25. Oktober 2019

„Bei einer Wie­der­ver­ei­ni­gung wären die Deut­schen bald wie­der zum Fürch­ten”, schwan­te es einem Esel (Gün­ter Grass). „Die DDR wird genau­so lan­ge exis­tie­ren wie die Bun­des­re­pu­blik”, ora­kel­te ein ande­rer (Gün­ter Gaus).

Und nun muss ich den bei­den zuge­ste­hen: Sie hat­ten recht. Anders als sie ahn­ten, aber doch recht.

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Ich bin kein enthu­si­as­mier­ter Kehl­mann-Leser, doch wenn er was Geschei­tes von sich gibt, sei es hier zitiert, auch wenn die Äuße­rung schon etwas zurück­liegt. Im Gesprächs­band mit Sebas­ti­an Klein­schmidt „Requi­em für einen Hund”, der mir ges­tern in die Hän­de gelegt ward, bringt Klein­schmidt die Unter­hal­tung auf den „Vir­tuo­sen der Schmäh­sucht” Tho­mas Bern­hard. Kehl­mann doziert: „Schmäh­sucht ist ein Schimp­fen ohne Erkennt­nis­wert, wäh­rend Sati­re ein Blick auf die Welt ist, der vom Unter­schied zwi­schen zwi­schen Ide­al und Wirk­lich­keit lebt, der die Welt als gefal­le­ne wahr­nimmt und dar­über lacht. Sati­re beför­dert Erkennt­nis­se, Schmäh­sucht macht bloß ein Iden­ti­fi­ka­ti­ons­an­ge­bot. Denn jeder iden­ti­fi­ziert sich mit dem Schimp­fen­den, nie­mand stellt sich unter die Beschimpf­ten.
(…)
Ich moch­te Bern­hard nie. Wo immer bei ihm die rea­le Welt ins Spiel kommt, stim­men die Details nicht. Ent­we­der weil es ihm egal ist, weil er ande­res zu tun hat, als hin­zu­schau­en, oder weil er ganz bestimm­ten Leu­ten weh tun will.”

Klein­schmidt ergänzt: „Eben­des­halb lernt man nichts aus sol­chen Büchern. Es fehlt ihm an der wich­tigs­ten Vor­aus­set­zung für die Erzähl­kunst, an der Bega­bung zur Gerech­tig­keit. Und gera­de das macht ja die Stär­ke der uner­schöpf­li­chen und unde­fi­nier­ba­ren Gat­tung Roman aus.”

Ganz mei­ne Mei­nung. Es gibt ein­fach kei­nen akzep­ta­blen Punkt, von dem aus Bern­hard sei­ne Rohr­spat­zia­den abset­zen kann, es ist rei­ne Anma­ßung. Oder, wie ich es einst in mei­ner Nei­gung zur Sen­tenz aus­zu­drü­cken belieb­te: Er ist als Autor vir­tu­os dumm.

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Wozu braucht die­se Repu­blik einen Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten? Ist doch logisch: Wenn eine bedeu­ten­de Anti­se­mi­ten-Import­spe­di­teu­rin an der Spit­ze der Regie­rung agiert, muss es jeman­den geben, der sich „vor Ort” um das Import­gut küm­mert. Wie aber küm­mert man sich um Anti­se­mi­tis­mus? Indem man ihn öffent­lich beklagt und „die Gesell­schaft in die Pflicht nimmt”, denn wie wir aus sämt­li­chen sozio­lo­gi­schen, sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen, sozi­al­kund­li­chen, sozi­al­psy­cho­lo­gi­schen, sozi­al­pa­tho­lo­gi­schen und sozio­pa­thi­schen Semi­na­ren ler­nen, ist „die Gesell­schaft” unter allen Umstän­den der pas­sen­de Adres­sat für jede Art von Vor­wür­fen an aso­zia­le Kol­lek­ti­ve, wel­che „in die Pflicht zu neh­men” die nor­ma­le bür­ger­li­che Feig­heit sogar einem Regie­rungs­be­auf­trag­ten verwehrt.

