28. Oktober 2019

„Nichts ist gefähr­li­cher als die Vor­ur­tei­le des­je­ni­gen zu ver­let­zen, der behaup­tet, er habe kei­ne.„
Don Nicolás

                                 ***

Es gehört zu den erbau­li­chen Ritua­len mei­nes soge­nann­ten All­tags, dass ich, wenn mor­gens im ICE der Schaff­ner durch den Wag­gon geht und fragt, ob ich eine Zei­tung wün­sche, zügig, aber ohne Hast ant­wor­te: „Nein, vie­len Dank.” 

Dann frei­lich tru­delt die elek­tro­ni­sche Post ein, dar­un­ter etwa die Mail eines Lesers, der mir mit den Wor­ten, er „koche vor Wut”, den Link zu die­sem Tages­spie­gel-Kom­men­tar sendet.

Grüß Gott Herr ***, für den Pro­gres­sis­ten ist die Demo­kra­tie am Ende, wenn sie kei­ne lin­ken Mehr­hei­ten pro­du­ziert, und da unse­ren lin­ken Platt­köp­fen kei­ne ande­ren Argu­men­te mehr gegen den Auf­stieg der Popu­lis­ten ein­fal­len als so obs­zö­ne wie auch obs­zön dum­me NS-Ver­glei­che, ver­sucht der Tages­spie­gel eben, sol­chen Anbräu­ne­rei­en ein Mini­mum an Digni­tät zu ver­lei­hen, indem man sie von zwei Israe­lis erle­di­gen lässt, die oben­drein noch die poli­ti­sche Füh­rung ihres eige­nen Lan­des schmä­hen – es han­delt sich näm­lich um links­ra­di­ka­le Israe­lis. Frei­lich muss man hin­zu­fü­gen, dass die bei­den Her­ren dort­zu­lan­de allen­falls als Polit-Freaks, als eine Art publi­zis­ti­scher Volks­sturm durch­ge­hen; den einen, Shi­mon Stein, vor Jah­ren mal israe­li­scher Bot­schaf­ter in Deutsch­land, kennt in Isra­el so gut wie kein Mensch – man kennt dort den aktu­el­len Bot­schaf­ter Jere­my Iss­ach­ar­off nur, weil des­sen Sohn ein beson­ders expo­nier­ter Links­ra­di­ka­ler ist –, den ande­ren, Mos­he Zim­mer­mann, nimmt außer­halb der HaA­retz-Redak­ti­on (das ent­spricht in etwa einer israe­li­schen Süd­deut­schen) nie­mand ernst. Hier­zu­lan­de tat Zim­mer­mann sich als Mit­au­tor der neu­dumm­deutsch „umstrit­te­nen”, tat­säch­lich bloß trend­kon­form im Sin­ne des Auf­trag­ge­bers Joseph „Josch­ka” Fischer pau­scha­li­sie­ren­den Pfusch­pu­bli­ka­ti­on „Das Amt und die Ver­gan­gen­heit” her­vor. Die bei­den zieht es ja nicht zufäl­lig publi­zis­tisch nach Deutsch­land; hier wird Links­ra­di­ka­len ein­fach mehr Wert­schät­zung ent­ge­gen­ge­bracht. Wenn die­se win­di­gen Figu­ren nicht nur die AfD, son­dern auch Netan­ja­hu furcht­bar fin­den, wächst redak­tio­nell zusam­men, was poli­tisch zusam­men­ge­hört, nur eben in Isra­el kaum eine Rol­le spielt. 

Bei­sei­te: Soll­ten Sie sich jetzt fra­gen, war­um der Netan­ja­hu sei­nen poli­ti­schen Geg­nern Bot­schaf­ter­jobs in ’schland ver­schafft: Die­ser Pos­ten gehört zu den­je­ni­gen, die nicht vom Pre­mier bestimmt wer­den – im Gegen­satz etwa zum Bot­schaf­ter in den USA –, son­dern vom Aus­wär­ti­gen Amt, in wel­chem lin­ke Klün­gel walten.

Dass sie bei der Lek­tü­re die­ser auto­ri­tä­ren Infa­mi­en „kochen”, geehr­ter Herr ***, ist ja deren Ziel, – genau­ge­nom­men dass Sie über­ko­chen und durch­dre­hen und man dann trö­ten kann: Wir haben es doch immer gesagt, die sind extrem, die gehö­ren ver­bo­ten. Blei­ben Sie also locker! „Immer nur lächeln, und immer ver­gnügt…” (Lehár). Neh­men Sie die cre­scen­die­ren­de Het­ze als Indiz dafür, dass unse­re lin­ken Laut­spre­cher auf dem letz­ten Loch pfei­fen; dann wird es Musik in Ihren Ohren sein. Reagie­ren Sie nicht wie ein Paw­low­scher Pudel. Las­sen Sie die Err­ge­gung in sich abklin­gen. Es sind gar nicht so vie­le, die die­sen Schrott noch lesen, ver­meh­ren Sie also nicht die Zahl derer, die ihn über­haupt zur Kennt­nis neh­men. Und: Lei­ten Sie bit­te den Schmon­zes an nie­man­den wei­ter, vor allem nicht an mich.

