22. August 2019

Wie ver­dor­ben und schwäch­lich muss eine Gesell­schaft sein, deren Eli­ten aus allen publi­zis­ti­schen Roh­ren mit Moral­platz­pa­tro­nen auf das Volk schie­ßen lassen.

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Men­schen, die nach Bewun­de­rung ver­lan­gen, sind nicht eitel genug.

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„Ver­sucht, den Dr. Faus­tus von Tho­mas Mann zu lesen. Unmög­lich. Altes Spiel. Das ist lang­wei­lig, das ist der Boche als Teufel.”
(Cior­an, Noti­zen, 9. Janu­ar 1967)

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„Der Fana­ti­ker ist gern Asket. Ich esse ger­ne; wie alle Men­schen ohne tie­fe­re Überzeugungen.”
(Der­sel­be, am 20. Janu­ar 1967)

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Das rech­te Gere­de vom Bevöl­ke­rungs­aus­tausch erklingt zuneh­mend auch aus der Wahr­heits- und Qua­li­täts­pres­se. „Dass der Migran­ten­an­teil in Deutsch­land auf ein Vier­tel der Gesell­schaft gestie­gen ist, liegt auch am rapi­den Rück­gang der her­kunfts­deut­schen Bevöl­ke­rung. Das ist vor allem in den jün­ge­ren Genera­tio­nen zu beob­ach­ten”, notiert die Welt (die ein­zel­nen Her­kunfts­re­gio­nen wer­den im Arti­kel quan­ti­fi­ziert). „Dani­el Thym vom Sach­ver­stän­di­gen­rat Migra­ti­on” – ja, genau der, Mer­kels Minia­tur-Carl-Schmitt (Die Kanz­le­rin schützt das Recht) – „über­ra­schen die Daten nicht. ‚Die Zah­len sind seit Jah­ren hoch, und sie wer­den wei­ter stei­gen. (…) Selbst wenn wir jetzt eine Null­zu­wan­de­rung hät­ten, wür­de der Migra­ti­ons­an­teil zuneh­men.’ ” Wegen des – Vor­sicht, es folgt ein klas­si­sches Ras­sis­ten­ar­gu­ment! – unter­schied­li­chen Gebär­ver­hal­tens nämlich.

Mer­ke: Wenn ein Sar­ra­zin das kon­sta­tiert und die Zah­len in die Zukunft extra­po­liert – „Deutsch­land schafft sich ab…” –, ist es Het­ze. Wer frei­lich den klei­nen Appen­dix hin­zu­fügt: „…, und das ist gut so!”, hat sol­che Vor­wür­fe nicht zu befürch­ten, wenn auch sonst so eini­ges. Mori­tur et ridet!

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Noch zum Vori­gen. Leser *** weist auf ein Migra­ti­ons-Papier der UNO hin, an des­sen Ende die Con­clu­sio steht: „Simi­lar­ly, inter­na­tio­nal migra­ti­on can pro­vi­de coun­tries of desti­na­ti­on with nee­ded human resour­ces and talent, but may also give rise to social ten­si­ons. Effec­ti­ve inter­na­tio­nal migra­ti­on poli­ci­es must the­re­fo­re take into account the impact on both the host socie­ty and coun­tries of ori­gin.” Und fügt hin­zu: „Auch wenn ich es nicht für eine aus­ge­mach­te Sache hal­ten, daß unse­re Popu­la­ti­on nicht ein­fach schrump­fen darf, und ich natür­lich stric­te­ment gegen erdul­de­te statt gewähl­te Ein­wan­de­rung bin (was mal ein Spruch aus dem ers­ten Wahl­kampf von Sar­ko­zy war), dage­gen kann man doch erst­mal nichts sagen?”

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„Vier Bar­rie­ren tren­nen uns von der Bar­ba­rei: der deut­sche Gene­ral­stab, das eng­li­sche Ober­haus, das Insti­tut de Fran­ce und der Vatikan.”
Paul Bourget

