22. Mai 2019

Der Begriff „Zivi­li­sa­ti­ons­bruch” ist im öffent­li­chen Gebrauch gemein­hin auf die Shoa beschränkt. Es gibt aber auch ande­re, unschein­ba­re Zivi­li­sa­ti­ons­brü­che, gewis­ser­ma­ßen Haar­ris­se im zivi­li­sa­to­ri­schen Gefü­ge. Ein sol­cher geht nun­mehr von einem Ort aus, der bis­lang als exem­pla­risch für den frei­en west­li­chen Geist galt: von der Har­vard Universität. 

Welt online mel­det: „Am Mor­gen des 25. Febru­ar 2019 fand die Uni­ver­si­täts­po­li­zei von Har­vard an den Wän­den des Win­throp House meh­re­re Graf­fi­ties. Die Paro­len rich­te­ten sich gegen den Dean des Wohn­heims, Ronald S. Sul­li­van, Pro­fes­sor für Straf­recht an der Har­vard Law School. ‚Nie­der mit Sul­li­van’, stand auf einer Ein­gangs­tür, an ande­rer Stel­le fan­den sich die Sprü­che ‚Unser Zorn ist Selbst­ver­tei­di­gung’ und ‚Dein Schwei­gen ist Gewalt’, schließ­lich die Fra­ge: ‚Auf wel­cher Sei­te stehst du?’ ”

Der Har­vard-Straf­recht­ler, übri­gens der ers­te schwar­ze Dekan der Uni­ver­si­tät, hat als Anwalt die Ver­tei­di­gung von Har­vey Wein­stein über­nom­men. Die Stu­den­ten, die gegen ihn pro­tes­tie­ren und sei­ne Abset­zung ver­lan­gen, sind künf­ti­ge Juris­ten. „Der erfah­re­ne Straf­ver­tei­di­ger Robert Sul­li­van hat den ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten Bill Clin­ton und den wegen Dop­pel­mord ange­klag­ten Foot­ball-Star Aaron Her­nan­dez, aber auch die Fami­lie von Micha­el Brown ver­tei­digt, jenem Ein­woh­ner von Fer­gu­son, des­sen Tod durch Poli­zei­schüs­se die Black-Lives-Mat­ter-Bewe­gung aus­ge­löst hat­te. Die Rei­he zeigt in ihrer Band­brei­te, was das Wesen des Anwalts­be­rufs ist: Er ist die fleisch­ge­wor­de­ne Unschulds­ver­mu­tung, die vor der Fest­stel­lung der Schuld für jeden Men­schen gilt, ob er nun Mit­leid oder Abscheu aus­löst, ganz oben oder ganz unten steht”, schreibt die Welt.

Sind die For­de­run­gen der Stu­den­ten schon skan­da­lös genug – im Grun­de müss­te man die­se amo­ra­li­schen Wege­la­ge­rer wegen gro­tes­ker Nicht­eig­nung für den von ihnen ange­streb­ten Beruf, zumin­dest außer­halb von Dik­ta­tu­ren, kur­zer­hand der Uni ver­wei­sen –, besteht der eigent­li­che Skan­dal dar­in, dass die Uni­ver­si­täts­füh­rung vor den For­de­run­gen des prä­aka­de­mi­schen Mobs ein­knick­te und Sul­li­van als Dekan absetz­te. Begrün­dung: Er sei nun­mehr „unhalt­bar”.    

