31. Mai 2019

Wäre es nicht eine gran­dio­se hegel­sche List der Ver­nunft, wenn nach dem Ende der Frei­tags­de­mons­tra­tio­nen als deren Resul­tat und Kol­la­te­ral­nut­zen die Atom­kraft ein Come­back erlebte?

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„Poli­ti­sche Pro­vinz fürch­tet, kul­tu­rel­le Pro­vinz fei­ert alles Frem­de. So lie­ße sich die End­kampf­li­nie des Pro­vin­zia­lis­mus auf eine Poin­te brin­gen, die den­noch kei­ne Wahr­heit wäre. Denn poli­ti­sche Pro­vinz bleibt in ihren Zu- und Abnei­gun­gen stets ans kon­kre­te Gegen­über gebun­den, sieht sich auf etwas ande­res, nicht jenes vage Ande­re ver­wie­sen, dem die Welt­of­fe­nen Land und Gemüt auf­tun wol­len. Ja, selbst der Haß des Pro­vinz­lers auf die gro­ße Stadt, in der er schei­ter­te, for­mu­liert sich kon­kret – als Bekennt­nis zum ande­ren, etwa länd­li­chen Ort, somit als loka­le Gegen­welt. Der pau­scha­le ‚Frem­den­feind’, der Has­ser alles Frem­den, ist ein Phan­tas­ma aus der Welt­of­fen­heits­pro­vinz. In der rea­len Welt lebt und denkt man per­spek­ti­visch, abge­stuft nach Nähe und Fer­ne. Die Welt­of­fe­nen, mit ihrer Lie­be zum Ferns­ten und ihrem Haß auf den Neben­mann, bezeu­gen das auf eige­ne Wei­se.„
Also schreibt der acht­ba­re Jür­gen Gro­ße im aktu­el­len Heft von Tumult, in einer Betrach­tung unter dem schö­nen Titel „Welt­of­fen­heit ver­sus Weltläufigkeit”.

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Mit depri­mie­ren­den The­sen tritt der Bon­ner Kin­der- und Jugend­psych­ia­ter Micha­el Win­ter­hoff der­zeit ins Offe­ne und lei­der auch Offen­kun­di­ge. Sei­ner empi­risch gehär­te­ten Ansicht nach schlappt ’schland quiet­sch­m­un­ter einer intel­lek­tu­el­len und men­ta­len Kata­stro­phe ent­ge­gen. So wie unse­re Gesell­schaft bis­lang orga­ni­sa­to­risch, wirt­schaft­lich und tech­nisch funk­tio­niert habe, wer­de sie mit dem nach­wach­sen­den Per­so­nal nicht fort­be­stehen kön­nen, sta­tu­iert Win­ter­hoff im Inter­view. Die Hälf­te der Kin­der und Jugend­li­chen, die der­zeit her­an­wach­sen, sei prak­tisch aso­zi­al, ohne Sinn für ihr Gegen­über oder Gespür für Situa­tio­nen, außer­stan­de, sich zu kon­zen­trie­ren oder Prio­ri­tä­ten zu set­zen. Aus den Betrie­ben höre er immer wie­der, dass Prak­ti­kan­ten oder Aus­zu­bil­den­de „kei­ne Arbeits­hal­tung” besä­ßen, „die sehen auch die Arbeit nicht, die haben kei­nen Sinn für Pünkt­lich­keit, erken­nen Struk­tu­ren und Abläu­fe in der Fir­ma nicht, sie kön­nen nicht prio­ri­sie­ren, nicht fest­stel­len, wel­cher Reiz wich­tig ist. Das Han­dy ist ihnen wich­ti­ger als der Kun­de, der vor ihnen steht.”

Unge­fähr seit der Jahr­tau­send­wen­de gehe es tal­wärts. „Wir haben das Glück, in einer Hoch­kul­tur zu leben, die vor 200 Jah­ren die Kind­heit erfun­den und sich Gedan­ken über das Bil­dungs­we­sen gemacht hat. Die­se enor­me Psy­che, die wir haben, wür­den wir unse­ren Kin­dern auto­ma­tisch mit­ge­ben, wenn wir in uns ruhen wür­den, abge­grenzt und klar wären. So war das bis 1995, die Men­schen waren viel zufrie­de­ner als heu­te. Hät­te man 1990 sol­che Lern­me­tho­den vor­ge­stellt, mit offen und frei und auf sich gestellt, hät­te man die Leu­te für irre erklärt. Weil man ein Gespür für Kin­der hat­te und dafür, was für sie gut und wich­tig ist.”

