22. Dezember 2019

„Um 1940 war es mein Ide­al, Geld zu haben, mich in einem beque­men Hotel nie­der­zu­las­sen, in mein Zim­mer einen dicken und wei­chen Tep­pich legen zu las­sen und mich auf die­sem zu wäl­zen und zu weinen.”
Cior­an, Tage­buch­no­tiz vom 3. Febru­ar 1969

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Die DDR war, wie sämt­li­che Staa­ten des Ost­blocks, eine soge­nann­te Nischen­ge­sell­schaft. Bei Roger Scrut­on las ich die Bemer­kung, in die­sen Nischen habe sich die bür­ger­li­che Gesell­schaft gleich­sam mole­ku­ar neu konstituiert.

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Es ist eini­ger­ma­ßen rät­sel­haft, wie die Lin­ke in den Ruch gera­ten konn­te, sozi­al zu sein. Die Lin­ke ist zutiefst aso­zi­al. Sie rui­niert, sobald sie an die Macht oder wenigs­tens in die Redak­tio­nen, Schu­len und an die Lehr­stüh­le gelangt, zuver­läs­sig jeden Gemein­sinn und jedes Gemein­we­sen, indem sie alle gewach­se­nen Bin­dun­gen zer­stört und nichts an deren Stel­le setzt außer Büro­kra­tie, Gesin­nungs­t­er­rror und Nihi­lis­mus. Des­we­gen gehen alle lin­ken Staa­ten zugrun­de. Sie ver­brau­chen alles. Sie erwirt­schaf­ten nichts. Sie schaf­fen nur Häss­li­ches. Die Poli­tik der momen­ta­nen, ohne die Ali­men­te aus dem Süden gar nicht lebens­fä­hi­gen Ber­li­ner Regie­rung ist ein Bei­spiel dafür.

Ich erin­ne­re an die bekann­te Rede Otto von Bis­marcks zum Sozia­lis­ten­ge­setz, wo er über die Sozi­al­de­mo­kra­tie sagt: „Seit elf Jah­ren haben wir den Vor­zug, mit Sozi­al­de­mo­kra­ten gemein­schaft­lich zu tagen – mein Gedächt­niß läßt mich viel­leicht im Sti­che, aber ich appel­li­re an das eines jeden andern, ist Ihnen bei den lan­gen Reden auch nur eine ein­zi­ge in Erin­ne­rung, wo auch der lei­ses­te Schat­ten eines posi­ti­ven Gedan­kens, eines Vor­schlags über das, was künf­tig wer­den soll, nach­dem sie das Bestehen­de in Bre­sche gelegt haben – ist Ihnen etwas der­ar­ti­ges erin­ner­lich? Ich wäre dank­bar, dar­auf auf­merk­sam gemacht zu werden.”

Dass Finanz­heu­schre­cken und „Mana­ger” die Gesell­schaf­ten und gewach­se­ne Struk­tu­ren eben­so zuver­läs­sig zer­stö­ren, bleibt davon unbe­nom­men; es ist im Gegen­teil typisch, wie gut inter­na­tio­na­lis­ti­sche Lin­ke und glo­ba­lis­ti­sche Kapi­tal­no­ma­den mit­ein­an­der kooperieren.

Ich habe mich im ver­stri­che­nen Jahr zu meh­re­ren öffent­li­chen Reden breit­schla­gen las­sen, aber jene über die Lin­ke ist – wie ich fin­de, zu unrecht – die mit Abstand am wenigs­ten beach­te­te geblie­ben. Viel­leicht wegen der schlech­ten Ton­qua­li­tät des Mit­schnitts. Aber was will man denn, es war ja in Berlin…

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Wenn ich an das alte Euro­pa den­ke, steigt vor mei­nem inne­ren Auge fol­gen­des Bild auf: ein ver­las­se­ner Kon­zert­saal, auf der Büh­ne noch sämt­li­che Instru­men­te eines Sin­fo­nie­or­ches­ters, um deren Besitz sich riva­li­sie­ren­de Pavi­an­grup­pen strei­ten, wobei eini­ge der Affen sogar ver­su­chen, auf ihnen zu spielen.

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Leser *** schreibt: „Es ist voll­kom­men bedeu­tungs­los, ob Sie Ja oder Nein zum Kli­ma­wan­del sagen. Eben so gut könn­ten Sie bekun­den: ‚Ich sage Ja zur Erdre­vo­lu­ti­on!’ oder ‚Ich sage Nein zur Mond­si­chel!’ ”, und ent­täuscht mich erst­mals ein wenig in der Beur­tei­lung der Kapa­zi­tät mei­nes Ober­stüb­chens. Denn ich sag’s ja nicht zu Gott oder zum Sein oder zum „Kli­ma”, son­dern zu mei­nen kli­ma­ret­tungs­be­weg­ten Zeit­ge­nos­sen. Aus deren Sicht ist die­se Aus­sa­ge durch­aus sinn­haft, weil ich als ein Bewoh­ner der west­li­chen Welt ja zu einem Hun­dert­mil­li­ons­tel oder so zum Kli­ma­wan­del bei­tra­ge. Wenn ich Ja zum Kli­ma­wan­del sage, sage ich Nein zur „Kli­ma­ret­tung”, denn wie ich hier gele­gent­lich schon beton­te, wird der Kli­ma­wan­del nach allem Ermes­sen weit gerin­ge­re Schä­den anrich­ten als die Maß­nah­men, die man gegen ihn ergreift. Wenn die­se Aus­sa­ge falsch ist, sind wir ohne­hin ver­lo­ren. Aber geret­tet sind wir erst, wenn die Ret­ter mit ihrem Latein am Ende sind.

