16. Oktober 2019

„Nur ein so zur Ent­schei­dung unfä­hi­ger Mensch wie ich konn­te eine Theo­rie der Dezisi­on ent­wi­ckeln.„
Carl Schmitt

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Nach allem, was ich inzwi­schen mit­be­kom­me, unter ande­rem auch Erk­ent­nis­se der Ermitt­ler, war mein Urteil über den Täter von Hal­le womög­lich doch halb falsch. Die Hin­wei­se auf einen psy­chi­schen Defekt meh­ren sich. Es heißt, der Kerl rede wirr. Außer­dem sei sein Han­deln min­des­tens eben­so sehr von durch­ge­knall­ten Vor­stel­lun­gen aus den dun­kels­ten Tei­len der Gamer-Sze­ne beein­flusst gewe­sen wie von irgend­wel­chen rechts­ex­tre­mis­ti­schen Ideen.

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„Lim­bur­ger Unfall­fahrt war kein Ter­ror­akt”, twit­tert die Tages­schau. Die Poli­zei sieht kein ter­ro­ris­ti­sches Motiv, da dem Fah­rer kei­ne Ver­bin­dung zu einer ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung nach­ge­wie­sen wer­den konn­te. Sei­ne Moti­ve lägen eher „im per­sön­li­chen Bereich” soli­de versteckt.

Wenn ein fröh­li­cher Syrer einen Lkw in einen Pulk an der Ampel war­ten­der Pkw lenkt, ist es also eine „Unfall­fahrt”. Immer­hin kei­ne „Wall­fahrt”! Die Fahr­zeu­ge „wur­den zusam­men­ge­scho­ben”, heißt es auf Tagesschau.de. Beim Zusam­men­schie­ben wur­den bedau­er­li­cher­wei­se acht Per­so­nen ver­letzt, denn wenn so ein Zwan­zig­ton­ner erst mal schiebt, dann drückt es auf der Gegen­sei­te tüch­tig. Die­ses „Schie­ben” ist wohl das Äqui­va­lent zum „Schub­sen”, wel­ches auf deut­schen Bahn­stei­gen Ein­zug gehal­ten hat. 

Die Aus­sa­ge der Poli­zei, es kön­ne nicht Ter­rro­rist sein, wer kei­ne Ver­bin­dung zu ter­ro­ris­ti­schen Grup­pen unter­hal­te, ist von gro­tes­ker, wahr­schein­lich gewoll­ter Blöd­heit. Der IS hat bekannt­lich jeden Mus­lim auf Erden auf­ge­for­dert, Ungläu­bi­ge zu töten, egal auf wel­che Wei­se, unter ande­rem und expli­zit wur­den Fahr­zeu­ge als Waf­fe emp­foh­len. Wer die Men­scheit in Gläu­bi­ge und Ungläu­bi­ge teilt und Let­ze­re der Ver­ach­tung anheim­stellt, ist schon mal bereit, ihnen ordent­lich heim­zu­leuch­ten. Es gibt selbst­ver­ständ­lich auch iso­liert han­deln­de mus­li­mi­sche Ein­zel­tä­ter, nur die emp­fin­den sich nicht als sol­che, da sie ja aus der Umma her­aus zu agie­ren wäh­nen. Der Bub, der mit Mes­ser und „Alla­hu akbar!”-Rufen in die Ber­li­ner Syn­ago­ge ein­zu­drin­gen ver­such­te und inzwi­schen, weil ihm mehr als Haus­frie­dens­bruch nicht zur Last gelegt wird, wie­der auf frei­em Fuß ist, hat­te offen­bar auch kei­ne Ver­bin­dung zur isla­mi­schen Ter­ror­sze­ne. Sein Motiv liegt folg­lich im Persönlichen.

Der Amok­fah­rer von Lim­burg mag kein ter­ro­ris­ti­sches Motiv gehabt haben – ein­zig Allah blickt in sein Herz. Aber es ist eben Unsinn zu behaup­ten: kei­ne Ver­bin­dung zu Ter­ro­ris­ten, kein Terror. 

Im Übri­gens soll man bei sol­chen Vor­fäl­len nicht zuerst fra­gen, ob sie mit Ter­ror zu tun haben, son­dern: Haben sie mit Ein­wan­de­rung zu tun?