Der von Ber­lin aus dem Anti­se­mi­tis­mus weh­ren­de Anti­se­mi­tis­mus-Beauf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung, Felix Klein, hat in der Ber­li­ner Mor­gen­post vor einem „neu­en Höhe­punkt” des Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land gewarnt. Er sand­te sei­ne War­nung also aus jener Stadt, auf deren zen­tra­lem Platz vor kur­zem mit dem Segen des rot­rot­grü­nen Senats zwei ara­bi­sche Rap­per auf­tre­ten soll­ten, die in ihren, nun ja, Lie­dern die Ver­nich­tung Isra­els besin­gen (die Ver­an­stal­tung wur­de nach Pro­tes­ten schließ­lich abge­sagt, ein­rei­sen durf­ten die bei­den trotz­dem, Ausch­witz-Hei­kos fröh­li­ches Minis­te­ri­um, Außen­stel­le Ramal­lah, hat­te das Pla­cet erteilt). Herr Klein sand­te sei­ne War­nung aus einer Stadt, in der Juden geschla­gen, bespuckt, aus der Schu­le gemobbt wer­den, weil ihre Vor­vä­ter ein­fach schnel­ler bei der Got­tes­her­vor­brin­gung waren als eine ande­re, weit grö­ße­re, erst seit kur­zem zu Deutsch­land gehö­ren­de Glau­bens­ge­mein­schaft, wes­halb man als Kind Isra­els bes­ser auf Kip­pa, David­stern und erst recht auf die noch offen­sicht­li­che­ren klei­der­mo­di­schen Acces­soirs des Judeseins ver­zich­tet, aber, so der Herr Klein, Shab­bat scha­lom! schon mal an die­ser Stel­le, „Anti­se­mi­tis­mus war in bür­ger­li­chen Krei­sen in Deutsch­land immer vor­han­den, doch heu­te äußern sich die Men­schen offener.”

Jetzt die Hef­te raus, lie­be Kin­der, und hur­tig auf­ge­schrie­ben, sofern ihr schon oder noch schrei­ben könnt: Anti­se­mi­tis­mus stammt aus bür­ger­li­chen Krei­sen. Ohne bür­ger­li­che Krei­se gäbe es weni­ger davon. „Die Hemm­schwel­len sind gesun­ken”, fährt der Anti­se­mi­tis­mus-Ken­ner fort, „zum Bei­spiel durch die Ver­brei­tung von Hass und die Ver­ro­hung im Inter­net.” – Na Gott sei Dank hat­ten die Nazis noch kein Inter­net! Aber wir mer­ken uns auch das, lie­be Kin­der: Ohne das Inter­net gäbe es weni­ger Anti­se­mi­tis­mus. – „In der poli­ti­schen Kul­tur sei der Umgang eben­falls rau­er gewor­den”, fährt der Anti­se­mi­tis­mus-Ver­ant­wort­li­che fort, „wozu auch die AfD bei­getra­gen habe.” – Schreibt euch spe­zi­ell das noch hin­ter die Ohren und in eure Klad­den: Ohne die AfD gäbe es weni­ger Antisemitismus.

Klein reagier­te mit sei­nen Warn- und Weck­ru­fen auf eine neue Stu­die des Jüdi­schen Welt­kon­gres­ses, über die der Süd­deut­sche Beob­ach­ter berich­tet hat­te, eine Gazet­te, die schon mal eine Juden­ka­ri­ka­tur nach Juli­us Strei­cher­scher Her­zens­lust abdruckt und wo Israel­kri­tik zu den Grund­pflich­ten jedes anstän­dig geblie­be­nen Redak­teurs gehört, wes­halb Wolf­gang Gede­on (Stutt­gart) den Aus­lands-Teil des Beob­ach­ters wahr­schein­lich nicht ungern liest, wo aber zugleich, bei aller Ableh­nung des rus­ti­ka­len Selbst­be­haup­tungs­wil­lens quick­le­ben­di­ger Nah­ost-Juden, Frau und Herr Stol­per­stein als Opfer der Vor­gän­ger­or­ga­ni­sa­ti­on der AfD eine gewis­se post­mor­ta­le Popu­la­ri­tät genie­ßen. Die­se Stu­die habe erge­ben, dass 27 Pro­zent der Deut­schen „anti­se­mi­ti­sche Gedan­ken” heg­ten. „Der Isra­el-bezo­ge­ne Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land liegt mit 40 Pro­zent sogar noch deut­lich höher.” 

