23. Juni 2019

Der Angriff auf die Zivi­li­sa­ti­on kommt wie­der aus Deutschland.

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Ob der 2018er Jahr­gang der Acta diur­na womög­lich noch nicht erschie­nen sei, weil ein Urteil des Land­ge­richts Bre­men befun­den hat, der Ter­mi­nus „Gold­stü­cke” kön­ne „Hass­re­de” sein, erkun­digt sich Leser ***. 

Ach was! Das Buch ist erschie­nen und lie­fer­bar, hier oder hier oder hier. Etwas Bes­se­res als Bre­men fin­den wir überall!

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Horst See­hofer, immer­hin der deut­sche Innen­mi­nis­ter, will sich womög­lich sel­ber der Bür­ger­rech­te ent­schla­gen. Damit greift er eine Idee von Joseph McCar­thy bzw. Peter Tau­ber auf. Der Minis­ter kün­dig­te an, er las­se die Mög­lich­keit prü­fen, Demo­kra­tie­fein­den die Grund­rech­te zu ent­zie­hen. Zwar kann nach Art. 18 GG, auf den sich erst der Lock­tau­ber und nun See­hofer beru­fen, ein­zig das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt über einen sol­chen Fall befin­den, aber war­um nicht noch ein biss­chen her­um­ran­da­lie­ren, bevor man aufs Alten­teil gesetzt wird und mit Bau­klöt­zen spielt? Der FAZ zufol­ge dräu­te See­hofer: „Belei­di­gung, Ver­leum­dung, Volks­ver­het­zung gehö­ren off­line wie online ver­folgt. Wenn die Poli­tik die Ein­däm­mung von Hass­kom­men­ta­ren ernst­haft will, müs­sen wir sie auch rea­li­sie­ren, natür­lich in den Gren­zen der Ver­fas­sung.” An die „Adres­se der AfD” (FAZ) sag­te der Minis­ter, „jeder soll­te sei­ne Wor­te sorg­sam abwä­gen. Wor­te kön­nen das Vor­feld für Het­ze, Het­ze das Vor­feld für Taten sein”. Für ihn bestehe ein Zusam­men­hang „zwi­schen der Spra­che und sol­chen Exzes­sen der Gewalt”.

Der „Exzess”, den See­hofer hier in den Plu­ral tüt­telt, ist der mut­maß­li­che, jeden­falls noch nicht auf­ge­kär­te Mord an dem Kas­se­ler CDU-Lokal­po­li­ti­ker Wal­ter Lüb­cke, ein klas­si­scher Ein­zel­fall. Wer die hyä­nen­haf­te Gier beob­ach­tet, mit der sich deut­sche Öffent­lich­keits­ar­bei­ter mit­samt des Polit­spren­gels zur Instru­men­ta­li­sie­rungs­hatz zusam­men­fin­den, dem könn­te angst und ban­ge wer­den, sofern er nicht längst ein bezugs­fer­ti­ges Exil vor­be­rei­tet hat. Man hat die­sem Land die Nazi­men­ta­li­tät nie­mals aus­trei­ben kön­nen, nur die Zahl der Nazis ist immer­hin erfreu­lich stark zusam­men­ge­schmol­zen. Aber der klei­ne Dok­tor wäre stolz auf die aktu­el­le Feind­stif­te­rei des publi­zis­ti­schen Frei­korps von der Ham­bur­ger Relotiusspitze:

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Zurück indes zu See­hofer, der sich an die Spit­ze der Bewe­gung set­zen und die Jagd auf die Hin­ter­män­ner des Ein­zel­fall­tä­ters eröff­nen will. „Bis zur letz­ten Patro­ne” wer­de sich die Ber­li­ner Koali­ti­on gegen „eine Zuwan­de­rung in die deut­schen Sozi­al­sys­te­me” weh­ren, hat der CSU-Vor­sit­zen­de beim poli­ti­schen Ascher­mitt­woch 2011 in Pas­sau geflun­kert. Damals gab es die AfD noch nicht, und er muss­te die Stel­lung ganz allei­ne hal­ten. Wird er jetzt, wie der Dorf­rich­ter Adam, gegen sich selbst ermitteln?