Zwei Säu­len des abend­län­di­schen Rechts­ver­ständ­nis­ses sind hier nicht nur mit Gesin­nungs­dreck beschmiert, son­dern beschä­digt wor­den: die Unschulds­ver­mu­tung (in dubio pro reo) und das damit eng zusam­men­hän­gen­de Recht eines jeden Delin­quen­ten auf anwalt­li­chen Bei­stand. Der Teu­fel, der Mör­der, ja auch der Mas­sen­mör­der haben das Recht auf einen Anwalt, und jener hat wie­der­um das Recht, sein Amt aus­zu­üben, ohne mit Tat und Täter iden­ti­fi­ziert zu wer­den. Wer den Anwalt ein­zu­schüch­tern und mit dem Delin­quen­ten in Sip­pen­haft zu neh­men ver­sucht, kehrt auf das vor­zi­vi­li­sa­to­ri­sche Niveau von Hetz­meu­te und Lynch­mob zurück. Dane­ben ist die cau­sa Stra­che ein Vogel­schiss. In einer der ange­se­hens­ten Bil­dungs­stät­ten der Welt wird dem Rechts­staat der Krieg erklärt, von jun­gen Men­schen, die ihn künf­tig reprä­sen­tie­ren sol­len. Und sie bekom­men recht! Wofür, wenn nicht für die­sen Vor­gang, ist der Begriff Skan­dal angebracht?

„Wie links­ver­si­fft ist eigent­lich Har­vard?”, fragt, in der Wort­wahl gera­de­zu weiz­sä­cker­haft zurück­hal­tend, die­ser Blog­ger, zitiert drei lesens­wer­te Kom­men­ta­re zu der Mel­dung und resü­miert: „Nicht nur Deutsch­land schafft sich ab, der gesam­te Wes­ten geht baden. Die gross­ar­tigs­te Kul­tur aller Zei­ten erdros­selt sich gera­de selbst…”

So sieht es aus.

                                    ***

Noch zum Vori­gen, apro­pos links­ver­si­fft und Ame­ri­ka: Ein Ver­lag in Über­see ver­sieht die Schrif­ten von Kant jetzt mit einer War­nung vor Risi­ken und dro­hen­den Neben­wir­kun­gen der Lek­tü­re: „Die­ses Buch ist das Pro­dukt sei­ner Zeit und reflek­tiert nicht die glei­chen Wer­te, die es reflek­tier­te, wür­de es heu­te geschrie­ben. Eltern soll­ten mit ihren Kin­dern dis­ku­tie­ren, wie sich die Ansich­ten zu Ras­se, Gen­der, Sexua­li­tät, Eth­ni­zi­tät und zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen ver­än­dert haben, bevor sie ihnen erlau­ben, die­ses klas­si­sche Werk zu lesen.” (Mehr hier.)

Kant hat­te noch nicht ein­mal Georg Lukács auf sei­ner Proskrip­ti­ons­lis­te, aber jede Revo­lu­ti­on, natür­lich auch die kul­turm­ar­xis­ti­sche, frisst ihre Kin­der, irgend­wann gibt es auch Lukács mit Bei­pack­zet­tel, wor­auf steht, dass er ein white supre­macist gewe­sen ist, der alle afri­ka­ni­schen, ori­en­ta­li­schen, sprach­be­hin­der­ten und trans­se­xu­el­len Philosoph*innen links liegenließ.

Total
0
Shares
Vorheriger Beitrag

21. Mai 2019

Nächster Beitrag

27. Mai 2019

Ebenfalls lesenswert

16. Mai 2020

Die Qua­li­täts- und Offen­ba­rungs­pres­se meldet: Offen­bar hat in die Über­schrift kein zwei­tes „offen­bar” hin­ein­ge­passt – dort steht fest,…

23. Januar 2021

„Die poli­ti­schen Impli­ka­tio­nen des Ten­denz­ro­mans sind in der Regel so dumm, dass er den intel­li­gen­ten Anhän­ger beschä­men und…

16. Juli 2018

„Wenn die Euro­pä­er auf ihre Par­ti­ku­la­ris­men ver­zich­ten, um den ‚guten Euro­pä­er’ zu zeu­gen, so soll­ten wir die Befürch­tung…

4. November 2019

Der geschätz­te Besu­cher des klei­nen Eck­la­dens sei hier­mit in Kennt­nis gesetzt, dass ich mich für die ers­ten drei…