9. September 2019

„Inzwi­schen”, sagt Freund ***, „wün­sche ich mir eine grü­ne Bun­des­re­gie­rung, weil ich inzwi­schen der Mehr­heit des West­packs eine sozia­lis­ti­sche Lek­ti­on von Her­zen gönne.”

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„Wie Pre­mier John­son die Zukunft der Bri­ten ver­zockt”, titelt der Spie­gel, und über das letz­te Anne-Will-Sym­po­si­on schreibt Ste­phan Pae­tow in sei­ner wie gewohnt lau­ni­gen nach­träg­li­chen Manö­ver­kri­tik: „End­lich wie­der ein kla­res Feind­bild, end­lich wie­der vier ‚Exper­ten’ mit einer Mei­nung, end­lich wie­der ein Opfer in der Run­de, so dass auch das Publi­kum weiß, was von ihm gefor­dert wird.” Das per­fi­de Albi­on wird schon sehen! Auch wenn der eine oder ande­re Lon­do­ner den Blitz nicht mit­be­kom­men haben will:

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„Ich bin der fes­ten Über­zeu­gung, dass …–”
„Nun, immer­hin ken­nen Sie Ihr Problem.”

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Die UNO, aus der Donald Trump nach sei­ner Wie­der­wahl hof­fent­lich aus­tre­ten wird, denn einer muss, wie beim Bre­x­it, den Anfang machen, hat auf Geheiß ihres Gene­ral­se­kre­tärs Anto­nio Guter­res einen „glo­ba­len Akti­ons­plan gegen Hass­re­de und Hass­de­lik­te” vor­ge­legt, der einen Zivi­li­sier­ten nicht die Boh­ne inter­es­sie­ren müss­te, sofern er nicht in einem jener Län­der leb­te, in denen die Will­kom­mens­jun­ta Fuß gefasst und Macht erlangt hat. „Hass­re­de” sei „ein Angriff auf Tole­ranz, Inklu­si­on, Viel­falt und das Wesen unse­rer Men­schen­rechts­nor­men und ‑prin­zi­pi­en”, erklär­te Guter­res. Was aber ist mit die­sem Rät­sel­wort gemeint? „Jede Art von Kom­mu­ni­ka­ti­on in Wort, Schrift oder Ver­hal­ten, die eine Per­son oder eine Grup­pe in Bezug auf eine Per­son oder eine Grup­pe angreift oder abwer­ten­de oder dis­kri­mi­nie­ren­de Spra­che ver­wen­det, basie­rend auf ihrer Reli­gi­on, Eth­nie, Natio­na­li­tät, Ras­se, Haut­far­be, Abstam­mung, Geschlecht oder einem ande­ren Iden­ti­täts­fak­tor.” Medi­en „jeder Art”, denen der­glei­chen ange­las­tet wer­den kann – eine Per­son unter Hin­weis auf ihre Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit zu dis­kri­mi­nie­ren –, sol­len ding­fest gemacht, ange­pran­gert und finan­zi­ell aus­ge­trock­net, also prak­tisch zurück­ge­hasst werden. 

Wie kor­rek­te, nicht­dis­kri­mi­nie­ren­de, kul­tur­sen­si­ble Bericht­erstat­tung aus­sieht, kann man hier nach­le­sen. 2018 gab es in Schwe­den nach Regie­rungs­an­ga­ben 306 Schie­ße­rei­en und 162 nicht­ge­neh­mig­te Explo­sio­nen, also irgend­wie Bom­ben­an­schlä­ge, die durch­weg von Schwe­den began­gen wur­den bzw. eben in Schwe­den von „Kri­mi­nel­len”.

In Schwe­den brin­gen Schwe­den Schwe­den um, so what?, und mit­un­ter rei­sen Schwe­den auch in Nach­bar­län­der, um dort das alte Lied wie­der zu eta­blie­ren:
„Bet, Kind­lein, bet,
mor­gen kommt der Schwed’.”

Etwa: „Vor einer Woche wur­den nach einer Explo­si­on vor der däni­schen Steu­er­ver­wal­tung in Kopen­ha­gen zwei ver­däch­ti­ge Schwe­den fest­ge­nom­men. Die bei­den stün­den mög­li­cher­wei­se in Ver­bin­dung mit der Tat, teil­te die schwe­di­sche Straf­ver­fol­gungs­be­hör­de mit. Bereits zuvor war ein tat­ver­däch­ti­ger Schwe­de fest­ge­setzt wor­den, nach einem wei­te­ren Lands­mann wer­de inter­na­tio­nal gefahndet.”