PS: Ste­phan Bal­liet, der Atten­tä­ter von Hal­le, unter­hielt Kon­tak­te in die Gamer­sze­ne, aber zu kei­ner ter­ro­ris­ti­schen Grup­pe. Anders Brei­vik trieb sich zwar in rechts­ex­tre­men Inter­net­fo­ren her­um, hat­te aber kei­ne Ver­bin­dun­gen zu irgend­wel­chen Ter­ro­ris­ten. Ergo: …

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Zu den ges­tern von mir zitier­ten Ein­las­sun­gen von Leser *** über mei­ne Bespre­chung des Buches „Was Juden zur AfD treibt” schreibt einer der Autoren:

„Inwie­fern man in einer Rezen­si­on die­ses Sam­mel­ban­des unbe­dingt erwäh­nen muss, dass es rei­che und ein­fluss­rei­che Juden auf­sei­ten der Glo­ba­lis­ten gibt (auch wenn es zwei­fels­oh­ne stimmt), ist mir ein Rät­sel, zumal man ja, ins­be­son­de­re in Deutsch­land, fast nur von die­sen Juden hört, von den ande­ren rei­chen und ein­fluss­rei­chen hin­ge­gen kaum. Hier kennt jeder, ob links oder rechts, Geor­ge Soros, aber kaum jemand kennt Shel­don Adel­son. Der Leser *** scheint den Ein­druck erhal­ten zu haben, dass sämt­li­che ein­fluss­rei­che Juden links sei­en, obwohl im ein­zi­gen jüdi­schen Staat ‚rechts’ ein völ­li­ger all­täg­li­cher Begriff und ‚links’ bei­na­he ein Schimpf­wort ist. Das ein­zi­ge Par­la­ment, das mehr­heit­lich von Juden gewählt wird (denn Ara­ber sind in Isra­el auch stimm­be­rech­tigt) weist eine rech­te Mehr­heit auf. Es gibt hin­ge­gen kein ein­zi­ges deut­sches Par­la­ment (es sei denn, man zählt Wien dazu, aber auch das geht nur cum gra­no salis) mit einer rech­ten Mehrheit.

Die Ergän­zung des Lesers *** lässt sich allen­falls dadurch erklä­ren, dass es der ‚World Jewish Con­gress’ ist, der Mer­kel den Herzl­preis zu ver­lei­hen sich bemü­ßigt fühlt; aber was kön­nen Juden für die­sen grö­ßen­wahn­sin­ni­gen Namen? Wir haben auch nie das Prä­si­di­um die­ser Ver­ei­ni­gung gewählt, die im Übri­gen um eini­ge Jahr­zehn­te jün­ger als die von Nordau und Herzl gegrün­de­te Zio­nis­ti­sche Welt­or­ga­ni­sa­ti­on ist und seit jeher ein Sam­mel­be­cken für in der Dia­spo­ra wesen­de und daher von den Ara­bern weit­ge­hend ver­schon­te lin­ke Juden war. Der ame­ri­ka­ni­sche Ver­band besag­ter Zio­nis­ti­scher Welt­or­ga­ni­sa­ti­on hat die Wahl Mer­kels im Übri­gen kritisiert.
Bei allen Preis­ver­lei­hun­gen will ja auch der Stif­ter pro­fi­tie­ren vom Preis­trä­ger, den man an sich zu bin­den hofft. Bei sol­chen Prei­sen wie dem Herzl­preis besteht die Fra­ge für Staats­ober­häup­ter und Regie­rungs­chefs weni­ger dar­in, ob man sie bekommt, als viel­mehr dar­in, wann man sie bekommt. Und wenn Mer­kel vom deut­schen Volk nicht zu sei­ner Kanz­le­rin erko­ren wor­den wäre, bekä­me sie die­se Aus­zeich­nung auch nicht.
Nach­dem ich ein­mal geäu­ßert hat­te, dass schät­zungs­wei­se 30–40 Pro­zent der deut­schen Juden AfD wäh­len, tat ein deut­scher Bekann­ter, AfD-Mit­glied, kund, dass es 100 Pro­zent sein müss­ten. Ich hät­te ant­wor­ten müs­sen (war aber zu höf­lich, als dass ich es getan hät­te): ‚Räum erst­mal bei dir selbst auf, Bür­sch­le, und sorg’ dafür, dass nicht bloß ein mick­ri­ges Ach­tel der Deut­schen für die AfD stimmt.’ Wenn Leser*** wüss­te, wie die Deut­schen inzwi­schen auf den Rest der zivi­li­sier­ten Welt (ver­mut­lich mit Aus­nah­me Schwe­dens) wir­ken, wür­de er sich weni­ger Sor­gen um das Anse­hen der Juden und mehr um das der Deut­schen machen.”

