15. August 2019

„So etwas freut mich alten Fabler!
Je wun­der­li­cher, des­to respek­ta­bler.„
Faust II, Klas­si­sche Wal­pur­gis­nacht, Pro­teus spricht

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Kar­rie­ren wie die von Caro­lin Emcke, Mar­ga­re­te Sto­kow­ski, Richard David Precht, Kon­stan­tin Wecker oder Jan Böh­mer­mann wür­den erst nach einem Sys­tem­wech­sel inter­es­sant. Oder noch trivialer.

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Bei der Fahrt durch die länd­li­che säch­si­sche Pro­vinz fällt auf, dass sämt­li­che Wahl­pla­ka­te unzer­stört sind. Mit ande­ren Wor­ten: Die AfD-Wahl­wer­bung wird nicht demo­liert. Die sind im Osten noch nicht so weit.

Auf einem SPD-Pla­kat steht die For­de­rung „Grund­rech­te durch­set­zen!” Nanu, den­ke ich ver­son­nen, wer­den die Sozis plötz­lich nor­mal? Ich hat­te mich bloß ver­le­sen. Tat­säch­lich steht dort: „Grund­ren­te durchsetzen!”

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In einem Inter­view, das ich vor fünf Jah­ren für Focus mit Akif Pirincci führ­te, damals ging das noch, ver­wen­de­te der Skandal‑, Kra­wall- bzw. Klim­bim-Autor zur Beschrei­bung des Islam den Freud’schen Ter­mi­nus „sexu­el­le Zwangs­neu­ro­se”. Es hand­le sich um eine Reli­gi­on, „die sich in Wahr­heit zu 90 Pro­zent mit der Kon­trol­le der Frau beschäf­tigt. Wenn man die­sen Teil aus dem Islam weg­neh­men wür­de, blie­be fast gar nichts mehr übrig. Es geht nur um die Geschlech­ter. Wer wen wann vögeln darf, was pas­siert, wenn die Frau ihre Peri­ode hat, und ob sie dem Mann drei Meter hin­ter­her­lau­fen muss oder fünf.” Also sprach Akif Pirincci.

Das wirk­lich gra­vie­rend Ande­re am Islam ist in der Tat die Behand­lung der Frau. (Als Napo­le­on – Glück­wunsch zum 250. übri­gens! – 1798 in Ägyp­ten ein­mar­schier­te, hielt er es für gebo­ten, sei­ne Sol­da­ten dar­auf vor­zu­be­rei­ten, dass man die Wei­ber im Ori­ent anders behan­de­le als in Euro­pa.) Die­se Welt der nicht­öf­fent­li­chen, ver­hüll­ten Mai­den und der männ­li­chen Poly­ga­mie ist für west­li­che Psy­cho­lo­gen nor­ma­ler­wei­se ver­schlos­sen. Des­to span­nen­der, wenn sich ein Pro­fi dort jah­re­lang umtun konn­te und sei­ne Erfah­run­gen nie­der­schreibt. Inter­es­san­te Lek­tü­ren gibt es zuhauf, wirk­lich auf­schluss­rei­che indes sind sel­ten. Als eine sol­che emp­fand ich das Buch: „Und Gott schuf die Angst. Ein Psy­cho­gramm der ara­bi­schen See­le” (Mün­chen 2018) von Burk­hard Hof­mann. Der Ham­bur­ger Psy­cho­the­ra­peut, Jahr­gang 1954, betreut vor­nehm­lich mus­li­mi­sche Pati­en­ten, sowohl in sei­ner Ham­bur­ger Pra­xis als auch auf der ara­bi­schen Halb­in­sel. Bei Letz­te­ren han­delt es sich aus­nahms­los um Ange­hö­ri­ge der wohl­ha­ben­den Schich­ten, aber das liegt in der Natur der Sache; der Blick in die Milieus dar­un­ter dürf­te noch depri­mie­ren­der ausfallen. 

