16. Juni 2019

Man über­le­ge, was ein Kleist aus dem Marie­chen von Frei­burg, dem Fall der Fami­lie Laden­bur­ger, gemacht hät­te! Und wel­che wohl­fei­len Pro­tes­te auf der Buch­mes­se dage­gen hät­ten orga­ni­siert wer­den können!

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Vor­ges­tern radel­te ich noch ent­lang der Etsch, und ges­tern schon frag­te man mich, wes­halb ich denn die Hym­ne nicht mit­sän­ge; ich hät­te ja die Stro­phe, wor­in die Etsch als Süd­schei­de gen Welsch­land ihren heik­len Platz hat, weg­las­sen kön­nen, aber war­um ver­schlös­se ich mich bzw. mei­nen Mund auch der drit­ten? Sei ich denn ein Özil oder Boateng?

So schnell wird man vom Fest­red­ner zum Fest­och­sen! Ich muss­te den bra­ven Mann, einen Alten Her­ren einer für mich Unkun­di­gen nicht iden­ti­fi­zier­ba­ren Ver­bin­dung, mit der Bemer­kung abspei­sen, dass ich eben nicht sän­ge, also nicht im Chor und mit der Men­ge, daheim unter der Dusche oder beim Revier­rei­ni­gen näh­me ich es mit jeder Wag­ner-Par­tie auf, Isol­de und Brünn­hil­de inbe­grif­fen. Ja, und die Sen­ta erst! Joho-ho-hé! Aber die Natio­nal­hym­ne? Ich kön­ne sie so wenig mit­brum­meln, wie es mir wider­stre­be, an einer Mes­se teil­zu­neh­men, ich sei eben ein ver­na­gel­ter Que­ru­lant, dem die Kol­lek­ti­vis­ten im deut­schen Got­tes­staat der Athe­is­ten jeden Impuls ins Gemein­schaft­li­che abdres­siert hät­ten. In mir habe für alle Zei­ten der soli­tä­re, womög­lich soli­ta­ris­ti­sche Knall obsiegt. Anders bei Özil, der habe des­halb nie mit­ge­sun­gen, weil er einem ande­ren Kol­lek­tiv ange­hört, dort fal­set­tie­re er bestimmt brav zu Cüm­büş, Kabak-kemâ­ne und Sack­pfei­fe (Tulum). Boateng indes hät­te gewollt, konn­te sich aber bloß den Text der ers­ten bei­den Stro­phen mer­ken, und die kamen nie dran. Aber ich sin­ge nicht und kann nicht anders, hätt’ Allah mich bestimmt zum Hym­nen­mit­sin­ger, so hätt’ er mich als Hym­nen­mit­sin­ger geschaf­fen. Hergottsakra! 

Wo die Sze­ne spielt? Auf dem Bur­schen­tag der Deut­schen Bur­schen­schaft in Bachs Geburts­stadt, wo ich als sog. Fest­red­ner gela­den war. Die fesch kos­tü­mier­ten und mit Degen bewaff­ne­ten Herr­schaf­ten auf dem Podi­um blie­ben übri­gens wäh­rend mei­nes gesam­ten Vor­trags ste­hen, was mich anfangs etwas irri­tier­te – mein Publi­kum, wenn es sich schon nicht vor Kami­nen auf Eis­bä­ren­fel­len räkelt, soll wenigs­tens sit­zen –, doch schließ­lich still­te mich die Erwä­gung, dass ich ja sel­ber stün­de. An jenen Stel­len, wo der Applaus fäl­lig wur­de, ras­sel­ten die auf dem Podi­um mit ihren Degen, wäh­rend das Publi­kum im Saal teils hef­tig auf die Tische klopf­te. Hier bzw. dort herrscht noch Man­nes­zucht. (Einen Video-Mit­ge­schnitt gibt es dies­mal nicht; wer sich für das kru­de Zeug inter­es­siert, das ich vor­trug, fin­det es, lei­der eben ohne sekun­die­ren­des Waf­fen­ge­klirr, hier.)

Zur Hym­ne denn also. Alle drei Stro­phen wur­den am Ende gesun­gen, zum elek­tri­schen Pia­no­for­te, der­weil ich mit ver­näh­tem Mun­de immer­hin halb­wegs stramm­stand, wobei mich bei der ers­ten Stro­phe durch­aus sacht der Haber stach, wenn nicht gar der Haber­mas!, mei­nen Mund doch auf­zu­tun. Die ers­te ist ja, ästhe­tisch betrach­tet, ein­deu­tig die bes­te. Zwei und drei sind Kitsch. Aber gut, eine kit­schi­ge Hym­ne, das ist ein wei­ßer Schim­mel oder ein grü­ner Gau­ner. Deutsch­land wie­der­um ist das ein­zi­ge Land der Erde, wo nach Poli­zei und Ver­fas­sungs­schutz geru­fen wird, wenn jemand die voll­stän­di­ge Natio­nal­hym­ne singt. Deutsch­land ist aber auch das ein­zi­ge Land der Erde, das zwei Welt­krie­ge und oben­drein noch in der Vor­run­de gegen Süd­ko­rea ver­lo­ren hat; da wird man halt irgend­wann meschugge. 

