19. Juni 2019

Ges­tern erst ließ ich mich an die­ser Stel­le mehr schüt­teln als rüh­ren von der Sta­tis­tik, dass unse­re Neu­mit­bür­ger von spe­zi­ell Mer­kels Gna­den inzwi­schen schon pro Dop­pel­jahr unge­fähr so vie­le Ein­ge­bo­re­ne über die Wup­per oder um die Ecke brin­gen, wie es Hon­eckers frei­lich weit weni­ger zahl­rei­che und z.T. auch skru­pu­lö­se Mau­er­schüt­zen in einem Vier­tel­jahr­hun­dert schaff­ten, da kommt schon der Chris­ti­an Wul­ff daher – woher eigent­lich? – und jauch­zet froh­lo­ckend, der „gro­ße Flücht­lings­zu­zug” wer­de sich für Deutsch­land „zu einem ähn­li­chen Glücks­fall ent­wi­ckeln wie die deut­sche Ein­heit”, außer viel­leicht für Mia, Maria und die ande­ren will­kom­mens­kul­tu­rell Weg­ge­ho­bel­ten (auf die­se Festel­lung hat er ver­zich­tet). In eini­gen Jah­ren, also noch ein paar hun­dert Kol­la­te­ral­l­ei­chen und umver­teil­te Steu­er­mil­li­ar­den spä­ter, wer­de Deutsch­land auf die­se nicht nur Blut­ab­zap­fung, son­dern vor allem ‑zufuhr als „gro­ßen Moment sei­ner Geschich­te” zurück­bli­cken. Unge­fähr so wie man zu Stam­bul heu­te noch mit Won­ne und Wohl­ge­fal­len auf den gro­ßen Moment der geheim­nis­vol­len Öff­nung der Ker­ka­por­ta samt der anschlie­ßen­den Kir­mes zurück­blickt? Ja, unge­fähr so, wenn­gleich zeit­lich weit weni­ger gerafft. Es wird ein völ­lig ande­res Deutsch­land sein, wel­ches dann zurück­blickt, ein noch bes­se­res Deutsch­land als das der­zeit immer­hin bes­te, dem das from­me ori­en­ter­wei­tern­de Groß­kol­lek­tiv, des­sen Zuge­hö­rig­keit zu Deutsch­land Wul­ff damals schon als Bun­des­prä­si­dent beschwor, nicht mehr nur als ein Teil ange­hört, son­dern womög­lich umgekehrt.

Alles Gro­ße steht im Sturm, aber dort­selbst gott­lob nicht zwin­gend kanz­le­rin­nen­see­len­al­lein. Wul­ff gewis­ser­ma­ßen zur Sei­te sprang heu­te Jasper von sowohl Alten­bockum als auch der FAZ, dem ver­gan­ge­ne Nacht per Dun­kel­feld­post die Infor­ma­ti­on zuge­stellt wor­den war, dass der Mord­be­fehl gegen den CDU-Lokal­po­li­ti­ker Wal­ter Lüb­cke direkt aus der AfD-Par­tei­zen­tra­le, dem soge­nann­ten – in der Münch­ner Bri­en­ner Stra­ße direkt unter dem heu­ti­gen Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum gele­ge­nen – Blau­en Haus stam­men soll. Und zwar buch­stäb­lich soll! Der getreue Jasper mal­te einen Dru­den­fuß auf den Kon­fe­renz­tisch aus Eichen­holz, an dem schon Karl Korn, Paul Set­he und der Dr. Faust geses­sen haben, schrieb an die fünf Ecken die Namen: Wei­del, Meu­then, v. Storch, vom Gau­land und zum Höcke, über­ant­wor­te­te dem Pen­del die wei­te­re Recher­che, und sie­he, immer­dar schwang der Wün­schel­stein zwi­schen Drei­en der Fün­fe hin und her. Die „Gau­lands, Meu­thens und Wei­dels”, fol­ger­te Alten­bockum, hät­ten den Lüb­cke irgend­wie auf ihrem eigent­lich gar nicht exis­tie­ren­den Gewis­sen. Sie hat­ten „das Unsäg­li­che sag­bar machen” wol­len, und die­ses „Unsäg­li­che, das sag­bar gemacht wer­den soll, beglei­tet auch den Mord”. Es wäre „schön”, beschloss der bal­ti­sche resp. west­fä­li­sche Adels­spät­ling sei­ne magi­sche Betrach­tung, wenn „die AfD vom Mord an Wal­ter Lüb­cke zur Umkehr (Met­a­noia – M.K.) bewo­gen wür­de. Dann könn­te sie sich aller­dings, man­gels Platz im bür­ger­li­chen Spek­trum, gleich ganz auf­lö­sen.” Die Kanz­le­rin soll bei der Lek­tü­re die­ses Leit­ar­ti­kels vor Freu­de am gan­zen Leib gezit­tert haben.