Hof­mann geht von der Prä­mis­se aus, dass sich in den psy­chi­schen oder see­li­schen Lei­den eine Gesell­schaft wie unter einem Ver­grö­ße­rungs­glas offen­ba­re. Was sei­ne Pati­en­ten aus die­sem Welt­teil auf frap­pie­ren­de Wei­se eine, sei das mono­to­ne Sym­ptom, mit wel­chem sie zu ihm kom­men: Angst. War­um? Zumin­dest der männ­li­che Ara­ber wirkt doch gemein­hin alles ande­re als ängst­lich. Wenn man als erkennt­nis­lei­ten­den Begriff Nietz­sches Bon­mot vom „Mono­to­no-The­is­mus” wählt, reicht das zwar nicht zur Erklä­rung, aber man ist auf dem rich­ti­gen Weg. Die Ver­bin­dung aus Tra­di­ti­on und Reli­gi­on ist im Ori­ent nicht zu ent­wir­ren, bei­de Kom­po­nen­ten haben sich sozu­sa­gen amal­ga­mi­siert. So ist schwer zu sagen, ob kol­lek­ti­ve Ver­hal­tens­wei­sen und Nor­men ihren Ursprung eher da oder dort haben, was die Ursa­che und was die Reak­ti­on ist. Zum Bei­spiel der extre­me sowohl fami­liä­re als auch reli­giö­se Bin­dungs­zwang. (Ent­spre­chend aben­teu­er­lich ver­lie­fen man­che The­ra­pie­sit­zun­gen, etwa via Chat mit einem Gegen­über auf einem ein­sa­men nächt­li­chen Parkplatz.)

„Es ist dem Gläu­bi­gen ver­bo­ten, sich los­zu­lö­sen, es ist ihm ver­wehrt, Abhän­gig­keit und Bin­dung auf­zu­lö­sen. Wie ein roter Faden zieht sich dies durch die gesam­te ara­bisch-mus­li­mi­sche Kul­tur. Und es beginnt bei der Mut­ter. Sie wird unend­lich respek­tiert, ver­ehrt und gefürch­tet. Ein Los­kom­men ist unmög­lich. Die­ses Fest­kle­ben ist das Para­dig­ma der gesam­ten Kul­tur.” Sepa­ra­ti­on, sagt eine Pati­en­tin, sei für sie ein ande­res Wort für den Tod. Wie bei ande­ren Aspek­ten auch, ist die­se Mut­ter-Fixie­rung in einem der ver­bind­li­chen Tex­te fixiert; in einem Hadith sagt Moham­med, das Para­dies lie­ge zu Füßen der Mut­ter. Nicht los­zu­kom­men bedeu­tet, dass eine wirk­li­che Indi­vi­dua­ti­on kaum statt­fin­det. Das betrifft sowohl die Fami­lie als auch die Glau­bens­ge­mein­schaft, die Umma („Umm” heißt „Mut­ter”). Egal, was Hen­ne und was Ei war: Reli­gi­on und Tra­di­ti­on las­ten in einer unauf­lös­ba­ren Ver­bin­dung auf den Bio­gra­fien der Ein­zel­nen. Der „eisen­har­te Griff der Kul­tur” (Hof­mann) hält die Men­schen fest umklammert.

Auf­grund des sagen­haf­ten Ölreich­tums hau­sen dort qua­si aller Geld­sor­gen ledi­ge Noma­den­fa­mi­li­en bzw. Dorf­ge­mein­schaf­ten in kli­ma­ti­sier­ten, mit allem tech­ni­schen Kom­fort aus­ge­stat­te­ten Wol­ken­krat­zern, wur­zeln aber mit einem Teil ihrer Per­son nach wie vor im 7. Jahr­hun­dert. Bür­ger im west­li­chen Ver­ständ­nis exis­tie­ren nicht. Durch Wohl­stand wird der Ein­zel­ne kor­rum­piert bzw. sediert. Solan­ge das Öl fließt, ist die­ses Sys­tem hun­dert­fach sta­bi­ler als bei­spiels­wei­se Merkeldeutschland.