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Jona­than Pri­ce, der in Oxford und War­schau Phi­lo­so­phie lehrt, for­dert in einem Essay einen „ästhe­ti­schen Patrio­tis­mus für Euro­pa”. Kein Jahr­hun­dert habe mehr Häss­lich­keit pro­du­ziert als das zwan­zigs­te, sta­tu­iert er, und zwar sowohl in den Küns­ten als auch in der Archi­tek­tur als auch in der Tech­nik und damit letzt­lich in der Umwelt. (Ich pfle­ge an die­ser Stel­le gern ein­zu­wen­den, dass die durch­schnitt­li­che Beschaf­fen­heit der Gebis­se und vor allem der juve­ni­len Frau­en­kör­per sich deut­lich ver­bes­sert habe, aber das las­se ich heu­te.) „Der schlimms­te Scha­den, der durch ein zuneh­mend häß­li­ches Euro­pa ange­rich­tet wird, ist die Tat­sa­che, daß es selbst von den Euro­pä­ern als immer weni­ger lebens- und lie­bens­wert emp­fun­den wird”  – und folg­lich als immer weni­ger ver­tei­di­gens­wert. „Nur weni­ge wer­den bereit sein, zu kämp­fen und sich zu opfern für etwas, das nur noch schreck­lich, wider­wär­tig, gro­tesk, scheuß­lich, absto­ßend, unziem­lich, unför­mig oder selbst ‚funk­tio­nell’ ist.”

Als ein Bei­spiel nennt Pri­ce das „Euro­pa-Buil­ding” in Brüs­sel, der Sitz des Rates der EU:

1024px Europa building February 2016

Wer für die­sen Bau einen mys­ti­schen Ursprung erfin­den müs­se, läs­tert der Phi­lo­soph, der wer­de zuerst wohl auf die Idee kom­men, ein gigan­ti­scher extra­ter­ris­t­ri­scher Vogel habe hier ein Ei abge­legt, und nun war­te man mit einer gewis­sen Ban­gig­keit dar­auf, was für ein Mons­ter dem Ding ent­schlüp­fen wer­de. In der Tat ist die­ser EU-Appa­rat ja ein Rie­sen­ku­ckucks-Ei, das den Euro­pä­ern ins Nest gelegt wur­de – soll­te dem Archi­tek­ten eine Eulen­spie­ge­lei vor Augen gestan­den haben? Drin­nen haben die Gebäu­de-Desi­gner auf die kon­kre­ten Natio­nal­far­ben der Mit­glieds­län­der ver­zich­tet, statt­des­sen einen Ein­topf aus ihnen zusam­men­ge­rührt und den bun­ten Brei groß­zü­gig über­all ver­teilt: an den Decken, in den Lif­ten, an den Türen, auf den Tep­pi­chen. Auch das wür­de unser Till nicht anders gemacht haben, wenn er die Bunt­heits­ka­ma­ril­la hät­te ver­spot­ten wol­len. „Deutsch­land ist bunt wie nie. Aber bunt sind auch die Zufalls­ge­mäl­de des Schim­pan­sen Con­go” (Dimi­tri­os Kis­ou­dis). Die Innen­aus­stat­tung ver­mitt­le kei­ne Bot­schaft außer der bana­len „Ein­heit in Viel­falt”, notiert Pri­ce. Das sei nichts ande­res als „eine neue Form der Uni­for­mi­tät in der omni­prä­sen­ten Beto­nung einer ein­zel­nen grund­le­gen­den Nach­richt, zu Las­ten jeg­li­chen ästhe­ti­schen Werts”. Womit, gestat­te ich mir hin­zu­zu­fü­gen, Inhalt und Form in voll­ende­ter Har­mo­nie zusam­men­fin­den, unge­fähr wie bei Ralf Steg­ner oder der Kanzlerin.

Aber dem Phi­lo­so­phen ist es nicht nur ums Läs­tern zu tun, denn er ver­langt schließ­lich nach einem neu­en ästhe­ti­schen Patrio­tis­mus. Zu die­sem Zwe­cke hat er einen Kata­log von Fra­gen for­mu­liert, die er gern künf­ti­gen Gebäu­de­pla­nern vor­le­gen wür­de. Ich zitier­te eini­ge davon:

– Wären Sie bereit, sel­ber in den Räu­men zu arbei­ten, die Sie ent­wor­fen oder gebaut haben?
– Wür­den Sie Ihre Eltern/Ehepartner/Kinder dort arbei­ten lassen?
– Wären Sie bereit, in der Nähe des besag­ten Gebäu­des zu wohnen?
– Weckt das Gebäu­de Ihre Bewun­de­rung, so daß es Ihnen Freu­de berei­ten wür­de, dort anwe­send zu sein, und Sie ger­ne wie­der­keh­ren würden?
– Ist das Gebäu­de so ent­wor­fen, daß es die gegen­wär­ti­gen Moden über­le­ben könnte?