Die Digi­ta­li­sie­rung habe die Men­schen ver­än­dert, als Kin­der­psych­ia­ter erle­be er in sei­ner Pra­xis, wie weni­ge Fünf­jäh­ri­ge heu­te imstan­de sei­en, eine Sche­re oder einen Stift zu bedie­nen. 1995 konn­ten Viert­kläss­ler „noch drei- bis vier­tau­send Wör­ter rich­tig schrei­ben, in schö­ner Schrift und völ­lig sicher”. Das sei pas­sé. Den Grund habe man aber kei­nes­wegs allein in der Expan­si­on vir­tu­el­ler Gewal­ten zu suchen: „Die Schu­len wur­den in den letz­ten 20 Jah­ren kaputt­re­for­miert, die Leh­rer kön­nen nicht mehr. Auf die wah­ren Pro­ble­me schaut man nicht.” Frü­her sei­en die Kin­der „lern­wil­lig” und „wiss­be­gie­rig” gewe­sen, und „haben auch Din­ge gemacht, zu denen sie kei­ne Lust hat­ten, üben, Haus­auf­ga­ben etc. Und heu­te haben die Leh­rer einen gro­ßen Teil von Schü­lern da sit­zen, die Klein­kin­der geblie­ben sind und sich nicht haben ent­wi­ckeln kön­nen. Wir haben an den Bedürf­nis­sen der Kin­der vor­bei ein gan­zes Bil­dungs­we­sen auf den Kopf gestellt.” Des­sen Umstül­pung sei „eine Idee der OECD und von Ideo­lo­gen gewe­sen”, die via Bil­dungs­po­li­tik „von oben nach unten durch­ge­drückt” wur­de. Heu­te habe jeder zwei­te Schul­ab­gän­ger Pro­ble­me, einen Beruf zu finden. 

Noch ein­mal der Kern­satz: Jeder zwei­te Schü­ler ver­har­re men­tal und intel­lek­tu­ell im Klein­kind­sta­di­um, das heißt in den Sphä­ren von „Ich will!”, „Ich will nicht!”, von „Igitt” und „Juhu”, von „Schnel­ler!” und „Sofort!”, in den Gefil­den von Lust­prin­zip und Leis­tungs­zu­mu­tungs­ver­wei­ge­rung, über all die geis­ti­gen Defi­zi­te gar nicht zu reden. Das sind die Sozi­al­fäl­le von mor­gen, die Mau­ler und Beschwer­de­füh­rer von mor­gen, die Gewalt­tä­ter von mor­gen – wenn auch das Hirn nicht wächst, die Mus­ku­la­tur tut es ja am Ende doch – und die Unter­ta­nen von mor­gen, sofern man ihnen hin­rei­chend unter­kom­ple­xe Welt­erklä­run­gen vor­kaut, die sie ver­ste­hen kön­nen, ob in deren Zen­trum nun bei­spiels­wei­se ein alter ara­bi­scher Pro­phet oder eine jun­ge schwe­di­sche Pro­phe­tin stehen. 

„Gelie­fert wie bestellt”, wür­de Had­mut Danisch kom­men­tie­ren, und da beginnt die Sache gru­se­lig zu wer­den. Die Par­tei, die mehr als jede ande­re für die Dekon­struk­ti­on resp. Demo­lie­rung des Bil­dungs­sys­tems sowie die Ver­ram­schung des deut­schen Human­ka­pi­tals ver­ant­wort­lich ist, hat eben über 20 Pro­zent Stim­men bei der Euro­pa­wahl bekom­men, beson­ders vie­le von den Nach­wach­sen­den, mit­hin eben auch nach­wach­sen­den Debil­chen. Bestellt? Kei­ne üble Stra­te­gie, wenn’s denn eine sein soll­te. Frei­lich kei­ne beson­ders „nach­hal­ti­ge”, um einen Lieb­lings­plap­per­be­griff die­ses Milieus zu stra­pa­zie­ren, aber wer hat geglaubt, dass je ein Grü­ner über sei­ne Pen­si­on hinausdächte?

