7. Juni 2019

Der Lon­do­ner Jour­na­list David Good­hart, der lan­ge für die Finan­cial Times schrieb, bevor und schließ­lich sein eige­nes Maga­zin Pro­spect grün­de­te, hat 2017 das Buch „The Road to Some­whe­re: The Popu­list Revolt and the Future of Poli­tics” ver­öf­fent­licht, in dem er zwei neue gesell­schaft­li­che Grup­pen oder Klas­sen oder Milieus defi­niert, die er „Any­whe­res” und „Some­whe­res” nennt. Bei­de Wor­te bedeu­ten „irgend­wo”, aber das eine auf abs­trak­te, das ande­re auf kon­kre­te­re Wei­se. Good­hart beschreibt mit die­sen Begrif­fen den Gegen­satz zwi­schen einem tra­di­tio­nell sess­haf­ten Milieu und den moder­nen Berufs-Noma­den. Die „Any­whe­res” besit­zen, in Good­hart Wor­ten, „trag­ba­re Iden­ti­tä­ten”, sie sind kar­rie­re­ori­en­tiert, beruf­lich mobil, über­all und nir­gend­wo zuhau­se, gut aus­ge­bil­det, poly­glott, erfolg­reich. Sie ver­kör­pern das EU-freund­li­che und glo­ba­lis­ti­sche Estab­lish­ment. Ver­gli­chen mit den „Some­whe­res” sind sie zwar die zah­len­mä­ßig weit klei­ne­re Grup­pe, aber sie domi­nie­ren heu­te den Poli­tik- und Kul­tur­be­trieb in der west­li­chen Welt, über­haupt die Gesell­schaft, was auch damit zusam­men­hängt, dass um sie her­um ein gan­zes Sozio­top von Möch­te­gern-Any­whe­res wuselt, die in inter­na­tio­na­len Unter­neh­men, NGOs, trans­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen wie der UNO, in den Medi­en, an Uni­ver­si­tä­ten, in glo­ba­lis­ti­schen Stif­tun­gen, in den Par­tei­en und ihren Appa­ra­ten ein Aus­kom­men haben. (Es han­delt sich meist um „Some­whe­res”, die nur gern „Any­whe­res” wären oder sich dafür hal­ten; ihre Ernüch­te­rung wird eines Tages groß sein. Das nur am Ran­de.) Dass die­ses Milieu eine Art Men­ta­li­täts­herr­schaft aus­übt, ist evi­dent. Sei­ne Ange­hö­ri­gen nen­nen sich libe­ral, weil sie für Schwu­len­ehe, Kli­ma­ret­tung, frei­en Waren­fluss und offe­ne Gren­zen sind, aber wenn jemand ihre Ansich­ten nicht gut­heißt, wer­den selbst Wei­ber zu Hyänen…

Auf der ande­ren Sei­te ste­hen Men­schen, die in ihrer geo­gra­phi­schen Hei­mat und kul­tu­rel­len Iden­ti­tät wur­zeln, die von der Glo­ba­li­sie­rung nicht nur ver­un­si­chert, son­dern tat­säch­lich in ihrer Exis­tenz bedroht sind, in deren sozia­les Umfeld die pre­kä­re Mehr­heit der Migran­ten strömt, wo sie als neue Kon­kur­ren­ten um die Bil­lig­jobs und nach­bar­schaft­li­che Pla­ge­geis­ter tat­säch­lich den Modus des Zusam­men­le­bens täg­lich neu aus­han­deln. Die „Some­whe­res” sind oft älter, weni­ger gebil­det und weni­ger sexy als die „Any­whe­res”. Die­se neue Unter­schei­dung, schreibt der Prä­ger des begriff­li­chen Gegen­satz­paa­res, kön­ne die alte in rechts und links ablösen.

