29. Mai 2019

Freund *** erzählt, wäh­rend eines Steh­par­ty-Small­talks habe ihm ein­mal ein hier­zu­lan­de halb­wegs bekann­ter Autor, vor allem von short sto­ries, ohne gro­ße Umschwei­fe erklärt, er lese aus­schließ­lich zeit­ge­nös­si­sche Schrift­stel­ler, die davor inter­es­sier­ten ihn nicht.

Ich hät­te repli­ziert, dass ich das genau­so sähe, frei­lich erstre­cke sich mein Begriff von Zeit­ge­nos­sen­schaft bis zu Homer und den Vorsokratikern.

(Aber natür­lich kann man so einen Trot­tel auch ein­fach stehenlasssen.)

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For­mu­lie­rungs­vor­schlag: Heu­te zün­delt er am lin­ken Rand.

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Wer sich für sei­ne Lek­tü­ren Ver­fas­ser „auf Augen­hö­he” wählt, wird nie­mals auf­schau­en, und wer nicht auf­schaut, sieht auch die Ster­ne nie.

                                   ***

Am Mon­tag­abend hos­pi­tier­te ich in der ers­ten Rei­he kei­nes­wegs bei ARD und ZDF, son­dern im Buch­haus Losch­witz zu Dres­den einem Gespräch zwi­schen dem Schrift­stel­ler Uwe Tell­kamp und dem CDU-Poli­ti­ker Arnold Vaatz, der Erst­ge­nann­te übri­gens Arzt von Beruf, Mathe­ma­ti­ker der Letz­te­re, wobei Vaatz bekun­de­te, dass er sich auch ein­ge­hend mit der Phy­sik beschäf­tigt habe, wahr­schein­lich ein­ge­denk der kan­ti­schen Prä­mis­se, Gedan­ken ohne Inhalt sei­ne leer, Anschau­un­gen ohne Begrif­fe blind. Für eine auf Ratio­na­li­tät und Fol­ge­rich­tig­keit ver­pflich­te­te Grund­stim­mung war also gesorgt. Der Dia­log, der eher auf ein Inter­view hin­aus­lief, bei wel­chem Tell­kamp die Fra­gen stell­te, war die Pre­mie­ren­jau­se einer Ver­an­stal­tungs­rei­he namens „70 Jah­re DDR” (dem klei­nen Anti­fa­schis­ten schwillt sogleich der Kamm, wenn er nur die­ses Mot­to hört, zu dem er doch den treff­lichs­ten Anlass gibt), und natur­ge­mäß kamen die übli­chen ver­däch­ti­gen The­men zur Spra­che, was heu­te nicht inter­es­sie­ren soll (mehr über die Ver­an­stal­tung hier); viel­mehr will ich ein paar Bemer­kun­gen des Natur­wis­sen­schaft­lers Vaatz zur Ener­gie­wen­de und zur soge­nann­ten Kli­ma­po­li­tik in gebo­te­ner Drän­ge referieren. 

Dass die Welt­kli­ma­ret­tung eine Ersatz­re­li­gi­on sei, die­se Ansicht teilt der CDU­ler mit vie­len auch Nicht-CDU­lern, unter ande­rem dem Betrei­ber des klei­nen Eck­la­dens. Eine sol­che Reli­gi­on muss, um Raum zu grei­fen, die Bedürf­nis­se zwei­er Kli­en­te­len stil­len: die spi­ri­tu­ell-sinn­su­chen­den der Gläu­bi­gen und die Macht­an­sprü­che der Pries­ter. Idea­ler­wei­se erschei­nen die Kli­ma-Kle­ri­ker in der offi­zi­el­len Wahr­neh­mung nicht als Agen­ten in eige­ner Sache, son­dern als Sinn­stif­ter und Weg­wei­ser – bzw. Sinn­stif­ten­de und Weg­wei­sen­de – einer bedürf­ti­gen Gemein­de. Aber ich mag nicht über die Pfaf­fen räson­nie­ren, son­dern über des Zah­len­ge­lehr­ten Vaatz nüch­ter­ne Ein­sich­ten, deren eine lau­te­te: Die Kern­kraft sei noch lan­ge nicht per­du, im Gegen­teil, die Metho­den der Wie­der- und Wei­ter­ver­wer­tung zwi­schen­ge­la­ger­ter Brenn­stä­be wür­den immer avan­cier­ter, das Atom­müll­pro­blem sei tech­nisch bald schon beherrsch­bar, wovon die Deut­schen indi­rekt pro­fi­tier­ten, da ja die Nach­barn, wenn die deut­schen Mei­ler post 2022 end­lich abge­schal­tet sind, der Wind nicht weht und die Son­ne nicht scheint, uns ihren Atom­strom zu frei­lich ihren Kon­di­tio­nen ver­kau­fen können.