(Der Essay ist erschie­nen im auch sonst sehr lesens­wer­ten Sam­mel­band „Reno­va­tio Euro­pae. Plä­doy­er für einen hespe­ria­lis­ti­schen Neu­bau Euro­pas”, her­aus­ge­ge­ben von dem treff­li­chen David Engels und erschie­nen beim Manuscriptum-Verlag)

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Drol­li­ges tat sich in einer der ver­gan­ge­nen Näch­te zu Wei­mar, näher­hin im Park an der Ilm, an Goe­thes Gar­ten­haus, woselbst, wie ich mich erin­ne­re, in tiefs­ten DDR-Zei­ten des nachts ein­mal ein ver­lieb­tes Pär­chen ein­ge­stie­gen war, um es im Bet­te des Dich­ters sakri­legs­nah zu trei­ben, und ein mun­te­res, nur eben nicht von sexu­ell-sexis­ti­scher Not­durft befeu­er­tes, son­dern exakt gegen­tei­lig moti­vier­tes Trei­ben voll­zog sich auch heuer.

„Kurz vor dem Start des 30. Wei­ma­rer Kunst­fes­tes wur­de Goe­thes Gar­ten­haus mit etli­chen Klo­pa­pier-Rol­len bewor­fen. Zur Tat hat sich nun die Künst­ler­grup­pe ‚Frank­fur­ter Haupt­schu­le’ bekannt”, mel­det die Thü­rin­ger All­ge­mei­ne. „Aus Pro­test gegen den unbe­darf­ten und beschö­ni­gen­den Umgang mit Goe­the an deut­schen Schu­len, Uni­ver­si­tä­ten, Thea­tern und Muse­en” habe man das Haus „geschän­det”, heißt es in einer soge­nann­ten Stel­lung­nah­me (kann auch sein, dass es ein Beken­ner­schrei­ben war), und dass der Umgang mit Goe­the an deut­schen Schu­len, aber vor allem auch Thea­tern unbe­darft ist, wird man ja wohl als eine noch weit unter­trie­be­ne For­mu­lie­rung bezeich­nen müs­sen. Die „Frank­fur­ter Haupt­schu­le” kri­ti­siert aller­dings nicht nur die Aus- und Fort­bil­dungs­stät­ten, son­dern vor allem „Goe­thes Werk” sel­ber, und zwar wegen der „ero­ti­schen Hier­ar­chien zu Unguns­ten sei­ner Frau­en­fi­gu­ren, die von ihm oft als ’nai­ve Dumm­chen’ gestal­tet” wor­den sei­en. Statt bei­spiels­wei­se als auf­müp­fi­ge Klopapierwerfer*innen mit bis­wei­len sogar Stu­di­en­nei­gung, wenn nicht ‑abschluss!

„Hat denn zur uner­hör­ten Tat der Mann
Allein das Recht?”
(Iphi­ge­nie)

Gret­chen, 14, sei das pro­mi­nen­tes­te Bei­spiel der vor Min­der­jäh­ri­gen nicht zurück­schre­cken­den Weibs­un­ter­but­te­rung im Werk des Erz­chau­vi­nis­ten vom Frauen(!)plan, aber kei­nes­wegs der Tief­punkt der nach Höhe­punk­ten gei­len­den Rei­me­rei: „In sei­nem (von Franz Schu­bert ver­ton­ten) Gedicht ‚Hei­den­rös­lein’ ver­harm­lost Goe­the laut Frank­fur­ter Haupt­schu­le ‚eine bru­ta­le Ver­ge­wal­ti­gung in lieb­li­chem Träl­ler­ton’ ” – wobei man, was den Träl­ler­ton betrifft, dann doch wohl eher das Drei­mä­derl­haus in Klo­pa­pier hül­len oder, noch tie­fer­schür­fend, mit Tam­pons bewer­fen soll­te. „Eine Spre­che­rin der Künst­ler­grup­pe hält es nicht für ‚Zufall, dass Goe­thes 270. Geburts­tag und das chi­ne­si­sche Jahr des Schweins in die­sem Jahr zusam­men­fal­len’. Man for­de­re, das Gedicht vom Hei­den­rös­lein ‚aus den Schu­len zu verbannen.’ ”

Goe­the, das Schwein: So lau­tet das Urteil einer „Künst­ler­grup­pe” (= #wirsind­mehr), und das wird ja wohl stimmen.