Aber ist das nicht even­tu­ell schwedendiskriminierend?

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Der Blog­ger Had­mut Danisch ist auf twit­ter gesperrt wor­den, weil er ein State­ment des TV-Kas­pers Jan Böh­mer­mann wie­der­ge­ge­ben hat, näm­lich: „Das ein­zi­ge, was die­ses Bun­des­land (Sach­sen – M.K.) noch ret­ten kann, ist eine Koali­ti­on aus Roter Armee und Roy­al Air For­ce.” In sei­nem Blog beschreibt Danisch den Her­gang und mut­maßt in einem Folgeeintrag:

„Offen­bar war die Böh­mer­mann-Het­ze nach Mit­ter­nacht (kam nachts um 1) nur für einen engen Emp­fän­ger­kreis des links­ra­di­ka­len Milieus gedacht und nicht dafür, dass das über mein Blog in die all­ge­mei­ne Öffent­lich­keit gelang­te, die Böh­mer­mann sowie­so nicht guckt. Es pas­sier­te aber auf Twit­ter beacht­li­ches, denn immer mehr Leu­te haben den Tweet ret­wee­tet, ‚gelik­ed’ oder vol­ler Ver­ach­tung für das ZDF im All­ge­mei­nen oder Böh­mer­mann im Beson­de­ren kom­men­tiert. Und das wäre heu­te zum Sonn­tag bei mäßi­gem Wet­ter, ein Tag, an dem die Leu­te Zeit und Muße zum Twit­tern haben und der Ärger noch frisch, die Wah­len noch in den Ver­hand­lun­gen ste­cken, noch ziem­lich abge­gan­gen. Irgend­wer hat da die Not­brem­se gezogen.

Das muss man sich mal klar­ma­chen, was da abgeht: Ich kann nicht nur nichts twit­tern (schrei­ben), und auch mein ange­zeig­tes Pro­fil nicht mehr ändern, ich kann auch (fast) nichts mehr lesen: An Direkt-Nach­rich­ten kom­me ich gar nicht mehr ran, und bei vie­len Tweets, auf die irgend­wo ver­wie­sen wird, bekom­me ich – wenn ich nicht ein­ge­loggt bin – eine Feh­ler­mel­dung, dass man dafür ein­ge­loggt sein muss, aber ein­log­gen geht nicht mehr.

Das ist nicht nur ver­fas­sung­wid­rig wegen Arti­kel 5 Grund­ge­setz. Es ist auch eine Ver­let­zung des Post- und Fern­mel­de­ge­heim­nis­ses aus Arti­kel 10 GG. (…)

Die­ser Mist ist gebaut vom dama­li­gen Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter (!) Hei­ko Maas, juris­tisch und ver­fas­sungs­recht­lich irgend­wo zwi­schen völ­li­gem, ahnungs­lo­sem Lai­en- und abso­lu­tem Scheiß­egal-Niveau. Grund­rech­te inter­es­sie­ren einen Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter doch nicht ernst­lich, des­sen Auf­ga­be im Mer­kel-Uni­ver­sum ist, Regie­rungs­in­ter­es­sen gegen die Grund­rech­te durch­zu­set­zen. Über die Flucht in das Pri­vat­recht.
Staat­lich orga­ni­sier­te, staat­lich erwar­te­te, staat­lich erzwun­gen­de Kriminalität.”

PS: Zum Böh­mer­mann-State­ment selbst wäre noch zu sagen: Sowohl die Roy­al Air For­ce als auch die rus­si­sche Armee ste­hen heu­te eher auf der Sei­te der Sach­sen. Aber das hat der Staats­funk­clown wohl nicht geschnallt.