Die Mit­tel- und Ober­schicht, so Hof­mann, lebe in qua­si dörf­li­chen Ver­hält­nis­sen mit einem Höchst­maß an sozia­ler Kon­trol­le. Min­des­tens die Häl­fe der Ehen wer­de noch arran­giert. Sämt­li­che Sozi­al­kon­tak­te fän­den in der erwei­ter­ten Fami­lie statt. Ange­hö­ri­ge die­ser Milieus reis­ten des­halb so häu­fig wie mög­lich ins Aus­land, um für einen Moment der sozia­len Kon­trol­le zu ent­ge­hen. Die star­ke Bin­dung füh­re zu Rei­fe­ver­zö­ge­run­gen, zum Nicht­er­wach­sen­wer­den. „Da die Sepa­ra­ti­on in Ara­bi­en oft spät oder gar nicht statt­fin­det, ver­schiebt sich die Pro­ble­ma­tik in die Lebens­zeit der Zwan­zi­ger­jah­re des Pati­en­ten oder sogar in ein höhe­res Alter.”

Nahe­zu alle sei­ne ara­bi­schen Pati­en­ten haben im Wes­ten stu­diert, auch die Frau­en. Doch für die­se Frau­en blei­be das Stu­di­um übli­cher­wei­se fol­gen­los: „Man stu­diert in Eng­land oder den USA, absol­viert alle Exami­na, kommt nach Hau­se, und dann folgt aus all­dem nichts. … Kei­ne Pas­si­on, kein Zwang zum Geld­ver­die­nen, kei­ne sti­mu­lie­ren­de Kul­tur, nur die täg­li­chen Gebe­te.” Die Mäd­chen wer­den Müt­ter, die Jun­gen blei­ben ent­we­der ewi­ge Söh­ne oder arbei­ten als Geschäfts­leu­te (Kno­chen­jobs wer­den am Golf aus­schließ­lich von Aus­län­dern ver­rich­tet). Fol­gen­los bleibt vor allem, bei aller Lie­be zum west­li­chen Kon­sum, der Kon­takt mit der ande­ren Kul­tur. Auf­klä­rung, säku­la­res Recht, Demo­kra­tie, Plu­ra­lis­mus, Indi­vi­dua­lis­mus, Frau­en­eman­zi­pa­ti­on, nichts davon gilt als nach­ah­mens­wert, nichts wird impor­tiert. Unter den Pati­en­ten waren Mathe­ma­ti­ker und Infor­ma­ti­ker, Män­ner mit einem hohen Abs­trak­ti­ons­ver­mö­gen, doch kei­ner von ihnen stell­te die Regeln und die Allein­gül­tig­keit des Islams in Frage.

Die Kin­der der Ober­schicht wach­sen mit „unsicht­ba­ren Eltern” auf, berich­tet Hof­mann, sie wer­den betreut von Nan­nys, die über Agen­tu­ren aus Indi­en oder den Phil­ip­pi­nen als Lohn­skla­ven ins Land kom­men. Die Kin­der­mäd­chen über­neh­men alle anstren­gen­den Tei­le der Erzie­hung. „Die Nan­ny ver­bringt die Nacht bei den Kin­dern, wäh­rend die Herr­schaft den unge­stör­ten Schlaf genießt.” Es ent­ste­he kei­ne Eltern-Kind-Bezie­hung durch kör­per­li­che Nähe und gemein­sam durch­ge­stan­de­nen Stress. Die Nan­nys haben oft eige­ne Kin­der, die sie jah­re­lang nicht sehen. Zum Schmerz des Getrennt­seins kom­men Schuld­ge­füh­le, und „wie zum Hohn” zie­hen sie frem­de Kin­der auf. Vie­le die­ser Kin­der­mäd­chen wirk­ten „depres­siv-unle­ben­dig” und ver­rich­te­ten ihre Diens­te rein mecha­nisch, was auch für die von ihnen betreu­ten Spröss­lin­ge ein emo­tio­na­les Desas­ter bedeutet.