Der Ein­wand, die augen­schein­lich anal­fi­xier­ten Aktio­nis­ten arbei­te­ten sich am irgend­wie letzt­lich ja doch ver­gan­ge­nen spä­ten 18./frühen 19. Jahr­hun­dert ab, statt sich der spe­zi­ell heu­ti­gen, unter ande­rem auch an und um Haupt­schu­len mani­fes­ten Mäd­chen­de­klas­sie­rung, ‑weg­sper­rung, ‑ver­hül­lung, ‑zwangs- und ‑früh­ver­hei­ra­tung (oder gar ‑ehren­tö­tung) pro­tes­tie­rend zu wid­men, zählt nicht, weil die frag­li­che Gegen­wart ja im 7. Jahr­hun­dert spielt.

PS: Die Gym­na­si­al­grup­pe „Mehr Raum für Aka­de­mi­ke­rin­nen bei Pin­dar!” will sich der Initia­ti­ve anschließen.

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Nor­ma­ler­wei­se ver­hält es sich so, dass die Volks­tüm­ler (i.e. die tümeln­den Völ­ki­schen) den Qua­li­täts­me­di­en ihre „Lügenpresse”-Lügen ent­ge­gen­plär­ren, aber in Aus­nah­me­fäl­len deutsch­tü­meln die Medi­en sel­ber, und in Sachen Lügen las­sen sie sich eh nix vor­ma­chen. Die Hör­zu, frü­her Sprin­ger, heu­te Fun­ke, ist soeben mit die­ser Titel­sto­ry erschienen:

Respekt 1

Der Gar­ten­zwerg ist des Deutsch­tüm­lers Lieb­lings­sym­bol, wenn er Deutsch­tüm­ler dar­stel­len will. Oder muss. Hier steht der Ger­ma­nen­gnom also syn­onym für die Ver­ro­hung unse­rer Gesell­schaft, seit…? 1871? 1933? 1989? 2015?

Es fol­gen sämt­li­che Sei­ten des Arti­kels, wobei ich Ihre Auf­merk­sam­keit aus­schließ­lich auf die Illus­tra­tio­nen len­ken will, ganz beson­ders auf die Gang, die der älte­ren Dame gleich einen gehö­ri­gen Schreck ein­ja­gen wird; ich kann ver­si­chern, dass im Text kei­ne ein­zi­ge von der rein­ras­si­gen Dar­bie­tung abwei­chen­de Beschrei­bung oder auch nur Anspie­lung auftaucht:

Respekt 2Respekt 3
Respekt 4Respekt 5

Sie sehen, wer die­ses Land hier immer respekt­lo­ser, unsi­che­rer und bewoh­ner­un­freund­li­cher macht. Aber gott­lob – wenn auch etwas merk­wür­di­ger­wei­se – gibt es davon immer weni­ger Exem­pla­re. Die Zunah­me ihrer Aggres­si­vi­tät könn­te damit zusammenhängen.

***

Zum gest­ri­gen Leser­brief über gewis­se Wand­lun­gen in Stil und Gäs­te­schaft eines Pari­ser Hotels will Leser*** eine Ergän­zung loswerden:

„Wir wis­sen zwar alle, daß feis­te Ara­ber kei­ne Berei­che­rung der Hotel­lob­by sind, aber wie immer liegt das Pro­blem bei den Wei­ßen. Vor drei­ßig Jah­ren habe ich mich tief erschro­cken, als ich im Früh­stücks­saal des Bay­ri­schen Hofes (soll­te Ihnen bekannt sein) einen Yan­kee im Unter­hemd sah, wäh­rend der Kell­ner dort damals noch mit Kra­wat­te arbei­te­te. Nie­mand hat den Ami auf­ge­for­dert, sich zivi­li­siert zu klei­den oder ihn des Rau­mes ver­wie­sen. Über­all auf der Welt sit­zen Gäs­te mit rich­tig viel Geld in kur­zen Hosen im Hotel, schwat­zen laut über ihre Tele­fo­ne, strot­zen mit ihren Täto­wie­run­gen und ver­prol­len jeden Win­kel öffent­li­chen Rau­mes, ganz gleich ob in Hel­sin­ki, Qui­to oder Mexi­co-City, und fast immer sind es Wei­ße, Yan­kees und Deut­sche ganz weit vor­ne­weg oben auf der Ekelskala.”

***

„Denn alle wis­sen, daß ich gern um 17 Uhr auf­tre­te, um 19 Uhr nach­schüt­te und um 22 Uhr zu Hau­se sein möchte.”
Tho­mas Kapielski

 

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