5. Januar 2020

„Äußerst gewöhn­lich ist fol­gen­des: daß, wenn zurück aus nem Sack­weg
Einer ent­schlos­sen noch kehrt, – daß man ihn Rück­schritt­ler nennt.„
Peter Hacks

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Die neue Hollywood-„Saga”!

„Sta­si – Die unheim­li­che Orga­ni­sa­ti­on aus einer frem­den Welt”
„Sta­si – Die Rück­kehr”
„Sta­si 3”
„Sta­si – Die Wiedergeburt”

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„Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel steht zum Jah­res­wech­sel in der Beliebt­heits­ska­la der Spit­zen­po­li­ti­ker ganz oben. 40 Pro­zent der Bür­ger wün­schen sich laut einer reprä­sen­ta­ti­ven Emnid Umfra­ge, dass Mer­kel auch 2020 ‚eine mög­lichst gro­ße Wir­kung in der Poli­tik’ haben soll.”

Merkelansprache

Nur reden soll sie offen­bar bes­ser nicht.

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Anno 2019 haben vie­le Sport­ler „den Mund auf­ge­macht”, freut sich einer der nahe­zu in Kom­pa­nie­stär­ke kom­men­tie­ren­den Frei­geis­ter bei Spie­gel online, und er meint natür­lich nicht beim all­fäl­li­gen Luft­ho­len, son­dern: „Das ver­gan­ge­ne Jahr hat die Wider­sprü­che im Sport offen zuta­ge tre­ten las­sen.” Die Wider­sprü­che zwi­schen der Spiel­wei­se von Klopp und Guar­dio­la? Im Kampf­stil von Antho­ny Joshua und Deon­tay Wil­ders? Nein: „Wahr­schein­lich hat es kein Jahr gege­ben, in dem es in der Sport­be­richt­erstat­tung so häu­fig und aus­führ­lich um Ras­sis­mus, um Sexis­mus ging, um Gleich­be­rech­ti­gung und Equal Pay, auch um Kli­ma­schutz und gesell­schaft­li­che Teil­ha­be. Und wohl auch noch kein Jahr, in dem Sport­ler zu die­sen The­men so ver­nehm­lich waren.”

Denn gesell­schafts­kri­ti­scher Agit­prop ist schließ­lich der eigent­li­che Auf­trag eines Ath­le­ten in den Wett­kampf­pau­sen. Jetzt müs­sen bloß noch die Pro­sti­tu­ier­ten nach­zie­hen, um die treff­li­che Pro­gno­se von Don Nicolás mit Leben zu erfül­len: „In der Gesell­schaft, die sich abzeich­net, wird uns nicht ein­mal die enthu­si­as­ti­sche Mit­ar­beit des Sodo­mi­ten und der Les­bie­rin vor der Lan­ge­wei­le ret­ten.” Denn Lan­ge­wei­le ist das eigent­li­che End­ziel, wie der Kom­men­ta­tor mit dem Ter­mi­nus „Equal pay” andeu­tet: Erst wenn Lio­nel Mes­si so viel bzw. eben doch so wenig ver­dient wie Megan Rapi­noe, ist der ersehn­te End­zu­stand erreicht. Es gibt noch viel zu tun in der Dabeisein-ist-alles-Branche!

Wer in dem Arti­kel über Sport­ler, die 2019 den Mund auf­mach­ten, übri­gens nicht vor­kam, war der Hand­bal­ler Ste­fan Kretz­sch­mar. Der ehe­ma­li­ge Natio­nal­spie­ler hat­te in einem Inter­view erklärt, eine gesell­schafts- oder regie­rungs­kri­ti­sche Mei­nung dür­fe man nicht mehr äußern, „es sei denn, es ist die Main­stream-Mei­nung, mit der man nichts falsch machen kann” – eine dreis­te Lüge, die Kretz­sch­mar längst bereut.