Gut, mag der eine oder ande­re mei­nen, das war eine Ascher­mitt­wochs­re­de, da gilt Nar­ren­recht. Aber wir leben in tugend­ter­ro­ris­ti­schen Zei­ten, in denen auch die­se letz­te Frei­heit geschleift wird, sofern Rech­te sie miss­brau­chen. Peter Frey, der Chef­re­dak­teur des ZDF, ver­si­cher­te mir vor hun­der­ten Zuhö­rern, ich wer­de nie ins Zwei­te Deut­sche Fern­se­hen ein­ge­la­den – Had­mut Danisch schlägt vor, es in „Zwie­lich­ti­ges Deut­sches Fern­se­hen” umzu­tau­fen –, weil ich mich erfrecht habe, den Bun­des­prä­si­den­ten eine „Mario­net­te” zu nen­nen, zwar eben­falls in einer Ascher­mitt­wochs­re­de und oben­drein als Rol­len­pro­sa, doch der Ascher­mitt­wochs­red­ner darf nicht mehr die Zun­ge in Unschuld waschen. 

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Auch die Kanz­le­rin hat zum „Wider­stand” (Spie­gel online) gegen Rechts­ex­tre­mis­mus auf­ge­ru­fen. Die­ser müs­se „in den Anfän­gen bekämpft wer­den und ohne jedes Tabu”, sag­te sie sprach­fein „vor Tau­sen­den Gläu­bi­gen” (so Spie­gel online in einem wahr­schein­lich unbe­wuss­ten Geis­tes­blitz) beim Evan­ge­li­schen Kir­chen­tag in Dort­mund. „Sonst haben wir einen voll­kom­me­nen Ver­lust der Glaub­wür­dig­keit”, fuhr die Frem­den­füh­re­rin fort. Ob sie die Beto­nung auf „voll­kom­men” legen wollte? 

Der besag­te Tag der Kir­che derer, die nicht mehr an Gott glau­ben kön­nen und des­we­gen nach immer neu­en umtanz­ba­ren Totem­pfäh­len der inner­welt­li­chen Erlö­sung gei­len und gie­ren, mach­te, wie man sagt, Schlag­zei­len, weil man die Mit­glie­der der AfD aus der Gemein­schaft der eins­ti­gen Got­tes­kin­der ver­sto­ßen hat. Manch guter Pro­tes­tant wer­tet das als eine muti­ge Tat, ande­re neh­men es als Anlass zum Aus­tritt (man ver­fol­ge die Kom­men­ta­re).

Merke(l): Als Groß­im­por­teu­rin von Anti­se­mi­ten und Chris­ten­ver­fol­gern darfst du beim Grü­nen-Par­tei­tag der Fot­zen­ma­ler­kir­che spre­chen, als christ­li­cher Abend­län­der nicht. Und das ist rich­tig so!

(Mehr dazu, in Erin­ne­rung an Zei­ten, da man Spie­gel-Autoren noch beim Namen kann­te, hier.)

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Apro­pos „bis zur letz­ten Patro­ne” (See­hofer). Arti­kel 20 GG, Absatz 2 bis 4:

„Alle Staats­ge­walt geht vom Vol­ke aus. Sie wird vom Vol­ke in Wah­len und Abstim­mun­gen und durch beson­de­re Orga­ne der Gesetz­ge­bung, der voll­zie­hen­den Gewalt und der Recht­spre­chung aus­ge­übt.
Die Gesetz­ge­bung ist an die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung, die voll­zie­hen­de Gewalt und die Recht­spre­chung sind an Gesetz und Recht gebunden.
Gegen jeden, der es unter­nimmt, die­se Ord­nung zu besei­ti­gen, haben alle Deut­schen das Recht zum Wider­stand, wenn ande­re Abhil­fe nicht mög­lich ist.”

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Wal­ter Lüb­cke, Allah erfül­le sein Wün­sche im Jen­seits wie im Dies­seits, hat­te auf einer öffent­li­chen Ver­samm­lung über die Geg­ner der Her­ein­win­kung immer neu­er Migran­ten­mas­sen gesagt, wer die­se Poli­tik nicht gut­hei­ße, kön­ne ja aus­wan­dern. Wenn umge­kehrt ein AfD-Poli­ti­ker Geg­nern der AfD-Poli­tik die Aus­wan­de­rung emp­foh­len hät­te, wäre das mit Sicher­heit als Hass & Het­ze ver­dammt und mul­ti­me­di­al fla­tu­liert wor­den. Ich bin geneigt, auch Lüb­ckes Emp­feh­lung dem Hass aufs Holz zu ker­ben, dem dunk­len Zwil­lings­bru­der des Frem­den­has­ses, dem Hass aufs Eigene.

