12. Dezember 2019

Mit einer ein­zi­gen schmie­ri­gen For­mu­lie­rung erklärt sich ein Stadt­ober­haupt für unwählbar. 

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Dass der Mann unge­bil­det ist und nicht weiß, was der Begriff tra­gisch bedeu­tet, gehört zur Défor­ma­ti­on pro­fes­si­onnel­le und kann ihm nicht per­sön­lich ange­las­tet wer­den; neun von zehn Poli­ti­kern und erst recht Jour­na­lis­ten wis­sen es auch nicht. (Tra­gisch wäre der „Vor­fall” allen­falls gewe­sen, wenn der Feu­er­wehr­mann sich sei­ner Haut rigo­ros gewehrt hät­te und als ras­sis­ti­scher Schlä­ger ange­klagt wor­den wäre.)

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Ob der Pia­nist Igor Levit, der einen acht­ba­ren, sich für mei­ne Begrif­fe bis­wei­len zu affek­tiert in Pia­nis­si­mi ver­lie­ren­den Beet­ho­ven spielt, sei­nen teils enga­gier­ten, teils enra­gier­ten und immer ziem­lich muti­gen poli­ti­schen State­ments gegen die rech­te Min­der­heit tat­säch­lich noch eines „gegen den Kli­ma­wan­del” bei­gefügt hat, ent­zieht sich mei­ner Kennt­nis. Ich mei­nes­teils sage Ja zum Kli­ma­wan­del! Ansons­ten möch­te ich die womög­lich irri­tier­ten Besu­cher mei­nes klei­nen Eck­la­dens dar­auf hin­wei­sen, dass der „Inter­na­tio­na­le Beet­ho­ven­preis für Men­schen­rech­te, Frie­den, Freu­de und Eier­ku­chen”, den Levit jetzt ein­sackt, erst neu­er­dings, erst seit dem Jahr des freund­li­chen Gesichts der Frem­den­füh­re­rin, also prak­tisch seit der Aus­ru­fung des Bes­ten Deutsch­lands, das es je gab, ver­lie­hen wird – vor Levit bekam ihn übri­gens der gro­ße deut­sche Ton­set­zer und Inklu­die­rer Wolf­gang Nie­de­cken zuer­kannt –, und nichts zu tun hat mit dem alt­mo­di­schen, noch in Kaka­ni­en gestif­te­ten, sogar unter den Nazis ver­lie­he­nen, also natio­na­len bzw. natio­na­lis­ti­schen Beet­ho­ven­preis, den aus­schließ­lich alte wei­ße deut­sche Män­ner in Emp­fang neh­men muss­ten, die nie etwas für Min­der­hei­ten, Armuts­be­kämp­fung und die Kli­ma­ret­tung unter­nom­men haben, etwa Alex­an­der von Zem­lin­sky, Richard Strauss und Hans Pfitz­ner (!).  Per aspe­ra ad astra!

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„Die frü­hen Zio­nis­ten wur­den vom jüdi­schen Estab­lish­ment unge­fähr so behan­delt wie heu­te die Juden in der AfD.„
Wolf­gang Fuhl, ehe­ma­li­ges Mit­glied des Zen­tral­rats der Juden in Deutsch­land, heu­te stellv. Vor­sit­zen­der der Schwefeljuden

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Nach been­de­ter Lek­tü­re von Dou­glas Mur­rays „Wahn­sinn der Mas­sen. Wie Mei­nungs­ma­che und Hys­te­rie unse­re Gesell­schaft ver­gif­ten” kann ich das Buch nur nach­drück­lich wei­ter­emp­feh­len. Ich dach­te, ich wüss­te schon genug über iden­ti­ty poli­tics, aber das war eine Fehl­ein­schät­zung. Es ist alles noch viel schlim­mer. Anhand zahl­rei­cher Bei­spie­le, rubri­ziert unter den Haupt­ka­pi­teln „Homo­se­xu­el­le”, „Frau­en”, „Ras­se” und „Trans*”, beschreibt der Spec­ta­tor-Mit­her­aus­ge­ber den aktu­ell erreich­ten Stand bei der Ver­brei­tung der poli­ti­cal cor­rect­ness in der angel­säch­si­schen Welt. Wer glaub­te, es hand­le sich um ein Phä­no­men, wel­ches vor allem an den Uni­ver­si­tä­ten (und letzt­lich nur dort) herr­sche, irrt gewal­tig. Das mag in den frü­hen 1990ern gegol­ten haben, als die­ser intel­lek­tu­el­le Rin­der­wahn aus­brach – Johan­nes Gross frag­te ein­mal, war­um eigent­lich fast alle dum­men Ideen aus Uni­ver­si­tä­ten stam­men –, doch längst hat die hyper­mo­ra­li­sche Seu­che die Col­le­ges ver­las­sen und über die fabel­haf­ten Trans­mit­ter der sozia­len Medi­en und der all­zeit trend­be­fol­gungs­gei­len US-Star- und Stern­chen­sphä­re fast alle Poren der angel­säch­si­schen Gesell­schaf­ten durch­tränkt, von den tra­di­tio­nel­len Medi­en über den Kul­tur­be­trieb und die staat­li­chen Behör­den bis hin­ein in die Geschäftswelt.

