14. November 2019

Das zwei­te der unlängst als Schreib­klaus­ner­stell­ver­tre­ter und Eck­la­den-Platz­hal­ter ange­kün­dig­ten Vide­os ist jetzt online; es han­delt sich um den Mit­schnitt mei­nes Auf­tritts in der Biblio­thek des Kon­ser­va­tis­mus, wo ich zwei Kapi­tel aus „Land der Wun­der” vor­trug. Viel Vergnügen!

Der jener Lesung vor­an­ge­hen­de Vor­trag im Ber­li­ner Abge­ord­ne­ten­haus zum The­ma: „War­um dele­gi­ti­miert das Schei­tern lin­ker Uto­pien nicht die Lin­ke als sol­che?” folgt in Kür­ze; er sei mit die­sem feschen Foto, wel­ches mir Leser *** aus neue­rer Zei­ten Tie­fe zusand­te, avi­siert und illustriert:

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Der Unter­schied zwi­schen Brand­ner und Lau­ter­bach ist, dass Letz­te­rer die Bot­schaft, deut­sche Juden sei­en irgend­wie kei­ne rich­ti­gen Deut­schen, sel­ber for­mu­lier­te, wäh­rend Brand­ner sie nur retweetete.

PS: Es wird noch lus­ti­ger. Zuvor will ich klar­stel­len, dass ich Brand­ner nicht zu ver­tei­di­gen geden­ke; ich mei­ne, der Vor­sit­zen­de des Rechts­aus­schus­ses soll nicht twit­tern wie ein Teen­ager auf Koks; gera­de eine Par­tei, die auch und spe­zi­ell das Rest­bür­ger­tum anspre­chen will, soll­te Insti­tu­tio­nen einen gewis­sen Respekt zol­len. – Brand­ner war unter ande­rem der Gebrauch des Begrif­fes „Judaslohn” vor­ge­wor­fen wor­den, als, na was schon, anti­se­mi­ti­sche Invek­ti­ve (wobei sich sei­ne Bemer­kung gegen Udo Lin­den­berg rich­te­te), unter ande­rem von Herrn Lauterbach:

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Offen­bar ist der Herr Lau­ter­bach ein Mensch von voll­ende­ter Scham­lo­sig­keit, viel­leicht han­delt es sich aber auch ein­fach nur um Kre­ti­nis­mus, und er führt das gro­ße Wort, ohne dass wenigs­tens die Pres­se ihn zerfetzt. 

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Der Kahrs ist auch so einer. Hélas!

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Selbst­ver­ständ­lich ist „Judaslohn” eine Aller­welts-Meta­pher, an der so lan­ge nichts Anstö­ßi­ges zu fin­den ist, bis ein Schwe­fel­par­tei­ler sie gebraucht. Gera­de im deut­schen Jour­na­lis­mus sind drei­ßig Sil­ber­lin­ge ein durch und durch gebräuch­li­ches Honorar. 

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„Wir dür­fen nicht nur das machen, was wir rich­tig fin­den, son­dern wir müs­sen das machen, was Afri­ka glaubt zu brau­chen, mit sei­nen Regie­run­gen, aber auch mit sei­ner Zivil­ge­sell­schaft”, rot­welscht die im Kanz­ler­amt lei­der nur zwi­schen­ge­la­ger­te Über­ge­schnapp­te auf dem Evan­ge­li­schen Kir­chen­tag, und Applaus bran­det auf aus den Rei­hen der inner­welt­lich erlö­sungs­be­dürf­ti­gen Ungläu­bi­gen, ehe die Nar­ren­fest­lei­te­rin mit „Wir kön­nen die Erd­er­wär­mung stop­pen” fort­fährt – „wir” meint wahr­schein­lich: Geor­ge, Barack, Hei­ko und ich –; es ist schon ein erha­be­nes Gefühl, einer Gesell­schaft, die sol­chen auto­ag­gres­si­ven, in ein­fa­cher analpha­be­ti­scher Spra­che vor­ge­tra­ge­nen Schwach- und Min­der­sinn nicht nur hin­nimmt, son­dern beklatscht, beju­belt und wählt, beim mäh­li­chen Ver­rückt­wer­den zuzusehen.

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Kann das Hoch­was­ser Vene­dig nicht wenigs­ten dann heim­su­chen, wenn gera­de die­se ande­re Pla­ge, die Bien­na­le, stattfindet? 