 

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„Sobald der Men­schen­see­le ein neu­es Dog­ma ein­ge­pflanzt ist, inspi­riert es die Insti­tu­tio­nen, die Küns­te und das Ver­hal­ten der Men­ge. Die von ihm über die See­len geüb­te Herr­schaft ist dann eine abso­lu­te. Die Män­ner der Tat den­ken nur an des­sen Ver­wirk­li­chung, die Gesetz­ge­ber nur an des­sen Anwen­dung, die Phi­lo­so­phen, Künst­ler, Schrift­stel­ler beschäf­ti­gen sich nur mit des­sen Umset­zung in ver­schie­de­ne For­men.„
Also schrieb Gust­ave Le Bon in sei­nem 1895 erschie­ne­nem Buch „Psy­cho­lo­gie der Mas­sen” (hier zitiert nach der 4. Aufl., Stutt­gart 1922, S. 104).

Oswald Speng­ler präzisiert:

„ ‚Selbst­be­stim­mungs­recht des Vol­kes’ ist eine höf­li­che Redens­art; tat­säch­lich hat mit jedem all­ge­mei­nen – anor­ga­ni­schen – Wahl­recht sehr bald der ursprüng­li­che Sinn des Wäh­lens über­haupt auf­ge­hört. Je gründ­li­cher die gewach­se­nen Glie­de­run­gen der Stän­de und Beru­fe poli­tisch aus­ge­löscht wer­den, des­to form­lo­ser, des­to hilf­lo­ser wird die Wäh­ler­mas­se, des­to unbe­ding­ter ist sie den neu­en Gewal­ten aus­ge­lie­fert, den Par­tei­lei­tun­gen, wel­che der Men­ge mit allen Mit­teln geis­ti­gen Zwan­ges ihren Wil­len dik­tie­ren, den Kampf um die Herr­schaft unter sich aus­fech­ten, mit Metho­den, von denen die Men­ge zuletzt weder etwas sieht noch ver­steht, und wel­che die öffent­li­che Mei­nung ledig­lich als selbst­ge­schmie­de­te Waf­fe gegen­ein­an­der erhe­ben. Aber eben des­halb treibt ein unwi­der­steh­li­cher Zug jede Demo­kra­tie auf die­sem Wege wei­ter, der sie zu ihrer Auf­he­bung durch sich selbst führt.”

(„Der Unter­gang des Abend­lan­des”, Mün­chen 1919, S. 796)

Die Dia­gno­se ist seit lan­gem gestellt. 

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„Neid”, „Gleich­heit”, „Regres­si­on”, „Schwer­kraft (Faul­heit)”: So lau­ten die Namen, die auf den Feld­zei­chen der Legio­nen des Sozia­lis­mus geschrie­ben ste­hen. Sie gel­ten als unbesiegbar.

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Das Pro­blem ist nicht, dass es Super­rei­che gibt, son­dern dass es fast nur vul­gä­re Super­rei­che gibt.

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Das neue „fal­sche Bewusst­sein” in einem Satz: Ich füh­le mich nicht benachteiligt.

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In sei­nem 1907 erst­ver­öf­fent­lich­ten Essay „Vil­la”, einem Ver­such über die ästhe­ti­sche Ver­mäh­lung von Land­schaft, Land­haus und Fami­li­en­ge­schlecht in Ita­li­en, gelingt Rudolf Bor­chardt eine bestechen­de Beschrei­bung der ita­lie­ni­schen Men­ta­li­tät (im Kon­trast zu den Illu­sio­nen, wel­chen sich spe­zi­ell der deut­sche Ita­li­en­rei­sen­de über die­sel­be hin­zu­ge­ben pflege):

„Der citra­mon­ta­ne Aber­glau­be, der alle Künst­ler­qua­li­tä­ten von Phan­ta­sie und Lei­den­schaft, genia­lem und brau­sen­dem Blut, Leicht­sinn und Idea­li­tät auf den Ehren­schei­tel des Ita­lie­ners häuft, kann kaum irgend­wo grim­mi­ge­rem Hoh­ne begeg­nen als bei den so miß­kann­ten sel­ber, den zähen und rech­ne­ri­schen, kal­ten, über­le­ge­nen und kla­ren Kin­dern einer seit undenk­li­cher Zeit fest­ge­wor­de­nen Ras­se, so fein von Kopf, wie deut­lich, ja grob von See­le, im aus­ge­träum­ten Innern schwung­los und streng bei der Sache, so schö­nen Schein des Schwungs eine elas­ti­sche Spra­che ihnen lei­hen mag – die­sem grei­sen und ungläu­bi­gen Volk von Bau­ern und Gerichts­leu­ten, Bür­gern im his­to­ri­schen Sin­ne des Wor­tes, Händ­lern und Unter­händ­lern, Ver­mitt­lern und Ban­kiers, das nur halb aus der Läh­mung von Armut und Unfrei­heit hat her­aus­tre­ten dür­fen, um sich auch schon mit den imma­nen­ten Eigen­schaf­ten des Latei­ners wie­der zu bezeugen.”