„In Ara­bi­en erschei­nen mir die Väter wie die Müt­ter spä­tes­tens ab dem zwei­ten Kind unin­ter­es­siert und emo­tio­nal kaum ver­füg­bar”, beob­ach­tet der Psy­cho­lo­ge. Auf einen kon­kre­ten Pati­en­ten bezo­gen heißt es, „die emo­tio­na­le Abwe­sen­heit der Eltern” habe sich „wie ein roter Faden” durch des­sen Kind­heit und Jugend gezo­gen. Die Ver­schleie­rung der Müt­ter in der Öffent­lich­keit wirkt als ein wei­te­rer Kon­takt­ver­hin­de­rer und Gefühls­kil­ler. Die Kin­der „sind dann in gewis­ser Wei­se allein oder bezie­hen sich auf die unver­schlei­er­te Nanny”.

Die Poly­ga­mie sei ein wei­te­rer Quell see­li­scher Lei­den – aber durch das Vor­bild des Pro­phe­ten sakro­sankt. „Krän­kung, Wut, Neid, Hass, Miss­gunst, Scham, Zorn, Ohn­macht, Trau­er, Ver­zweif­lung und all die Misch­for­men der Krän­kung durch die­sen als exis­ten­ti­el­len Ver­rat emp­fun­de­nen Akt des Vaters lagern sich auf den See­len wie Mehl­tau ab. Mich beein­druck­te immer wie­der, wie die Pati­en­ten auf mei­ne Nach­fra­ge nach ihren dar­über noch vor­han­de­nen Gefühls­re­gun­gen sofort see­lisch in schwe­re See gerieten.”

Ab dem vier­ten oder fünf­ten Lebens­jahr beginnt die reli­giö­se Erzie­hung, die tra­di­tio­nell der Vater über­nimmt. Aber der bie­te sich auch nicht als wirk­li­ches Gegen­über an, son­dern der gemein­sa­me Blick rich­te sich auf den fort­an ewig anwe­sen­den Drit­ten, auf Big Bro­ther. „Hat das Kind erst ein­mal ver­stan­den, dass hin­ter dem gro­ßen Vater eine noch viel grö­ße­re und mäch­ti­ge­re Gestalt war­tet, kann mit der reli­giö­sen Hirn­wä­sche früh­zei­tig begon­nen wer­den. Dem Kind wird statt des mensch­li­chen Vaters das fer­ne Bild Allahs ange­bo­ten.” Die Moschee sei der ein­zi­ge Ort gewe­sen, erzählt ein Pati­ent, an dem er je die Lie­be sei­nes Vaters habe spü­ren kön­nen. Nach Gesprä­chen mit vie­len Män­nern am Golf, notiert der west­li­che Beob­ach­ter, kön­ne er resü­mie­ren, dass die­se Initia­ti­on in den Islam eine uni­ver­sel­le, posi­ti­ve Erin­ne­rung aus vie­len Bio­gra­fien ara­bi­scher Män­ner sei, der aber die Frus­tra­ti­on auf dem Fuß fol­ge. „Der Vater zeigt dem Sohn, wie man betet, und dann zieht er sich recht bald wie­der aus der Erzie­hung zurück. Dem Sohn bleibt die Auf­ga­be, durch sei­ne Reli­gi­ons­aus­übung und ein gott­ge­fäl­li­ges Leben die ver­lo­re­ne Inti­mi­tät wiederherzustellen.”

