12. August 2019

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(Netz­fund)

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Der Vor­sit­zen­de der Jüdi­schen Gemein­de zu Ber­lin, Gide­on Jof­fe, hat gesagt, vie­le der Schü­ler auf dem Jüdi­schen Gym­na­si­um Moses Men­dels­sohn sei­en „Flücht­lin­ge”. Sie sei­en von ande­ren Ber­li­ner Schu­len dort­hin geflüch­tet, denn sie wur­den dort gemobbt, und zwar „nur weil sie Juden sind”.

Jof­fe fuhr fort: „Noch nie hat ein mus­li­mi­scher Schü­ler in Ber­lin die Schu­le wech­seln müs­sen, nur weil er Mos­lem ist. Juden aber sind in die­se Lage gekom­men.” Die Über­schrift über dem Kom­men­tar der Bild-Zei­tung lau­tet: „Juden füh­len sich wie Flücht­lin­ge im eige­nen Land.”

Die­sel­be Zei­tung trom­melt am sel­ben Tag:

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Das nennt sich wohl, gera­de im Hau­se Axel Sprin­gers, kogni­ti­ve Dis­so­nanz. Aber wenn wir den Chi­ne­ser weg- und statt­des­sen den Öster­rei­cher Kurz hin­ein­neh­men, haben wir eine illus­tre Run­de rea­lis­ti­scher, cou­ra­gier­ter und intel­li­gen­ter Män­ner, deren poli­ti­sche Exis­tenz Anlass zu gewis­sen Hoff­nun­gen gibt.

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Was nun aber den Chi­ne­ser betrifft, der auch rea­lis­tisch und intel­li­gent ist, so lau­tet ein der­zeit kur­sie­ren­der Witz:

Was lernt ein Opti­mist?
Chi­ne­sisch.
Was lernt ein Pes­si­mist?
Ara­bisch.
Was lernt ein Rea­list?
Schie­ßen.

Die Opti­on, unter eine wie auch immer gear­te­te chi­ne­si­sche Hege­mo­nie zu gera­ten, ist alles ande­re als erstre­bens­wert, aber auch nicht gera­de voll­kom­men unwahr­schein­lich. Wenn die Alter­na­ti­ve frei­lich eine (wie auch immer gear­te­te) isla­mi­sche Theo­kra­tie wäre, dann schie­ne mir doch der Chi­ne­ser lie­ber. Der ver­bie­tet weder Wein noch Schwein, will die Mädels nicht mit Säcken ver­hän­gen, und für ihn ist auch eine deut­sche Kul­tur jen­seits der Spra­che deut­lich erkenn­bar, frei­lich eher in der deut­schen Vergangenheit.

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„Sie zitier­ten am 6. August einen Leser”, schreibt Leser ***, „der dem angeb­li­chen ‚Mani­fest’ des 22fachen Mör­ders von El Paso ent­nom­men haben will, die­ser P. Cur­ti­us (frus­trier­ter Col­le­ge-Schü­ler aus einer zer­bro­che­nen Fami­li­en­bin­dung, als er die Hand des Vaters bit­ter nötig gehabt hät­te) sei Befür­wor­ter ‚einer umfas­sen­den sozia­len Für­sor­ge mit u.a. einem bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­men sowie einer umfas­sen­den staat­li­chen Gesund­heits­vor­sor­ge’ gewe­sen. Dar­auf muß man erst ein­mal kom­men! In dem sorg­fäl­tig geglie­der­ten Text, der auf einer US-Inter­net-Platt­form pünkt­lich 27 Minu­ten vor den Schüs­sen auf­tauch­te (inzwi­schen aber dort gelöscht ist und nur über ande­re Medi­en nach­zu­le­sen ist), wer­den vie­le Begrif­fe gebraucht, die eher einen Bogen von der Grün­dungs­le­gen­de der USA zu ihrer Frei­heits­brin­gungs­mis­si­on schlagen:

