12. Mai 2019

Die Sonn­ta­ge immer…!

Ich habe gele­gent­lich auf die­sen Sei­ten des gro­ßen per­si­schen Dich­ters, Mathe­ma­ti­kers und trink­freu­di­gen Fata­lis­ten Omar Chay­yam (um 1048–1131) gedacht, aus des­sen Feder die hin­rei­ßends­ten Lob­prei­sun­gen des Wei­nes stam­men, wel­che – neben jenen des gött­li­chen Hafis – je in die­ser Welt­ge­gend ange­stimmt wur­den. Am Beginn des Rama­dan erin­ner­te ich mich einer Mail, die mir Leser *** vor sechs Wochen sand­te und in wel­cher er schrieb, er habe sich nach dem gemein­sa­men Genuss „eini­ger Fla­schen guten Wei­nes” mit einem ira­ni­schen Mit­ar­bei­ter mei­ner war­men Wor­te über den per­si­schen Bac­chan­ten erin­nert. Auf die Schnel­le und unter dem Ein­fluss des Reben­saf­tes habe er nur einen Vers ergoo­geln kön­nen, nämlich:

Wascht mich mit Wein, wenn ich fort­ge­he,
bei mei­nem Begräbnis sprecht ein Gebet, erfüllt von Wein;
wenn ihr mich fin­den wollt am Tag des Jüngsten Gerichts,
sucht mich im Staub vor der Tür der Schenke. 

Oder eben:

مرا شویید دهاب به گذرم در چون

امر گویید ناب شراب ز تلقین

امر یابید حشر روز به خواهید

امر جویید میکده در خاک از

Aus der spon­ta­nen Text­ex­ege­se wäh­rend der deutsch-ira­ni­schen Zeche­rei folg­te eine Neu­über­set­zung, die mit­samt kur­zen Erläu­te­run­gen dar­über, „was Chay­yam genau und wirk­lich mein­te”, fixiert und an mich abge­schickt ward. Auf­ge­merkt denn also zu Zei­ten ver­schärf­ter Gau­men­kas­tei­ung inmit­ten der ohnehinnigen:

„Zei­le 1: Wascht mich mit Qua­li­täts­wein, wenn ich ster­be.

Bei der isla­mi­schen Bestat­tung wird der Leich­nam zuerst mit rei­nem Was­ser gewa­schen. Dann wird er in ein wei­ßes Tuch (Shroud) gehüllt. Und bevor er im Grab liegt (das Grab selbst und wie die Lei­che rein hin­ein­ge­hen und wer dies tun soll­te, hat sei­ne eige­nen isla­mi­schen Geset­ze, aber sie sind nicht Gegen­stand die­ses Gedichts von Chay­yam), spricht ein Mul­lah ein Gebet ins Ohr des Toten über Gott, Engel, den Tag der Auf­er­ste­hung, den Tag des Jüngs­ten Gerichts und so weiter.

In die­sem Teil sagt Chay­yam: Wascht mei­ne Lei­che nach dem Ster­ben nicht gemäß den isla­mi­schen Geset­zen mit Was­ser, son­dern nur mit Qualitätswein.

Zei­le 2: Beim Begräb­nis sprecht in mei­ne Ohren nur über Qua­li­täts­wein.

Chay­yam will nicht in sei­nen toten Ohren von Gott hören, son­dern nur von Wein. Das heißt, dass es in Ord­nung ist, wenn die Bestat­tung wie eine isla­mi­sche Bestat­tung aus­sieht, aber im Innern soll gegen isla­mi­sche Geset­ze ver­sto­ßen wer­den (mit dem, was der isla­mi­sche Gott ver­bo­ten hat).

Zei­le 3: Wenn Ihr mich am Tag der Auf­er­ste­hung fin­den wollt,
Zei­le 4: Fragt dann den Staub vor der Tür der Schenke.

In den isla­mi­schen Geschich­ten (oder gemäß den Aus­sa­gen der Mul­lahs) ster­ben nach dem Ende der Welt alle Men­schen, und dann kommt (auf Befehl Got­tes) der Tag der Auf­er­ste­hung, an dem alle Toten aus den Grä­bern auf­er­ste­hen und wie­der leben­dig wer­den. Danach kommt der Tag des Jüngs­ten Gerichts, an dem alle Auf­er­stan­de­nen in einer sehr lan­gen Rei­he zu Gott gehen, um beur­teilt zu wer­den. An die­sem Tag kön­nen alle Din­ge (leben­dig wie Men­schen, Tie­re, Insek­ten, auch der Kör­per­teil die­ser Leben­di­gen und auch die nicht leben­di­ge Din­ge wie Stei­ne, Hol­ze, Stäu­be und so wei­ter) auf Befehl Got­tes spre­chen und als Zeu­gen gegen die Per­son wirken.

In den letz­ten bei­den Tei­len sagt Chay­yam, dass er nach der Auf­er­ste­hung nicht in der Rei­he blei­ben wer­de, um beur­teilt zu wer­den, son­dern in die Schen­ke gehen wer­de. Natür­lich wer­de er den Staub von sich klop­fen, bevor er in den Schen­ke ein­tre­te (als Höf­lich­keit vor dem Betre­ten eines hei­li­gen Ortes). Und wenn an die­sem Tag jemand nach ihm sucht, kann er/sie die Stäu­be vor der Tür der Schen­ke fra­gen. Weil an die­sem Tag, mit dem Befehl Got­tes, auch der Staub spre­chen und bestä­ti­gen kann, dass er an die­sem Ort weilt. Das heißt, Chay­yam sagt, der Wein und die Schen­ke sei­en für ihn wich­ti­ger oder viel­leicht hei­li­ger als der (isla­mi­sche) Gott und sein Gericht, der Him­mel und so wei­ter. Und wenn jemand wirk­lich an den isla­mi­schen Gott glaubt, kann er vom Staub ver­lan­gen, ihn zu fin­den und zum Gericht zu bringen.

In die­sem Gedicht sagt Chay­yam: Ich habe immer mit Wein gelebt, und wenn ich ster­be, möch­te ich Wein über mich gegos­sen haben und nur von Wein hören. Nach der Auf­er­ste­hung (wenn es wirk­lich eine gibt) wer­de ich auch wie­der in der Schen­ke gehen und Wein trin­ken, egal was euer (isla­mi­scher) Gott und sei­ne Geset­ze vor­ge­ben, weil ich kei­nen Glau­ben an ihm habe.”

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