Good­harts Dia­gno­se einer Neu­for­ma­tie­rung der west­li­chen Gesell­schaf­ten ent­lang ver­än­der­ter Bruch­li­ni­en hat, wie das ja meis­tens der Fall ist, bereits Vor­läu­fer, dar­un­ter Lord Ralf Dah­ren­dorf, der in einem anno 2003 erschie­ne­nem Inter­view­band namens „Die Kri­sen der Demo­kra­tie” die Her­auf­kunft einer neu­en post­na­tio­na­len Klas­se kon­sta­tier­te, die alles Glo­ba­le gut­hei­ße, alles Natio­na­le ableh­ne und schon die Zuge­hö­rig­keit zu einem Land als „läs­tig” emp­fin­de. – Ich mei­ne, es ist ein Dua­lis­mus, mit dem sich eini­ges erklä­ren lässt, nicht zuletzt das Phä­no­men des Rechts­po­pu­lis­mus, wür­de aller­dings nicht so weit gehen, den Links-Rechts-Gegen­setz gleich ganz zu verabschieden.

Es gehört habi­tu­ell zum Typus des Any­whe­re (ich las­se die Anfüh­rungs­zei­chen von jetzt an weg), dass er den Some­whe­re beleh­ren und erzie­hen will, dass dies von oben her­ab geschieht, ohne nähe­re Kennt­nis der Lebens­um­stän­de des Belehr­ten, dafür aber im Pas­to­ren­ton mora­li­scher Supe­rio­ri­tät. Nun geben sogar eini­ge Hol­ly­wood-Zele­bri­tä­ten ihr Debüt als Hei­den­mis­sio­na­re im Säch­si­schen. In einem Offe­nen Brief, den die Leip­zi­ger Volks(!)zeitung vor­ab ver­öf­fent­lich­te, „rufen inter­na­tio­na­le Oscar-Preis­trä­ger, Schau­spie­ler, Fil­me­ma­cher und Autoren” die Ein­woh­ner von Gör­litz auf, bei der Ober­bür­ger­meis­ter­wahl am 16. Juni nicht dem AfD-Kan­di­da­ten ihre Stim­me zu geben. 

Die Mani­pu­la­ti­on des Wahl­vol­kes, nein, der Wahl­be­völ­ke­rung, der Wäh­len­den oder eben des Stimm­viehs durch „Influ­en­cer” wie etwa jenen blau­lo­ckich­ten you­tube-Fatz­ke, den das Grü­nen-Amts­blatt von der Ham­bur­ger Relo­ti­us­spit­ze auf sei­nen – erstaun­lich lan­ge nicht mehr mit A. Hit­ler nach wil­li­gen Emp­fän­gern einer intel­lek­tu­el­len Bas­to­na­de kau­dern­den – Titel hob, scheint ein veri­ta­bler Trend zu sein. Hol­ly­wood küm­mert sich um die Gör­lit­zer OB-Wahl! Denn die Stern­chen von der West­küs­te stei­gen gern in der wun­der­sam unzer­bombt geblie­be­nen und nach der Wen­de pracht­voll restau­rier­ten Stadt im Osten Dun­kel­sach­sen ab. Nun war­nen sie die Ein­ge­bo­re­nen: Wenn die Gör­lit­zer Some­whe­res falsch votie­ren, suchen sich die Mil­lio­nä­re ein ande­res schi­ckes Any­whe­re zum Fil­men, Gol­fen, Fla­nie­ren, Schwät­zen und Popowackeln…

Ich neh­me an, die Gör­lit­zer wer­den die­sen Brief genau rich­tig verstehen.

                                    ***

Mit einer gewis­sen Rüh­rung stieß ich beim Spa­zier­gang vom Reichts­tag zum Pots­da­mer Platz auf eine Hans von Bülow-Stra­ße, ein Gäss­chen nur. Bülow war als Pia­nist so bedeu­tend wie als Diri­gent, auch wenn er in die Anna­len der Musik­ge­schich­te vor allem als der arme Tropf ein­ging, dem Richard Wag­ner die Frau aus­spann­te. Es war am 10. Okto­ber 1853, als Liszt zum ers­ten Mal seit Jah­ren sei­ne Toch­ter Cosi­ma besuch­te, in Paris, beglei­tet von Ber­li­oz und Wag­ner. Vier Jah­re spä­ter gab es ein zwei­tes Zusam­men­tref­fen, Cosi­ma war inzwi­schen 19 und hat­te soeben von Bülow gehei­ra­tet, „dem nichts Bes­se­res ein­fiel, als sei­ne denk­wür­di­gen Flit­ter­wo­chen in Gesell­schaft Wag­ners zu ver­brin­gen, den er eben­so ver­ehr­te wie Liszt”, wie Jona­than Carr in sei­ner Fami­li­en­bio­gra­phie der Wag­ners notierte.

