23. Oktober 2019

„Man kann hin­ge­hen, wo man will”, sagt ein guter Bekann­ter, „zu wel­cher Ver­an­stal­tung auch immer, man lan­det stets bei den Grünen.”

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Ein biss­chen liber­tä­re Frischluftzufuhr:

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Par­ty­ge­spräch mit einem Geschäfts­mann, der nach vie­len Jah­ren USA-Auf­ent­halt seit kur­zem wie­der in Deutsch­land sie­delt. Er habe weder Sym­pa­thien für Donald Trump noch für die euro­päi­schen Rechts­po­pu­lis­ten, erzählt er, aber wenn er den Wahl-O-Mat befra­ge und sei­ne Posi­tio­nen ein­ge­be, kom­me immer AfD her­aus. Er wür­de aber nie­mals die AfD wäh­len, allein schon wegen ihrer EU-kri­ti­schen Hal­tung. Er als Ver­tre­ter der Wirt­schaft sei ohne Wenn und Aber pro EU. Nur als EU wer­de Euro­pa gegen­über Chi­na und den USA bestehen kön­nen. Die Wirt­schaft funk­tio­nie­re ohne­hin nur inter­na­tio­nal. Ob ich ihm erklä­ren kön­ne, was die Rechts­po­pu­lis­ten gegen die Glo­ba­li­sie­rung haben.

Ich fra­ge ihn, ob er David Good­harts Unter­schei­dung von „Any­whe­res” und „Some­whe­res” kennt. Er ver­neint, aber als ich ihm erklä­re, was mit die­ser gewiss ver­grö­bern­den und holz­schnitt­ar­ti­gen, aber letzt­lich für mei­ne Begrif­fe sehr erhel­len­den Dicho­to­mie gemeint ist, leuch­tet es ihm sofort ein. Er ist ja ein klas­si­scher Any­whe­re, jet­tet beruf­lich um die Welt, wech­selt mit dem Arbeits­platz den Kon­ti­nent, die Ehe­frau ist Amer­ka­ne­rin, aber es gibt natür­lich vie­le Misch­for­men, soge­nann­te Inbet­wee­ners (hat nichts mit der gleich­na­mi­gen Sit­com zu tun), zu denen sich auch der Betrei­ber des klei­nen Eck­la­dens zäh­len wür­de. Doch wie gesagt, zur Erklä­rung des Phä­no­mens Popu­lis­mus taugt die Unter­schei­dung. Sodann emp­feh­le ich ihm, sich die­ses Buch zu kau­fen, wo die Lage aus popu­lis­ti­scher Per­spek­ti­ve beschrie­ben wird, was zumin­dest in der ana­lo­gen deut­schen Öffent­lich­keit ja bei­na­he ein Arka­num ist. 

Anschlie­ßend kom­men wir noch auf den schlim­men Donald zu spre­chen, den ich bekannt­lich mehr mag als jeden von mir bewusst wahr­ge­nom­me­nen ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten zuvor, wor­aus ich auch dies­mal kein Hehl mache, und zwar, wie ich dar­le­ge, aus vier Grün­den: Er hat, im Gegen­satz etwa zum Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger Oba­ma, kei­ne Krie­ge begon­nen, kei­ne Län­der zer­stört, son­dern im Gegen­teil die Kon­flikt­her­de aus­schwe­len las­sen; er hat den soge­nann­ten „Demo­kra­tie­ex­port”, also die mili­tä­ri­sche Ein­mi­schung der USA in die inne­ren Ange­le­gen­hei­ten ande­rer Län­der im Namen bzw. unter dem Vor­wand der Men­schen­rech­te, been­det (außer in Deutsch­land hat die­se Umer­zie­hung bekannt­lich nir­gends funk­tio­niert); er hat Arbeits­plät­ze für Aber­tau­sen­de nor­ma­le Ame­ri­ka­ner geschaf­fen; und, last but not least, er hat die Herr­schaft der wider­li­chen poli­ti­cal cor­rect­ness erschüt­tert. Das genü­ge mir bereits. – Aber sei­ne schreck­lich vul­gä­re Spra­che? – Als Bewoh­ner eines Lan­des, des­sen Regie­rungs­chefin und Wort­füh­re­rin A. Mer­kel heißt, hät­te ich über die vul­gä­re Spra­che andern­orts betre­ten und beschämt zu schweigen. 

