31. Januar 2020

„Es ist leich­ter, mit dem Trin­ken auf­zu­hö­ren als mit dem Has­sen.„
Phil­ip Roth

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Herodes

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Die Angst vor dem Coro­na­vi­rus wächst, vor allem in Deutsch­land, wo inzwi­schen die Atem­schutz­mas­ken aus­ver­kauft sind, wie die Welt mel­det. Ich ent­sin­ne mich vage, dass nach Fuku­shi­ma in ’schland die Zähl­roh­re zur Strah­lungs­mes­sung (vul­go Gei­ger­zäh­ler) eben­falls aus­ver­kauft waren. Merk­wür­di­ges Volk. Gegen rea­le Gefah­ren, die sie mit hoher sta­tis­ti­scher Wahr­schein­lich­keit tref­fen wer­den, wie etwa die von Mer­kel, Draghi oder Fräu­lein Racke­te ver­ur­sach­ten, unter­neh­men sie nichts, aber gegen Hui-buhs! in Homöo­pa­thie­do­sie­rung wapp­nen sie sich bis zur Hitzewallung. 

Die Poin­te könn­te so aus­schau­en: Wenn in Ger­man Angst­land, sagen wir 10.000 Infek­ti­ons­fäl­le gesche­hen, ist Schluss mit „Fri­days for Future” und Kli­ma­ka­ta­stro­phe. Es ver­hält sich mit den kol­lek­ti­ven Hys­te­rien wie mit dem indi­vi­du­el­len Schmerz: Die stär­ke­re Emp­fin­dung über­la­gert die schwä­che­re und löscht deren Wahr­neh­mung aus. Eine Gesell­schaft kann offen­bar nicht zwei Skan­da­le oder Kata­stro­phen zur sel­ben Zeit ertragen. 

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Wenn wir gera­de bei den Abson­der­lich­kei­ten die­ses Rest­völk­chens in Euro­pens geo­gra­fi­scher Mit­te sind: Seit er mit Herrn Grün­bein auf einem Dresd­ner Podi­um saß und sich dort mit säch­si­scher Stur­heit gegen die offi­zi­el­le Deut­schen Ein­heits­mei­nung (DEM) sträub­te, ja sperr­te, erhält Uwe Suhr‑, quatsch Tell­kamp mit einer gewis­sen Regel­mä­ßig­keit von ent­täusch­ten Lesern nicht allein bit­te­re Abschieds­brie­fe und Leser­schafts­kün­di­gun­gen, son­dern bekommt auch Exem­pla­re sei­ner Roma­ne zurück­ge­schickt; eines davon war sogar lie­be­voll und mit nicht uner­heb­li­chem Auf­wand geschred­dert worden. 

Ich erfuhr soeben, dass eine Bekann­te einer wie­der­um mit ihr bekann­ten Opern­sän­ge­rin mei­nen Roman „Land der Wun­der” mit der Bemer­kung in die Hand gedrückt habe, das müs­se sie lesen, sie wer­de sich amü­sie­ren, wor­auf­hin die Diva mich goo­gel­te und das Buch sofort unge­le­sen (aber unbe­schä­digt) sei­ner Besit­ze­rin zurückerstattete.

Ein alt­be­kann­ter und doch neu­er Typus tritt auf: der „Hal­tungs­le­ser” (Tell­kamp). Oder eben: Haltungsnichtleser.

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Apro­pos stu­re Sachsen:

Steimle FDJ

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Der Guar­di­an, eine Art Süd­deut­sche Taz auf eng­lisch, hat in einer hei­li­gen Selbst­ver­pflich­tung ver­kün­det, man wer­de künf­tig und bis ans Ende der Welt die Begrif­fe „cli­ma­te chan­ge” durch „cli­ma­te emer­gen­cy”, „cli­ma­te cri­sis” oder „cli­ma­te break­down” sowie „glo­bal war­ming” durch „glo­bal hea­ting” erset­zen. (Wer „break­down” mit „Ner­ven­zu­sam­men­bruch” über­setzt, liegt nicht falsch.) Die nun­mehr ver­al­te­ten Ter­mi­ni sei­en aber „not ban­ned”; nur der Genos­se Jour­na­list, der sie immer noch ver­wen­det, wird sich wohl eine ande­re Praw­da suchen müssen. 

PS: Hein­rich Hei­ne reim­te übri­gens als ers­ter „Erhit­zung” auf „Sit­zung”.

PPS: Vom eis­frei­en Nord­pol grüßt der­weil Al Gore. 

PPPS und apro­pos neue Begrif­fe: Leser *** schlägt „Kli­ma­wan­del-Agnos­ti­ker” vor. „Men­schen­ge­mach­ter-Kli­ma­wan­del-Agnos­ti­ker” sei zwar kor­rek­ter, aber zu sperrig.

PPPPS für die Gegen­sei­te: „Kli­ma-Bett­näs­ser” (Leser ***).