Die ers­te Stro­phe gilt heu­te als revan­chis­tisch, weil sie geo­gra­phisch akku­rat den deut­schen Sprach- und Kul­tur­raum umreißt, den Gevat­ter von Fal­lers­le­ben wei­land als eini­ges Land ersehn­te, und man weiß nicht recht, was aus heu­ti­ger War­te dar­an falsch sein soll­te, denn es herrsch­ten ja dann Bunt­heit und Welt­of­fen­heit, Ener­gie­wen­de und Will­kom­mens­kul­tur, Gre­ta und Grü­ne von der Maas bis an jene Memel, an wel­cher jetzt Rus­sen, Weiß­rus­sen und Litau­er den Fort­schritt behin­dern wie in ande­ren einst­mals deut­schen Ost­lan­den die stör­ri­schen Pol­en­trol­le. Man stel­le sich vor: Mer­kel­deutsch­land in den Gren­zen von wenigs­tens 1937! Doch die Amts­vor­gän­ger von Trump, Putin und der Bre­x­i­teers hat­ten etwas dage­gen. Die zwei­te Stro­phe gilt als beson­ders kit­schig, was dem deut­schen Weiß­wein gegen­über unge­recht ist. Die drit­te mag ich nicht mehr hören, seit­dem ich weiß, wer sie sonst noch singt.

Sela, Hym­ne­nen­de.

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Kame­rad *** sen­det mir in regel­mä­ßi­gen Schü­ben die neu­es­ten Trou­vail­len aus Pres­se, Funk und Netz. Mit­un­ter grup­pie­ren sich die Fund­stü­cke zu selbst­er­klä­ren­den Col­la­gen, in denen die­ses auf sei­ne alten Tage immer ver­rück­ter wer­den­de Völk­chen qua­si en minia­tu­re abge­bil­det ist. Die gest­ri­ge Sen­dung bestand aus den fol­gen­den, jeg­li­cher Kom­men­tie­rung über­ho­be­nen Zeitungsbeiträgen:

» Der Tages­spie­gel for­dert in einem über­lan­gen Kom­men­tar, den selbst ein Grü­nen­wäh­ler nicht mehr als Bericht durch­ge­hen lässt, mehr oder weni­ger unver­hoh­len die Ent­fer­nung des „rech­ten” Kaba­ret­tis­ten Uwe Stei­m­le vom öffent­lich-recht­li­chen Brot­korb. Aus­zug: „2009 noch hat­te die Links­par­tei Stei­m­le in die Bun­des­ver­samm­lung gewählt, damals warb der Schau­spie­ler dort für sei­nen Kol­le­gen Peter Sodann als Bun­des­prä­si­den­ten. Der NDR kün­dig­te Stei­m­le anschlie­ßend als Schwe­ri­ner „Polizeiruf”-Fernsehkommissar. Stei­m­le war über­zeugt, dass er aus poli­ti­schen Grün­den und wegen Auf­müp­fig­keit raus­ge­schmis­sen wur­de.
Inzwi­schen hat Stei­m­le kei­ne Berüh­rungs­ängs­te mehr mit Rechts­po­pu­lis­ten. Er war 2018 gemein­sam mit Thi­lo Sar­ra­zin, Vera Lengs­feld, Eva Her­man, Uwe Tell­kamp und ande­ren Erst­un­ter­zeich­ner der ‚Gemein­sa­men Erklä­rung’, die Deutsch­land durch ‚ille­ga­le Mas­sen­ein­wan­de­rung beschä­digt’ sah.”

» „Der Zuzug von Men­schen aus Afri­ka, Syri­en und dem Irak wächst, weil die Bal­kan-Rou­te wie­der attrak­ti­ver wird”, mel­det die online-Aus­ga­be der Rhei­ni­schen Post. Deutsch­land blei­be wei­ter­hin das Haupt­ziel der Wan­dern­den. Der­zeit kämen 500 Asyl­be­wer­ber pro Tag nach Deutsch­land. (Mal 365. Mal Regie­rungs­jah­re CDU/CSU/SPD, dem­nächst Grüne.)