In die­sem Zusam­men­hang sag­te der Abge­ord­ne­te *** neu­lich den treff­li­chen Satz: „Auch ein Jugend­li­cher kann ein­mal recht haben.” Es ist nur nicht beson­ders wahrscheinlich.

Im Staats­funk konn­te vor zwölf Jah­ren noch so ein Bei­trag lau­fen. Auf­be­wah­ren für alle Zeit!

Und noch eine Anmer­kung für Leser *** zum The­ma Dif­fe­ren­zen zwi­schen Eth­ni­en: Wenn die Wis­sen­schaft Evi­den­zen nicht hin­rei­chend beschrei­ben kann, muss eben auf die Evi­den­zen als sol­che zurück­ge­grif­fen werden.

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Defi­ni­ti­ons­vor­schlag: Als rechts­ex­trem möge fort­an jeder gel­ten, der oder des­sen Fami­lie, Haus, Auto bzw. Büro von Links­ex­tre­men atta­ckiert wurden.

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Im Par­la­ment weist eine Red­ne­rin auf die stei­gen­de Zahl von Frau­en hin, die vor häus­li­cher Gewalt in Frau­en­häu­ser fliehen.
Eine ande­re Abge­ord­ne­te ruft dazwi­schen: „Und wenn sie nicht gestor­ben sind, so leben sie noch morgen!”
Aus den Rei­hen der AfD? Der NPD gar?

Nein, aus dem Block der SPD. Vor­her war näm­lich noch der Satz gefal­len: „Fast 70 Pro­zent der Frau­en in Frau­en­häu­sern haben Migrationshintergrund.”

Mari­an­ne Schie­der heißt das fröh­li­che Frau­en­zim­mer mit dem Hyänenhumor.

Es lohnt sich übri­gens, den Wiki­pe­dia-Ein­trag die­ses Pracht­ex­em­plars einer wei­ter vor­ne plat­zier­ten Hin­ter­bänk­le­rin zu lesen. Er stammt wahr­schein­lich direkt aus ihrem Vor­zim­mer (wobei ich die Leu­te ja schon bei der drit­ten Wort­hül­se ent­la­sen hätte):

„Schie­der setzt sich beson­ders für fai­re Arbeits­be­din­gun­gen und gerech­te Löh­ne, gute früh­kind­li­che Bil­dung und gleich­wer­ti­ge Bil­dungs­chan­cen für alle Kin­der, unab­hän­gig vom Geld­beu­tel der Eltern ein. … Sie setzt sich für ein viel­fäl­ti­ges und brei­tes ehren­amt­li­ches Enga­ge­ment im Sin­ne eines guten gesell­schaft­li­chen Mit­ein­an­ders ein.”

Na dann: Gut Holz beim gesell­schaft­li­chen Mit­ein­an­der, Genossin!

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Ab wann fal­len eigent­lich Pro­gno­sen unter Hetze?

IQ immobil

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Aber die Sonn­ta­ge immer…!

Sie haben, geneig­ter Leser, gewiss bemerkt, dass ich die­ses schö­ne Mot­to kaum mehr ein­lö­se, weil mir der Sinn immer sel­te­ner danach steht. Es kommt mir irgend­wie ana­chro­nis­tisch vor. Auch heu­te habe ich prak­tisch nichts auf der Pfan­ne. Neu­lich zitier­te ich hier bei­fäl­lig Lucia­no Pava­rot­ti, der auf die Fra­ge, wer sein Lieb­lings­te­nor über­haupt sei, „Fritz Wun­der­lich” geant­wor­tet hat­te. Leser *** bemän­gel­te an Wun­der­lich, bei aller Herr­lich­keit sei­ner Stim­me, den nach oben begrenz­ten Ton­um­fang (nach unten übri­gens auch) und brach­te statt­des­sen Enri­co Caru­so in Vor­schlag. Nun, da hät­te er den guten Pava­rot­ti fra­gen müs­sen, nicht mich. Sodann fährt Leser ***, mit keckem Schwenk von Ami­co Fritz weg, fort: „Mir kommt Ihr Geschmack etwas – ver­zei­hen Sie – Wag­ner-las­tig vor. Sie schei­nen die schwe­ren, deutsch-ernst­haf­ten, no-non­sen­se-Stim­men zu lieben.”

