin über den Gesamt­ver­blen­dungs­zu­sam­men­hang. „Bei Rach­ma­ni­now steht kei­ner an. Die schaf­fen es, ein­fach alles mil­lio­nen­fach zu verkaufen.”

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Wer stun­den­lang inmit­ten von Infan­ti­len sämt­li­cher Alters­klas­sen Schlan­ge steht, wirft irgend­wann sei­ne from­men Vor­sät­ze über den Hau­fen und schaut doch im Hän­di nach, wel­che neu­en Nar­re­tei­en in der hei­mat­li­chen Frem­de statt­fan­den und die tem­po­rä­re Absenz von dort sogar unter den Bli­cken von Mickey Mou­se erträg­lich machen könn­ten. Und sie­he da, es flim­mer­ten eini­ge über den sree­en. So las ich, dass Donald Trumps Schwie­ger­toch­ter Lara in einem Inter­view mit Fox news die mer­ke­les­ke Migra­ti­ons­po­li­tik zum Anfang vom „Unter­gang Deutsch­lands” erklärt hat. „Es war eine der schlimms­ten Sachen, die Deutsch­land je pas­siert sind”, sag­te sie; ihr Schwie­ger­va­ter wis­se das und ver­su­che, ähn­li­che Fol­gen von den USA abzuwenden. 

„Kaum aus­ge­spro­chen sorg­te Lara Trumps Behaup­tung für hef­ti­ge Reak­tio­nen”, teil­te welt-online prompt mit. „Sogar CNN-Mode­ra­tor Ander­son Coo­per wid­me­te dem Inter­view einen eige­nen Bei­trag.” Sogar! ein! TV!-Moderator! Und der weiß natür­lich, „was der Unter­gang Deutsch­lands wirk­lich war” – obwohl er einen Lid­schlag vor­her noch ver­kün­det hat­te: „Deutsch­land ist nicht unter­ge­gan­gen. Ich war dort im Urlaub. Es geht ihm gut.” Mit den Ver­bre­chen des Nazi-Regimes dür­fe man nichts gleich­set­zen, befand Coo­per, schreibt welt-online. Streng­ge­nom­men darf man auch mit Mer­kels Migra­ti­ons­po­li­tik nichts gleich­set­zen, aber wir sind hier ja nicht im Logik-Semi­nar; es bleibt nur die Fra­ge: Wo mag die bra­ve Lara Trump zwei Ereig­nis­se gleich­ge­setzt haben, von denen sie eines gar nicht erwähnte?

„Auch die demo­kra­ti­sche Poli­ti­ke­rin Dena Gray­son warf Trump via Twit­ter Geschichts­klit­te­rung vor”, lässt welt.online sei­ne Tie­fen­re­cher­che­mus­keln spie­len. „Lara Trump denkt, Mer­kels Flücht­lings­po­li­tik sei eine der ’schlimms­ten Sachen, die Deutsch­land je pas­siert sind’, aber nicht die Ermor­dung von Mil­lio­nen unschul­di­gen Men­schen durch die Nazis?”, schrieb Gray­son. Auch hier wie­der die ban­ge Fra­ge: Wie kommt die Frau dar­auf? Wo hat die Trump-Schnur der­glei­chen ver­laut­bart? Schließt „eines der schlimms­ten Ereig­nis­se” ande­re Ereig­nis­se, auch schlim­me­re, aus? Darf das zweit- oder dritt­schlimms­te nicht mehr erwähnt werden?

Man liest und staunt: Im über­see­ischen dis­kur­si­ven Reflex­wett­be­werb ver­su­chen inzwi­schen ähn­li­che Spitz­bu­ben wie hier­zu­lan­de dem Publi­kum die­sel­ben Dumm­hei­ten ins Gedan­ken­fach zu häm­mern. Der klei­ne, fei­ne Unter­schied ist nur: Dort regiert Trump. Und die Amis, die mehr­heit­lich eben doch nicht so blöd sind wie die Krauts, wer­den ihn wie­der­wäh­len. Unter ande­rem wegen State­ments aus dem Mun­de ame­ri­ka­ni­scher Demo­kra­ten, die den Refle­xen deut­scher Grü­ner und Mer­ke­lis­ten zum Ver­wech­seln ähneln.

Es war viel­leicht doch ein biss­chen vor­ei­lig von den Pro­gres­sis­ten, sich von der Dia­lek­tik zu ver­ab­schie­den, bloß weil ihre Sup­por­ter nicht mehr ver­ste­hen, was das ist.

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Also­dann, in der „Star wars”-Anstehe, kam aus der Hei­mat via Mail dies auf mich:

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Ich glau­be, es war im „Ali­ce in Wonderland”-Sektor, als ich auf die neu­es­ten Mel­dun­gen über die gerichts­no­to­risch gewor­de­ne klei­ne Erlei­che­rung stieß, die sich vier Schutz­fle­hen­de kurz vor dem Jah­res­wech­sel zu Amberg gegönnt hat­ten, indem sie ein reich­li­ches Dut­zend Ein­ge­bo­re­ne nach­ein­an­der nie­der­schlu­gen. „Oberstaats­anwalt Diesch nann­te es ’nicht unge­wöhn­lich, dass Jugend­li­che über­mü­tig wer­den’ ”, notiert Bild. „Lan­ge­wei­le und zuneh­mender Alko­hol­ge­nuss hät­ten hier zu einer Gruppendy­namik geführt: ‚Das ist eine jugend­ty­pi­sche Geschich­te, die müs­sen wir jetzt mal ganz ehr­lich lösen von der Her­kunft der Personen.’ ” 