Last but not least ist das digi­ta­le Welt­ge­hirn im Sili­con Val­ley die wahr­schein­lich poli­tisch kor­rek­tes­te Fir­men­an­sied­lungs­re­gi­on der Erde. Jeder Bewer­ber dort, notiert Mur­ray, wer­de beim Ein­stel­lungs­ge­spräch auf Herz und Nie­ren getes­tet, damit nicht ver­se­hent­lich jemand rekru­tiert wird, der fal­sche Gedan­ken denkt. Bei Goog­le sind Mur­ray zufol­ge etwa 10.000 und bei Face­book etwa 30.000 Mit­ar­bei­ter aus­schließ­lich damit beschäf­tigt, dar­auf zu ach­ten, dass der con­tent poli­tisch kor­rekt ist. Bra­ve new world! Dass die Din­ge güns­ti­ger lie­gen wer­den, wenn der­einst die Chi­ne­sen wie­der bzw. auch glo­bal die Gehirn­wä­sche über­neh­men, mag ich nicht glauben.

Der­zeit also betrach­ten die lin­ken Wort­füh­rer in Über­see die gesam­te Welt durch die Bril­le von „Iden­ti­täts­po­li­tik” und „Inter­sek­tio­na­li­tät” (wie Had­mut Danisch in einem bril­lan­ten Text zeigt, ver­su­chen sie es mit der Ras­sen- und Geschlech­ter­tren­nung 2.0 sogar in der Phy­sik). Der neue Ras­sis­mus und Sexis­mus der Grup­pen­iden­ti­tä­ten schrei­tet tri­um­phie­rend über den west­li­chen Indi­vi­dua­lis­mus hin­weg. Das Ver­hält­nis der Ras­sen (die es eigent­lich nicht gibt, es sei denn, im Namen der Ras­se wer­den frem­de Pri­vi­le­gi­en beklagt und eige­ne gefor­dert) sowie der Geschlech­ter (dito) ist so nach­hal­tig ver­gif­tet, dass die Ver­schmut­zung der Welt­mee­re dane­ben wie eine Peti­tes­se erscheint. Der geis­ti­ge Bür­ger­krieg ist längst eröff­net, die Fra­ge lau­tet, ob bzw. wann die Boden­trup­pen – über die Neo­fa und ver­ein­zel­te „Sni­per” hin­aus – ein­grei­fen wer­den. Ter­mi­ni wie „Trans­pho­bie”, LBGTI oder „Pri­vi­le­gi­en der Wei­ßen” haben sich bin­nen kür­zes­ter Zeit aus der Nicht­exis­tenz in den Main­stream eta­bliert, und täg­lich erfol­gen mul­ti­me­di­al insze­nier­te, einst­wei­len noch meist unblu­ti­ge Men­schen­op­fer an die­se neu­en Göt­zen. Dass alles im Netz und in „Echt­zeit” geschieht, garan­tiert den titel­ge­ben­den Wahn­sinn. Im indi­schen Mythos tanzt der Gott Shi­va und dreht sich schnel­ler und immer schnel­ler, bis die Welt zer­fällt und sich auflöst…