Ein für den Psy­cho­lo­gen inter­es­san­tes, für die Betrof­fe­nen indes extrem belas­ten­des Pro­blem in die­sen Brei­ten ist das „Kli­ma der sexu­el­len Bedrü­ckung” durch per­ma­nen­te gegen­sei­ti­ge Kon­trol­le. Zur Illus­tra­ti­on erzählt Hof­mann eine Anek­do­te. Mit­ten auf einer Schnell­stra­ße sah er ein schwar­zes Bün­del lie­gen. Beim Näher­kom­men ent­pupp­te es sich als eine Frau, die reg­los in ihrem schwar­zen Umhang lag. „Der Ver­kehr schoss an ihr vor­bei, kei­ner hielt. Ein Stück wei­ter stand ein demo­lier­tes Auto.” Der ärzt­li­che Reflex befahl ihm, anzu­hal­ten. Die Frau war ver­letzt, aber ansprech­bar. Erst nach ihm hiel­ten auch ande­re Autos an der Unfall­stel­le. Deren Fah­rer ver­such­ten, den Ver­kehr zu ver­lang­sa­men, mit mäßi­gem Erfolg. Er bat die ande­ren, ihm zu hel­fen, die Ver­letz­te auf die Rück­bank eines SUVs am Fahr­bahn­rand zu tra­gen. „Alle schau­ten mich ent­geis­tert an. Dass ein Not­stand das Berüh­rungs­ver­bot auch für sie außer Kraft set­zen könn­te, war ihnen nicht in den Sinn gekom­men.” Sie lager­ten die Frau so vor­sich­tig wie mög­lich im Fond des Wagens, die Ver­letz­te klag­te über Schmer­zen, doch die drei Män­ner waren aus­schließ­lich damit beschäf­tigt, an ihrer Klei­dung zu zie­hen, damit weder Arme noch Bei­ne irgend­ein Stück Haut zeig­ten. Das war ihnen weit wich­ti­ger als der Zustand der Frau.

Kon­trol­le ist ele­men­ta­rer als Gesund­heit, die Fas­sa­de hat um jeden Preis rein zu blei­ben. Man muss kein Freu­dia­ner sein, um zu ahnen, wel­che ver­bor­ge­nen Feu­er dort lodern. Gera­de weil er so irri­tie­rend unkon­trol­lier­bar ist, wird der Trieb unter Kura­tel gestellt. Man darf, ob Mann oder Frau, vor der Hei­rat nichts falsch machen. „So fehlt der Gesell­schaft das frie­dens­stif­ten­de kör­per­li­che Mit­ein­an­der der Geschlech­ter.” Aber der Trieb ver­schwin­det nicht, er wird nur ver­drängt und kehrt in Gestalt dif­fu­ser Ängs­te wie­der. Da „die See­le eine Domä­ne der Reli­gi­on” sei, kom­me eine see­li­sche Erkran­kung jedoch einer „spi­ri­tu­el­len Ent­glei­sung” gleich.

Auch die Exis­tenz des Unbe­wuss­ten sei für sei­ne Pati­en­ten ein frem­der Gedan­ke, notiert der The­ra­peut, denn es ver­tra­ge sich nicht mit dem Wunsch nach Kon­trol­le, Ord­nung und Herr­schaft über das eige­ne Selbst. Mit dem hirn­phy­sio­lo­gi­schen Zugang zu Erkran­kun­gen der Psy­che kön­ne man dort eben­falls nichts anfan­gen. Fremd blei­be den Pati­en­ten auch der Psy­cho­lo­ge als Per­son. Zwar neh­me man sei­ne Hil­fe in Anspruch, aber man­che Pati­en­ten sahen in ihm einen Agen­ten des Scheitans. Ande­re dank­ten Allah, dass er ihnen in bedräng­ter Zeit einen Psy­cho­lo­gen geschickt habe. Eine Arzt-Pati­en­ten-Bin­dung wie im Wes­ten sei sel­ten ent­stan­den. Er habe sich oft gefragt, schreibt Hof­mann, was er hier eigent­lich tue.