Bülow nahm es sei­ner jun­gen Frau übel, dass sie den Kom­po­nis­ten mit osten­ta­ti­ver Käl­te behan­del­te, er ent­schul­dig­te sich nach der Rei­se brief­lich für ihr Ver­hal­ten. „Wag­ner müs­se Cosi­ma bes­ser ken­nen­ler­nen, ließ er den ver­ehr­ten Meis­ter wis­sen, dann wer­de er mer­ken, wie ‚lie­bens­wür­dig’ sie doch sei. Wenn es jeman­den gab, der Cosi­ma drin­gend bes­ser ken­nen­ler­nen muss­te, dann war es von Bülow selbst” (Carr).

Die Liszt-Toch­ter ver­ließ das klei­ne Genie für das gro­ße, was Bülow nicht hin­der­te, für Wag­ner zu wer­ben und sei­nem Werk zu die­nen. Er saß an der Kom­po­si­ti­on einer Oper, die sich mit der Mer­lin-Legen­de beschäf­tig­te, als er – wir befin­den uns im Jahr 1859 – mit der Her­stel­lung des Kla­vier­aus­zugs für eine ande­re Oper beauf­tragt wur­de. Die Lek­tü­re des Manu­skrip­tes traf ihn wie ein Blitz, und sei­ne gesam­te Schöp­fer­kraft schwand. Das Werk hieß „Tris­tan und Isolde”.

Im Som­mer 1862 über­flog er die noch unfer­ti­ge Par­ti­tur der „Meis­ter­sin­ger” und stell­te das Kom­po­nie­ren ein. Ver­gli­chen mit die­sem Opus emp­fand er die eige­ne Arbeit als „Lap­pa­li­en­dreck” (Puc­ci­ni wähl­te ein paar Jah­re spä­ter für sich den Ver­gleich „Man­do­li­nen­spie­ler”). Eine Zeit­lang trug sich Bülow mit Selbst­mord­ge­dan­ken. Das hin­der­te ihn kei­nes­wegs, auf Wag­ners Wunsch bei­der Wer­ke Urauf­füh­run­gen zu dirigieren.

Bülow galt als einer der größ­ten Pia­nis­ten und Diri­gen­ten sei­ner Zeit. Dass Fried­rich Nietz­sche Phi­lo­soph wur­de, hängt mit dem ver­nich­ten­dem Urteil des Musik­fach­man­nes über des­sen Kom­po­si­tio­nen zusam­men. Von der phi­lo­lo­gi­schen Zunft wegen sei­nes spe­ku­la­ti­ven Früh­werks „Die Geburt der Tra­gö­die aus dem Geis­te der Musik” ange­fein­det, woll­te Nietz­sche als Musi­ker bestehen und sand­te dem renom­mier­ten Wag­ner-Diri­gen­ten anno 1872 sei­ne „Man­fred-Medi­ta­ti­on für Kla­vier zu vier Hän­den” zur Begut­ach­tung. Bülow reagier­te prompt: Die­se Musik, schrieb er an Nietz­sche, sei „das Uner­quick­lichs­te und Anti­mu­si­ka­lischs­te, was mir seit lan­gem von Auf­zeich­nun­gen auf Noten­pa­pier vor Gesicht gekom­men ist”. Ob der Herr Pro­fes­sor, so die gal­li­ge Fra­ge des Kapell­meis­ters, sei­nen „etwai­gen Über­fluß an Muße nicht schlech­ter tot­schla­gen” kön­ne. Nietz­sche konn­te, stieg vom Kathe­der, ent­sag­te der Phi­lo­lo­gie und kom­po­nier­te fort­an auch nicht mehr. 