Das gibt mir die Gele­gen­heit, auf drei Gesangs­ein­la­gen hin­zu­wei­sen, die womög­lich nicht über­mä­ßig bekannt sind und die Mut­ma­ßung über mei­nen Geschmack sowohl bestä­ti­gen als auch natio­nal kon­ter­ka­rie­ren. Es stimmt, ich mag viri­le Stim­men, aber sie müs­sen kei­nes­wegs deutsch sein. Die männ­lichs­te und zugleich ani­ma­lischs­te Tenor­stim­me aller Ton­trä­ger­zei­ten besaß näm­lich für mei­ne Begrif­fe Fran­co Corel­li. Und mei­ne Lieb­lings-Exalta­ti­on ist jene (stel­len Sie sich die­sen in Char­lot­tes Wetz­la­er Vor­gar­ten aus­bre­chen­den Vul­kan ganz ein­fach nur aus der War­te Lot­tes vor). Nein, beson­ders kul­ti­viert ist das nicht. Aber es ist unwiderstehlich.

Ver­gleich­ba­res gilt für Corel­lis „Esu­la­te!” (hier), wobei gleich noch ein zwei­ter nicht beson­ders sub­ti­ler Löwe ins Spiel gebracht wird, den es beim sel­ben Pas­sus, also dem „Otello”-Auftakt, zur stimm­li­chen Bra­chi­alst-Erup­ti­on treibt, und zwar in die­ser Kol­lek­ti­on des Immer­glei­chen bei 6,25; das ist wirk­lich unglaub­lich, und man fragt sich, war­um dem Bub nicht ein­fach der Schä­del platzt. (Sor­ry, hier stand für zwei Stun­den ein fal­scher Link!)

Und damit wir nicht ganz ohne deut­schen Löwen blei­ben, möge der Lieb­lings­te­nor des Füh­rers noch ein Ständ­chen anstim­men – und das­sel­be Lied­lein danach ca capo der Lieb­lings­te­nor von Bun­des­re­gie­rung und Zivilgesellschaft.

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Apro­pos Küns­te. Leser *** macht mich auf eine Neu­über­set­zung des „Gat­to­par­do” auf­merk­sam, der, wie gedul­di­ge Leser die­ses Dia­ri­ums wis­sen, zu mei­nen Lieb­lings­bü­chern gehört.

In mei­nem soeben erschie­nen Essay-Band „Der feh­len­de Hoden des Füh­rers” gibt es einen Text über den Roman – er trägt den Unter­ti­tel „Knie­fall” –, in dem ich über das titel­ge­ben­de Kat­zen­tier offen­bar etwas Fal­sches geschrie­ben habe, näm­lich: „Des Ita­lie­ni­schen auch nur halb­wegs Kun­di­ge stel­len sich auto­ma­tisch die Fra­ge, war­um Vis­con­tis Film in Deutsch­land unter dem Titel ‚Der Leo­pard’ lief. Der Gat­to­par­do ist ja der Par­del oder Ser­val, ein klei­ne­rer und durch irgend­ein Spe­zi­fi­kum im Rachen­raum sogar des Brüllens unkun­di­ger Bru­der des Leo­par­den. Lam­pe­du­sas Roman führt den von ihm geschil­der­ten Ver­fall also iro­nisch im Titel mit, aber den Film­ver­lei­hern war das ver­mut­lich zu arti­fi­zi­ell und zugleich zu banal.”

Burk­hart Kro­eber, der neue Über­set­zer, fand her­aus, dass „Gat­to­par­do” sizi­lia­ni­scher Dia­lekt ist und tat­säch­lich den Leo­par­den meint.

Damit wird auch die Bemer­kung des Fürs­ten plau­si­bel (alte Über­set­zung): „Wir waren die Par­del, die Löwen; die uns erset­zen, wer­den die Schakälchen sein, die Hyänen”.

Also: des­to bes­ser! (Die Neu­über­set­zung ist bei Piper erschienen.)

***

Auge um Auge, wie es im Buche steht, und Schi­ka­ne um Schi­ka­ne: Joa­chim Stein­hö­fel hat eine wun­der­vol­le Idee, wie unser­eins die Ganz­jah­res­ner­ver vom Staats­funk jah­res­end­fei­er­lich zurück­grü­ßen kann, mit sehr wenig Auf­wand und sehr viel Effekt. Ich for­de­re hier sel­ten zu irgend­et­was Kol­lek­ti­vem auf, oder zum Mit­ma­chen gar, ich stel­le aber – falls Sie es noch nicht gese­hen haben – anheim, sich die Sache anzu­schau­en. Hier nämlich.

***

„Ich höre gera­de, dass Abel­lio um fünf Uhr mor­gens auf­steht, um bis neun zu schrei­ben, dann geht er ins Büro. Und ich … Aber wozu?”
(Noch­mals Cior­an, am 22. Febru­ar 1969)

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