Das Wort, das unser­ei­nem bei der Lek­tü­re zur Beschrei­bung des geschil­der­ten ara­bi­schen All­tags ein­fällt, lau­tet: Stumpf­sinn. Wenn man über einen wachen Geist und Sen­si­bi­li­tät ver­fü­ge, schei­ne die­ses Leben kaum aus­zu­hal­ten zu sein, schreibt der Gast­hei­ler. Eine häu­fig gewähl­te Vari­an­te der „Kom­pen­sa­ti­on von emo­tio­na­ler Lee­re“ als auch der Trie­bab­len­kung sei die „Sti­mu­lus­su­che”. Dazu gehör­te der kom­pen­sa­to­ri­sche Kon­sum, gera­de bei Frau­en (Shopa­ho­lics). In Euro­pa wer­de vie­les erwor­ben, was unaus­ge­packt im Kel­ler lan­de, weil ein­zig der Vor­gang des Kau­fens zäh­le. Der Ver­brauch von Psy­cho­phar­ma­ka und Dro­gen sei enorm; fast alle Pati­en­ten, die bei ihm vor­spra­chen, waren von ein­hei­mi­schen Ärz­ten auf Psy­cho­phar­ma­ka gesetzt wor­den. Die jun­gen Män­ner such­ten zudem den Thrill durch Extrem­sport und Auto­fah­ren, und die Todes­ra­te durch Ver­kehrs­un­fäl­le sei hoch.

Eine ande­re Kom­pen­sa­ti­on bie­tet der Glau­be. Er gibt Halt und Struk­tur. Das Wer­te­sys­tem des Islam wer­de „umge­schnallt wie ein Exo­ske­lett”. – „Gera­de in einer so nar­ziss­ti­schen und durch den Man­gel an Selbst­wirk­sam­keit beschä­di­gen­den Kul­tur wie der ara­bi­schen ist der Wunsch nach Beru­hi­gung der auf­ge­brach­ten See der See­len groß. Durch die Reli­gi­on wird zudem der Anspruch der Über­le­gen­heit stän­dig wie­der­holt.” So habe man gegen­über dem zugleich benei­de­ten und ver­ach­te­ten Wes­ten „wenigs­tens auf dem wich­tigs­ten aller Gebie­te die Nase vorn”.

Das defi­zi­tä­re Selbst wer­de mit dem Glau­ben wie mit einer Plom­be auf­ge­füllt. „Der hohe Sta­tus der Reli­gi­on, die stän­dig wie­der­hol­te Beto­nung der Weis­heit und Schön­heit des Korans, die ver­lieb­te Inbrunst im Umgang mit dem Pro­phe­ten hel­fen, alle Selbst­wert­de­fi­zi­te ein­zu­eb­nen. Man wird Teil eines unfehl­ba­ren, per­fek­ten Sys­tems. Alles ist gut, aber nur solan­ge man glaubt. … Die Plom­be wird schein­bar Teil des Selbst. Erlebt der Pati­ent den­noch Selbst­wert­de­fi­zi­te, ist die nächst­lie­gen­de Maß­nah­me eine Ver­tie­fung der Glau­bens­an­stren­gun­gen.” Wenn der Islam die per­fek­te Reli­gi­on ist, kön­nen see­li­sche Pro­ble­me nur aus einem Man­gel an Gläu­big­keit herrühren.

Zum Schluss rich­tet Hof­mann den Blick auf Deutsch­land und sei­ne Ein­wan­de­rungs­po­li­tik. Die Vor­stel­lung, dass das Grund­ge­setz über dem Wort Allahs stün­de, kön­ne „bei einem gläu­bi­gen Mus­lim nur Kopf­schüt­teln her­vor­ru­fen”. Die Idee eines Euro-Islam sei „für mei­ne ara­bi­schen Pati­en­ten lächer­lich oder bes­ten­falls abwe­gig. Ein biss­chen Unter­wer­fung geht genau­so wenig wie ein biss­chen schwan­ger.” Viel­mehr sei das Über­le­gen­heits­ge­fühl ein „unver­zicht­ba­rer Bestand­teil des Islams”. Es sei „unver­meid­bar”, dass sich in Deutsch­land die Struk­tu­ren „in Rich­tung Got­tes­staat ver­än­dern” wer­den, „wenn der Islam ein­mal Mehr­heits­kon­sens ist”.