» „Micha­e­li­bad in Angst”, hetzt Bild Mün­chen. „Aggres­si­ve Jung­män­ner-Hor­den, oft mit Migra­ti­ons-Hin­ter­grund, dräng­ten ver­gan­ge­ne Woche zum Ran­d­ale­ma­chen ins Micha­e­li­bad. Die meis­ten hat­ten nicht mal Bade­sa­chen dabei. Es gab Pöbe­lei­en, Hand­greif­lich­kei­ten, schlim­me Dro­hun­gen. Auch im Dan­te­bad und im West­bad spiel­ten sich ähn­lich beängs­ti­gen­de Sze­nen ab, nur nicht so häu­fig. Die Poli­zei ermit­telt wegen Kör­per­ver­let­zung und Landfriedensbruch.”

In Mün­chen. Aus Essen oder Bre­men wür­den sol­che Peti­tes­sen wahr­schein­lich gar nicht gemel­det, das klärt man dort unter­ein­an­der. Nun wol­len Stadt­ver­wal­tung, Bäder­be­trei­ber und Poli­zei dem Trei­ben Ein­halt gebie­ten. Ein bril­lan­ter Plan sicker­te bereits durch: Ohne Bade­sa­chen soll bald kei­ner mehr ins Bad dürfen.

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Ein Mos­lem hat die Chan­ce zu sagen, es sei gegen Gott. Unser­ei­ner hat allen­falls die Chan­ce zu sagen, ein Mos­lem habe die Chan­ce zu sagen, es sei gegen Gott.

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Die FAZ teilt mit: „Rund 7,8 Mil­li­ar­den Euro konn­te das Ber­li­ner Ent­wick­lungs­mi­nis­te­ri­um im Jahr 2016 aus­ge­ben. Im sel­ben Jahr haben Migran­ten umge­rech­net 17,7 Mil­li­ar­den Euro aus Deutsch­land zurück in die Her­kunfts­län­der über­wie­sen. Das waren rund 6,5 Mil­li­ar­den mehr als noch im Jahr 2007, wie aus der Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf eine Anfra­ge der AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on hervorgeht.“

Zurück über­wie­sen. So so. Ich schla­ge vor, dass die Wahr­heits- und Qua­li­täts­pres­se künf­tig schreibt: Asyl­be­wer­ber erhal­ten in Deutsch­land ab sofort Sozi­al­hil­fe und Auf­ent­halts­recht zurück.

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Über­macht, ihr könnt es spü­ren,
Ist nicht aus der Welt zu ban­nen;
Mir gefällt zu kon­ver­gie­ren
Mit Geschei­ten, mit Tyrannen.

Da die dum­men Ein­ge­eng­ten
Immer­fort am stärks­ten poch­ten,
Und die Hal­ben, die Beschränk­ten
Gar zu gern uns unterjochten.

(Goe­the)

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Das führt uns zu den Musen, denen der Sonn­tag gehört, wengleich heu­te nur in Form eines Hin­wei­ses auf einen kom­men­den Tag des Herrn. Am 7. Juli prä­sen­tiert Ele­na Gurevich in Mün­chen ihr neu­es Pro­gramm, wel­ches nach ihr nie­mand bes­ser kennt als ich, denn sie spielt es als mein gutes Weib und Ehe­ge­spons am hei­mi­schen Flü­gel rauf und run­ter. Da ich Sie aber unmög­lich alle in mei­ne beschei­de­ne But­ze bit­ten kann, emp­feh­le ich zumin­dest den Süd­deut­schen unter den Besu­chern des klei­nen Eck­la­dens, an besag­tem Sonn­tag im Schloss Nym­phen­burg vor­bei­zu­schau­en, das Kon­zert beginnt um 17.00 Uhr, ein Spa­zier­gang durch den Park davor, eine Fla­sche Wein danach, so wüch­se zusam­men, was zusam­men­ge­hört… (Tickets gibt es hier.)

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Neue Schreib­wei­sen: Prophet*innenLegionär*innen Gladiator*innenRudersklav*innenSchinder*innen („Schin­der­han­ne­lo­ren” – Leser ***; „Fol­ter­magd” – Leser ***)Kreuzritter*innenSklavenjäger*innenJanitschar*innenHaremseunuch*innenMesserstecher*innenHenker*innenSalafist*innenSamenspender*innenGliedvorzeiger*innenZuhälter*innenStehpinkler*innenRaummörder*innenGruppenvergewaltiger*innenKidnapper*innenGeisterfahrer*innenBie­der­frau und Brandstifter*in „Patriarch*innen” (Freund ***)„Invasor*innen”  (Leser…