Die zwei­te Bemer­kung galt den Min­der­brü­dern und Bar­fuß­schwes­tern vom Orden des dar­ben­den Welt­kli­mas. Der CDU-Mann ver­si­cher­te, ja ver­lang­te, eine mit so weit­rei­chen­den Ein­grif­fen in Wirt­schaft und Gesell­schaft ope­rie­ren­de Poli­tik wie jene der Ener­gie­wen­de sowie der Kampf gegen das teuf­li­sche Koh­len­di­oxid müs­se nor­ma­ler­wei­se unter enor­men wis­sen­schaft­li­chen Fal­si­fi­ka­ti­ons­druck gestellt wer­den, denn sei der Weg erst ein­mal ein­ge­schla­gen und ent­pup­pe sich als ein von fal­schen Prä­mis­sen aus­ge­hen­der Irr­weg, wer­de der Scha­den gen Uner­mess­lich abschwir­ren. Bekannt­lich pas­siert das Gegen­teil, das Geld fließt fast aus­schließ­lich in die Taschen der­je­ni­gen Wis­sen­schaft­ler und Insti­tu­te, die dem grü­nen Zeit­geist nach dem Mund reden, und For­scher, die zu ande­ren Erkennt­nis­sen gelangt sind, wer­den von der Inqui­si­ti­on 2.0 als Leug­ner, Ket­zer und Satans­bra­ten bepö­belt und stracks exklu­diert. Wer eine Brü­cke baue, die auf zehn Ton­nen Last aus­legt sei, führ­te Vaatz aus, der las­se einen Fünf­zehn­ton­ner pro­be­hal­ber dar­über fah­ren, um ihr mehr auf­zu­bür­den, als sie je tra­gen müs­se, denn: Sicher ist sicher. Unse­re, um im Bil­de zu blei­ben, Not­brü­cke über die Klüf­te des CO2-Aus­sto­ßes in die Zukunft des geret­te­ten Kli­mas wird zwar unter gro­ßem Brim­bo­ri­um und end­lo­sen Not­wen­dig­keits­be­kun­dun­gen errich­tet, aber nie­mand prüft, ob sie ernst­lich trägt. Die­se Ver­wei­ge­rung, bemerk­te Vaatz, demons­trie­re nach sei­ner Ansicht vor allem die enor­me Unsi­cher­heit der Ret­ter über die Stich­hal­tig­keit ihrer eige­nen Dok­trin. (Frei­lich: Es glaubt auch kein Pro­tes­tan­ten­funk­tio­när mehr an jenen Gott, dem zu die­nen er fin­giert, und der Herr nährt sie alle via Kir­chen­steu­er doch.)

Wie­der ein­mal spielt die deut­sche Füh­rung va ban­que. Aber die­ses Motiv, geneig­ter Leser, ken­nen Sie längst zur Genüge.

Und eine wei­te­re Fest­stel­lung des acht­ba­ren Herrn Vaatz sei hier eben­falls in der Aus­la­ge plat­ziert. Die west­deut­schen Lin­ken, so der DDR-Bür­ger­recht­ler, hät­ten 1989 mit der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung, die in ihren Heils­plä­nen nicht vor­ge­se­hen war, eine schwe­re nar­ziss­ti­sche Krän­kung erlebt, die Geschich­te hat­te eine Vol­te geschla­gen, die für sie unvor­stell­bar war und von Kräf­ten bewerk­stel­ligt wur­de, die für einen stram­men Lin­ken mau­se­tot zu sein hat­ten. Die Lin­ken stan­den damals auf der fal­schen Sei­te – und jetzt lägen sie mit ihren Plä­nen neu­er­lich falsch, ob bei der Welt­kli­ma­pa­nik, der Migra­ti­ons­be­schleu­ni­gung oder der Idee, aus den euro­päi­schen Natio­nen die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Euro­pa zu model­lie­ren. Die nächs­te schwe­re nar­ziss­ti­sche Krän­kung droht, einst­wei­len noch durch ein Gebet an oder mit Gre­ta the­ra­pier­bar. Aber die­se Dro­ge wird sich erschöp­fen. Und was dann kommt, ken­nen wir ja: Wut, Hass und Hetze.

                                    ***

„Sehr geehr­ter Herr Klo­n­ovs­ky, Bezug neh­mend auf Ihren Ein­trag vom 21. Mai, wel­cher die Begrif­fe ‚Sys­tem­par­tei­en’, ‚Alt­par­tei­en’ und ‚Kar­tell­par­tei­en’ zitie­rend ver­wen­det, sei zu letz­te­rem gesagt, dass dies ein in der Poli­tik­wis­sen­schaft fest­ste­hen­der (‚car­tel par­ty’) und spä­tes­tens seit 1995 ein­ge­führ­ter Begriff genannt wer­den kann. Er beschreibt einen gene­ri­schen (Zwischen-)Stand der in Demo­kra­tien vor­zu­fin­den­den Orga­ni­sa­ti­ons­form ’Par­tei‘ in einer Abfol­ge von vor­an­ge­gan­ge­nen Ent­wick­lun­gen, deren wesent­li­che Merk­ma­le die­se sind: 

– evol­vie­rend seit den 70er Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts
– unter­legt vom Beruf­po­li­ti­ker­tum, daher in höchs­tem Maße anfäl­lig für die Deter­mi­na­ti­on poli­ti­scher Wil­lens­bil­dungs­pro­zes­se durch indi­vi­du­el­le Kar­rie­re­kal­kü­le
– finan­zi­ell rekur­siv durch den Staat ali­men­tiert, daher ver­schlos­sen ggüb. neu­en Parteien/Ideen
– poten­ti­ell ori­en­tiert am Macht­er­halt denn an akti­ver, stra­te­gi­scher Len­kung
– pri­vi­li­gier­ter Zugang zu Mas­sen­me­di­en
– eher staats- denn Gesellschafts(gruppen/-willen) repräsentierend

Die Rezep­ti­on der o.g. Sicht­wei­se in der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Poli­tik­wis­sen­schaft kann eher dürf­tig genannt wer­den, da die­se stär­ker als in ande­ren (euro­päi­schen) Län­dern an den akti­ven Poli­tik­be­trieb ange­bun­den scheint.

Soll­ten o.g. Erkennt­nis­se auf Ihre Web­site ein­flie­ßen, so bin ich auch ger­ne Leser *** ?” 

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