Wenn Sie die­sem edlen Mil­den ins Ant­litz schau­en wol­len, bit­te­schön. Malen wir uns aus, ein Staats­an­walt sag­te der­glei­chen über Mit­glie­der der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung, die bekannt­lich kei­ner Flie­ge etwas zulei­de tun, nur theoretisch…

Nun haben sich Rich­ter, Staats­an­wäl­tin und die Ver­tei­di­ger auf einen Deal geei­nigt: „Für die Taten gibt es neben den Opfern diver­se Zeu­gen. Knall­har­tes Leug­nen wäre für die Ange­klag­ten eine schlech­te Opti­on. (…) Für ihr Geständ­nis sichert das Gericht drei­en der Män­ner Bewäh­rungs­stra­fen von eini­gen Mona­ten zu, die wahr­schein­lich zur Bewäh­rung aus­ge­setzt wer­den. Nur Amin A. wird wohl ziem­lich sicher im Gefäng­nis lan­den. Er muss min­des­tens 26 Mona­te in Haft, wenn der Deal bis zum Pro­zess­ende hält. Denn nicht nur, dass er bei der Prü­gel­or­gie vom 29. Dezem­ber eine maß­geb­li­che Rol­le spiel­te. Er ist im glei­chen Pro­zess auch wegen fünf wei­te­rer frü­he­rer Taten ange­klagt, von denen er vier ein­räum­te. Dabei geht es um Mord­dro­hun­gen, Sach­be­schä­di­gung und wei­te­re Kör­per­ver­let­zun­gen. Zudem ist Amin A. laut sei­nes Anwalts schon ein­schlä­gig vorbestraft.”

Will­kom­men!

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Am Tag nach der Amber­ger Lust­bar­keit stand in den Acta Zita­bles zu lesen, näm­lich:

„In ihren Her­kunfts­län­dern unter­lie­gen die­se Buben einem dop­pel­ten Sank­ti­ons­druck, hori­zon­tal und ver­ti­kal; den ers­ten üben die Fami­li­en der ande­ren aus, die Väter, Onkel und Brü­der, den zwei­ten die Poli­zei, die dort­zu­lan­de bekannt­lich nicht zim­per­lich ist. Über­trittst du eine Norm, musst du mit Rache und/oder rus­ti­ka­ler Bestra­fung leben. Nun sind sie auf ein­mal in einem Land, das aus ihrer Per­spek­ti­ve dem sagen­haf­ten Lil­li­put ähneln muss; der hori­zon­ta­le Druck exis­tiert dort nicht, der ver­ti­ka­le ist erschüt­ternd sanft. Sie kön­nen machen, was sie wol­len, am Ende fin­den sich sogar noch ein paar Grü­ne, Lin­ke, Anwäl­te und per­ver­se Frau­en, die sie in Schutz nehmen. 

Ein Motiv für den Exzess sei nicht bekannt, sag­te der Poli­zei­spre­cher noch. Das ist nicht wahr, das Motiv liegt offen zu Tage. Es heißt Ver­ach­tung. Wir ver­ach­ten euch Deut­sche, obwohl – oder weil – ihr uns auf­nehmt und ali­men­tiert, wir ver­ach­ten eure his­to­ri­schen Städt­chen und eure Tra­di­tio­nen, wir ver­ach­ten eure Art zu leben, wir ver­ach­ten eure lächer­li­che Fried­fer­tig­keit, eure Ted­dy­bä­ren, euer Will­kom­mens­ge­tue und Tole­ranz­ge­döns, wir ver­ach­ten eure hyper­tro­phe Ferns­ten­lie­be man­gels Nächs­ter, wir ver­ach­ten eure Weib­män­ner, wir ver­ach­ten eine Stadt, die 20.000 männ­li­che Ein­woh­ner hat, aber ohne nach der Poli­zei zu rufen nicht mit vier Teen­agern fer­tig wird, die auf offe­ner Stra­ße wahl­los Leu­te nie­der­schla­gen und ihnen auf die Köp­fe tre­ten kön­nen, wir ver­ach­ten eure Poli­ti­ker und Medi­en, die sofort los­trö­ten, man dür­fe sol­che täg­li­chen Ein­zel­fäl­le nicht ver­all­ge­mei­nern (und die im Fal­le, ein paar Amber­ger Bur­schen hät­ten sich gewehrt, mit Sicher­heit ‚Hetz­jag­den auf Aus­län­der’ beplärrt hät­ten), wir ver­ach­ten eure Jus­tiz, die uns doch nichts tun wird, wir ver­ach­ten euer gan­zes über­al­ter­tes, weh­lei­di­ges, sturm­rei­fes Land.”

Nach dem „Deal” von Rich­ter, Staats­an­walt und Ver­tei­di­gung – sol­che „Deals” ken­ne ich aus der DDR, dort orches­trier­te sie frei­lich die Sta­si – wird die Ver­ach­tung sprung­haft nach­ge­las­sen haben. Und die Bereit­schaft der Amber­ger, AfD zu wäh­len, sicher­lich auch.

Es war viel­leicht doch ein biss­chen vor­ei­lig von unse­ren Pro­gres­sis­ten, sich von der Dia­lek­tik zu verabschieden.

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Ich freue mich, aus Paris zurück, auf das alte Paris mei­ner Bücher und Bild­bän­de. Helás!

                      

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