Also ich wür­de mich ja zunächst ein­mal dar­über freu­en, dass der gesamt­ge­sell­schaft­li­che Durch­schnitt noch unter dem von SPD, Lin­ken und Grü­nen liegt, bevor mir die Fra­ge in den Sinn käme: Was hat denn die­se bür­ger­li­che, Inter­net-affi­ne Mit­te neu­er­dings gegen Isra­el? Und war­um fin­det die­ses mehr oder weni­ger anti­se­mi­ti­sche Milieu eine Par­tei wie die AfD okay, die offen pro-israe­lisch ist?

Solan­ge es nur um öffent­li­che Auf­trit­te von bösen Men­schen wie etwa Jörg Babe­row­ski oder Rai­ner Wendt oder von AfD-Poli­ti­kern ging – die öffent­lich ohne­hin nur unter Poli­zei­schutz und in Uni­ver­si­tä­ten per se nicht auf­tre­ten kön­nen, es aber nicht anders ver­dient haben –, so lan­ge war es völ­lig egal, ja im Grun­de rich­tig und ange­mes­sen, also prak­tisch staats­bür­ger­kund­lich kor­rekt, wenn der lin­ke Pöbel im Namen aller Boy­kot­te gegen sie orga­ni­sier­te. Als unse­re „Links­fa­schis­ten” (wie, his­to­risch etwas unge­lenk, St. Jür­gen Haber­mas den Sach­ver­halt mehr zum Aus­druck als auf den Begriff brach­te) damit began­nen, dem AfD-Grün­der Bernd Lucke den Traum eines jeden Uni­ver­si­täts­pro­fes­sors zu erfül­len – kei­ne Lehr­ver­an­stal­tun­gen bei vol­len Bezü­gen –, war ein lei­ses Gemo­se­re zu ver­neh­men. Nach­dem nun aber auch bewähr­te Talk­schau-Teil­neh­mer und sogar veri­ta­ble Minis­ter i.R. wie Chris­ti­an Lind­ner und Tho­mas de Mai­ziè­re dar­an gehin­dert wur­den, einen öffent­li­chen Vor­trag zu hal­ten, dach­te man sich beim heu­te-Jour­nal, dar­über müs­se der Zuse­her irgend­wie in Kennt­nis gesetzt und belehrt werden. 

Wen wür­den Sie, geneig­te Lese­rin, wenn Sie über­dies geneigt wären, sich ein­mal kurz und nicht all­zu tief in die Rol­le des Claus Kle­ber zu ver­set­zen, zu die­sem Sach­ver­halt inter­view­en? Lind­ner? De Mai­ziè­re? Lucke gar? Ein AfD-Mit­glied gin­ge ja nicht, der oder das wür­de sich sofort zum Opfer sti­li­sie­ren. Also wen?

Falsch.

„Nicht nur Bernd Lucke, auch Rena­te Kün­ast hat die Schat­ten­sei­ten der Mei­nungs­frei­heit ken­nen­ge­lernt”, mode­riert der Kle­ber­c­laus das trau­te Zwie­ge­spräch an. Über so ein deli­ka­tes The­ma kann man im ZDF im Grun­de nur mit einem Mit­glied der Exper­ten­par­tei spre­chen. Also gibt die knuf­fi­ge Grü­ne Aus­kunft, und die ers­te Ant­wort ist schon mal nicht ver­kehrt, näm­lich, sie wis­se gar nicht, ob die­je­ni­gen, die Lucke nie­der­ge­brüllt haben, „sich wirk­lich zu Recht auf Mei­nungs­frei­heit beru­fen hät­ten. Glau­be ich nicht. Ich wäre schon dafür ein­ge­tre­ten, mit ihnen zu dis­ku­tie­ren. Und glau­be, dass ein Pro­fes­sor, der frü­her mal eine Par­tei gegrün­det hat, mit dem Inhalt die makro­öko­no­mi­sche Vor­le­sung begin­nen soll­te. Mit der Fra­ge, ob das mit der D‑Mark Sinn macht oder nicht, hät­te ich mir so gewünscht.”

Von Mer­kel ler­nen heißt, for­mu­lie­ren ler­nen. Kün­ast ist Juris­tin, das stellt sie schon mal klar. Das Nie­der­schrei­en einer makro­öko­no­mi­schen Vor­le­sung ist kei­ne erkenn­ba­re Mei­nung. Wer frü­her mal eine Par­tei gegrün­det, sie aber gera­de noch recht­zei­tig ver­las­sen hat, darf Vor­le­sun­gen hal­ten. Aber er hät­te mit den Schrei­ern dis­ku­tie­ren sollen.