Bülow spiel­te als ers­ter Liszts h‑Moll Sona­te, außer­dem hat­te er sich auf Beet­ho­ven spe­zia­li­siert und mach­te des­sen letz­te fünf Sona­ten in Euro­pa bekannt, er gab sie häu­fig an einem Abend (Edu­ard Hanslick soll hell­auf begeis­tert gewe­sen sein, als er ihn 1881 in Wien hör­te). Dafür übte er jeden Tag vie­le Stun­den am Pia­no­for­te und kom­men­tier­te sei­ne Selbst­kas­tei­ung mit den Wor­ten: „Ich kreu­zi­ge wie ein guter Christ das Fleisch mei­ner Fin­ger, um sie, wie es ein Pia­nist nötig hat, zu gehor­sa­men, unter­tä­ni­gen Maschi­nen, zu Gei­stei­ge­nen zu machen.” Gei­stei­ge­ne – ein pracht­vol­les, ein sehr deut­sches Wort.

Als Diri­gent brach­te Bülow Orches­ter dazu, aus­wen­dig zu spie­len, er galt als cho­le­risch, auto­ri­tär und bril­lant. 1876 saß er in Phil­adel­phia bei Tschai­kow­skys b‑Moll-Kon­zert am Kla­vier, und der Kapell­meis­ter war einem Bericht zufol­ge gänz­lich über­flüs­sig, „weil Bülow alle Ein­sät­ze vom Flü­gel aus gab; nach­ein­an­der ver­fluch­te er den Diri­gen­ten, das Orches­ter, das Werk und sich selbst”.

Legen­där wur­de Bülows Abschied aus Deutsch­land. Kai­ser Wil­helm II. hat­te genug von den Tem­pe­ra­ment­aus­brü­chen des Kapell­meis­ters und klei­de­te sei­ne Ver­stim­mung in die Wor­te: „Wenn es jeman­dem bei uns nicht paßt, soll er sich den Staub von den Füßen wischen.” Als Bülow sein letz­tes Kon­zert in Ber­lin been­det hat­te, leg­te er den Takt­stock nie­der, zog sein Taschen­tuch her­aus und wisch­te sich damit demons­tra­tiv die Schu­he ab. Dann ging er nach Ägyp­ten, wo er 1894 starb.

                                    ***

Als Grü­ne noch nicht links waren und schrei­ben konn­ten, las sich das so:

„Die Tech­nik, die man heu­te im Sinn hat, wenn man von den Wun­dern der Tech­nik redet, ist nicht wesent­lich älter als vier Genera­tio­nen und hat des­sen­un­ge­ach­tet hin­ge­reicht, um Dut­zen­de von Stäm­men der Pri­mi­ti­ven, Hun­der­te von Pflan­zen­ge­schlech­tern, dop­pelt und drei­mal so vie­le Tier­ar­ten auf dem Lan­de, in der Luft, im Was­ser vom Ant­litz des Pla­ne­ten zu til­gen. Der Tag ist nicht fern, wo sie alle ver­tilgt sein wer­den, soweit man sie nicht zu züch­ten belieb­te zu Schlacht­zwe­cken oder zu Mode­zwe­cken, aus­ge­nom­men nur die Infus­o­ri­en und Bak­te­ri­en. Das Welt­all ist für die­sen Ver­til­gungs­wahn­sinn etwas all­zu geräu­mig,  die Erde aber, soll­te nicht zei­tig ein ‚Wun­der’ gesche­hen, wird dar­an ster­ben; und die Macht, die einen gan­zen Pla­ne­ten umzu­brin­gen imstan­de war, hät­te dann tat­säch­lich ein Stück ‚Welt­ge­schich­te’ gelie­fert. – – Die Stun­de der Gegen­wir­kung wur­de ver­säumt, und wir alle, die wir aus lei­den­schaft­li­cher Lie­be des Lebens so Grau­en­vol­les bewei­nen müs­sen, sind ‚letz­te Mohi­ka­ner’. Wer aber von sol­chen noch Wün­sche zu hegen wagt, müß­te nur eines wün­schen: daß eine der­art Ver­ruch­tes voll­brin­gen­de Mensch­heit so schnell wie mög­lich absin­ke, ver­af­fe, ver­en­de, damit um ihre ver­wit­tern­den und ver­fal­len­den Arse­na­le des Mor­des noch ein Mal begra­bend, ent­mi­schend und sich sel­ber erneu­ernd der Rausch der Wäl­der brande.”

(Lud­wig Kla­ges, Der Geist als Wider­sa­cher der See­le, 4. Auf­la­ge, Mün­chen 1960, S. 768)

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