‚The nati­ves [die Urein­woh­ner Nord­ame­ri­kas] didn’t take the inva­si­on of Euro­peans serious­ly. … One of the big­gest betra­yals of the Ame­ri­can public in our histo­ry (is) the take­over of the United Sta­tes government by unche­cked cor­po­ra­ti­ons. … The hea­vy His­pa­nic popu­la­ti­on in Texas will make us a Demo­crat strong­hold. … At least with Repu­bli­cans, the pro­cess of mass immi­gra­ti­on and citi­zenship can be great­ly redu­ced. … They [the migrants] want to live the Ame­ri­can Dream. … Auto­ma­ti­on can and would replace mil­li­ons of low-skil­led jobs if immi­grants were depor­ted. … The Ame­ri­can life­style affords our citi­zens an incredi­ble qua­li­ty of life. Howe­ver, our life­style is des­troy­ing the envi­ron­ment of our coun­try. The deci­ma­ti­on of the envi­ron­ment is crea­ting a mas­si­ve bur­den for future genera­ti­ons. Cor­po­ra­ti­ons are hea­ding the dest­ruc­tion of our envi­ron­ment by shamel­ess­ly over­har­ve­s­ting resour­ces. … god damn most of y’all are just too stubborn to chan­ge your life­style. So the next logi­cal step is to decre­a­se the num­ber of peop­le in Ame­ri­ca using resour­ces. If we can get rid of enough peop­le, then our way of life can beco­me more sus­tainab­le. … I can no lon­ger bear the shame of inac­tion knowing that our foun­ding fathers[die Inva­so­ren Nord­ame­ri­kas] have endo­wed me with the rights nee­ded to save our coun­try from the brink dest­ruc­tion. Our Euro­pean com­ra­des don’t have the gun rights nee­ded to repel the mil­li­ons of inva­ders that plaque their coun­try. They have no choice but to sit by and watch their coun­tries burn. … This is just the begin­ning of the fight for Ame­ri­ca and Europe.’

(Anony­mer Kom­men­tar August 4, 2019, 10:36 h: ‚This shit was ghost-writ­ten by a com­mit­tee of over­paid cri­mi­nal pro­fi­lers and desk-dwel­lers in sub-base­ment 4 at Lan­gley [CIA head­quar­ter].’) Dem Kom­men­tar die­ses auf­ge­weck­ten Lesers der etwas mys­te­riö­sen ‚bur­ning plat­form’ ist nichts hinzuzufügen.

Es war immer schon eine beson­ders per­fi­de Idee Staats­mäch­ti­ger, eine beson­ders infa­me Tat, die staats­be­wuß­te, aber denk­fau­le Bür­ger hin­ter die Lan­des­fah­nen ver­sam­meln soll, durch einen Van der Lub­be oder Lee Har­vey Oswald bege­hen zu las­sen. Media­le Kol­por­teu­re bekom­men ein Traum-Mani­fest vor­ge­setzt, geschickt zusam­men­ge­rührt aus ‚Schön blöd gewe­sen!’ (zu den Urein­woh­nern), ‚Schön blöd, ihr Wasch­lap­pen!’ (zu den crauts), ‚Ach­tung, ihr wer­det weg-auto­ma­ti­siert!’ (zu den low skil­led job­bers) und ‚Ret­tet Euren Lebens­stan­dard!’ (zur midd­le class). Frü­her wur­de nur zurück­ge­schos­sen, heu­te kann man schon ein­mal ‚prä­ven­tiv schla­gen’ –  und das Gan­ze der Öffent­lich­keit als Warn­zei­chen ver­schwö­ren. Und das in einem Ter­ri­to­ri­um, wel­ches zuvor 300 Jah­re his­pa­nisch-india­nisch war, bevor es 1845 Bun­des­staat der USA wurde.”

Die Idee, dass sich irgend­et­was – was eigent­lich? ­– Geheim­dienst­li­ches hin­ter dem El-Paso-Mas­sa­ker ver­ber­ge, ist ein erwart­ba­rer Reflex von, par­don, eher ein­fäl­ti­gen Men­schen. Wer pro­fi­tiert poli­tisch von der Tat? Trump sicher nicht. Eher sei­ne Kon­kur­ren­ten, aber auch nicht wirk­lich. Wem unter­steht die CIA und in wes­sen Inter­es­se arbei­tet sie? War­um soll­te sie ein Mas­sa­ker wenn nicht orga­ni­siert, so doch gesche­hen las­sen haben, des­sen theo­re­ti­sche Begrün­dung for­mu­lie­ren und pünkt­lich online stel­len (las­sen)? Das ergibt alles kei­nen Sinn. (Der Todes­schüt­ze wird sich viel­leicht zu sei­ner Autor­schaft oder Nicht­au­tor­schaft äußern.)