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Auf der Nürn­ber­ger Spiel­wa­ren­mes­se hat der ame­ri­ka­ni­sche Spiel­zeug­her­stel­ler Mat­tel neue Bar­bie-Pup­pen aus der Serie „Fashio­nis­tas” prä­sen­tiert. Sie sol­len „für mehr Viel­falt ste­hen” (dpa). Etwa ein Ken mit lan­gem Haar und Batik-Shirt, also prak­tisch ein Lego­las, der auf Ara­gorn steht (oder auf Fro­do). Neu im Sor­ti­ment ist außer­dem eine Pup­pe mit der Haut­krank­heit Viti­li­go, auch Weiß­fle­cken­krank­heit genannt (aber eigent­lich han­delt es sich nur um eine Pig­ment­stö­rung). Die Desi­gner haben dafür eigens mit einem Der­ma­to­lo­gen zusam­men­ge­ar­bei­tet, teil­te Mat­tel mit.

Was für eine cle­ve­re Idee! Ein gan­zer Kon­ti­nent neu­er Moti­ve tut sich hier auf: Aids-Ben, Brust­krebs-Bar­bie, Her­pes-Ben, Krät­ze-Bar­bie… Eine Asper­ger-Bar­be­ri­ne soll­te all­mäh­lich auch ins Werk gesetzt werden.

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Neu­er Begriff: Wohlgeratenheitsrassismus.

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Sell­ner­ab­wehr:

Sellnerabwehr

Weiß nicht, ob das echt ist. Viel­leicht mag jemand das Expe­ri­ment wiederholen?

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Bezug neh­mend auf den Gast­bei­trag von Artur Abra­mo­vych und den Leser­brief „Isra­el ist das bes­se­re Deutsch­land” (Acta vom 29. Janu­ar) möch­te Leser *** das „Augen­merk auf meta­po­li­ti­sche Tat­sa­chen len­ken, die uns Rech­te beschäf­ti­gen. Dar­auf, dass wir in Deutsch­land tat­säch­lich ein Mus­ter­schü­ler­pro­blem haben, das zu Gesichts­lo­sig­keit und Geschichts­lo­sig­keit geführt hat (Nico­laus Fest nennt letz­te­re tref­fen­der ‚his­to­ri­sche Demenz’). Man kann das Mus­ter­schü­ler­ge­ha­be tag­täg­lich im All­tag beob­ach­ten: am lächer­li­chen Eifer, mit dem sich Men­schen wie Tho­mas Gott­schalk in den USA nie­der­las­sen, obwohl z.B. Isra­el oder Ita­li­en eine viel bes­se­re, inter­es­san­te­re, lehr­rei­che­re, euro­päi­sche­re, authen­ti­sche­re, wür­di­ge­re und letzt­lich befrie­di­gen­de­re Wahl für eine deut­sche Per­sön­lich­keit wären, die über den deut­schen Zaun hin­aus will, was zum Bei­spiel Jür­gen Klins­mann begrif­fen hat, der ganz genau weiß, was er Ita­li­en an lehr­rei­chen Ein­sich­ten zu ver­dan­ken hat. Dass er sich den­noch in den USA ange­sie­delt hat, ist ver­nünf­tig, weil er wäh­rend sei­ner dor­ti­gen Tätig­keit eine Ame­ri­ka­ne­rin gehei­ra­tet hat.

In vie­ler­lei Hin­sicht pen­deln wir Deut­schen zwi­schen dem (auch in ande­ren Län­dern meist sehr stumpf­sin­nig arti­ku­lier­ten) Anti­ame­ri­ka­nis­mus einer­seits und dem Nach­äf­fen (Nord-)Amerikas ande­rer­seits hin und her. Das Nach­äf­fen geht so weit, dass man lie­ber ein hal­ber Ami ist als ein gan­zer Deut­scher und sich pseu­do­ame­ri­ka­ni­sche Wör­ter wie Bea­mer, Base­cap und Publi­c­Viewing aus­ge­dacht hat, die inzwi­schen Ein­gang in die deut­sche Spra­che gefun­den haben, obwohl sie kein anglo­pho­ner Mut­ter­sprach­ler versteht.

So gut wie jedes Mal, wenn es in einem deut­schen TV-Film oder auch Kino­film gefüh­lig wird, beginnt ein Song in eng­li­scher Spra­che, weil man in Deutsch­land nicht mehr dazu in der Lage ist, Gefüh­le in der eige­nen Spra­che zu arti­ku­lie­ren. In die­sem Zusam­men­hang ist auch dar­an zu erin­nern, dass die immer noch ein­zi­ge wirk­lich gute Auf­nah­me deut­scher Volks­lie­der von den bri­ti­schen King’s Sin­gers stammt. Und dass das bes­te Arran­ge­ment auf der Schei­be der ‚Sin­ger Pur’ von einem ame­ri­ka­ni­schen Kom­po­nis­ten stammt.

