2. Oktober 2019

Die Medi­en mel­den den Tod von Jes­sye Nor­man. Sie war die gro­ße Lie­be mei­ner Zwan­zi­ger, bevor ich mich nach­ein­an­der in Leon­ty­ne Pri­ce, Kirs­ten Flag­stad, Eli­sa­beth Grüm­mer und Janet Baker ver­lieb­te (Eli­sa­beth Schwarz­kopf bin ich zeit­le­bens treu geblie­ben). Stan­ding Ova­tions pflas­ter­ten ihren Weg. Ich erleb­te die Nor­man nur ein­mal live, im Janu­ar 1988 im Ost­ber­li­ner Schau­spiel­haus, ich saß vor ihr in der ers­ten Rei­he, in NVA-Uni­form übri­gens (Dienst­grad: Gefrei­ter), wofür mei­ne dama­li­ge Gemah­lin eine Janu­ar­nacht im Schlaf­sack in der Schlan­ge nach den hoch­be­gehr­ten Kar­ten ver­bracht hat­te, der­weil ich das sozia­lis­ti­sche Vater­land vor „Räu­bern” (Erich der Ein­zi­ge) schütz­te, und da ich im Anschluss an den Lie­der­abend den Nacht­zug nach Egge­sin neh­men muss­te, erschien ich im Nar­ren­wichs zum Kon­zert. Nor­man-Auf­trit­te führ­ten in der Regel und welt­weit dazu, dass das Publi­kum völ­lig aus­ras­te­te, eine Zuga­be nach der nächs­ten for­der­te, und weil die Diva die­sen Wün­schen groß­zü­gig will­fahr­te, hat­te ich gro­ße Sor­ge, mei­nen Zug zu ver­pas­sen (UE = uner­laub­te Ent­fer­nung = drei Tage Bau), aber ich schaff­te es gera­de noch.

Die Nor­man hat­te etwas Majes­tä­ti­sches, und ihr Strah­len nach jedem Lied war fast noch über­wäl­ti­gen­der als ihr Organ selbst. Es heißt, sie sei Sopra­nis­tin gewe­sen, was nicht ganz stimmt, sie war Sopra­nis­tin, Mez­zo und Alt zugleich, und das war auch der (klei­ne) Makel an ihr, ihre Stim­me war so außer­ge­wöhn­lich breit, dass oben halt irgend­wann mal Schluss war. Sie muss­te die Spit­zen­tö­ne mit viel Kraft und einer eigen­tüm­li­chen Tech­nik förm­lich aus sich her­aus­wuch­ten. Kaum ein Nach­ruf ver­gaß dar­auf hin­zu­wie­sen, dass sie schwarz war, also eine der ers­ten schwar­zen Sän­ge­rin­nen auf der Opern­büh­ne. Stimmt. Die ers­te war übri­gens, wenn ich recht im Bil­de bin, ihre Lands­frau Leon­ty­ne Pri­ce*, mei­ne Lieb­lings-Tos­ca – nein, nicht die Cal­las, Scar­pia soll schließ­lich ver­rückt sein nach die­ser Diva (und nicht die Diva sel­ber ver­rückt) –, eine der sinn­lichs­ten Frau­en­stim­men über­haupt (man könn­te jetzt dar­über spe­ku­lie­ren, ob das mit ihrer Ras­se zu tun hat, aber es gibt ja kei­ne Ras­sen), und die, Jahr­gang 1927, steu­ert stracks auf die 100 zu (die Nor­man war Jahr­gang 1945). 

Möge die eine Heroi­ne denn wei­ter in Frie­den altern und die ande­re in Frie­den ruhen!