Wenn „Staats­mäch­ti­ge” von der­glei­chen Ver­bre­chen pro­fi­tie­ren, dann gemein­hin dadurch, dass sie sich als Schutz vor einer durch die Tat mani­fest gewor­de­nen Bedro­hung ver­kau­fen – was mei­nes Wis­sens nie­mand getan hat. Es gibt außer­dem noch die Opti­on, sol­che Taten zur Stig­ma­ti­sie­rung oder Ein­schüch­te­rung des poli­ti­schen Geg­ners zu benut­zen, wie es in Deutsch­land mit dem Fall Lüb­cke ver­sucht wur­de. (Kommt eigent­lich irgend­wann eine seriö­se Bestä­ti­gung des eilends unter­stell­ten Mord­mo­tivs?) Man hat ver­sucht, Trump als den­je­ni­gen zu denun­zie­ren, der das geis­ti­ge Kli­ma für sol­che Anschlä­ge geschaf­fen habe, aber Anwür­fe die­ser Art blei­ben all­zeit unve­rif­zier­bar und außer­halb von Dik­ta­tu­ren, wo man mit direk­ter Repres­si­on nach­legt, eher fol­gen­los, erst recht, wenn der Bezich­tig­te sel­ber regiert.

Die Bür­ger­krie­ge der Zukunft wer­den ent­lang der eth­nisch-kul­tu­rell-reli­giö­sen Bruch­li­ni­en statt­fin­den, so wie sich Erd­be­ben eben dort ereig­nen, wo die tek­to­ni­schen Plat­ten auf­ein­an­der­tref­fen. Dazu bedarf es kei­nes Trumps. Man muss nur immer mehr mul­ti­kul­tu­ra­lis­ti­sches Öl ins Feu­er des sozia­len Zusam­men­le­bens gie­ßen. Fast alle Kon­flik­te, die sich der­zeit in unse­rem Welt­teil abspie­len, resul­tie­ren aus einer nor­ma­ti­ven, die Men­schen über­for­dern­den und ihre kol­lek­ti­ven Eigen­ar­ten igno­rie­ren­den Politik. 

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Im Übri­gens war das auch Demo­kra­ten lan­ge vor Trump klar:

„Das gan­ze Volk ist zu Recht beun­ru­higt über die gro­ße Zahl ille­ga­ler Ein­wan­de­rer, die in unser Land strö­men. (…) sie benüt­zen die öffent­li­chen Diens­te und bür­den so unse­ren Steu­er­zah­lern zusätz­li­che Las­ten auf. Unse­re Regie­rung will daher dazu über­ge­hen, unse­re Gren­zen aggres­si­ver zu sichern. (…) Und wir wer­den ver­su­chen, das Tem­po der Depor­ta­ti­on ille­ga­ler, kri­mi­nel­ler Aus­län­der noch mehr zu beschleu­ni­gen und die Iden­ti­fi­ka­ti­on ille­ga­ler aus­län­di­scher Ange­stell­ter effi­zi­en­ter zu machen. Wir sind eine Nati­on von Ein­wan­de­rern, aber wir sind auch eine Nati­on des Geset­zes. Es ist für eine Nati­on von Ein­wan­de­rern falsch und letzt­lich selbst­zer­stö­re­risch, einen Miss­brauch der Migra­ti­ons­ge­set­ze zu erlauben.”

Wer hat’s gesagt? Der war’s.

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Höhe­punk­te der Gesell­schafts­ver­bun­tung, x.-te Fol­ge: Siebt­kläss­ler, 14, bricht Leh­re­rin, 62, mit meh­ren Faust­schlä­gen den Kie­fer. Sie hat­te ihm das Mes­ser weg­neh­men wol­len. (Haben wir frü­her stän­dig gemacht, ich kann­te mei­ne Klas­sen­leh­re­rin qua­si nur ban­da­giert. Inso­fern spielt auch die syri­sche Her­kunft des Rackers kei­ne Rolle.) 

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