Kle­ber wen­det wei­se ein: „Man hat kein Wort von ihm hören kön­nen.” Und end­lich zur Sache kom­mend, fährt der Mode­ra­tor fort: „Nun war Herr Lucke schon auch ein Mann, der im rech­ten Rand gefischt hat, mit Wor­ten wie ‚Ent­ar­tung von Demo­kra­tie’, und der sich mit Men­schen aus der rechts­ex­tre­men Sze­ne umgab. Hat er damit ein Stück weit Mei­nungs­frei­heit verwirkt?”

Wäre ich Lucke, ich wür­de eine Anfra­ge an den Staats­sen­der schi­cken, mit wel­chen Leu­ten „aus der rechts­ex­tre­men Sze­ne” ich mich umge­ben hät­te; wie der Ver­leum­derc­laus sich aus der Sache davon­zu­steh­len such­te, wäre bestimmt lus­tig. Die Bemer­kung, dass ein Staats­bür­ger „die Mei­nungs­frei­heit ver­wirkt” haben könn­te, ist gro­ßes Naz­i­ki­no, doch das Engholm/Rau’sche „ein Stück weit” als lie­be­voll-päd­ago­gi­sche Ein­schrän­kung – Bas­to­na­de muss sein, aber du darfst die Socken anlas­sen – ver­leiht ihm eine gemüt­voll-spät­bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Note.

Kün­ast ist frei­lich nicht so doof, beim Grund­rech­te­ab­bau mit­zu­spe­ku­lie­ren; sie repli­ziert gekonnt: „Mei­nungs­frei­heit kann man gar nicht verwirken.”

Kle­ber schlägt einen Haken nach rechts: „Nun hat man aber schon den Ein­druck, dass man­che aus der eher lin­ken Sze­ne sich Din­ge erlau­ben, die sie Rechts­ex­tre­men ganz sicher nicht erlau­ben wür­den. Also zum Bei­spiel die Ver­hin­de­rung von öffent­li­chen Auftritten.”

Kün­ast: „Ja, den­ken wir an den Kol­le­gen de Mai­ziè­re, der ein Buch vor­stel­len woll­te und heu­te im Bun­des­tag glück­li­cher­wei­se gesagt hat, er wird es doch noch­mal vor­stel­len. Fin­de ich auch rich­tig so. Mich frus­triert das, dass Leu­te jetzt zu die­ser Metho­de grei­fen, gleich­wohl ich die bei­den rechts und links fin­de, nicht ver­gleich­bar hal­te. Die einen haben jetzt Ver­an­stal­tun­gen ver­hin­dert, was unklug und falsch war. Auf der ande­ren Sei­te, im Rechts­ex­tre­mis­mus, ist es ja orga­ni­siert von Pegi­da, Iden­ti­tä­ren Bewe­gung, AfD, die so rich­tig ver­su­chen die Men­schen, den Men­schen Angst zu machen, sich in die­sem Land über­haupt nicht mehr zu engagieren.”

Also die einen ver­hin­dern Ver­an­stal­tun­gen, die ande­ren nicht, aber die ande­ren sind schlim­mer, weil sie Angst machen (wie eigent­lich?). Lei­der ver­hin­dern die Lin­ken inzwi­schen sogar Auf­trit­te, gegen die Frau Kün­ast gar nichts hat. Ansons­ten wäre es weder schlimm noch der Rede wert, denn die Ver­an­stal­tungs­ver­hin­de­run­gen sind ja akti­ve Angst­be­kämp­fungs­maß­nah­men. Ist das end­lich ver­stan­den worden?!

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Bezie­hungs­tat” in Lim­burg. „Die Ermitt­ler bit­ten, die Auf­nah­men nicht im Inter­net zu ver­öf­fent­li­chen. Statt­des­sen sol­len sie der Poli­zei zur Ver­fü­gung gestellt wer­den.” Wahr­schein­lich müs­sen wie­der Vor­ur­tei­le bekämpft, Ängs­te ent­schürt und Hetz­posts gelöscht wer­den. Das Mal­heur von Stutt­gart – Live­bil­der von einem Samu­rai­schwert-Ein­zel­fall – darf sich nicht wiederholen.

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