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„Eine wei­te­re Fra­ge bezog sich auf die Glaub­wür­dig­keit der Nach­rich­ten-Bericht­erstat­tung im öffent­lich-recht­li­chen Fern­se­hen. 40,2 Pro­zent der Befrag­ten hal­ten sie für ‚gar nicht glaub­wür­dig‘ (18,7 Pro­zent) bezie­hungs­wei­se ‚wenig glaub­wür­dig‘ (21,5 Pro­zent)”, ver­mel­det Focus online das Ergeb­nis einer Umfrage.

Das sind wahr­schein­lich die rech­ten Nischen, aus denen die Shit­win­de wehen…

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Fro­he Kun­de flat­ter­te noch im alten Jahr Erfur­ter Pra­xis­an­woh­nern ins Haus:

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Will­kom­men! Ad mul­tos annos!

(Die eigent­li­che Frech­heit besteht natür­lich dar­in, dass die­se Ossis immer noch so imper­ti­nent sind, die will­kom­mens­kul­tu­rel­len Risi­ken und Neben­wir­kun­gen über­haupt zu erwähnen.)

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„Wer ist der Mann, der in einem Vor­ort von Paris wahl­los auf Men­schen ein­ge­sto­chen hat?”, fragt sich und gewis­ser­ma­ßen alle Welt der Nach­rich­ten­sen­der n‑tv, um sogleich erleich­tert zu äch­zen: „Wie die Poli­zei mit­teilt, war der 22-Jäh­ri­ge psy­chisch krank.” Der Zwei­und­zwan­zi­gen­der töte­te einen Mann und ver­letz­te zwei Frau­en (der Ermor­de­te hat­te ver­sucht, sei­ne Ehe­frau zu schüt­zen), bevor die Poli­zei ihn zu den Huris sand­te. Dass der Pari­ser Vor­ort, in wel­chem der Ver­wirr­te angeb­lich wahl­los um sich stach, Vil­le­juif heißt, mag Zufall sein; dass Zeu­gen berich­te­ten, der – übri­gens „poli­zei­be­kann­te” – Mes­ser­ste­cher habe wäh­rend sei­ner Tat immer wie­der „Alla­hu akbar!” geru­fen, mag Vor­ur­tei­le bestä­ti­gen; dass die Staats­an­walt­schaft erklär­te, in den Hin­ter­las­sen­schaf­ten des Man­nes sei­en Hin­wei­se auf eine Kon­ver­si­on zum Islam gefun­den wor­den, und das fran­zö­si­sche Staats­fern­se­hen berich­te­te, man habe in sei­nem im Dies­seits ver­blie­be­nen Ruck­sack Schrif­ten zur „reli­giö­sen Bil­dung“ gefun­den, ist natür­lich ein gefun­de­nes Fres­sen für Isla­mo­pho­bie­kran­ke und rech­te Het­zer. Wie etwa der Kom­men­tar eines „PhJ”:

„Il s’est con­ver­ti à l’is­lam par­ce qu’il vou­lait tuer, ou l’in­ver­se?” – „Ist er zum Islam kon­ver­tiert, weil er töten woll­te, oder umgekehrt?”

(Ich dan­ke Leser *** für den Hinweis)

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Im Grun­de wäre ich eine Fri­days for Future-Vor­zei­ge­fi­gur: Ich fah­re kein Auto – wie der Füh­rer besit­ze ich nicht mal einen Füh­rer­schein –, flie­ge nie im Inland, son­dern neh­me statt­des­sen die Bahn bzw. öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel (und zwar mit einer – selbst­ge­kauf­ten – Bahn­card 100 1. Klas­se), absol­vie­re aus all­ge­mei­ner Rei­se­un­lust so gut wie nie einen Fern­flug, habe nie ein Kreuz­fahrt­schiff bestie­gen, fah­re meh­re­re tau­send Kilo­me­ter im Jahr mit dem Rad, tren­ne mei­nem Müll, wer­fe nie Plas­tik weg (was ich trin­ke, stammt sowie­so aus rich­ti­gen Fla­schen, die ich stets brav und nicht ohne Stolz zum Con­tai­ner brin­ge, auch wenn dort sel­ten jemand bereit­steht, die Eti­ket­ten zu bewun­dern), kau­fe kei­nen Elek­tronik­schnick­schnack und kei­nen ande­ren Trash, son­dern nur soli­de Sachen, die lan­ge hal­ten etc. pp. 