Das ent­schei­den­de State­ment, die schlecht­hin­ni­ge Feinder­klä­rung, steht in Mur­rays Buch auf Sei­te 224 und stammt von Pro­fes­sor Robin DiAn­ge­lo, die an der Uni­ver­si­ty of Washing­ton „Mul­ti­cul­tu­ral edu­ca­ti­on” lehrt, also ganz har­te Wis­sen­schaft (pro­mo­viert hat sie über „Whit­ness in racial dia­lo­gue”). Frau DiAn­ge­lo beteu­er­te im März 2019 in einem Vor­trag, dass sie „gern ein biss­chen weni­ger weiß wäre, was nichts ande­res heißt als weni­ger unter­drü­cke­risch, selbst­ver­ges­sen, defen­siv, igno­rant und arro­gant” („defen­siv” war wohl ein Freud’scher Ver­plap­pe­rer), um anschlie­ßend zu sta­tu­ie­ren – jetzt kommt’s –, dass „Wei­ße, die ihre Mit­men­schen eher als Indi­vi­du­en anse­hen und nicht auf­grund ihrer Haut­far­be beur­tei­len, wirk­lich gefähr­lich sind”.

Das muss man zwei­mal lesen. Es ist der lupen­reins­te ras­sis­ti­sche Stoff, der momen­tan in Über­see gehan­delt wird. Ihren mora­li­schen Pro­fit bezieht unse­re Dea­le­rin aus dem Hass auf die eige­ne Eth­nie. Die­se auto­ag­gres­si­ven Wei­ßen hof­fen, mor­gen ver­schont zu blei­ben, wenn sie sich heu­te auf die Sei­te der ten­den­zi­ell Stär­ke­ren schla­gen. Wahr­schein­lich unter­schät­zen die meis­ten wei­ßen Mit­tel­schicht­ler die Dyna­mik die­ses Pro­zes­ses, weil sie heu­te noch mehr­heit­lich am Ende der Nah­rungs­ket­te ste­hen. Indem sie – und  nur sie! – von ihren eige­nen Wort­füh­rern und den glo­ba­lis­ti­schen Eli­ten als Schul­di­ge am Elend der Welt ange­pran­gert und ihre Hei­mat­län­der den mit hyper­mo­ra­li­schem Getrö­te geweck­ten „Ver­damm­ten die­ser Erde” als Sied­lungs­ge­bie­te und Beu­te ange­bo­ten wer­den, macht man sie wehr­los. Ihre Situa­ti­on könn­te ein­mal jener der fran­zö­si­schen Aris­to­kra­ten des aus­ge­hen­den 18. Jahr­hun­derts ähneln. („Wie, und Sie leben noch?”, sag­te ein Jako­biner­füh­rer zu einem Adli­gen – ich habe ver­ges­sen, wer es war –, nach­dem er sein pracht­vol­les Schloss gese­hen hatte…) 

Mar­tin Luther King träum­te noch von einer Welt, in der Ras­se kei­ne Rol­le mehr spielt, doch das heu­ti­ge Ame­ri­ka ist ein Land, in dem „naht­los von der Hal­tung, dass Ras­se kei­ne Rol­le spielt, dazu über­ge­gan­gen wur­de, dass Ras­se das ein­zi­ge ist, was zählt” (Mur­ray). Neu dabei ist, dass der Auf­ruf zum Ras­sen­hass sich bei eta­blier­ten Wei­ßen gegen die eige­nen Eth­nie rich­tet und nicht geäch­tet, son­dern sozi­al belohnt wird. Du bist als Wei­ßer künf­tig auto­ma­tisch schul­dig und damit dran, auch wenn du arm bist, auch wenn dei­ne Vor­fah­ren nie Kolo­nien besa­ßen, nie Skla­ven­han­del betrie­ben haben, wenn du nicht mal ein Möbel­stück aus Tro­pen­holz besitzt und in dei­nen Lebens­ge­wohn­hei­ten über­haupt nicht bemer­ken wür­dest, wenn Afri­ka nicht exis­tier­te, schul­dig in allen Ankla­ge­punk­ten, von his­to­ri­scher Unter­drü­ckung und Aus­beu­tung bis zur Kli­ma­wan­del­ver­ur­sa­chung. Und wer schul­dig ist, muss süh­nen – die Rich­ter aus­ge­nom­men. Des­we­gen drän­gen der­zeit so vie­le in die­ses Ehren­amt. Es wird ihre Häl­se aber womög­lich nicht ret­ten, wenn es wirk­lich ein­mal ernst wird.