„Die Reprä­sen­tan­ten des demo­kra­ti­schen Rechts­staa­tes sind nicht befugt, im Resul­tat einer spon­ta­nen Gefühls­auf­wal­lung oder in kal­ku­lier­ter Ver­wirk­li­chung einer poli­ti­scher Uto­pie die gesam­te Mensch­heit als poten­zi­el­le Mit­bür­ger zu behan­deln und von ihrem Volk die dazu nöti­gen Soli­da­ri­täts­leis­tun­gen zu erzwin­gen. Denn die ‚Ret­tung der Welt‘ ist kein Ver­fas­sungs­ziel”, schreibt Lothar Frit­ze in sei­nem Buch „Der böse gute Wille”.

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Ges­tern Abend Auf­tritt als Podi­ums­mit­her­um­sit­zer und Ter­zett­kom­plet­tie­rer auf einer Ver­an­stal­tung in Loh­men, Säch­si­sche Schweiz. Auf der Fahrt dort­hin der herr­li­che Blick durchs Elb­tal Rich­tung Lili­en- und König­stein. Kein ein­zi­ges Wind­rad schän­det die Land­schaft. Das Are­al ist zum Natio­nal­park erklärt wor­den (das Kom­po­si­tum wird sicher­lich in Bäl­de ana­log zur „Mann­schaft” des Bestim­mungs­wor­tes ent­le­digt wer­den), eine Art regio­na­le Immun­re­ak­ti­on auf die grü­ne Krankheit.

Ver­an­stal­te­rin war die Dresd­ner Buch­händ­le­rin Susan­ne Dagen. Am Vor­mit­tag soll­te der Kaba­ret­tist Uwe Stei­m­le auf­tre­ten – die T‑Shirts mit der Auf­schrift „Volk ohne Traum”, heißt es, sei­en bereits bügel­be­reit gewe­sen –, doch der sag­te Knall auf Fall ab. Es ward gemun­kelt, der Bra­ve habe Angst um sei­nen öffent­lich-recht­li­chen Zit­zen­zu­gang bekom­men und sei womög­lich buch­stäb­lich mit der Ent­zugs­dro­hung erpresst wor­den, sofern er auf ein Podi­um stei­ge, wel­ches zwar erst Stun­den spä­ter, aber immer noch unter der­sel­ben Schirm­f­rau­schaft zum lite­ra­ri­schen Blocks­berg umge­rüs­tet wer­de, um dort­selbst einen Hos­ti­en­fre­vel namens „Mit Rech­ten lesen” in Sze­ne zu setzen. 

Letz­te­rer fand gleich­wohl statt. Ich hat­te mir als Gast der ers­ten coram publi­co zele­brier­ten Fol­ge die­ser Lite­ra­tur­dis­kus­si­on aus­ge­be­ten, dass kei­ne soeben erschie­ne­nen Bücher bespro­chen wer­den möch­ten, weil ich weder die Muße noch die Indo­lenz besä­ße, mich auf der Suche nach wenigs­tens Nar­ren­gold (Pyrit) durch einen Berg Neu­erschei­nungs­pro­sa zu schlä­geln. Außer­dem täte sich mein Aktua­li­täts­zeit­fens­ter ohne­hin unge­fähr bei Homer auf, ich wür­de also in jedem Fall ein aus mei­ner Sicht aktu­el­les Opus vor­stel­len und emp­feh­len. Die bei­den Damen gin­gen dar­auf ein, und so kamen fol­gen­de Bücher zur Spra­che: Fried­rich Sieburg „Die Lust am Unter­gang” auf Vor­schlag Ellen Kositz­as, Kleist „Der Find­ling” auf Fin­ger­zeig von Susan­ne Dagen, Albert Vigol­eis The­len „Die Insel des zwei­ten Gesichts” als Okka­si­on mei­ner­seits, ein prall-pika­res­kes Sprach­wun­der­werk, eine Abschwei­fungs-Satur­na­lie, ein deut­scher Tristram Shan­dy mit zur Mena­ge­rie erwei­ter­tem Per­so­nal, ver­fasst von einem Mit­glied der Bru­der­schaft Hamann-Jean Paul-Hen­scheid, womög­lich nichts für Mäd­chen. Das mit­ge­schnit­te­ne Video wird dem­nächst online gehen.

