3. Juni 2019

„Aus sie­ben Bau­ern kann ich eben­so vie­le Lords machen, sag­te Hein­rich VIII., aber aus sie­ben Lords kei­nen ein­zi­gen Hol­bein. Aus sie­ben von der Schu­le getrie­be­nen Sit­zen­blei­bern kann ich sie­ben Kunst­re­zen­sen­ten machen, aber aus sie­ben Rezen­sen­ten kei­nen ein­zi­gen Künst­ler von der Emp­find­sam­keit und Gewis­sen­haf­tig­keit eines, sagen wir zumin­dest … Bau­ern.„
Adolf Nowac­zyn­ski

(Wobei das Bild Hein­richs, wel­ches uns Hol­bein über­lie­fert hat, wie­der zu den Bau­ern führt, ein Königs­bau­er so to say.)

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„Der Umgang mit der schei­den­den SPD-Che­fin sorgt im Ber­li­ner Poli­tik­be­trieb für Ent­set­zen”, schwallt Spie­gel online. „Von Scham und Schan­de ist die Rede.”

Scham – genau­er: Fremd­scham – war mein spon­ta­nes Emp­fin­den bei jedem öffent­li­chen Nah­les-Auf­tritt, vor dem ich Auge und Ohr nicht recht­zei­tig in Sicher­heit zu brin­gen ver­moch­te, und eine Schan­de ist ja das hal­be SPD-Per­so­nal, von Kahrs bis Schulz und von Maas bis an den Dämel, ein­schließ­lich des pein­lich par­tei­ischen Phra­sen­dresch­fle­gels Stein­mei­er – „Nicht der Mensch ist zu klein, das Amt ist zu groß” (Mon­tes­quieu) –; ein jeder aus die­ser Gale­rie lie­fert hin­rei­chen­den Grün­de dafür, das Lob der Fern­be­die­nung in, sagen wir, Hexa­me­ter zu set­zen, wobei ich aus­drück­lich den gro­ßen Humo­ris­ten und unbe­zahl­ba­ren Allein­un­ter­hal­ter Ralf Steg­ner von der Schel­te aus­neh­men will.

„Dass Nah­les von den eige­nen Par­tei­freun­den aus dem Amt gejagt wur­de, sorgt bei vie­len Betei­lig­ten für Ent­set­zen”, fährt der Aus­ge­wo­gen­heits-Pri­mus von der Ham­bur­ger Relo­ti­us­spit­ze fort. „Juso-Chef Kevin Küh­nert schrieb auf Twit­ter, dass er sich schä­me. ‚Alles beginnt mit einer ein­fa­chen Fest­stel­lung: Wer mit dem Ver­spre­chen nach Gerech­tig­keit und Soli­da­ri­tät nun einen neu­en Auf­bruch wagen will, der darf nie, nie, nie wie­der so mit­ein­an­der umge­hen, wie wir das in den letz­ten Wochen getan haben.’ ”

Den Küh­nert hät­te ich bei­na­he ver­ges­sen. Immer­hin hat ihn bereits die Scham erfasst. Nun ist frei­lich ein Nah­les-Abgang nicht nur per se kein Grund zur Kla­ge, egal, ob die Gars­ti­ge Opfer einer Intri­ge wur­de – so läuft es nun mal, gera­de in die­ser Schmud­del­bran­che –, son­dern es darf über­dies ver­mu­tet wer­den, dass sie über eine Intri­ge stürz­te, die sie sel­ber ein­ge­fä­delt hat, näm­lich die vor­ge­zo­ge­ne Wahl zum Frak­ti­ons­vor­sitz. – Par­tei­en­st­er­ben von sei­ner schöns­ten Sei­te? Der Auf­stieg der Grü­nen spricht dage­gen. Es wird nur ein rotes Anti­qua­ri­at aufgelöst.

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Frau Bar­ley hat sich ja recht­zei­tig dort­hin abge­setzt, wo nach Ansicht von Tech­no­kra­ten, Ideo­lo­gen und ande­rer Wasch­brett­hir­ne „Euro­pa” west. Ich lei­te zu ihr über, weil ich ein Anek­döt­chen erzäh­len möch­te. Ich nahm vor nun­mehr zwei Sün­den­jähr­chen an einem (nicht­öf­fent­li­chen) Sym­po­si­um teil, das von einer gro­ßen Zei­tung ver­an­stal­tet wur­de und wohin man mich als Quo­ten­po­pu­lis­ten vor­ge­la­den hat­te. Dort saßen über­wie­gend Pro­fes­so­ren, außer­dem ein Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ter, ein paar Jour­na­lis­ten, und eben Frau Bar­ley. Sie führ­te damals unter ande­rem aus, der Kampf gegen Frau­en- und Homo­se­xu­el­len­feind­lich­keit gehö­re „zur DNA der SPD”, wor­auf­hin ich sie frag­te: „Sind Sie etwa isla­mo­phob, Gnä­digs­te?” Mit allen­falls am leicht gebläh­ten Näs­chen abzu­le­sen­der Empö­rung repli­zier­te Madame, die Fra­ge kön­ne ja wohl nicht ernst gemeint sein, denn was Ernst ist, bestim­men wir! Ich wur­de an die­sen längst ver­ges­se­nen Zwi­schen­fall erin­nert, weil ich in den ver­gan­ge­nen Wochen in Ber­lin einen His­to­ri­ker und einen Jour­na­lis­ten traf, die wei­land bei­de an der Run­de teil­ge­nom­men hat­ten und sich spon­tan, mit nach­träg­li­chem Amü­se­ment, an die­se Wor­te erin­ner­ten. Als sie fie­len, hat­te nie­mand in der Run­de eine Mie­ne ver­zo­gen, geschwei­ge frech aufgelacht…