Ich hal­te von den in den ein­zel­nen Buch­ka­pi­teln ange­spro­che­nen Kon­flikt­grup­pen jene der „Ras­se” ten­den­zi­ell, also auf die nächs­ten hun­dert Jah­re gese­hen, für das gefähr­lichs­te Phä­no­men, allein schon des­we­gen, weil die ande­ren Grup­pen­iden­ti­tä­ten sich gegen­sei­tig auf­he­ben – man kann zum Bei­spiel nicht zugleich „toxi­sche Männ­lich­keit”, „Homo­pho­bie” und den Islam bekämp­fen. Selbst Fou­cault sei auf­ge­fal­len, notiert der Autor, „dass Sex oder auch Sexua­li­tät viel zu unfass­bar und insta­bil ist, um dar­auf eine Iden­ti­tät zu errich­ten”. Ras­se dage­gen schon. Des­we­gen wür­de ich die Kapi­tel „Homo­se­xu­el­le” und „Trans*”, so irr­sin­nig die dar­ge­bo­te­nen Bei­spie­le auch sind, eher unter die Beschrei­bung von Nach­hut­ge­fech­ten ver­bu­chen. „Frau­en” (= Femi­nis­mus und Gen­der-Gedöns) auch. Ich wie­der­ho­le mich: Man kann in West­eu­ro­pa bes­tens stu­die­ren, wie die Zeit­geist­ver­we­ser ihre eins­ti­gen Hät­schel­kol­lek­ti­ve eines nach dem ande­ren ange­sichts der neu­en Her­ren der Stra­ße fallenlassen.

Bei­sei­te gespro­chen: Taten wie zuletzt in Augs­burg gesche­hen längst vor dem Hin­ter­grund sol­cher eth­nisch-kul­tu­rel­len Schuld-Unschuld-Zuschrei­bung. Wenn einem Teil der Gesell­schaft von klein­auf an ver­mit­telt wird, dass die ande­ren, die Ein­hei­mi­schen, die Deut­schen (oder andern­orts: die Wei­ßen) dafür ver­ant­wort­lich sind, wenn es mir nur mit­tel­präch­tig geht, wenn ich in der Schu­le oder im Job nicht vor­an­kom­me, poli­tisch kei­nen Ein­fluss habe etc. pp., dass man jeden­falls die Schuld an sei­nem Geschick nicht pri­mär sel­ber trägt, führt das halt irgend­wann auch zu Aggres­sio­nen mit gutem Gewis­sen, egal ob das nun beim Augs­bur­ger Fall eine Rol­le gespielt hat; es geht um ein Kli­ma der Unver­ant­wort­lich­keit und des sich Zukurz­ge­kom­men­füh­lens. Ein­schub beendet. 

Ich grei­fe ein paar Exem­pel aus Mur­rays Buch her­aus. Im Dezem­ber 2018 ver­öf­fent­lich­te Bloom­berg eine Unter­su­chung über das Leben von ame­ri­ka­ni­schen Füh­rungs­kräf­ten. Dass Pro­fes­so­ren in Über­see Gesprä­che mit Stu­den­tin­nen nur noch bei geöff­ne­ter Büro­tür füh­ren, um Denun­zia­tio­nen wegen sexu­el­ler Beläs­ti­gung zu ent­ge­hen, hat sich inzwi­schen her­um­ge­spro­chen. In der Geschäfts­welt sieht es ähn­lich aus: „Über 30 Top­ma­na­ger gestan­den im Inter­view, dass sie kei­ne Lust hät­ten, mit ihren Kol­le­gin­nen essen zu gehen. Oder im Flug­zeug neben ihnen zu sit­zen. Sie bestan­den dar­auf, im Hotel auf einer ande­ren Eta­ge unter­ge­bracht zu wer­den und ver­mie­den Gesprä­che unter vier Augen mit Frauen.”

Nach­dem das Zusam­men­le­ben der Geschlech­ter wei­test­mög­lich gestört ist, kommt jenes der Ras­sen bzw. Eth­ni­en an die Rei­he, und alles wird kun­ter­bunt ver­quirlt. Mur­ray berich­tet von Zwangs­schu­lun­gen zum The­ma „Unbe­wuss­te Urtei­le” in Unter­neh­men. „Das US-ame­ri­ka­ni­sche Amt für Per­so­nal­ver­wal­tung kün­dig­te 2016 an, dass es pla­ne, sei­ne Beschäf­tig­ten in Sachen unbe­wuss­ter Dis­kri­mi­nie­rung zu schu­len. Auf­ge­merkt: Wir reden hier von 2,8 Mil­lio­nen Mit­ar­bei­tern. Die bri­ti­sche Regie­rung hat allen Beschäf­tig­ten eine Anti-Dis­kri­mi­nie­rungs- und Pro-Diver­si­fi­ka­ti­ons­schu­lung verordnet.”