Des­halb hier nur ein Wort zu Kleis­tens „Find­ling”, gera­de in einer an Find­lin­gen rei­chen Zeit (sie hei­ßen heu­er „Unbe­glei­te­te männ­li­che Flücht­lin­ge”). Als ich neu­lich die Besu­cher des klei­nen Eck­la­dens zu der Spe­ku­la­ti­on ermun­ter­te, was ein Kleist aus dem Fall Maria Laden­bur­ger gemacht hät­te, geschah dies unmit­tel­bar nach der Lek­tü­re die­ser Erzäh­lung. Für alle, die den Text nicht mehr ganz prä­sent haben: Der alte Geschäfts­mann Pia­chi ist mit sei­nem Sohn auf Rei­sen, in der Stadt, die sie besu­chen, herrscht die Pest, wes­halb bei­de sofort abrei­sen, ein Stra­ßen­kind bit­tet um Mit­nah­me, aus Mit­leid wil­ligt Pia­chi ein, sein Sohn steckt sich an und stirbt an der Seu­che. Der Alte nimmt den Find­ling an Soh­nes statt an, sei­ne jun­ge Frau Elvi­re akzep­tiert es bereit­wil­lig (deren heik­le see­li­sche Dis­po­si­ti­on auf­grund eines trau­ma­ti­schen Ereig­nis­ses in ihrer Ver­gan­gen­heit las­se ich hier weg). Nico­lo, das Fin­del­kind, wächst her­an. Der Stief­va­ter über­schreibt ihm schließ­lich sei­nen gesam­ten Besitz als Erbe. Nico­lo dankt es sei­nen Adop­teur schlecht: Er ver­geht sich an Elvi­re. Pia­chi ist bereit, die Ange­le­gen­heit dis­kret zu klä­ren, doch der Kuckucks­spröss­ling ver­weist auf sei­ne Erb­do­ku­men­te und sodann die Stief­eltern des Hau­ses. Ein dar­aus fol­gen­der Rechts­streit geht zu Guns­ten Nico­los aus, weil der Bischof, der auf einen Erb­an­teil für die Kir­che hofft, sich für den Find­ling ein­setzt; über­dies will Nico­lo eine dem hei­li­gen Man­ne läs­tig gewor­de­ne Buh­le hei­ra­ten. Elvi­re über­lebt den Schock und die Schmach nicht. In einem Wut­an­fall tötet Pia­chi den Nico­lo und wird dar­auf­hin zum Tode verurteilt. 

Was nun kommt, ist purer Kleist, in sei­ner gött­li­chen Rigo­ro­si­tät und dämo­ni­schen Groß­ar­tig­keit. Weil Pia­chi par­tout die Annah­me der Abso­lu­ti­on ver­wei­gert, muss die Hin­rich­tung mehr­fach ver­scho­ben wer­den. Zuletzt gesteht er sein Motiv – er will den Find­ling in der Höl­le wie­der­tref­fen, um dort sei­ne Rache wei­ter an ihm stil­len – und ver­flucht den Auf­schub; dann end­lich hängt man ihn auf. – –

Pia­chi sinnt auf Rache, Vater Laden­bur­ger grün­det eine Stif­tung und setzt sich ein für „Find­lin­ge”. Das ist der Unter­schied. Aber natür­lich ist der Laden­bur­ger ein bes­se­rer Chris­ten­mensch – „die Rache ist mein”, spricht bekannt­lich der Herr, der­weil er sich in jenen Herrn trans­for­miert, wel­cher zudem spricht: „Wir haben kei­nen Sohn gezeugt” – als der kris­tall­rei­ne Wol­lüst­ling der Rache bei Kleist.

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Damit Sieburg nicht ganz unzi­tiert bleibt: „Unter Brü­dern, viel Gro­ßes ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auf dem Gebiet der Lite­ra­tur in deut­scher Spra­che nicht geleis­tet wor­den.” An die­ser Fest­stel­lung hat sich seit sei­nem Hin­schied wenig geändert.

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