Wir wech­sel­ten als­bald das The­ma, doch zu dem ver­las­se­nen passt sehr gut der Hin­weis auf ein im Jahr 2015 an einer renom­mier­ten US-Uni­ver­si­tät erschie­ne­nes Buch, auf das mich Leser *** auf­merk­sam mach­te: Ronald P. For­misa­no, „Plu­to­cra­cy in Ame­ri­ca”. Der Begleit­text sagt schon ziem­lich alles:

„The gro­wing gap bet­ween the most aff­lu­ent Ame­ri­cans and the rest of socie­ty is chan­ging the coun­try into one defi­ned – more than almost any other deve­lo­ped nati­on – by excep­tio­nal ine­qua­li­ty of inco­me, wealth, and oppor­tu­ni­ty. This book reve­als that an infra­st­ruc­tu­re of ine­qua­li­ty, both open and hid­den, obst­ructs the gre­at majo­ri­ty in pur­suing hap­pi­ness, living healt­hy lives, and exer­cis­ing basic rights. A government domi­na­ted by finan­ce, cor­po­ra­te inte­rests, and the wealt­hy has under­mi­ned demo­cra­cy, stun­ted social mobi­li­ty, and chan­ged the cha­rac­ter of the nati­on. In this­tough-min­ded dis­sec­tion of the gulf bet­ween the super-rich and the working and midd­le clas­ses, Ronald P. For­misa­no explo­res how the dra­ma­tic rise of inco­me ine­qua­li­ty over the past four deca­des has trans­for­med Ame­ri­ca from a land of demo­cra­tic pro­mi­se into one of dimi­nis­hed oppor­tu­ni­ty. Sin­ce the 1970s, government poli­ci­es have con­tri­bu­t­ed to the flow of wealth to the top inco­me stra­ta. The United Sta­tes now is more a plu­to­cra­cy than a demo­cra­cy. For­misa­no sur­veys the wide­ning cir­cle of inequality’s effects, the explo­ita­ti­on of the poor and the midd­le class, and the new ways that pre­d­a­tors take money out of Ame­ri­cans’ pockets while pas­si­ve federal and sta­te governments stand by.”

„Eine von Finan­zen, Unter­neh­mens­in­ter­es­sen und Rei­chen domi­nier­te Regie­rung hat die Demo­kra­tie unter­gra­ben, die sozia­le Mobi­li­tät ein­ge­schränkt und den Cha­rak­ter der Nati­on ver­än­dert. Ronald P. For­misa­no unter­sucht, wie der dra­ma­ti­sche Anstieg der Ein­kom­mensun­gleich­heit in den letz­ten vier Jahr­zehn­ten Ame­ri­ka von einem Land demo­kra­ti­scher Ver­hei­ßun­gen in ein Land der Chan­cen­ver­klei­ne­rung ver­wan­delt hat. (…)  Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten sind jetzt eher eine Plu­to­kra­tie als eine Demokratie…”

Und wer hat vor Trump acht Jah­re regiert, zum Ent­zü­cken der euro­päi­schen Linken?



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In Ham­burg gibt es den „Don Gio­van­ni” in einer Neu­in­sze­nie­rung, wor­auf der NDR in einem erfri­schend blö­den Kurz­bei­trag hin­weist. Zunächst ein­mal trifft die kunst­blut­be­schmier­te und extrem arti­ku­la­ti­ons­fä­hi­ge Dar­stel­le­rin der Zer­li­na die exege­tisch hilf­rei­che Fest­stel­lung, „dass Don Gio­van­ni auf alle Men­schen irgend­wie ’steht’, mit allen Men­schen irgend­wie Anzie­hungs­kraft emp­fin­det” – Zer­li­na, das Bau­ern­mäd­chen, dem Ador­no noch hul­dig­te („Wer in sie sich ver­liebt, meint das Unaus­sprech­li­che, das aus dem Nie­mands­land zwi­schen den kämp­fen­den Epo­chen mit ihrer sil­ber­nen Stim­me tönt”, wobei der alte Schwe­re­nö­ter den adlig-mas­ku­li­nen Gegen­pol und ‑part nicht zu prei­sen ver­gaß: „Zer­li­na hat­te recht, daß sie ihn moch­te”), dem aber hier die all­seits belieb­te, wenn auch neu­er­dings von rechts infam miss­brauch­te Opfer­rol­le zuge­dacht ist, eines Opfers näm­lich von „toxi­scher Männ­lich­keit”, wie der Regis­seur sodann dar­legt. „Die­se Art von Männ­lich­keit muss vom Erd­bo­den ver­schwin­den, sonst geht gar nichts wei­ter”, sagt Jan Bos­se, der im per­sön­li­chen Habi­tus, wie man sieht, damit schon erfreu­lich weit gekom­men ist.

