18. Juni 2019

Der Statt­hal­ter Kants auf Erden, St. Jür­gen, Tran­szen­den­tal­de­mo­krat, Welt­bür­ger, Auf­klä­rer und Deutsch­lands fit­tes­ter Dis­kurs­se­ni­or, fei­ert heu­te sei­nen neun­zigs­ten Geburts­tag. Bei der Zeit wer­den sei­ne Arti­kel in recy­cel­ba­rem Mate­ri­al gerahmt an Stell­wän­den im Foy­er ver­sam­melt, bei den Grü­nen knal­len die Bio­na­de­kor­ken, in allen sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Alten­hei­men bren­nen die Ker­zen, und füh­ren­de Ver­tre­ter der Wahr­heits- und Qua­li­täts­pres­se appli­zie­ren resp. appor­tie­ren ihre Gra­tu­la­ti­ons­leit­ar­ti­kel. Sie han­deln von jenem Tri­umph­zug, den der zwang­lo­se Zwang des bes­se­ren Argu­ments spe­zi­ell durch die Redak­tio­nen und Uni­ver­si­tä­ten antrat, wo heu­te die wis­sen­schaft­li­chen Geset­ze des kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­delns Bunt­heit und Viel­falt garan­tie­ren. „Wer da nicht mit­zieht, hat kei­ne Chan­ce” (A. Wendt). 

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Ich will mich beschrän­ken auf Gün­ter Masch­kes Bemer­kung, es sei im Grun­de über­flüs­sig, sich mit einer Theo­rie zu befas­sen, die täg­lich in den Mor­gen­nach­rich­ten erle­digt wer­de. Die­se sehr deut­sche Tat­sa­che – „Des­to schlim­mer für die Wirk­lich­keit!” – erklärt zugleich die Gel­tung des Gevat­ters in hirn­schwur­be­li­gen Krei­sen, wo fol­gen­frei pala­vert und The­rie­müll­hal­de auf Theo­rie­müll­hal­de gehäuft wird, das Prin­zip des skin in the game außer Kraft gesetzt ist und nie­mand sein Geld mit prak­ti­scher Arbeit ver­die­nen muss.

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Apro­pos kom­mu­ni­ka­ti­ves Han­deln. Dani­el Zim­mer­mann, Bür­ger­meis­ter von Mon­heim (NRW), hat einen Auf­tritt des (mir unbe­kann­ten) Kaba­ret­tis­ten Kay Ray in der von ihm ver­ant­wor­tungs­voll ver­wal­te­ten Kom­mu­ne ver­bo­ten. Er kön­ne kei­ne Ver­an­stal­tung dul­den, „die die Gren­zen des Dis­kur­ses in erheb­li­cher Wei­se nach rechts ver­schiebt”. Wenn Deutsch­land schon sei­ne Lan­des­gren­zen nicht kon­trol­liert, ist es löb­lich, dass ein deut­scher Kom­mu­nal­po­li­ti­ker wenigs­tens die kaba­ret­tis­ti­schen Gren­zen schützt. 

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Man soll sagen: Deutsch­land in den Sati­re­gren­zen von 2019.

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Ein paar Wor­te zum Jubi­lä­um des Grund­ge­set­zes, das jetzt fast so alt ist wie der Haber­mas und soli­de Chan­cen hat, des­sen momen­ta­nes Alter auch noch zu errei­chen (wobei ich nicht dar­auf wet­ten wür­de), ein paar Wor­te zum Grund­ge­setz erbat sich, aller­dings etwas zu spät, der Ver­an­stal­ter des Bur­schen­ta­ges, wo ich am Sams­tag sprach (sie­he Acta vom 16.) Aber da war die Rede schon fer­tig geschrie­ben und ohne­hin zu lang. Über­dies fällt mir zu die­sem The­ma wenig ein. Ich wur­de unter der auf dem Papier ja ganz nett klin­gen­den Ver­fas­sung der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik real­so­zia­li­siert und weiß also, wie leicht die­se Gum­mi­pa­ra­gra­phen wie­gen, wie fle­xi­bel sie sich aus­le­gen las­sen: „Alle poli­ti­sche Macht in der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik wird von den Werk­tä­ti­gen in Stadt und Land aus­ge­übt. Der Mensch steht im Mit­tel­punkt aller Bemü­hun­gen der sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft und ihres Staa­tes.” (Arti­kel 2.1, Fas­sung von 1974). 