Prös­ter­chen!

                                 ***

Eine Best­men­schin vom stern setz­te, wahr­schein­lich nach dem Frust­sau­fen, Fol­gen­des ab (und lösch­te es spä­ter wie­der, als die habi­tu­el­le Feig­heit zurück­kehr­te, aller­dings zu spät):

image001 2

                                     ***

Zur Wahl in Thü­rin­gen nur so viel: „Erfol­ge haben Wur­zeln.”
(Leser ***)

IMG 20191027 WA0001

Und das noch:

IMG 20191027 WA0003

Ich weiß nicht, was das bedeu­tet, aber wenn’s den demo­kra­ti­schen Par­tei­en dient, ist alles gut. Amü­sant fand ich, wie das ZDF noch kurz vor knapp ver­such­te, mit einer – kei­nes­falls getürk­ten! – Umfra­ge das Wahl­volk zu manipu‑, quatsch: sti­mu­lie­ren: „Letz­te Pro­gno­se vor Thü­rin­gen-Wahl: AfD plötz­lich weit hin­ter CDU” (hier, auf 27. Okto­ber scrollen).

                                    ***

Vor der Wahl hat Mike Mohring, der CDU-Spit­zen­kan­di­dat in Thü­rin­gen, eine Koali­ti­on mit der SED-Nach­fol­ge­par­tei kate­go­risch aus­ge­schlos­sen, nun aber will er plötz­lich mit den Lin­ken in Ver­hand­lun­gen ein­tre­ten. Von einer „Volks­front der Ver­nunft” kün­det bereits das Zen­tral­or­gan aller Ver­nünf­ti­gen von der Ham­bur­ger Relotiusspitze. 

Pikant dar­an: Im soge­nann­ten Vor­feld des Urnen­gangs (was für ein rei­zen­des Syn­onym!) war eine Mor­dro­hung gegen Mohring bekannt- und sofort dem schlim­men Lager zuge­ord­net wor­den – unge­fähr wie die Haken­kreuz­schmie­re­rei­en auf west­deut­schen Fried­hö­fen, die die Vor­gän­ger­par­tei der Lin­ken aus­ge­heckt hat­te? (Mehr dazu hier.)

Was soll man zu Mike Mohrings maxi­mal mol­lus­ken­haf­tem Ver­hal­ten sagen? 

Ich hab die Ant­wort schon vor vie­len Jah­ren auf einem Wei­ma­rer Podi­um gege­ben, und zwar exakt dem Herrn Mohring sel­ber. Die Dis­kus­si­onrun­de, die der Gevat­ter wei­land mode­rier­te, lief unter dem Titel „Par­tei­en­sys­tem im Wan­del”, und als ers­ter zum State­ment auf­ge­ru­fen, ver­si­cher­te ich dem ergrif­fen schwei­gen­den Publi­kum: „Ver­we­sung ist auch ein Wan­del.”
q.e.d.

                                    ***

Skan­dal: Der Süd­deut­sche Beob­ach­ter lässt das Deter­min­ans „Volks” aus die­ser Über­schrift verschwinden!

                                    ***

Nach­trag zum Axt­mord im lau­schi­gen Limburg. 

„Da hat einer die Absicht, den Kopf vom Rumpf zu tren­nen, wählt das geeig­ne­te Werk­zeug, und führt es zwar in Eile, aber doch in Ruhe durch wie eben irgend­ei­ne Arbeit. Und hört dann auch ein­fach auf, als er fer­tig ist. Eine völ­lig bewuss­te, gesteu­er­te, kon­trol­lier­te Handlung.

Mir schrieb einer, das sehe nicht wie ein Eifer­suchts­mord aus, son­dern wie eine öffent­li­che Pflicht­übung zur Wie­der­her­stel­lung der Ehre. So ein biss­chen läs­tig, aber muss halt erle­digt werden.”