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Johann Küh­me, Prä­si­dent der Poli­zei­di­rek­ti­on Olden­burg, erklär­te in einer Rede vor Kom­mu­nal­po­li­ti­kern – ich zitie­re die Aus­füh­run­gen einer regio­na­len Gazet­te –: „ ‚Spra­che führt zu Hass. Hass kann zu Het­ze füh­ren und Het­ze zu Gewalt.’ Wer die­sen Nähr­bo­den mit Wor­ten dün­ge, mache sich zum Mit­tä­ter. ‚Ich schä­me mich als Deut­scher dafür, wenn AfD-Poli­ti­ker Mus­li­ma als Kopf­tuch­mäd­chen titu­lie­ren oder die Nazis als Vogel­schiss in der tau­send­jäh­ri­gen Geschich­te’ – sol­che sprach­li­chen Ent­glei­sun­gen nähr­ten Hass und Het­ze, und ‚wir wol­len das als Poli­zei nicht hinnehmen’.”

Ein erstaun­li­ches State­ment für einen zur Neu­tra­li­tät ver­pflich­te­ten Beam­ten. Sehen wir von der Pri­mi­ti­vi­tät und Hohl­heit die­ser immer­glei­chen Wort­hül­sen ab – sol­che Spra­che kann zu Hass füh­ren, in der Tat –, bleibt die Fra­ge, ob sich ein Poli­zist außer­halb von Dik­ta­tu­ren offi­zi­ell so äußern darf. Immer­hin soll der Mann Recht und Gesetz durch­set­zen. Unser Poli­zei­chef schämt sich also „als Deut­scher”, wenn Fins­ter­män­ner Kopf­tuch­mäd­chen Kopf­tuch­mäd­chen nen­nen, denn wahr­schein­lich dür­fen nach der Lex Küh­me allen­falls Kopf­tuch­mäd­chen Kopf­tuch­mäd­chen Kopf­tuch­mäd­chen nen­nen; gott­lob wächst deren Zahl ja immer mehr. Aber weder öffent­li­ches Schä­men noch öffent­li­ches Rügen der straf­recht­lich irrele­van­ten Wort­wahl von Poli­ti­kern sind sein Job, so popu­lär das öffent­li­chen Schä­men „als Deut­scher” auch hier­zu­lan­de sein mag, und genau so wenig wäre es sein Job, Leu­te anzu­pran­gern, die „Kar­tof­fel” sagen oder „Schwei­ne­fleisch­fres­ser”, der­glei­chen hat einen Poli­zei­be­am­ten nicht zu inter­es­sie­ren. Das­sel­be gilt auch für eine schlecht gewähl­te Meta­pher, mit wel­cher Alex­an­der Gau­land die Nazis bezeich­ne­te – kei­nes­wegs deren Ver­bre­chen, wie sofort von inter­es­sier­ter Sei­te her­bei­gelo­gen wur­de – und die der AfD-Chef schon x‑fach bedau­ert und zurück­ge­nom­men hat. 

Aber wir ver­ste­hen: Ein West­be­am­ter mel­det sich bereit, ein Volks­po­li­zist zu werden.

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Ich pro­phe­zeie seit Jah­ren, dass die Block­par­tei­en das Medi­en­siech­tum been­den wer­den, indem sie ein­fach öffent­lich-recht­li­che Zei­tun­gen aus den zuneh­mend markt­un­taug­li­chen Blät­tern machen, und dass vie­le Arti­kel in der Wahr­heits- und Qua­li­täts­pres­se qua­si Bewer­bungs­chrei­ben für die staat­li­che Finan­zie­rung sind, wes­halb man sich über die all­ge­mei­ne Ten­den­ziö­si­tät und Ein­för­mig­keit nicht wun­dern möge; nun geschieht es: „Heim­lich, still und lei­se sol­len sol­len die Ver­la­ge zukünf­tig bis zu 645 Mil­lio­nen € an staat­li­chen Sub­ven­tio­nen erhal­ten”, mel­det Tichys Ein­blick. „Damit wer­den auch sie an die Ket­te staat­li­cher Zuwen­dun­gen gelegt – staats­fer­ne Medi­en wer­den marginalisiert.”

Alle die­se Blät­ter ver­lie­ren rapi­de an Auf­la­ge, die Leu­te kau­fen das Zeug nicht mehr, also muss man mit Ihren Steu­ern den potem­kin­schen Medi­en­plu­ra­lis­mus finan­zie­ren. Ich ken­ne nur eine Par­tei, die das been­den könn­te und würde.