Somit war die Lat­te, um ein der hier zele­brier­ten Gesin­nungs­ath­le­tik ange­mes­se­nes pro­fa­nes Bild zu wäh­len, hoch gelegt. Jedoch nicht für einen Täu­be­rich! Mit der Bot­schaft: „Die poli­ti­sche Gewalt und Gewalt­be­reit­schaft von rechts nimmt zu” – nimmt zu, das ist etwas völ­lig ande­res als liegt vorn –, ergriff ein ande­rer Ehe­ma­li­ger, der frü­he­re CDU-Gene­ral­se­kre­tär Peter Tau­ber, die Gele­gen­heit zum Come­back. „Die AfD im Deut­schen Bun­des­tag und in den Län­der­par­la­men­ten leis­tet dazu einen Bei­trag”, setz­te der Lock­tau­ber sei­ne Gedan­ken­flug­schau fort. „Sie hat mit der Ent­gren­zung der Spra­che den Weg berei­tet für die Ent­gren­zung der Gewalt. Eri­ka Stein­bach, einst eine Dame mit Bil­dung und Stil, demons­triert die­se Selbstra­di­ka­li­sie­rung jeden Tag auf Twit­ter. Sie ist eben­so wie die Höckes, Ottes und Wei­dels durch eine Spra­che, die ent­hemmt und zur Gewalt führt, mit­schul­dig am Tod Wal­ter Lüb­ckes.” Dies­mal die Höckes, Wei­dels und Ottes. Wes­sen Pen­del geht falsch? Na, egal, der Mer­kel-Zög­ling mit der Jens-Leh­mann-Stim­me ist dem FAZ-Leit­ar­tik­ler sowie­so über. Tau­ber will näm­lich Asyl­kri­ti­kern die Grund­rech­te ent­zie­hen. Wie mag das kon­kret aus­se­hen? Inter­net-Sper­re? PC-Ver­bot? Par­tei­mit­glied­schafts-Ver­bot? Moschee­be­suchs-Ver­bot? Kin­der­auf­zuchts-Ver­bot? AfD-Verbot?

Als ein ande­res, wei­te­res Exem­pel für die zuneh­men­de rech­te Gewalt nann­te Tau­ber übri­gens den Angriff auf Andre­as Hol­lstein, CDU-Bür­ger­meis­ter von Alte­na, der im Novem­ber 2017 „einen Mord­ver­such” nur „dank des Ein­grei­fens zwei­er Mit­bür­ger über­lebt” habe. Dass der „Atten­tä­ter” mit einer zwei­jäh­ri­gen Haft­stra­fe davon­kam, die oben­drein zur Bewäh­rung aus­ge­setzt wur­de, sei „ein schlech­ter Witz”. Tat­säch­lich trug der Stadt­pfle­ger bei dem besag­ten Mes­ser­an­griff eine leich­te ober­fläch­li­che Ver­let­zung davon. Der Täter hat­te das Mes­ser nur „auf­ge­setzt”. Im Gegen­satz zu den ursprüng­li­chen Medi­en­be­rich­ten han­del­te der betrun­ke­ne Arbeits­lo­se nicht aus poli­ti­schen, son­dern aus per­sön­li­chen Moti­ven. Die Tat geschah nicht geplant, son­dern spon­tan (mehr dazu hier).

Wul­ff, Alten­bockum, Tau­ber – welch ein Ter­zett! Wer däch­te nicht stracks an Miza­ru, Kika­za­ru und Iwa­za­ru! Aber wir haben bei J. Haber­mas gelernt, dass der auf­ge­klär­te, kos­mo­po­li­ti­sche Intel­lek­tu­el­le dif­fe­ren­zie­ren muss, sogar zwi­schen Nol­te, Stür­mer und Hill­gru­ber, zual­ler­erst dif­fe­ren­zie­ren! Also dif­fe­ren­zie­ren: Der Wul­ff ist ein ver­trot­tel­ter Oppor­tu­nist, der Alten­bockum ein schrei­ben­der Call­boy und der Tau­ber halt ein gewöhn­li­cher Lump. Sofern man einen ver­setz­ten Täter und poli­ti­schen Men­schen­fres­ser auf einen so simp­len Begriff aus der mora­li­schen Welt kom­pri­mie­ren mag.

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„Der Deut­sche Ste­phan Ernst – gut, dass hier end­lich mal spon­tan der Vor­na­me und die Natio­na­li­tät genannt wird – stammt ver­mut­lich aus einem rechts­ex­tre­men Umfeld. Außer­dem war er Bogen­schüt­ze im Schüt­zen­ver­ein. Er kommt im Fall Lüb­cke als Täter infra­ge”, schreibt Leser ***.
„Aber viel wich­ti­ger ist es, dass wir jetzt alle Hal­tung zei­gen und auf­ste­hen gegen Links. Die­se tra­gi­sche Tat ist Was­ser auf die Müh­len der Lin­ken, es muss ver­hin­dert wer­den, dass Lin­ke die­se Tat für ihre Zwe­cke instrumentalisieren.”

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Mit Sekun­där­tu­gen­den kann man prak­tisch nur Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger betrei­ben. Die Wach­sam­keit indes gehört zu den deut­schen Pri­mär­tu­gen­den, mit denen sich Zivil­ge­sell­schaf­ten orga­ni­sie­ren lassen.

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Milo

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