4. August 2019

Der täg­li­che Dummenfang:

„Die Furcht vor Zuwan­de­rern wird Medi­en­wis­sen­schaft­lern zufol­ge von der AfD sys­te­ma­tisch geschürt. Zu die­sem Ergeb­nis kom­men zwei Medi­en­for­scher aus Ham­burg und Leip­zig”, ver­brei­tet die Zeit Gegen­furcht. „ ‚Über­ra­schend ist, wie kon­se­quent das geschieht’, schrei­ben die Pro­fes­so­ren Tho­mas Hes­ter­mann (Ham­burg) und Eli­sa Hoven (Leip­zig) in der Kri­mi­nal­po­li­ti­schen Zeit­schrift. Die Wis­sen­schaft­ler ana­ly­sier­ten sämt­li­che 242 Pres­se­mit­tei­lun­gen der AfD zum The­ma Kri­mi­na­li­tät in Deutsch­land und ver­gli­chen sie mit der Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­tik: ‚Soweit die AfD bei Tat­ver­däch­ti­gen die Natio­na­li­tät nennt, sind dies zu 95 Pro­zent Aus­län­der, nur zu fünf Pro­zent Deutsche.’ ”

Wenn soge­nann­te Wis­sen­schaft­ler Pres­se­mit­tei­lun­gen ana­ly­sie­ren, müss­ten sie eigent­lich berück­sich­ti­gen, dass Par­tei­en sol­che Mit­tei­lun­gen her­aus­ge­ben, um ihre poli­ti­schen Zie­le zu pro­pa­gie­ren – und nicht, um Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten fest­zu­stel­len. Etwa jene, dass es in Deutsch­land Deut­sche gibt, die Straf­ta­ten bege­hen (wobei es ten­den­zi­ell immer weni­ger wer­den und die Aus­län­der sich rich­tig ins Zeug legen müs­sen, um die Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­tik auf kon­stan­ter Höhe zu hal­ten). Wenn frei­lich Migran­ten und erst recht soge­nann­te Flücht­lin­ge Straf­ta­ten bege­hen – und bei denen, die von der Schwe­fel­par­tei the­ma­ti­siert wer­den, dürf­te es sich zu 100 Pro­zent um Gewalt­ver­bre­chen han­deln –, steht plötz­lich eine emi­nent poli­ti­sche Fra­ge im Raum, näm­lich wer dafür ver­ant­wort­lich ist, dass sol­che Leu­te über­haupt im Lan­de wei­len und Opfer pro­du­zie­ren kön­nen. Offen­kun­dig gehö­ren sie ja nicht hier­her, oben­drein leben sie auf Kos­ten der Steu­er­zah­ler, und dann wer­den sie auch noch straf­fäl­lig. Weil es sehr vie­le Deut­sche ohne und auch mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund gibt, die das skan­da­lös fin­den, gibt es die AfD, zu deren nor­ma­len geschäft­li­chen Oblie­gen­hei­ten es gehört, ihre poli­ti­schen Zie­le zu begrün­den, unter ande­rem in Pressemitteilungen.

Als nächs­tes wer­den die Genos­sen Medi­en­wis­sen­schaft­ler aus­gleichs­hal­ber unter­su­chen, wie sys­te­ma­tisch die Grü­nen die Furcht vor men­schen­ge­mach­tem CO2 schü­ren. In ca. 100 Pro­zent ihrer Pres­se­mit­tei­lun­gen, die auf die Schre­cken des CO2-Aus­sto­ßes hin­wei­sen, nen­nen sie den Men­schen als Ver­ur­sa­cher, obwohl das meis­te Koh­len­di­oxid natür­li­chen Ursprungs ist und Homo sapi­ens allen­falls ein Fünf­zehn­tel beisteuert.