Als ein Con­nais­seur oder Jun­kie des ver­glei­chen­den Hörens muss ich ein­räu­men, dass Jes­sye Nor­man heu­te mit nur weni­gen Ein­spie­lun­gen an der Spit­ze mei­ner frei­lich unmaß­geb­li­chen Gunst liegt. Es gibt einen ver­rück­ten „Lohen­grin” unter Sol­ti, wo sie und Dom­in­go die Haupt­rol­len sin­gen, man sagt ja, dass „Lohen­grin” die ita­lie­nischs­te Wag­ner-Oper sei, die Titel­par­tie ist zumin­dest die ein­zi­ge Wag­ner­te­nor-Rol­le, die ita­lie­ni­schen Tenö­ren rela­tiv pro­blem­los zugäng­lich ist, aber dies ist der ita­lie­nischs­te „Lohen­grin” über­haupt, eine Satur­na­lie des Bel­can­to (vor allem im 3. Auf­zug – man bemerkt übri­gens gera­de im Kon­trast zu Dom­in­go ihre enor­me Pro­fes­sio­na­li­tät beim Sin­gen in frem­den Spra­chen). Uner­reicht ist außer­dem die umwer­fen­de Auf­nah­me von Chaus­sons „Poeme de l’amour et de la mer” – und her­aus­ra­gend sind die „Vier letz­ten Lie­der” unter Masur**. Als ich den Maes­tro 1998 in New York besuch­te, wo er als Chef­di­ri­gent der Phil­har­mo­ni­ker den Stab führ­te, sprach ich ihn auf die­se Pro­duk­ti­on an, das heißt, ich erklär­te ihm, dass ich sie für das womög­lich Bedeu­tends­te hal­te, was er je gemacht habe, die­ses Schwel­ge­ri­sche und in einer fast schon herz­sto­cken­den Brei­te Aus­mu­si­zier­te, das sei ganz ein­zig­ar­tig, und Masur sag­te nach einem kur­zen Nach­den­ken: Ja, das kön­ne sein; allen, die damals dabei waren, sei zumin­dest klar gewe­sen, dass ihnen etwas ganz Beson­de­res gelun­gen sei.

* „Ich über­leg­te und habe eben nach­ge­schla­gen: die ers­te schwar­ze Sän­ge­rin an der Met war wohl doch Mari­an Ander­son”, schreibt Leser ***.
** Meh­re­re Leser fra­gen, ob ich die Nor­man/­Ma­sur-Auf­nah­me allen Erns­tes über die mit Schwarz­kopf und Szell stel­len wol­le. Nein. Die Letz­te­re ist halt die apol­li­ni­sche Version.

PS: „Mari­et­ta Slom­ka hat­te zum Tod von Jes­sye Nor­man nicht etwa nur so etwas Tri­via­les wie Trau­er im Gepäck. Trau­er – wer hät­te denn davon jemals was gelernt. Also machen wir es so: ‚Ihr Opern­de­but gab sie in Ber­lin. Für Ihren Auf­tritt wur­de sie damals hel­ler geschminkt. (Regie: Sin­ken­de Stim­me, ver­zwei­fel­ter, ver­zwei­feln­der, aber auch die tota­le Ver­derb­heit einer sol­chen Zumu­tung gleich­sam ent­schul­di­gen­der Blick in die Kame­ra:) Wie sich das für die Tocher einer afro­ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­recht­le­rin anfühl­te, das wagt man sich nicht vor­zu­stel­len.’ Mein Gott. Hel­ler geschminkt! Tat­säch­lich. Eine Ver­ge­wal­ti­gung! Deut­scher Ras­sis­mus pur. Mit wei­te­ren Details mag Slom­ka das sie zah­len­de TV-Publi­kum nach die­ser Eröff­nung – Film ab! – aber nicht beläs­ti­gen. So erfährt das zah­len­de ZDF-Publi­kum selbst­re­dend weder etwas vom Unter­schied von Rol­le und Dar­stel­ler noch natür­lich, wel­che Rol­le eine dafür natür­lich zeit­le­bens dank­ba­re Anfän­ge­rin hier eigent­lich bekam: die Eli­sa­beth in Tann­häu­ser.”
(Leser ***)

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