Ich tu’s aber nicht aus Über­zeu­gung.
   

 

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Wie der las­ter­haf­te Mensch ein ange­neh­me­rer Umgang ist als der tugend­haf­te, so ist ein in Tra­di­ti­on und Gegen­wart hei­mi­scher Mensch erträg­li­cher als ein Ewigmorgiger. 

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Im Radio stell­te der Pia­nist Tobi­as Koch die berech­tig­te Fra­ge, ob sich jemand an eine Rezen­si­on erin­nern kön­ne, in wel­cher nicht nur der Pia­nist, son­dern auch der Klang des Flü­gels bewer­tet wurde. 

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Aber die Sonntage…!

Wohin gehen Sie nor­ma­ler­wei­se, geschätz­te Damen und Her­rin­nen, um gepflegt abzu­schal­ten? Klar, zu Beet­ho­vens „Fide­lio”. Spe­zi­ell die bei­den Solo­num­mern des Lie­bes­paa­res sind ohne ein gepfleg­tes Abschal­ten gemein­hin nicht aus­halt­bar, sofern nicht aller­erst­klas­si­ges Per­so­nal enga­giert wur­de. Mit der mensch­li­chen Stim­me hat­te es Lud­wig van eben nicht so.

Eine Kul­tur­re­dak­teu­rin von Focus online meint aber etwas ande­res. Zum Auf­takt des Beet­ho­ven-Jubi­lä­ums­jahrs an der Bon­ner Oper mit des Jubi­lars ein­zi­ger Num­mer die­ses Gen­res schreibt die kun­di­ge Maid: „Wer aber glaub­te, auf einem der rund 1000 Plät­ze zu Beet­ho­vens gro­ßer Musik gepflegt abschal­ten zu kön­nen, hat­te sich gründ­lich geschnit­ten.” Weil Wal­traud Mei­er und Jonas Kauf­mann…? Nein, weil die Regie die Ker­ker-Oper des Bon­ners gegen die „kom­mo­de Dik­ta­tur” (so in ähn­li­chem Kon­text bekannt­lich G. Grass) von Recep dem Präch­ti­gen in Sze­ne setzte.

„Auch Beet­ho­vens ‚Fide­lio’ war bei der Urauf­füh­rung 1814 ein Stück Zeit­kri­tik”, belehrt uns das näm­li­che Por­tal für die gebil­de­ten Stän­de: „Im Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis eines auto­kra­ti­schen Staa­tes erschleicht sich die als Fide­lio ver­klei­de­te Leo­no­re das Ver­trau­en des Ker­ker­meis­ters Roc­co, um ihren Mann Flo­re­stan zu befrei­en. Dafür wäre sie bereit, sich gegen das Unrechts­re­gime zu wen­den.” Zumin­dest ein kri­ti­sches Stück weit. 