Der Psy­cho­lo­ge mahnt, man möge sich kei­nen Illu­sio­nen über die Mach­bar­keit von Inte­gra­ti­on hin­ge­ben, „wo dies schlich­te Rea­li­täts­ver­leug­nung bedeu­tet. Der Glau­be bleibt für den streng­gläu­bi­gen Mus­lim auch in welt­li­chen Fra­gen die letz­te Auto­ri­tät. Unse­re Vor­stel­lung der Tren­nung von Kir­che, Glau­ben und Staat wird als defi­zi­tä­re Posi­ti­on wahr­ge­nom­men. Aus die­ser Per­spek­ti­ve betrach­tet, gehört der Islam eben nicht zu Deutsch­land.” Wenn der Skep­sis als Grund­la­ge des Zusam­men­le­bens „der Respekt ver­sagt bleibt, soll­ten wir auf­hö­ren, uns gegen­sei­tig zu über­for­dern. Nicht alles ist über­brück­bar, nicht jede Eigen­art ist mit der des ande­ren so kom­pa­ti­bel, dass ein gedeih­li­ches Zusam­men­le­ben eine Chan­ce hat. Und manch­mal ist das Getrennt­le­ben nicht nur für Paa­re die bes­se­re Lösung.”

Aus die­sen Wor­ten folgt auch die Erklä­rung, war­um die­ses auf­klä­re­ri­sche und span­nen­de Buch in den deut­schen Medi­en prak­tisch unre­zen­siert blieb.

                                   ***

Noch zum Vori­gen: „Die ange­neh­me Mei­nung wird als wahr ange­nom­men: dies ist der Beweis der Lust (oder, wie die Kir­che sagt, der Beweis der Kraft), auf wel­chen alle Reli­gio­nen so stolz sind, wäh­rend sie sich des­sen doch schä­men soll­ten. Wenn der Glau­be nicht selig mach­te, so wür­de er nicht geglaubt wer­den: wie wenig wird er also wert sein!”

(Nietz­sche, „Mensch­li­ches, All­zu­mensch­li­ches” I)

                                   ***

Mat­thi­as Matu­s­sek hat die Macher das Ego­tro­nik-Vide­os „Kant­holz” ange­zeigt. In dem Film­chen wird Matu­s­seks viel­be­ka­kel­te Geburts­tags­fe­te vom März die­ses Jah­res nach­ge­stellt – „Mat­sek – Par­ty des Jah­res”; der Gast­ge­ber mit Alex­an­der-Gau­land-Kra­wat­te (Jan Fleisch­hau­er wird ori­gi­nell ver­frem­det in „Tof­u­hau­er”) –, so wie sich links­ex­tre­me Flach­köp­fe eben eine „Nazi-Par­ty” vor­stel­len: die Gäs­te fres­sen wie die Schwei­ne, schüt­ten sich Sekt aus der Fasche in die offe­nen Mün­der etc. pp. Der­weil singt die Com­bo: „Was int’res­siert es mich, wenn mal ein Rech­ter fällt/Das Schick­sal von Nazis ist mir voll­kom­men gleich”, und eine won­ni­ge Maid mit einem wirk­lich hin­rei­ßen­den Hin­tern erklimmt cou­ra­giert das Dach­ge­schoss des Nach­bar­hau­ses, packt dort ihr Scharf­schüt­zen­ge­wehr aus, legt auf die Par­ty­gäs­te an und knallt sie ab… * Zar­te­re Gemü­ter könn­ten das als einen Gewalt­auf­ruf verstehen.

Der Staats­schutz hat die Ermitt­lun­gen über­nom­men. Wenn sie fol­gen­los blei­ben, stün­de wohl einem Musik­vi­deo mit Schüs­sen auf eine Frau im Hosen­an­zug nichts im Wege.