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Ver­fol­gen tut not, das dach­ten sich auch die Mit­glie­der des Vor­stan­des der Leip­zi­ger Jah­res­aus­stel­lung e.V. – man ver­zei­he mir den sozia­lis­ti­schen Geni­tiv, es ist ein vor­grei­fen­der Rück­fall –, die geschlos­sen zurück­tra­ten, weil ein als „AfD-nah” gel­ten­der Maler an der 26. Leip­zi­ger Jah­res­aus­stel­lung teil­neh­men soll­te. Der­glei­chen Rück­trit­te sind von einer direk­ten Bet­te­lei um Beför­de­rung schwer zu unter­schei­den. Die De- und auch Sub­mis­si­ons­er­klä­rung ende­te mit dem Satz: „Der Ver­ein bekennt sich zur Frei­heit der Kunst.” Die Jah­res­aus­stel­lung wur­de im Namen der Frei­heit der Kunst abge­sagt. 22 Künst­ler begrüß­ten in einem offe­nen Brief  die „längst über­fäl­li­ge und aus­ste­hen­de kla­re Posi­tio­nie­rung gegen Hass und Into­le­ranz” (Gott, ist das nicht anstren­gend, so ein Leben als Papa­gei?). Der besag­te Maler, augen­schein­lich und bald wohl auch akten­kun­dig ein arger Schelm und Spitz­bu­be, trat öffent­lich nach:

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Er woll­te ein Bild mit einem Mes­ser aus­stel­len! Das kann man weder miss­ver­ste­hen (ganz frisch unre­prä­sen­ta­tiv die­ses oder jenes Exem­pel) noch tole­rie­ren. Das ist Willkommenskraftzersetzung! 

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Leser *** macht mich auf eine „schon älte­re und in einem ganz frü­hen ‚Mer­kel-Sta­di­um’ geschrie­be­ne Mer­kel-Bio­gra­phie” auf­merk­sam – es han­delt sich um das Buch „Wem dient Mer­kel wirk­lich?” von David Korn, den ich eben­falls nicht ken­ne –, wor­in ein pikan­tes Zitat von Mer­kels Vater Horst Kas­ner zu fin­den ist. Der schrieb „nach der für ihn so frus­trie­ren­den Wie­der­ver­ei­ni­gung” im Peri­odi­kum die kir­che, Organ der Evan­ge­li­schen Kir­che von Ber­lin-Bran­den­burg, Nr. 33 (16. August 1992), unter der Schlag­zei­le „Nichts kann blei­ben, wie es ein­mal war”:

„Als Bei­getre­te­ne leben wir nun mit dem Grund­ge­setz der alten Bun­des­re­pu­blik, an eine Neu­fas­sung ist nicht zu den­ken. Allen­falls Ergän­zun­gen und Ände­run­gen wird es geben. Und dabei steht es, wie gesagt, nicht zum bes­ten um die frei­heit­lich demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung. Von der Dik­ta­tur der Staats­par­tei befreit, haben wir auf einen demo­kra­ti­schen Auf­bruch gehofft und sind nun in einen Par­tei­en­staat hin­ein­ge­ra­ten, in dem, gemäß Ver­fas­sungs­pos­tu­lat, alle Staats­ge­walt vom Vol­ke aus­geht, dann aber dort­hin nicht mehr zurück­kehrt. Wir bemer­ken nun, wie sich die eta­blier­ten Par­tei­en den Staat zur Beu­te gemacht haben und dass der Staat zum Selbst­be­die­nungs­la­den für Poli­ti­ker gewor­den ist … Der Par­tei­en­staat der Bun­des­re­pu­blik, in dem sich die bei­den Volks­par­tei­en inhalt­lich kaum noch unter­schei­den, hebt sich eigent­lich nur noch durch das Mehr­par­tei­en­sys­tem von der Par­tei­dik­ta­tur der DDR ab. In der beque­men Pro­porz­de­mo­kra­tie wird der Klün­gel zum Sys­tem. Man schanzt sich wech­sel­sei­tig Vor­tei­le zu.”

Und Töch­ter­li heu­te mittenmang!

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