Damit wären wir für heu­te auch schon am Ende mit den Küns­ten und wen­den uns, auf den Pfa­den der Bon­ner Insze­nie­rung wan­delnd, statt­des­sen ihrer Poli­ti­sie­rung zu. Das Vor­bild von Beet­ho­vens Leo­no­re war eine Madame de Tour­rai­ne, die auf die­se Wei­se ihren Gat­ten, einen Roya­lis­ten, aus den Fän­gen der Jako­bi­ner befreit hat (oder es ver­such­te). Der Kom­po­nist nahm also eine rea­le, aber irgend­wie „rech­te” Befrei­ungs­tat zum Vor­bild, um sie in einen fik­tio­na­le „lin­ke” umzu­fäl­schen und sodann ora­to­risch-mensch­heits­mei­nend auf­zu­pep­pen. („Fide­lio” ist ja ein etwas abson­der­li­ches Werk; es beginnt als Sing­spiel und endet als Ora­to­ri­um, wie Freund *** zu bemer­ken pflegt.) Ähn­lich ver­fuhr bei­spiels­wei­se auch der Pari­ser Thea­ter­au­tor Vic­to­ri­en Sar­dou, der sein Stück „La Tos­ca”, die Vor­la­ge für Puc­ci­nis Oper, nicht etwa in der Schre­ckens­zeit sei­ner Hei­mat­stadt han­deln ließ, son­dern eine kur­ze Peri­ode des wei­ßen Ter­rors mit Rom als Aus­tra­gungs­ort wähl­te. Und so läuft es immer­dar, bis zum heu­ti­gen Regie­thea­ter: Immer ste­hen die Rech­ten, die Nazis, die Reak­tio­nä­re am Pran­ger. Alle ken­nen Fran­co und Himm­ler, nie­mand Jeschow und Jago­da. Und die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on nennt sich heu­te „die Gro­ße”, aber nicht wegen des größ­ten jemals in Euro­pa vor spei­sen­dem Publi­kum zele­brier­ten Mas­sen­mords ver­mit­tels der sinn­rei­chen Erfin­dung des Herrn Guil­lo­tin – und des noch weit grö­ße­ren Völ­ker­mords in der Ven­dée –, son­dern weil damals jene Ideen mit mör­de­ri­scher Ent­schlos­sen­heit die Büh­ne betra­ten, die man die moder­nen nennt und die bis heu­te herr­schen. Und was herrscht, fei­ert sich und schmäht die Über­wun­de­nen. Damals begann die gro­ße lin­ke Welt­an­bren­nung, zu deren Fol­gen eine Geschichts­fäl­schung gehört, die bis heu­te die Gehir­ne und See­len beherrscht und deren Fun­da­men­te die nied­rigs­ten Trie­be und Beweg­grün­de sind, die sich den­ken lassen.

Bli­cken wir also zurück auf jenes Ereig­nis, das der Geschich­te des Wes­tens einen neue Rich­tung wies. Am Beginn stand die Hin­rich­tung des Königs als Reprä­sen­tant des Alten, Hin­fäl­li­gen, Zu-Über­win­den­den. Wie sahen sie aus, die füh­ren­den Ver­tre­ter der bei­den Seiten?

Lud­wig XVI. war ein kul­ti­vier­ter Mensch, er las viel, vor allem die Phi­lo­so­phen, inter­es­sier­te sich für Geo­gra­phie, Geschich­te und See­fahrt, wies sei­ne Kapi­tä­ne an, in der Neu­en Welt kein Blut zu ver­gie­ßen, sprach oder ver­stand Eng­lisch, Spa­nisch und (wohl sei­ner Gemah­lin wegen) Deutsch. Er ver­ab­scheu­te Gewalt und schaff­te die Fol­ter ab. Unter sei­ner Herr­schaft gab es kein poli­ti­sches Todes­ur­teil. Gegen ihn gerich­te­te poli­ti­sche Schrif­ten ließ er auf­kau­fen; kei­nem ihrer Ver­brei­ter wur­de ein Haar gekrümmt. Lud­wig schuf öffent­lich finan­zier­te Arbeits­plät­ze für Not­lei­den­de. Von allen Bour­bo­nen­kö­ni­gin­nen war er der fried­fer­tigs­te und umgäng­lichs­te. Im Gegen­satz zu sei­nen bei­den berühm­ten Vor­gän­gern unter­hielt Lud­wig XVI. kei­ne Mätres­sen, weil sein Geschlechts­trieb wenig aus­ge­prägt war (er litt unter einer Phi­mo­se; sei­ne Frau Marie-Antoi­net­te war weni­ger zurück­hal­tend, was man einer jun­gen Maid auch nicht ver­den­ken kann).