Es ist wenig ver­wun­der­lich, dass die Grü­nen das Wahl­al­ter sen­ken wol­len und ande­re Rote sogar das Wahl­recht für geis­tig Behin­der­te for­dern. Dazu passt auch, dass neu­er­dings „You­tuber” als Papa­gei­en des gän­gi­gen Grün­sprechs im Wahl­kampf mit­mi­schen. Erst wenn die Dumm­köp­fe, von aller Arbeits­er­fah­rung Unbe­rühr­ten und Nicht­steue­rer eine Wahl ent­schei­den, ist eine links­ge­schei­tel­te Demo­kra­tie am Ziel.

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Ein Land, in dem der IQ sinkt, wird täg­lich rei­fer für eine auto­ri­tä­re Herrschaft.

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Zum Vori­gen. Puber­tä­re Halb­wüch­si­ge sind gezwun­gen, schreck­lich dum­me Din­ge zu den­ken, und sie sind leicht mani­pu­lier­bar – ich muss mich nur scham­haft des Unsinns erin­nern, der mir als Teen­ager durch den Kopf rumor­te und ent­setz­li­cher­wei­se auch immer wie­der durchs wil­li­ge Mund­werk nach drau­ßen drang –, das kann gar nicht anders sein, und wäh­rend man die juve­ni­len Spin­ner und Schwär­mer frü­her zum Waf­fen­dienst oder sogar in Krie­ge schick­te, aus denen wie­der­zu­keh­ren meis­tens mit einem Zuwachs an Rea­li­täts­sinn ver­bun­den war, der­weil die Mädels emp­fan­gen, getra­gen, gekreißt, gestillt und dabei eben­falls Lek­tio­nen in Sachen Lebens­ernst gelernt hat­ten, sind heu­te die Abitur­par­ty und die „Fri­days for Future”-Demo die prä­gen­den Erleb­nis­se (sofern die Ein­ge­bo­re­nen unter sich blei­ben), aus denen zwar gott­lob kein Leid, aber eben auch wenig Beleh­rung und emo­tio­na­le Abküh­lung resul­tiert. Und was ehe­dem der schnei­di­ge Feld­we­bel oder Leut­nant war, der die Jugend dres­sier­te und ins Feld diri­gier­te, ist heu­te der ganz und gar schneid­lo­se, aber twit­tern­de Poli­ti­ker gewor­den. Etwa der Herr Lau­ter­bach von der SPD, wel­cher die Tages­pa­ro­le absetz­te: „Die Kin­der dür­fen nicht erpresst wer­den. Dann muss die Schu­le den #Fri­days­For­Fu­ture Kin­dern Ersatz­stun­den anbie­ten. Es kann nicht sein, dass Idea­lis­mus und poli­ti­scher Pro­test zum ‚Sit­zen­blei­ben’ führen.”

Ein Mit­glied des Bun­des­tags und einer Regie­rungs­par­tei, mit­hin also Gesetz­ge­ber, for­dert, dass Kin­der wäh­rend der Schul­zeit demons­trie­ren gehen dür­fen müs­sen, die Schu­le den Schwän­zern aber im Gegen­zug Ersatz­stun­den anzu­bie­ten habe. Wäh­rend der Schul­zeit sol­len sie demons­trie­ren, dafür aber in ihrer Frei­zeit die Schu­le besu­chen. Wie gesagt: Die­se Repu­blik wird von den dümms­ten Poli­ti­kern ihrer Geschich­te regiert, aber wenn die Frei­tags demons­trie­ren­de Jugend (FDJ)* sich anstrengt, kön­nen ihre Enga­gier­tes­ten der­mal­einst gleichziehen.

* Netz­fund

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Noch zum Vorigen.

„Neu sind nicht die Erwär­mungs­da­ten, sie zei­gen kei­ne sen­sa­tio­nel­le Beschleu­ni­gung. Neu ist auch nicht, was grü­ne Poli­ti­ker oder Wis­sen­schafts-Akti­vis­ten wie Schell­nhu­ber zu The­ma Kli­ma­ent­wick­lung sagen: Sie wäh­len seit Jah­ren grund­sätz­lich die höchs­ten Pro­gno­sen, die pes­si­mis­tischs­ten Annah­men, und lei­ten dar­aus die radi­kals­ten For­de­run­gen ab. Neu ist tat­säch­lich der von einem vor­geb­lich spon­tan gewach­se­nen Netz­werk vor­ge­tra­ge­ne Panik-Ton. Des­sen Bot­schaft lau­tet: Es bleibt kei­ne Zeit mehr, die Kata­stro­phe steht unmit­tel­bar bevor, es darf nicht mehr dis­ku­tiert werden.