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Das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um gibt eine Son­der­brief­mar­ke her­aus: „Fran­zis­kus und der Sul­tan”. The­ma ist der kurio­se Besuch des hei­li­gen Fran­zis­kus bei Sul­tan Al-Kamil Muham­mad al-Malik anno 1219 in Dami­et­te (Ägyp­ten) wäh­rend des Fünf­ten Kreuz­zugs. „In Euro­pa war in den Jah­ren zuvor durch ein päpst­li­ches Schrei­ben aus dem Jahr 1213 und den anschlie­ßen­den sys­te­ma­ti­schen Ein­satz von Kreuz­zugs­pre­di­gern für den Kreuz­zug gewor­ben und Hass gegen den Islam und die Mus­li­me geschürt wor­den. Fran­zis­kus heg­te trotz der all­ge­mei­nen Stim­mung kei­ne Vor­be­hal­te gegen den ver­meint­li­chen Feind, son­dern ver­such­te im Gespräch mit dem Sul­tan, den Kreuz­zug zu been­den und Frie­den zu stif­ten. Dies ist ihm zwar nicht gelun­gen, die Begeg­nung ist aber ein frü­hes Bei­spiel des Kul­tur­dia­logs, in dem Respekt und der Wil­le zum Frie­den im Vor­der­grund standen.”

Und wie­der die Fra­ge: Dumm­heit oder Per­fi­die? Wis­sen die’s nicht bes­ser, oder sind sie so per­vers? In Euro­pa wur­de „Hass gegen die Mus­li­me und den Islam geschürt”? Und umge­kehrt? War da nicht vor­her was? Die Erobe­rung des byzan­ti­ni­schen Klein­asi­ens samt Aus­mor­dung christ­li­cher Städte – 1067 wur­de Caes­area nie­dergebrannt, 1069 Ico­ni­um? Die Spur der Ver­nich­tung, die der Wesir des Kali­fats von Córdoba, al­ Man­sur, Ende des 10./Anfang des 11. Jahr­hun­derts durch Nord­spa­ni­en gezo­gen hat­te – Zamo­ra im Jah­re 981, Coim­bra anno 987, Bar­ce­lo­na anno 985 und 1008, Sant­ia­go de Com­pos­te­la 997. Der Ein­fall der mus­li­mi­schen Seldschuken­ in arme­ni­scher Städte – am schrecklich­sten führten sie sich 1064 in der Haupt­stadt Ani auf. Tau­sen­de mas­sa­krier­te Jeru­sa­lem-Pil­ger – ein reich bela­de­ner Zug deut­scher und niederländischer Pil­ger unter Führung des Bischofs von Bam­berg wur­de 1064 un­mittelbar vor den Toren der Hei­li­gen Stadt von Ara­bern überfallen und geplündert, 5000 Pil­ger kamen dabei ums Leben.

Papst Urban II. rief 1095 die Chris­ten­heit dazu auf, „unse­ren Brüdern im Ori­ent” zu Hil­fe zu eilen. „Die Türken und die Ara­ber haben sie ange­grif­fen”, stell­te der Papst kor­rekt fest. „Wenn ihr ihnen jetzt kei­nen Wider­stand ent­ge­gen­setzt, so wer­ den die treu­en Die­ner Got­tes im Ori­ent ihrem Ansturm nicht länger gewach­sen sein.” So kam es zum ers­ten Kreuz­zug. Die Züge ins hei­li­ge Land gli­chen dem, was bei der Bun­des­wehr, sie ruhe in Frie­den, „stra­te­gi­sche Vor­ne­ver­tei­di­gung” genannt wurde.

PS: Apo­kry­phe Berich­te, dass Fran­zis­kus vor der Unter­re­dung sein Kreuz abge­nom­men habe, gal­ten lan­ge als unglaub­wür­dig. Die neue­re kirch­li­che For­schung hält sie täg­lich für glaubwürdiger.

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„Nobel­preis­trä­ger Peter Hand­ke hat eine Ex-Part­ne­rin miss­han­delt und die Trau­er­fei­er eines Dik­ta­tors besucht. Kann man die Kunst nicht aber vom Künst­ler tren­nen? Na klar. Es ist jedoch ein Luxus, den man sich leis­ten kön­nen muss.” So steht es geschrie­ben über der Spie­gel online-Ein­heits­ko­lum­ne, dies­mal unter dem Namen von Mar­ga­re­te Sto­kow­ski ver­öf­fent­licht, wobei der Zufalls­ge­ne­ra­tor als Head­line das Begriffs­pär­chen „Per­fi­de Müll­tren­nung” auswarf.

Genau so, wie Klein-Mar­ga­re­te klagt, ver­hält es sich, und ich sehe ein, dass man­che es als unge­recht emp­fin­den mögen, vor allem wenn sie sel­ber mit Wor­ten her­um­stüm­pern, aber Kunst­fer­tig­keit eben nim­mer­mehr vor­stel­lig wird. Höchs­te Zeit, auch hier mit Quo­ten und Ver­bo­ten die Hecken­sche­re anzu­set­zen.
 

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