Im aus­ge­träum­ten Innern... – Gott, wie groß­ar­tig! In die­sen zwei Wor­ten ist nahe­zu alles gesagt, was Ita­lia und Ger­ma­nia unter­schei­det. Die uralte Ita­lia lebt im Bewusst­sein ihrer Dau­er in der Rea­li­tät, die puber­tä­re Ger­ma­nia indes hat noch lan­ge nicht aus­ge­träumt. Joa­chim Fest graus­te es vor der „ewi­gen Mobil­ma­chungs­wut” sei­ner Lands­leu­te. Des­we­gen ist es so anstren­gend, in Deutsch­land zu leben. Die unfro­hen deut­schen Gou­ver­nan­ten las­sen einen nicht in Ruhe, sie ver­gäl­len einem die Lebens­freu­de, sie über­prü­fen täg­lich die Gesin­nung, hier ist jeder nicht der Irren­wär­ter sei­nes Nach­barn, wie Frie­dell das zivi­li­sa­to­ri­sche Prin­zip auf den Punkt brach­te, son­dern jeder kann jeder­zeit sei­nes Nächs­ten Ver­fas­sungs­schüt­zer wer­den, wie es Gün­ter Masch­ke for­mu­lier­te. Es ver­langt die guten Deut­schen durch­aus nach guten Taten mit Letzt­be­grün­dung, immer müs­sen sie sich stre­bend bemü­hen, immer wol­len sie die Bes­ten, die Mora­lischs­ten, die Vor­bild­lichs­ten sein, im Auf­bau­en wie im Nie­der­rei­ßen, im Sie­gen wie im Besiegt­sein, im Über­renn­nen der Welt wie im Über­rannt­wer­den von der Welt; ihr Her­den­be­ha­gen benö­tigt ent­schie­den den Gleich­schritt, und ihr Puri­ta­nis­mus fahn­det all­zeit nach Sün­den­bö­cken, sogar die Kunst behan­deln sie erken­nungs­dienst­lich, du hast sie ent­we­der an der Keh­le oder sie lecken dir die Stie­fel, kein Maß, kei­ne Mit­te, kein Ver­ständ­nis für Vor­läu­fig­kei­ten, kei­nen Sinn für Lebens­art, immer zie­hen sie Leh­ren und voll­stre­cken irgend­ei­nen Kon­sens, immer auf­ge­regt, Gei­fer statt Amü­se­ment, Dis­kus­si­on statt Kon­ver­sa­ti­on, „authen­tisch” statt kul­ti­viert, immer an der Tete des Zeit­geis­tes, immer „Zei­chen set­zend”, immer prin­zi­pi­ell, immer „roman­tisch” und offen für jede Art Illusion, … –

                                 ***

Apro­pos Zei­chen set­zen: „Höre ich heu­te jeman­den sagen: ‚Ich möch­te ein Zei­chen set­zen gegen …’, dann unter­bre­che ich ihn hier an die­ser Stel­le und sage ihm: ‚Dei­ne Zei­chen inter­es­sie­ren mich nicht, die gan­ze Welt habt ihr Heuch­ler mit Zei­chen zuge­pflas­tert, sage mir, was du tust, wenn kei­ner hin­schaut!’ ” (Hier.)

                                 ***

Alle Kir­chen weg­den­ken aus Deutsch­land, die Kathe­dra­len in den Städ­ten eben­so wie die bran­den­bur­gi­schen Dorf­kir­chen und die Zwie­bel­tür­me in Bay­ern. In Gedan­ken erset­zen durch Nutz­ar­chi­tek­tur, sozia­len Woh­nungs­bau, Wind­rä­der und die umschö­pe­ri­sche archi­tek­to­ni­sche Viel­falt aus Ara­bi­en.
Vor­freu­en.
(Auf den Tod, mei­ne ich.)

                                  ***

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