                                    ***

Nach­dem der wöchent­lich erschei­nen­de Spie­gel Egon Krenz aus­führ­lich inter­viewt hat, zieht der täg­lich erschei­nen­de ähn­lich weit­schwei­fig nach. Was bei bei­den Inter­views auf­fällt, ist der net­te Ton der Fra­ger. So freund­lich und ver­ständ­nis­voll wür­de man einen AfD-Polit­ker nie behan­deln, und der Krenz distan­ziert sich auch beflis­sen von den Rechts­po­pu­lis­ten, womit er auto­ma­tisch Hell­deutsch­land zufällt. Da wird kein ehe­ma­li­ger Unter­drü­cker, kei­ne Sys­tem­schran­ze, kein Wahl­fäl­scher und Tian’anmenmasskaer-Verteidiger inter­viewt, nicht „der ver­sof­fe­ne FDJ-Vete­ran, der Jubel­per­ser des Polit­bü­ros, der opti­mis­ti­sche Idi­ot, Egon Krenz, das ewig­la­chen­de Gebiß” (so Wolf Bier­mann im Okot­ber 1989), son­dern irgend­ein ehe­ma­li­ger Poli­ti­ker, der heu­te Büchern schreibt und vor Nost­al­gi­kern redet. Der kann behaup­ten, was er will, auf ein Nach­ha­ken der Fra­ger war­tet der Leser ver­geb­lich. Etwa der fol­gen­de Pas­sus (die Fra­gen kursiv):

„Hon­ecker kann­te sich in der Geschich­te bes­tens aus. Er hat ver­mut­lich im Gefäng­nis sehr viel gele­sen, die Bücher, die es dort noch gab: bür­ger­li­che Lite­ra­tur über Kai­ser- und Königs­häu­ser, preu­ßi­sche Geschich­te, deut­sche Klassik …

… Goe­the und Schil­ler?
Ja, aber auch Les­sing, Her­der, Hei­ne. Er ver­wen­de­te oft Zita­te, die er aus­wen­dig gelernt hatte.

Goe­the war bür­ger­li­cher Her­kunft, er beklei­de­te eine Funk­ti­on in einem aris­to­kra­ti­schen Sys­tem …
Ja, und? Er war ein Kind sei­ner Zeit. Haben Sie damit ein Problem?

Dass in der DDR, wo Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit wich­tig und der Kunst­be­griff ein­ge­schränkt war, aus­ge­rech­net Goe­the …
… wis­sen Sie, wohl­ha­bend zu sein bedeu­tet ja nicht zwin­gend, ein­fäl­tig und reak­tio­när zu sein. Für Wal­ter Ulb­richt war Fausts Schluss­mo­no­log im fünf­ten Akt mit der Visi­on „auf frei­em Grund mit frei­em Vol­ke stehn“ die geschichts­pro­phe­ti­sche Begrün­dung für die DDR. Die letz­ten Wor­te von Faust, das sage ich beschei­den, kann­te auch ich aus­wen­dig. Wer­ke der Klas­si­ker waren bei uns Pflicht­li­te­ra­tur in den Schu­len. Vie­le reden heu­te über die DDR, ohne sie zu kennen.

Aber ich rede ja über Goe­the.
Ich auch.“

Der Kunst­be­griff (nicht die Kunst!) war „ein­ge­schränkt”, na so was, aber dass Ulb­richt auf frei­em Grund mit frei­em Vol­ke ste­hen woll­te, die­ser Goe­the-Miss­brauch, die­se Klas­si­ker-Not­zucht flutsch ein­fach unwi­der­spro­chen durch. Des­we­gen hat der Wal­ter den Erich schließ­lich den Sta­chel­draht ums Land zie­hen lassen.

„Sie waren wegen der Mau­er­to­ten ange­klagt.
Jeder Tote an der Mau­er war einer zu viel, kei­ne Frage.”

Weil wie­der ein Mensch sei­ne Frei­heit verlor.

„Der Bür­ger­recht­ler Fried­rich Schor­lem­mer hat mal gesagt: bes­ser Moa­bit als Baut­zen.
Knast ist nir­gend­wo ein Sana­to­ri­um. Wenn heu­te Leu­te berich­ten, wie unmensch­lich es in DDR-Gefäng­nis­sen zuging, weil sie sich aus­zie­hen muss­ten und ihnen in alle Kör­per­öff­nun­gen geschaut wur­de – dann sage ich: Ja, das fin­de ich wirk­lich fürch­ter­lich. Denn mir wider­fuhr es auch.”

Ihm ging es im West­k­nast so schlimm wie den Fein­den des Frei­en Volks in Baut­zen – auch das rutscht im Inter­view ein­fach so durch. Spä­tes­tens hier müss­te man der abge­feim­ten Grinse­ba­cke ins Gesicht spu­cken. Und jetzt Schluss mit dem Gewäsch.

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