Man muss sich die Bio­gra­phien der Revo­lu­tio­nä­re anschau­en und mit jener des Königs ver­glei­chen, ein­ge­rech­net die Tat­sa­che, dass die­se Figu­ren zuletzt poli­ti­sche Mas­sen­mör­der bzw. Weg­be­rei­ter zum Mord wur­den. Marat: erfolg­lo­ser Schrift­stel­ler, kör­per­lich ent­stellt, klein­wüch­sig, ein noto­ri­scher Lüg­ner, Dieb, Ein­bre­cher, patho­lo­gi­scher Het­zer. Saint-Just: erfolg­lo­ser Schrift­stel­ler, Pla­gia­tor, Betrü­ger, Hoch­stap­ler, rhe­to­ri­scher Todes­en­gel (aber immer­hin geni­al). Robes­pierre: erfolg­lo­ser Schrift­stel­ler von mons­trö­ser Bla­siert­heit (er ver­glich sich mit Homer und Ver­gil), mit­tel­mä­ßi­ger Anwalt, Mon­ar­chielob­red­ner, solan­ge er sich Vor­tei­le davon erhoff­te, fri­gi­de, ero­tisch jung­fräu­lich, ein aris­to­kra­tie­has­sen­der Puder­pe­rü­cken­trä­ger und Zwangs­cha­rak­ter von Eises­käl­te. Des­moulins: erfolg­lo­ser Anwalt, Tage­dieb, Bor­dell­gän­ger, Hei­rats­schwind­ler. Hébert: erfolg­lo­ser Autor, Betrü­ger, Dieb. Mira­beau: Spie­ler, Pla­gia­tor, Lust­molch bis zum Inzest mit der Schwes­ter, Frau­en­schlä­ger, Dieb, Betrü­ger, wegen Ent­füh­rung in Abwe­sen­heit zum Tode ver­ur­teilt etc. pp. Wer in lin­ken Bio­gra­phien weit­erforscht, von Marx über Sta­lin und Goe­b­bels bis hin­un­ter zu Maas und Strö­be­le, stößt immer wie­der auf den Typus Nichts­nutz (nichts gegen Nichts­nut­ze übri­gens, solan­ge sie ande­re in Ruhe las­sen!), den Typus Schma­rot­zer, Absah­ner, Schwät­zer, Theo­ri­en­auf­stel­ler, im bür­ger­li­chen Leben erfolg­los, zu kei­ner nutz­brin­gen­den Tätig­keit fähig, in die Poli­tik oder in die Agit­prop-Indus­trie deser­tie­rend, das Geld der ande­ren for­dernd, ver­geu­dend und ver­tei­lend, zu jeder Denun­zia­ti­on und Anma­ßung bereit. Und die­ser Men­schen­schlag beherrscht seit den Jako­bi­nern und mit heu­te etwas sub­li­mier­ten Jako­bi­ner-Metho­den (sie wür­den gern anders!) die öffent­li­che Mei­nung und einen Groß­teil der öffent­li­chen Geld­strö­me in den west­li­chen Gesell­schaf­ten. Marat heißt heu­te Rest­le oder Prantl, Saint-Just ist ver­gar­ten­zwergt zu Steg­ner oder Kahrs, die Robes­pierre-Plan­stel­le ist der­zeit unbe­setzt (zumin­dest hier­zu­lan­de, könn­te sein, dass Alex­an­dria Oca­sio-Cor­tez sie eines Tages zu beset­zen hofft).