Schreibt Danisch. In einer vor­an­ge­hen­den Notiz legt er dar, dass ihn die Ver­si­che­rung, der Täter sei ein Deut­scher, wenn auch mit tune­si­schen Wur­zeln, weit mehr befrem­de, als wenn der Gat­tin­nen­metz­ger eben erst zu uns her­ein­ge­schneit wäre, denn:

„Wenn näm­lich einer hier gebo­ren und auf­ge­wach­sen ist, und trotz­dem die Axt aus­packt, dann heißt das, dass hier gebo­ren und auf­ge­wach­sen zu sein sei­ne zivi­li­sie­ren­de Wir­kung kom­plett ver­lo­ren hat. Dann bedeu­tet das nichts mehr.

Ich bin hier auch gebo­ren und auf­ge­wach­sen, deut­lich frü­her eben. Bei mir bedeu­te­te das aber noch, dass man danach in der Über­zeu­gung leb­te, dass man kei­ne Selbst­jus­tiz übt, ande­re nicht umbringt, und die Untreue der Frau viel­leicht böse Wor­te und eine Schei­dung recht­fer­tigt, aber kei­ne Ver­stüm­me­lung oder Hinrichtung.

Wenn also die Pres­se oder die Poli­zei oder die Poli­tik mel­det ‚Der Täter ist Deut­scher’ oder gar hier gebo­ren und auf­ge­wach­sen, dann fin­de ich das viel, viel schlim­mer, als wenn sie sagen, der kam gera­de vor zwei Wochen mit dem Boot an.”

Das ist des Pudels Kern: Es gib offen­kun­dig einen Unter­schied zwi­schen Deut­scher und deut­scher Staats­bür­ger, soll ihn aber nicht geben. Gera­de sol­che Taten bele­gen, dass in eini­gen oder wahr­schein­lich sogar vie­len ori­en­ta­lisch codier­ten Ein­wan­de­rern ein kul­tu­rel­ler Chip sitzt, der ihnen im Zwei­fels­fall den Befehl erteilt, das, was sie für ihre Ehre hal­ten, auf die denk­bar rus­ti­kals­te Wei­se und ohne Rück­sicht auf die zu erwar­ten­den Kon­se­quen­zen wie­der­her­zu­stel­len. Im Lim­bur­ger Fall ist es nicht pri­mär das „hei­ße Blut” gewe­sen, aus wel­chem die Tat resul­tier­te, aber die­se „Heiß­blü­tig­keit” dürf­te min­des­tens eben­so oft der Aus­lö­ser unbe­greif­li­cher Gewalt­aus­brü­che sein – unbe­greif­lich des­halb, weil ja danach, trotz der per­ver­sen Mil­de deut­scher Richter*innen, ein paar Jah­re Gefäng­nis dro­hen, das Leben des Täters mit­hin, wie man sagt, im Eimer ist, und er das vor­her wuss­te. Unbe­greif­lich erscheint also einer­seits die Unver­hält­nis­mä­ßig­keit, and­rer­seits wie wenig sie ins Gewicht fällt. Das rei­ni­gen­de Gewalt­ge­wit­ter muss für sol­che Typen eine der­ma­ßen fun­da­men­ta­le Bedeu­tung besit­zen, dass jede Kon­se­quenz dane­ben verblasst. 

Und sol­cher­art psy­cho­struk­tu­rier­te Gesel­len leben nun son­der Zahl unter uns, ticken­de Zeit­bom­ben, bereit, den Modus des Zusam­men­le­bens täg­lich neu auszuschalten.

Vor die­sem Hin­ter­grund pran­gen die bei­den Sät­ze der Kat­rin Göring-Eck­hardt erst in ihrer gan­zen Men­schen­feind­lich­keit und Nie­der­tracht: „Wir bekom­men plötz­lich Men­schen geschenkt”; „Deutsch­land wird sich ändern, und zwar dra­ma­tisch, und ich freu mich drauf.”

Total
0
Shares
Vorheriger Beitrag

27. Oktober 2019

Nächster Beitrag

29. Oktober 2019

Ebenfalls lesenswert

31. Januar 2019

Der Janu­ar neigt sich sei­ner End­fi­gur zu. Obwohl die­se Maid sehr apart aus­schaut, muss man bei ihr die…

7. September 2018

Und „wei­ter, wei­ter, immer wei­ter” (Oli­ver Kahn) mit Chem­nitz. Mei­ne Hoff­nung, Mer­kels stur­hei­le Par­tei­nah­me gegen die eige­nen Lands­leu­te,…

2. August 2018

Also wenn Sie ich fra­gen, ich genie­ßen den Som­mer: die gött­li­che Mit­tags­hit­ze im Vor­al­pen­land auf dem Renn­rad oder…

7. April 2018

„Gäbe es für mich je ein Pro­blem, wür­de ich sofort die Welt­ge­mein­schaft um Rat fra­gen. Aber ich habe…