Zunächst ein­mal: Das Grund­ge­setz ist eine Ver­fas­sung und zugleich auch wie­der nicht, zumin­dest kei­ne end­gül­ti­ge. Das haben sich nicht die Reichs­bür­ger aus­ge­dacht, son­dern die Elter 1 und Elter 2 des GG sel­ber, des­sen Arti­kel 146 bekannt­lich lau­tet: „Die­ses Grund­ge­setz, das nach Voll­endung der Ein­heit und Frei­heit Deutsch­lands für das gesam­te deut­sche Volk gilt, ver­liert sei­ne Gül­tig­keit an dem Tage, an dem eine Ver­fas­sung in Kraft tritt, die von dem deut­schen Vol­ke in frei­er Ent­schei­dung beschlos­sen wor­den ist.”

Gewief­te Advo­ka­ten behaup­ten jetzt frei­lich: „Arti­kel 146 gibt kei­ne Hand­lungs­emp­feh­lung vor. Er besagt nicht, dass das Grund­ge­setz durch eine vom Volk bestimm­te Ver­fas­sung abge­löst wer­den soll oder muss. Es besagt nur, dass das Grund­ge­setz durch eine vom Volk bestimm­te Ver­fas­sung abge­löst wer­den kann. Anders aus­ge­drückt besagt Arti­kel 146 also ledig­lich: ‚Sobald Gesetz B in Kraft tritt, ver­liert Gesetz A sei­ne Gül­tig­keit.’ Damit wird aber in kei­ner Wei­se impli­ziert, dass Gesetz A bis zu die­sem Zeit­punkt kei­ne Legi­ti­mi­tät besitzt.”

Nein, das nicht. Doch die­se Argu­men­ta­ti­on wirkt trotz­dem nicht ganz was­ser­dicht. In Art. 146 wird ein „in frei­er Ent­schei­dung” sta­tu­iert und in Aus­sicht gestellt. Wie unser Auge nach dem Schlie­ßen auto­ma­tisch ein Nach­bild eines betrach­te­ten hel­len Objekts in des­sen Kom­ple­men­tär­far­be bil­det, wird hier die unfreie Ent­schei­dung vor dem inne­ren Auge vor­stel­lig. Ein sata­ni­scher Vers?

Die sata­ni­schen Ver­se, Sie erin­nern sich, so heißt nicht nur ein Roman von Sal­man Rush­di, mit dem sich der Schrift­stel­ler in die Sphä­re der dro­hen­den ritu­el­len Schäch­tung empor­ge­schrie­ben hat, es soll die­se Ver­se tat­säch­lich geben. Der Schai­tan, heißt es, hat sie gespro­chen. Die Bege­ben­heit ist in der isla­mi­schen Über­lie­fe­rung fest­ge­hal­ten, es geht um Sure 53, Ver­se 19–20: „Was meint ihr wohl zu al-Lat und al-‚Uzzā und auch zu Manāt, die­ser ande­ren, der drit­ten?” Nach einer bei at-Tabarī erhal­te­nen Über­lie­fe­rung fuhr Moham­med nach der Erwäh­nung der heid­ni­schen Göt­tin­nen des vor­is­la­mi­schen Mek­ka auf­grund der Ein­flüs­te­rung Satans fort mit den nicht kano­ni­sier­ten Wor­ten: „Das sind die erha­be­nen Kra­ni­che. Auf ihre Für­bit­te darf man hoffen.”