Wahr­schein­lich wür­den sie heu­te auch Jesus Chris­tus in einen Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­kurs schi­cken. Das Pro­blem ist nur: „Ange­nom­men, jemand hat fest­ge­stellt, dass er ein kul­tu­rel­les Kli­schee ver­in­ner­licht hat. Und dann? Darf er es behal­ten?” Die Ant­wort schen­ken wir uns, wie wir uns auch die Fra­ge schen­ken, nach wel­chen kul­tu­rel­len Kli­schees eigent­lich gefragt wird – und nach wel­chen nicht. Die Zahl der US-Ame­ri­ka­ner, die Ras­sis­mus für ein „gro­ßes Pro­blem” hal­ten, hat sich von 2011 bis 2018 ver­dop­pelt. Obwohl in den ver­gan­ge­nen 50 Jah­ren die Schwar­zen und ande­ren nicht­wei­ßen Eth­ni­en, die Frau­en, die Homo­se­xu­el­len und auch die sexu­ell nicht ganz ein­deu­tig Fest­ge­leg­ten in der west­li­chen Welt recht­lich in jeder Hin­sicht gleich­ge­stellt und gesell­schaft­lich akzep­tiert, ja hofiert wur­den, belehrt uns ein Blick in eine belie­bi­ge ame­ri­ka­ni­sche Uni­ver­si­tät oder Oscar-Ver­lei­hung, dass Ras­sis­mus, Sexis­mus und Dis­kri­mi­nie­run­gen aller Art offen­bar noch nie so extrem waren wie heu­te. Es ist wie mit dem Fein­staub: Je nied­ri­ge­re Grenz­wer­te man fest­legt und je genau­er man misst, des­to schlim­mer wird es, auch wenn die gemes­se­nen Wer­te stän­dig sinken.

Tat­säch­lich wur­de zumin­dest die Ras­sen­kar­te wohl nie­mals häu­fi­ger gezo­gen als heu­te – aus dem simp­len Grund, dass eine indi­vi­du­el­le Kri­tik nicht mehr mög­lich ist, wenn die Grup­pen­kar­te aus­ge­spielt wird. Und die Trümp­fe sind nicht mehr weiß.

Das heißt kei­nes­wegs, dass du nicht auch als PoC in irgend­ei­ne Fal­le tap­pen kannst. Der For­mel 1‑Pilot Lewis Hamil­ton hat­te Weih­nach­ten 2017 ein Video sei­nes klei­nen Nef­fen gepos­tet, der sich als Prin­zes­sin ver­klei­det hat­te. „Wes­halb trägst du ein Prin­zes­sin­nen­kleid?”, hört man den Renn­fah­rer fra­gen, „Jungs tra­gen doch kei­ne Klei­der.” Prompt stand das Tran­sen- und Schwu­len­volk auf, und der Shit­s­torm brach los. Um der „digi­ta­len Stei­ni­gung” (Mur­ray) zu ent­ge­hen, ließ sich Hamil­ton für ein Inter­view mit dem soge­nann­ten Män­ner­ma­ga­zin GQ im Rock ablich­ten (kein Witz); sowohl auf dem Cover als auch auf sämt­li­chen Fotos im Heft trug der Held allen Erns­tes einen Rock; wahr­schein­lich war ihm das Pein­lich­keits­emp­fin­den in einer beson­ders schnel­len Kur­ve abhandengekommen.

