11. Juni 2019

Der­zeit, geneig­ter Leser, befin­de ich mich in Süd­ti­rol, wo zwar die Netz­ab­de­ckung bes­ser ist als daheim, aber der Drang, via Inter­net zu räson­nie­ren, von einem ande­ren élan vital über­la­gert wird, des­sen Stil­lung durch eine typisch abend­län­di­sche Kon­struk­teurs-Kumu­la­ti­on ermög­licht wur­de, näm­lich durch die Her­ren Karl von Drais (Deutsch­land), Pierre Michaux (Frank­reich), John K. Star­ley (Eng­land) und John B. Dun­lop (Schott­land). Bin­nen 27 Jah­ren war das getrennt ver­rich­te­te kol­lek­ti­ve Werk voll­bracht: Das lenk­ba­re Velo­zi­ped mit Tret­kur­bel, nied­ri­gen Rädern und Luft­rei­fen hielt Ein­zug in die Geschich­te. Die­se Inno­va­ti­on prei­send, schraub­te ich mich ges­tern von der Prad-Sei­te gen Stilfser Joch empor, vor­bei an pit­to­res­ken An- und Ausblicken:

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Bis ich mich frei­lich 500 Meter unter­halb der Pass­hö­he jäh aus­ge­bremst sah:

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Was Freund *** zu der lau­ni­gen Bemer­kung ver­an­lass­te: „Nun sper­ren sie sogar schon Alpen­päs­se für Rechts­po­pu­lis­ten.„
Helás!

                                    ***

Aber auch in Süd­ti­ro­ler Alpen­tä­lern wird die Hei­mat vor­stel­lig. Face­book-Her­um­trei­bern, die mit mir dort­selbst in Kon­takt stan­den, wur­de soeben fol­gen­der sach­dien­li­cher Hin­weis auf den Bild­schirm gespielt:

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Die nim­mer­mü­den Spit­zel-Algo­rith­men – ich neh­me mal an, dass es kei­ne arbeits­lo­sen links­dre­hen­den Geis­tes­wis­sen­schaft­ler waren – haben also einen bei­na­he zwei Jah­re alten Face­book-Text von mir aus­fin­dig gemacht, der gegen irgend­wel­che inzwi­schen gel­ten­den Gesin­nungs­stan­dards ver­stößt und angeb­lich unter „Hass­re­de” fällt (mei­ne Face­book-Sei­te habe ich Mit­te 2018 still­ge­legt). Also das Por­tal wird jetzt sogar rück­wir­kend erken­nungs­dienst­lich behan­delt. Was an die­ser freund­li­chen Bemer­kung hass­erfüllt, ‑gesteu­ert oder ‑kon­ta­mi­niert sein soll, wird schwer­lich jemand begrün­den kön­nen. Wenn es Algo­rith­men waren, die eine sol­che Klas­si­fi­zie­rung tra­fen, dann hat wahr­schein­lich der Ter­mi­nus „Kana­ke” den Alarm aus­ge­löst. Oder sind doch wider Erwar­ten Figu­ren vom Schla­ge der Kaha­ne-Trup­pe will­kür­lich tätig gewor­den? In bei­den Fäl­len zeich­net sich eine Zukunft ab, die von DDR-arti­ger Zen­sur geprägt ist, frei­lich in einer flä­chen­de­cken­den Voll­endung, die den alten Sta­si-Käm­pen Trä­nen in die Augen trei­ben dürfte. 

Algo­rith­men kann man natür­lich über­töl­peln, indem man die Reiz­wor­te nicht ver­wen­det und sich poe­ti­sche Ali­as­be­grif­fe aus­denkt, bis die Algo­rith­menschrei­ber auch gegen die­se Ter­mi­ni All­er­gie­pro­gram­me instal­liert haben, dann beginnt das Spiel von vorn. Und so immer­dar. Unser Zen­sur-Hei­ko wird der­einst womög­lich, wenn auch sonst nicht viel, so doch als ein bedeu­ten­der unfrei­wil­li­ger Sprach­pflan­zer gelten.

Die Acta wer­den gegen Ende der Woche fortgesetzt.

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