In der gül­ti­gen Fas­sung sind die heid­ni­schen Göt­zen eli­mi­niert, doch Satan ver­sucht immer wie­der, an die­ser Stel­le in den hei­li­gen Text ein­zu­drin­gen; ein über­aus poe­ti­scher Gedan­ke. Den his­to­ri­schen Hin­ter­grund – es ging wohl um eine zwi­schen­zeit­li­che Kon­zes­si­on an einen heid­ni­schen Stamm – schen­ken wir uns, denn wir müs­sen uns den sata­ni­schen Ver­sen des hl. Grund­ge­set­zes zuwen­den. Die „freie Ent­schei­dung” in Arti­kel 146 ist so einer. Man­che behaup­ten inzwi­schen, das im GG noto­risch als Sou­ve­rän her­um­geis­tern­de „deut­sche Volk” stam­me eben­falls aus der Höl­len und ihrer Spe­lunck. Ich hin­wie­der­um wür­de eher die For­mu­lie­rung, die Bun­des­re­pu­blik sei ein „sozia­ler Bun­des­staat” (Art. 20.1) und „sozia­ler Rechts­staat” (28.1) zu den Ein­flüs­te­run­gen von Meis­ter Uri­an zäh­len, denn das Framing des Rechts­staats mit dem Attri­but „sozi­al” – statt des kur­zen und bün­di­gen „Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist ein Rechts­staat” – hat Letz­te­rem gewis­ser­ma­ßen ein Fuß­ei­sen ange­legt, wel­ches im Lau­fe der Jah­re und der poli­ti­schen Links­drift immer schwe­rer wur­de, und womög­lich kann der arme Rechts­staat eines Tages des­halb nicht mehr lau­fen. Ähn­lich steht es um den Bom­bast des ers­ten Sat­zes, wonach der Schutz der Men­schen­wür­de die wich­tigs­te Auf­ga­be des Staa­tes sei, prä­lu­die­rend hin­ein­gra­viert in eine Geset­zes­ta­fel, die gleich­sam auf Lei­chen­ber­gen errich­tet wur­de, aber nie­mand wäre damals auf die sata­ni­sche Idee gekom­men, Deutsch­land wer­de der­einst mora­lisch noch wei­ter als jemals mili­tä­risch expan­die­ren und den hal­ben Glo­bus mit dem elas­ti­schen Ana­kon­da­maul sei­nes Men­schen­wür­de­pa­ra­gra­phen zu umschlie­ßen suchen.

Und wie ver­hält es sich mit dem Vers „Poli­tisch Ver­folg­te genie­ßen Asyl­recht”? Auch ein sata­ni­scher? Nein. Teuf­lisch ist des­sen Pra­xis. Teuf­lisch ist, dass bei uns Ter­ro­ris­ten, IS-Kom­bat­tan­den und ande­re Radi­ka­le unge­hin­dert ins Land strö­men und der Satz inzwi­schen lau­tet: Poli­ti­sche Ver­fol­ger genie­ßen Asylrecht. 

PS: Was die von Art. 146 in Aus­sicht gestell­te, in frei­er Ent­schei­dung beschlos­se­ne Ver­fas­sung betrifft: Die wird für die Bun­des­re­pu­blik heu­ti­gen Zuschnitts nie gel­ten, die wird sich allen­falls ein deut­sches Rest­volk auf einem Sezes­si­ons­ter­ri­to­ri­um geben.

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Wäh­rend Regie­rung und Medi­en über sin­ken­de Kri­mi­na­li­täts­zah­len froh­lo­cken, mel­det die Welt, dass laut Bun­des­kri­mi­nal­amt anno 2018 „im Bereich Mord, Tot­schlag, Tötung auf Ver­lan­gen” 230 Deut­sche einer Straf­tat zum Opfer gefal­len sind, an der min­des­tens ein tat­ver­däch­ti­ger Zuwan­de­rer betei­ligt war; ein Anstieg von 105 Pro­zent im Ver­gleich zu 2017. „Im Bereich der Straf­ta­ten gegen die sexu­el­le Selbst­be­stim­mung wur­den 3261 Deut­sche Opfer einer Straf­tat mit min­des­tens einem tat­ver­däch­ti­gen Zuwan­de­rer und somit 21 Pro­zent mehr als noch im Vorjahr.”

Ins­ge­samt wur­den 46.336 Deut­sche Opfer von Straf­ta­ten mit tat­ver­däch­ti­gen Zuwan­de­rern (umge­kehrt 8455 Asyl­be­wer­ber und Flücht­lin­ge einer Straf­tat durch einen deut­schen Tatverdächtigen).

Schnitt.