Wenn sich das effe­mi­nier­te Sen­si­bel­chen ein­mal mit rich­ti­ger und oben­drein aktu­el­ler toxi­scher Männ­lich­keit kon­fron­tiert sähe, wäre unser Regie­pup­si aber rasch auf den Knien. Etwa: „Zuerst schuf Gott den Mann, und dann schuf er die Frau zu sei­nem Ver­gnü­gen” (hier).

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Apro­pos.
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Wie rei­zend, dass der Bun­des­prä­si­dent die Paten­schaft für from­me Mos­lems über­nimmt, die sich in ’schland, Allah zur Ehre und selbst­ver­ständ­lich auf eige­ne Rech­nung, meh­ren und fort­zeu­gen. Aber was soll man ange­sichts die­ser staat­lich hono­rier­ten Frucht­bar­keit von einer Fra­ge hal­ten wie: 

„Ist das Kin­der­krie­gen unse­ren Mit­men­schen gegen­über ver­ant­wor­tungs­voll, da sta­tis­tisch gese­hen nichts einen grö­ße­ren CO2-Fuß­ab­druck hin­ter­lässt als ein Kind?” 

Also frug het­ze­risch, aus­län­der­feind­lich und vor Isla­mo­pho­bie strot­zend Lui­sa Neu­bau­er, die Stell­ver­tre­te­rin Gre­tas auf deut­scher Erde.

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Jemand schick­te mir die­se Aus­sa­ge Her­bert Wehners:

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Bei sol­chen Zusen­dun­gen steht zunächst die Fra­ge im Raum: Ist es echt? Also gugeln. Das Zitat steht unter ande­rem in einem Spie­gel-Arti­kel von 1993. Damals ging Claas Relo­ti­us in die 2. Klas­se, da funk­tio­nier­te die Spie­gel-Doku noch, also wird es schon stim­men. Weh­ners Wor­te sind Was­ser auf gewis­se Müh­len, kei­ne Fra­ge, und bestür­zen­der­wei­se fin­den Was­ser und Müh­len auch immer zusam­men. Des­we­gen hat die Weh­ner-Stif­tung ent­we­der prompt oder pro­phy­lak­tisch reagiert. Der Stif­tungs­vor­sit­zen­de Chris­toph Mey­er beteu­er­te: „Das Zitat ist aus dem Zusam­men­hang geris­sen. Es ist ein faden­schei­ni­ger, durch­sich­ti­ger Ver­such, Her­bert Weh­ner für Zwe­cke zu miss­brau­chen, wel­che ihm völ­lig fremd waren. So geht es nicht.”

Lei­der erfährt der Leser im Fol­gen­den nicht, aus wel­chem Zusam­men­hang die Wor­te geris­sen wur­den. Statt­des­sen gibt es einen Hin­weis auf einen Arti­kel des SPD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den zur Aus­län­der­po­li­tik, der am 16. März 1982 im Ber­li­ner Volks­blatt erschie­nen ist und nun wahr­lich sämt­li­che Müh­len still­legt. Weh­ner schrieb u.a.:

„Für Ber­lin ist jeden­falls die Gren­ze der Inte­gra­ti­ons­fä­hig­keit erreicht. Die Pro­blem­punk­te, die die ernst­zu­neh­men­de Situa­ti­on her­vor­ge­ru­fen haben, sind:
– das außer­or­dent­lich star­ke Anwach­sen der Aus­län­der­zah­len durch den Fami­li­en­nach­zug bei sin­ken­der aus­län­di­scher Erwerbs­be­völ­ke­rung,
– die Über­las­tung bestimm­ter Stadt­tei­le (…),
– die Lebens­wei­se gera­de der tür­ki­schen Mit­be­woh­ner und die soge­nann­te Re-Islamisierung.