Die Ano­ma­lie der jüdi­schen Geschich­te hat zu einer Ano­ma­lie wie Isra­el geführt. Die­ses win­zi­ge Land schafft es, unter Bedin­gun­gen als par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie zu bestehen, unter denen ande­ren euro­päi­schen Län­dern ihre demo­kra­ti­schen, rechts­staat­li­chen Insti­tu­tio­nen längst um die Ohren geflo­gen wären. Das ver­dient nicht nur Bewun­de­rung, son­dern inzwi­schen auch mus­ter­schü­ler­haf­te Imi­ta­ti­on, inso­fern Deutsch­land gera­de aus frei­en Stü­cken die Kon­flik­te impor­tiert, die Isra­el schick­sal­haft nolens volens auf sich neh­men muss­te. Isra­el tut sicher gut dar­an, sich in den USA den Bei­stand eines mäch­ti­gen Alli­ier­ten zu sichern. Den­noch ist der Regime Chan­ge ein Hirn­ge­spinst, dem Götz Kubit­schek zu recht kei­ne grund­sätz­li­che Unter­stüt­zung gewähr­leis­ten möch­te. Denn die­se Dok­trin ist mitt­ler­wei­le oft genug geschei­tert (mit Mos­sa­deq begann die Erb­sün­de – so sehr ich per­sön­lich auch bedau­re, dass der Schah von Per­si­en ver­trie­ben wurde). 

Bevor Mer­kel die Schleu­sen öff­ne­te, lehn­te ich noch ab, Isra­el in die EU auf­zu­neh­men, eben weil dadurch die israe­li­sche Pro­ble­ma­tik zu einer Pro­ble­ma­tik der ver­wöhn­ten Euro­pä­er gewor­den wäre. Jetzt ist es aber eine euro­päi­sche Pro­ble­ma­tik, und die ein­zi­gen, von denen wir ler­nen kön­nen, wie man damit umgeht, sind die Israe­lis. Und die Ita­lie­ner, die die größ­te Erfah­rung mit der Bekämp­fung von Clan­kri­mi­na­li­tät haben. Es wäre also zumin­dest innen­po­li­tisch (egal ob auf natio­nal­staat­li­cher oder euro­päi­scher Ebe­ne) inzwi­schen wün­schens­wert, Isra­el in die EU auf­zu­neh­men, um sie refor­mie­ren zu kön­nen (oder wie Bro­der vor­schlägt, Deutsch­land von Isra­el annek­tie­ren zu las­sen). Außer­dem wür­de dadurch der gesun­de Teil der ita­lie­ni­schen Poli­tik gekräf­tigt. Tarak Ben Ammar sag­te aller­dings ein­mal nicht ohne Grund: ‚Die Ita­lie­ner sind die Ara­ber des Nor­dens.’ Aber um Isra­el auf­neh­men zu kön­nen, muss mit deut­scher Nibe­lun­gen­treue zum Regime Chan­ge Schluss sein.

Deutsch­land befin­det sich in Eura­bi­en. Es ist nur eine Fra­ge der Zeit, bis deut­lich wer­den wird, dass man sich als ame­ri­ka­ni­scher Mus­ter­schü­ler, der ver­sucht, ame­ri­ka­ni­scher als die Ame­ri­ka­ner zu sein, in Eura­bi­en nur lächer­lich macht. Dass Kat­rin Göring-Eckardt jetzt den 8. Mai als Tag der Befrei­ung fei­ern möch­te, ist nur das letz­te Bei­spiel für eine lan­ge Rei­he von heuch­le­ri­schen Ges­ten des welt­frem­den Mus­ter­schü­lers Michel, der zwar ger­ne Isra­el schmäht, aber den Maso­chis­mus so sehr zur Rai­son d’etre gemacht hat, dass er sich am liebs­ten als 51. Staat an die Spit­ze der USA stel­len wür­de, um aus Maso- end­lich Sado- wer­den zu las­sen und den Amis unter Kat­rins Fuch­tel klar zu machen, dass Deutsch­land jetzt das Boll­werk der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie auf die­sem Pla­ne­ten ist und Regime Chan­ge nicht nur in Syri­en durch­ge­führt wer­den wird, son­dern auch in den USA.

Ich schla­ge vor, dass die AfD sich als Ant­wort auf KGEs Vor­stoß auf das Ham­ba­cher Fest als Gegen­vor­schlag ver­steift, damit in Deutsch­land end­lich die Demo­kra­tie ange­mes­sen gefei­ert wird. Ich wür­de sogar dar­auf drin­gen, nicht nur einen Tag lang Ham­bach zu fei­ern, son­dern drei Tage lang am letz­ten Wochen­en­de im Mai und an die­sen drei Tagen, den Ver­kehr mit moto­ren­be­trie­be­nen Fahr­zeu­gen außer den öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln ver­bie­ten (um den Grü­nen eins aus­zu­wi­schen und um von Mer­kel zu ler­nen: den Geg­nern die The­men wegnehmen).”

Dass die Idee des Regime Chan­ge außer in Deutsch­land nir­gends funk­tio­niert hat, ist rich­tig. Aller­dings haben die USA der­zeit bekannt­lich einen Prä­si­den­ten, der sich gegen die­sen mör­de­ri­schen Unsinn stellt und sei­ne Trup­pen über­all abzieht. Man weiß natür­lich nicht, wie nach­hal­tig das sein wird. 

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