* Ich wer­de gera­de dar­über belehrt, dass sie ja gar nicht wirk­lich schießt (stimmt) und die para­no­iden Rech­ten sich das bloß ein­bil­de­ten; allein des­halb fal­len sie um. Mit ande­ren Wor­ten: Das juris­ti­sche Nach­spiel sei bereits ein­kal­ku­liert wor­den. Was für eine fein­sin­ni­ge Unter­schei­dung! Ponel­les 1983er „Tristan”-Inszenierung hat eine nahe­zu eben­bür­ti­ge Nach­ah­me­rin gefun­den. Der herz- und auch sonst recht wun­de Heros erleb­te Isol­des Rück­kunft samt anschlie­ßen­dem Gemet­zel bei Ponel­le ledig­lich als fieb­ri­ge Hal­lu­zi­na­ti­on, was zwar in einem erheb­li­chen Wider­spruch zum vor­ge­tra­ge­nen Text stand, wie im Fal­le des so herz­er­fri­schend unter­gröl­ten Clips mit der schön­ge­sä­ßi­gen Scharf­schüt­zin auch, aber irgend­was ist ja immer…

                                   ***

Es wird kol­por­tiert, dass der säch­si­sche Minis­ter­prä­si­dent Micha­el Kret­schmer (CDU) ges­tern im erz­ge­bir­gi­schen Stoll­berg, wo sei­ne Par­tei vor dem Amts­ge­richt einen Wahl­kampf­stand auf­ge­baut hat­te, von einem Gespräch mit AfD-affi­nen Bür­gern (=Nazis) so genervt war, dass er einen Satz sag­te, den ich nicht glau­ben kann, wes­halb ich an die­ser Stel­le nach Zeu­gen suche (und bis sich jemand gemel­det haben, möge der Aus­spruch hier als erfun­de­ne Unter­stel­lung gel­ten), näm­lich: „Die Grü­nen wer­den mit in der Regie­rung sein, und ihr wer­det kotzen.”

Was eben­falls kol­por­tiert wird, und was ich ohne Beden­ken glau­be, ist die Fra­ge, die ein Bür­ger dem Minis­ter­prä­si­den­ten gestellt habe: „War­um soll sich die AfD von Höcke tren­nen, wenn sich die CDU nicht von Mer­kel trennt?”

Immer­hin: In Sach­sen tritt die Kanz­le­rin beim Wahl­kampf nicht auf. Felix Saxo­nia!

                                   ***

„Schei­tert der Euro, dann schei­tert Euro­pa”, hat die Unge­bil­de­te an der Staats­spit­ze bekannt­lich gesagt, und inzwi­schen nimmt der dum­men­fän­ge­ri­sche Spruch Kon­tu­ren an. Er muss nur um ein Wört­chen ergänzt wer­den: „Erst schei­tert der Euro, dann schei­tert Euro­pa.” Näm­lich als sem­iso­zia­lis­ti­sche Plan- und Ent­eig­nungs­wirt­schaft via EZB (hier).

                                   ***

Leser *** unter­brei­tet „eine wich­ti­ge Ergän­zung zu dem Rei­se­be­richt aus Buda­pest (Acta von ges­tern). Auch ich war gera­de mit mei­ner Fami­lie für ein paar Tage in Buda­pest. Wir hat­ten ein Hotel mit­ten im Jüdi­schen Vier­tel. Zu unse­rer Freu­de, aber auch zu unse­rem Erstau­nen kön­nen unse­re Brü­der mosai­schen Glau­bens in der Stadt selbst­ver­ständ­lich mit Kip­pa her­um­lau­fen. In deut­schen Städ­ten kön­nen sie das offen­sicht­lich nicht mehr…”

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20. Mai 2018

„Hüte dich vor Ein­tags­flie­gen. Ihre Zeit ist begrenzt.„Sta­nisław Jer­zy Lec                                         *** Eine Isla­mi­sie­rung fin­det nicht statt: Die Mann­hei­mer…