Fol­gen­de Über­le­gun­gen soll­ten uns künf­tig lei­ten:
– Der Anwer­be­stopp bleibt bestehen. Der wei­te­re Zustrom von Aus­län­dern in die Bun­des­re­pu­blik und nach Ber­lin muß kon­se­quent (…) begrenzt wer­den.
(…)

Die Aus­län­der­fra­ge kann gera­de in wirt­schaft­lich schwie­ri­gen Zei­ten sozia­len Spreng­stoff in sich ber­gen, sozia­le und poli­ti­sche Span­nun­gen kön­nen ent­ste­hen. Des­halb müs­sen wir han­deln im Inter­es­se unse­rer aus­län­di­schen Freun­de, aber auch in unse­rem eige­nen, wohl­ver­stan­de­nen Interesse.”

Tja, wie­der ein Nazi mehr. (Weh­ners gesam­ten Arti­kel fin­den Sie hier.)

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Eine auf­merk­sa­me Wie­der-Lek­tü­re ver­dient der erwähn­te Spie­gel-Arti­kel. Er stammt von der bekann­ten und vor allem groß­ar­ti­gen Gerichts­re­por­te­rin Gise­la Fried­rich­sen, und er mar­kiert eine bemer­kens­wer­te Kluft zwi­schen der jour­na­lis­ti­schen Frei­heit damals und heu­te. Fried­rich­sen schreibt über den Pro­zess gegen die Brand­stif­ter von Mölln, die drei Tür­kin­nen in ihrem Wohn­haus ver­brannt hat­ten. Man lese und staune: 

 
„Medi­en­ver­tre­ter aus dem In- und Aus­land sind also in hel­len Scha­ren her­bei­ge­eilt. Es wird jeden Tag von neu­em hem­mungs­los foto­gra­fiert und gefilmt, ohne Par­don für die Ange­klag­ten. Sie haben eine Tat ohne­glei­chen began­gen, heißt es. Sie sind ange­klagt wegen des ‚grau­sams­ten und gemeins­ten Ver­bre­chens, das man sich in die­ser Gesell­schaft vor­stel­len kann’, so Ströbele.
Die Ermor­dung von Mil­lio­nen Men­schen in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern der Natio­nal­so­zia­lis­ten war grau­sam; der Mord an Hanns Mar­tin Schley­er und sei­nen Beglei­tern war grau­sam. Jede Gewalt­tat, die einem Men­schen das Leben raubt, ist grau­sam. Aber die­ses Ver­bre­chen in Mölln, der Tod der 51 Jah­re alten Bahi­de Ars­lan, der 10jährigen Yeliz Ars­lan und der 14jährigen Ayse Yil­maz in der Nacht zum 23. Novem­ber vori­gen Jah­res – es muß das grau­sams­te aller Ver­bre­chen sein, damit sich dar­an deut­sche Geschich­te bewäl­ti­gen läßt.”

Die Repor­te­rin macht sich über die Bericht­erstat­tung der Bild-Zei­tung lus­tig, die zu den Ange­klag­ten, um sie zu dämo­ni­sie­ren, ein Mär­chen nach dem ande­ren erfin­det. „In Bild ‚lüm­melt’ sich der Ange­klag­te Peters auf dem Zel­len­bett. Er sei 1,90 Meter groß, wird behaup­tet, und das Bett fast zu kurz. Tat­säch­lich ist Peters schmäch­ti­ge 1,68, er war schon in der Schu­le der Kleins­te. Das grau­sams­te aller Ver­bre­chen aber ver­langt nach einem Riesen. 

Oder ist es das Feu­er, das den Rausch aus­macht? Rom hat gebrannt, auch der Reichs­tag. Es kann nur das Feu­er gewe­sen sein, das den Gene­ral­bun­des­an­walt ver­an­laß­te, den Fall Mölln an sich zu ziehen.”

Das gin­ge heu­te durch kei­ne Chef­re­dak­ti­on. Die Hys­te­rie war damals schon groß, aber man mag sich gar nicht aus­ma­len, was inzwi­schen los wäre. Und wer alles die Schuld trüge.

 
Fried­rich­sen schloss wei­land mit den Wor­ten: „Das grau­sams­te Ver­bre­chen wird immer im ande­ren Lager began­gen, dort, wo der Feind steht. Der Tod der drei Tür­kin­nen ist so schreck­lich, wie jeder gewalt­sa­me Tod es ist. Doch die Inkar­na­ti­on der Aus­län­der­feind­lich­keit in Deutsch­land ist er nicht.”

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