Das pro­pa­gan­dis­ti­sche Trom­mel­feu­er – flan­kiert von der empör­ten Reak­ti­on, wenn jemand Gre­ta Thun­berg und schul­strei­ken­de Kin­der kri­ti­siert – ver­schiebt die gesell­schaft­li­che Wahr­neh­mung im Over­ton-Win­dow. Bis vor kur­zem galt es noch als weit­hin unak­zep­ta­bel oder min­des­tens radi­kal zu behaup­ten, aus­ge­rech­net kol­lek­ti­ve Panik und Unter­drü­ckung jedes Zwei­fels könn­te die Lösung eines Pro­blems beför­dern. Mitt­ler­wei­le scheint vie­len Poli­ti­kern und auch Bür­gern bis weit in die Mit­tel­schicht gera­de die­se Sicht­wei­se akzep­ta­bel. Oder sie wagen ihre Zwei­fel nicht mehr öffent­lich aus­zu­spre­chen. Denn wer das tut, kommt in die­sem Mei­nungs­kli­ma schnell in den Ruch eines Men­schen­fein­des, der die Welt­ret­tung sabotiert.”

Alex­an­der Wendt schil­dert, auf welch pfif­fi­ge Wei­se die Grü­nen ihren anno 1972 zu Rom gekel­ter­ten Wein in immer neue, zuletzt gar ame­ri­ka­ni­sche Schläu­che füllen. 

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Im Grun­de immer noch zum Vorigen.

Ich habe mir zwei Fotos abge­spei­chert, die ich unter Ers­te und Zwei­te Zukunft rubri­zie­ren möchte:

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Das eine zeigt die grü­nen Kan­di­da­ten für den Gemein­de­rat Tübin­gen, das ande­re Teil­neh­mer einer mus­li­mi­schen Demons­tra­ti­on in Bir­ming­ham, die gegen den grün­ge­wa­sche­nen Sexu­al­kun­de-Unter­richt pro­tes­tie­ren. Die grü­ne Pha­lanx sand­te mir ein Leser mit der Bemer­kung zu, dass Welt­an­schau­un­gen offen­bar auch auf das Äuße­re der von ihnen Befal­le­nen ein­wir­ken kön­nen (oder umge­kehrt?), was hier­mit zur Dis­kus­si­on gestellt sei. Das zwei­te stammt von die­ser Web­sei­te und mar­kiert sozu­sa­gen die von unse­ren Lin­ken und Grü­nen beflis­sen beschwie­ge­ne drit­te Front, deren Eta­blie­rung von besag­ten Lin­ken und Grü­nen euro­pa­weit vor­an­ge­trie­ben wird, obwohl es eine durch­aus feind­li­che ist, denn die Rau­sche­bär­te und voll­ver­schlei­er­ten Mai­den pro­tes­tie­ren gegen zen­tra­le Bestand­tei­le der pro­gres­sis­ti­schen Welt­re­li­gi­on: „Du kannst zwei Müt­ter haben? Du kannst zwei Väter haben? Du kannst ein Jun­ge in einem Mäd­chen­kör­per oder ein Mäd­chen in einem Jun­gen­kör­per sein?” liest ein ker­ni­ger Kerl vor und sta­tu­iert: „Das ist gegen das Wort von Gott! Das ist nicht akzep­ta­bel im Islam!” Und dann folgt ein durch­aus beden­kens­wer­ter Satz, den man lan­ge nicht mehr gehört hat: „God crea­ted woman for man’s pleasure.”

Hal­ten Sie also Heer­schau, geneig­ter Besu­cher mei­nes klei­nen Eck­la­dens, und erwä­gen Sie in Ihrem Her­zen, wel­che Sei­te den Sieg davon­tra­gen wird.

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Apro­pos „God crea­ted woman for man’s plea­su­re”: Die Monats­end­fi­gur ist wie­der an der Rei­he, und sie möge dies­mal, wenn auch zum Lobe Allahs, eine unara­bi­sche, genau­er: rus­si­sche Ver­si­on die­ses Sat­zes illus­trie­ren, gefun­den auf Instagram. 

krasawitza

Wie stets zum Monats­en­de macht heu­te wie­der die Kol­lek­te die Run­de, mit einem herz­haf­ten „Vergelt’s Gott!” an all die­je­ni­gen, die wäh­rend des ver­stri­che­nen Umlaufs ihren Obu­lus ent­rich­te­ten; alle ande­ren kli­cken bit­te hier.

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