Von der­glei­chen Anek­döt­chen über Pran­ger und Canos­sa­gän­ge wim­melt das Buch, und dem Leser wird ganz blü­merant zumu­te dabei. Es geht um Mimen, die sich erfrecht hat­ten, auf der Lein­wand eine ande­re sexu­el­le oder eth­ni­sche Rol­le zu spie­len als im tat­säch­li­chen Leben, um Köche, die kei­ne Gerich­te aus ande­ren Kul­tur­krei­sen kochen sol­len dür­fen (einer hat­te bei einem exo­ti­schen Gericht eine exo­ti­sche Zutat ver­ges­sen und wur­de stracks des kuli­na­ri­schen Ras­sis­mus bezich­tigt), um die all­mäh­li­che Zer­stö­rung des Fair plays im Frau­en­sport durch immer mehr Trans­se­xu­el­le, also Män­ner, die sich den Penis weg­ma­chen las­sen und dann bei­spiels­wei­se im Ring ihre Geg­ne­rin­nen win­del­weich prü­geln; wer das kri­ti­siert, ist hass­erfüllt, trans­phob und gehört verfolgt.

Aus die­sem Neben­sa­lon des Mur­ray­schen Nar­ren­hau­ses stammt auch mei­ne Lieb­lings­an­ek­do­te. Der Trans­se­xu­el­le Bruce Jen­ner, der als Mann 1976 Olym­pia­sie­ger im Zehn­kampf wur­de, upgra­te­te sich anno 2015 zu Cait­lyn Jen­ner; sie wur­de von einem Gla­mour- und Blö­den­blatt sofort zur „Frau des Jah­res” gekürt, erhielt bei der „Sport­ler des Jahres”-Gala den, na was schon, „Cou­ra­ge-Award” (knapp vor Böh­mer­mann) und danach lan­ge Stan­ding Ova­tions. Dabei begab es sich und trug sich zu, dass ein Quar­ter­back namens Brett Fav­re, nach­dem auch er ste­hend applau­diert hat­te, sich als ers­ter wie­der hin­setz­te. Nun, das hat er bereut. Nicht so sehr wie sei­ne Vor-Irr­läu­fer, die nach einer Sta­lin-Rede als ers­te ermü­det den Bei­fall ein­ge­stellt hat­ten, aber doch gehö­rig; man mach­te ihn fertig…

Das Buch fin­den Sie hier oder hier.

 

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Wie aber umge­hen mit der Infor­ma­ti­on, dass man von Ver­rück­ten umge­ben ist, die sich für Opi­ni­on Lea­der hal­ten? Zunächst ein­mal soll­te man sich dar­an erin­nern, dass der „Wahn­sinn der Mas­sen” den tat­säch­li­chen Mas­sen am Aller­wer­tes­ten vor­bei­geht. Es sind nur Bruch­tei­le der Gesell­schaft, die sich in den sozia­len Medi­en zu Scher­ben­ge­rich­ten und zur poli­ti­schen Meu­ten­bil­dung einfinden. 

Sodann gibt Mur­ray eine gute Emp­feh­lung für Debat­ten mit sol­chen Leu­ten. Man möge, sagt er, auf jede ihrer Kla­gen, wie ras­sis­tisch, sexis­tisch und dis­kri­mi­nie­rend unse­re Gesell­schaft sei, mit der Fra­ge reagie­ren: Im Ver­gleich womit?

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Irgend­wie noch zum Vorigen. 

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(Kari­ka­tur aus Südafrika)

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Noch zwei Zita­te aus dem „Wahn­sinn der Massen”:

„Man­geln­de Viel­falt der Gedan­ken ist ledig­lich ein Euphe­mis­mus für die Über­le­gen­heit der Wei­ßen.“
Micha­el Har­ri­ot, sei­ner Selbst­wahr­neh­mung zufol­ge „poet, Wypi­lo­gist, mas­ter race-baiter”

„Man­che sagen, Mut­ter­schaft sei eine ein­zi­ge bio­lo­gi­sche Pla­cke­rei, die Frau­en auf­zehrt, die Bes­se­res mit ihrem Leben anfan­gen könn­ten. … Auch wenn ich selbst kei­ne Mut­ter sein kann, las­se ich mich doch gern von der Mut­ter­schaft und wozu sie führt, auf­zeh­ren, genau­so wie ich – die meis­te Zeit – ger­ne zu mei­ner Frau, mei­nen Kin­dern, meh­re­ren Rin­dern, Scha­fen und Pfer­den gehö­re. Gibt es einen bes­se­ren Weg, auf­ge­zehrt zu wer­den?” 
Wen­dell Ber­ry, Schriftsteller

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Das „Zen­trum für poli­ti­sche Schön­heit” kün­digt den kol­lek­ti­ven Sui­zid an. (Vor­her wird noch schnell die Zei­chen­set­zung umgebracht.)

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