Nach der Ermor­dung des Kas­se­ler Regie­rungs­prä­si­den­ten Wal­ter Lüb­cke (CDU) – Lüb­cke hat­te zuvor mit sei­ner Äuße­rung, wer mit der Mas­sen­ein­wan­de­rung nach ’schland nicht ein­ver­stan­den sei, müs­se halt aus­wan­dern, in der „rech­ten Sze­ne” einen Wut­sturm aus­ge­löst, der Tat­ver­däch­ti­ge gilt als die­ser Sze­ne zuge­hö­rig; mehr ist noch nicht bekannt – warnt der „Rechts­ex­tre­mis­mus­for­scher” Gide­on Botsch vor einer erhöh­ten Ter­ror­ge­fahr. „Die nächs­ten 12 bis 18 Mona­te wer­den beson­ders gefähr­lich”, sag­te der Lei­ter der For­schungs­stel­le für Anti­se­mi­tis­mus und Rechts­ex­tre­mis­mus des Moses-Men­dels­sohn-Zen­trums an der Uni­ver­si­tät Potsdam.

Ja, das wer­den sie. Die 50.000er Mar­ke bei unmit­tel­ba­ren deut­schen Will­kom­men­kul­tur­ge­schä­dig­ten wird in die­sem Zeit­raum mit Sicher­heit geknackt.

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Nach­rich­ten aus der Kompetenzgesellschaft:

Studium Architektur Dresden Kopie

PS: „Immer­hin”, schreibt Leser ***, „haben Sie Ihren Lesern nicht durch Kür­zun­gen oder Mani­pu­la­tio­nen des Rund­schrei­bens ver­schwie­gen, dass die hier erwähn­ten Leis­tungs­punk­te ohne Ver­no­tung ver­ge­ben wer­den. Zur Ein­ord­nung gehört es aber doch der Hin­weis, wie vie­le Leis­tungs­punk­te hier ver­ge­ben wer­den – immer­hin gan­ze 3 –, in wel­chem Bereich dies geschieht – Modu­le mit der Bezeich­nung ‚AQUA_ZQ’ ste­hen in kei­nem Zusam­men­hang mit einer fach­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on – und wel­che Bedeu­tung die­ser Leis­tungs­nach­weis für den Stu­di­en­ab­schluss ins­ge­samt hat – kurz gesagt: kei­ne, was sich ers­tens aus der feh­len­den Beno­tung ergibt und zwei­tens dar­aus, dass im Rah­men des gesam­ten Stu­di­ums 330 Leis­tungs­punk­te erwor­ben wer­den müs­sen (selbst wenn die­ser genüß­lich auf­ge­spieß­te Leis­tungs­nach­weis beno­tet wür­de, wür­de er also weni­ger als 1 % der gesam­ten Stu­di­en­leis­tung ausmachen).

Wie traum­wand­le­risch leicht Sie das ohne­hin nicht hohe Niveau die­ses Rund­schrei­bens unter­bie­ten und schluss­end­lich nur sich selbst bla­mie­ren, ist aller Ehren wert.”

Schon recht, geehr­ter Herr ***, nur: Wie könn­te ich das Niveau eines Schrei­bens unter­bie­ten, indem ich es unkom­men­tiert ver­öf­fent­li­che? Aber da Sie mei­ne Gedan­ken lesen kön­nen: Ich bin in der Tat der Ansicht, dass ein Archi­tek­tur­stu­dent (aber auch ein Physik‑, Maschinenbau‑, Infor­ma­tik­stu­dent etc.) durch die­sen Staats­fröm­mig­keits- oder mei­net­hal­ben Nächs­ten­lie­be­nach­weis nicht ein ein­zi­ges Leis­tungs­pünkt­chen erwer­ben kön­nen sollte.

                                  ***

Ein paar Alters­tu­fen tie­fer – wobei: sicher ist das nicht – arti­ku­liert sich die Kom­pen­tenz­ge­sell­schaft so: 

PastedGraphic 1 Kopie

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Und eine Gesell­schaft frü­her – man­che mei­nen frei­lich, die heu­ti­ge sei nur ein Inter­re­gnum zwi­schen den Sozia­lis­men – las sich das so:

IMG 6053

Habe ich hier, glau­be ich, schon mal ver­öf­fent­licht, aber des wie­der­hol­ten Schwel­gens dar­in mag sich ver­schlie­ßen, wer da kann!

(Das war jetzt übri­gens Framing.)

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