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Aber rich­ten wir unse­re Bli­cke lie­ber auf Schwe­den, wo die Zukunft längst Gegen­wart ist!

Oder auf den bes­se­ren, unprü­den Teil Ame­ri­kas!

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„Zugleich ist die­se fort­schrei­ten­de Zer­brö­cke­lung der geschicht­li­chen Völ­ker in gefü­gelos-unge­fü­gi­ge Mas­sen von einem Gesche­hen noch beglei­tet, das auf eine der Mania grie­chi­schen Alter­tums ver­wand­te Krank­heit deu­tet. Denn nun begin­nen die ver­mas­sen­den Völ­ker mit ihrer eige­nen Jugend- und Früh­ge­schich­te auch ihre bis dahin hei­lig gehal­te­nen Über­lie­fe­run­gen, kraft deren sie an der ver­schüt­te­ten Urüber­lie­fe­rung teil­ha­ben, mit wüten­der Ver­bis­sen­heit täg­lich mehr zu has­sen. (…) In Vor­gän­gen die­ser Art voll­zieht sich dann nicht sowohl der Unter­gang, als viel­mehr der Selbst­mord der Völker. (…)

Ent­stal­tung und Zer­fall der Völ­ker im Mas­sen­brei setzt sich von da ab fort und fort mit stei­gen­der Beschleu­ni­gung. Dies kann nicht anders sein, weil die von der Ver­mas­sung befal­le­nen Völ­ker unab­wend­bar ihren Halt ver­lie­ren. Sie kom­men ins Rut­schen und ent­glei­ten sich unauf­halt­sam sel­ber. Mit ihren Über­lie­fe­run­gen ent­äu­ßern sie sich ihrer stärks­ten Stüt­ze. Fahr­läs­sig zuerst, dann vor­sätz­lich geben sie das Kern­ge­häu­se ihrer See­len­tü­mer der Fäul­nis preis, um gleich dar­auf sel­ber zu ver­fau­len. Jeg­li­cher Eigen­rich­tung, jeg­li­cher Eigen­rich­tig­keit ver­lus­tig, trei­ben sie unstet dahin, wohin die Win­de sie wir­beln, wohin die Was­ser sie wäl­zen. Schon sind sie, ohne es zu mer­ken, die ’spie­lend’ leich­te Beu­te gewor­den ihrer jewei­li­gen Auf­wieg­ler, Ein­peit­scher und Ver­het­zer, die bloß auf die Gele­gen­heit, die Macht zu ergat­tern, hin­ter allen Stra­ßen­ecken lauern. (…)

Es winkt in den end­lich-ein­ge­eng­ten Raum der Geschich­te die laben­de Luft­spie­ge­lung eines unend­lich-gren­zen­lo­sen Fort­schritts. In allen die unbe­ding­te Gleich­heit auch äußer­lich her­zu­stel­len, kann nicht viel kos­ten, nach­dem sich für das ver­mass­te Volk die inne­re Gleich­för­mig­keit von selbst versteht. (…)

Vor­her muß aller­dings noch etli­ches gesche­hen. Vor­her müs­sen bei­spiels­wei­se die Andern, die den Weg der Irre nicht bis ans Ende gehen wol­len, auf die Knie gezwun­gen, not­falls aus­ge­rot­tet wer­den. Gegen sie den Haß zu schü­ren, wird vor­dring­li­ches Anlie­gen jener geist- und see­len­mör­de­ri­schen Mas­sen­ab­rich­tung, wel­che jetzt an die Stel­le frü­he­rer, manch­mal gewiß mit Feh­lern behaf­te­ter Jugend- und Volks­er­zie­hung tritt. Was es unter der­lei Umstän­den mit dem Frie­den im Zeit­al­ter der Mas­se auf sich habe, malt jeder am leich­tes­ten sich sel­ber aus, der noch nicht sel­ber Mas­se ist. Das Zeit­al­ter der Mas­se ist wesens­ge­mäß auch das Zeit­al­ter voll­ende­ter Fried­lo­sig­keit. Im glei­chen ist die Mas­se als sol­che wesens­ge­mäß Mas­sa Dam­na­ta, wenn nicht im augus­ti­ni­schen Sprach­ver­stan­de, so doch in dem beson­de­ren Begrif­fe, daß sich in ihr, die an und für sich leer ist, der Fluch der Fried­lo­sig­keit erfüllt.” 

(Leo­pold Zieg­ler: Evan­ge­li­scher Frie­de. Mei­nen Freun­den zum Neu­jahrs­an­ge­bin­de 1952)

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