Zurück zu Lud­wig XVI., der nach der Ver­haf­tung nie­mals über sein Schick­sal klag­te und mit bewun­derns­wer­ter Sou­ve­rä­ni­tät in den Tod ging (und auch in gewis­sem Sin­ne ein Nichts­nutz war, wenn­gleich kein so wider­wär­ti­ger wie sei­ne Mör­der; nein, ich wün­sche das Anci­en Régime nicht zurück). Der Mon­arch war das wahr­schein­lich ers­te pro­mi­nen­te Opfer des moder­nen Jour­na­lis­mus. Die von Krea­tu­ren wie Marat und Hébert reprä­sen­tier­te „kri­ti­sche” Pres­se ver­teu­fel­te den König und sei­ne Frau auf eine Wei­se, die zar­te­re Gemü­ter heu­te noch sprach­los macht. Da Lud­wig nicht der Schlan­kes­te war, kari­kier­te man ihn bevor­zugt als Schwein, und da Marie-Antoi­net­te ihn betrog, erhielt das Schwein oben­drein Hör­ner. Der Cour­ri­er fran­çais zitier­te im August 1792 genüss­lich aus einem Pam­phlet namens „Le Roy­al Veto”, in dem der König fol­gen­der­ma­ßen beschrie­ben wur­de: „Die­ses Tier (…) läuft auf den Hin­ter­bei­nen wie ein Mensch. (…) Es hat sehr wenig Haupt­haar, und sein Schrei ähnelt dem Grun­zen eines Schwei­nes. Es hat kei­nen Schwanz. Es ist von Natur aus gefrä­ßig. Es lei­det an Trunk­sucht und trinkt von mor­gens bis abends. Es ist zwi­schen 34 und 36 Jah­re alt, in Ver­sailles gebo­ren und hört auf den Namen Lud­wig XVI.”

Die Köni­gin, die ver­hass­te „Öster­rei­che­rin”, wur­de wie­der­um als lüs­ter­ne Wöl­fin, Hyä­ne oder Tige­rin dar­ge­stellt, die ihren Gat­ten betrog und der man zuletzt sogar ein inzes­tuö­ses Ver­hält­nis zu ihrem (wei­land acht­jäh­ri­gen) Sohn unter­stell­te (den die Jako­bi­ner nach der Ent­haup­tung der Mut­ter im Gefäng­nis kre­pie­ren lie­ßen). Marie-Antoi­net­tes berühm­tes Fake-Zitat, wenn das Volk kein Brot habe, möge es eben Kuchen essen, geht übri­gens auf Jean-Jac­ques Rous­se­au zurück, auch er ein lin­ker Cha­rak­ter­müll­ei­mer par excel­lence. In Paris zir­ku­lie­ren­de Pas­quil­le tru­gen Titel wie „Der könig­li­che Dil­do”, „Das könig­li­che Bor­dell”, „Die Lieb­schaf­ten von Karl­chen und Toi­net­te” und der­glei­chen lüs­ter­ne Schmä­hun­gen mehr. An der Spit­ze des Lan­des stand also eine Fami­lie gei­ler Schweine.

„Die Pres­se ver­teu­fel­te den König, den man spä­ter leicht unter dem Vor­wand ent­haup­ten konn­te, er sein der Teu­fel”, notiert der His­to­ri­ker Michel Onfray. „Die Jour­na­lis­ten töte­ten die Königs­fa­mi­lie, indem sie die Arbeit der Hen­ker vor­be­rei­te­ten.” Als der Mon­arch tat­säch­lich ent­haup­tet wor­den war, schlug ein „Bür­ger” vor – malen Sie sich eine Art Böh­mer­mann aus –, den 21. Janu­ar zum repu­bli­ka­ni­schen Fei­er­tag zu erhe­ben, an wel­chem jeder Fami­li­en­va­ter einen Schweins­kopf auf den Tisch brin­gen möge, „in Erin­ne­rung an den glück­li­chen Tag”, an dem der Kopf des könig­li­chen Schwei­nes rollte.

Den intro­spek­ti­ven Ken­nern der Nie­der­tracht berei­te­te es wenig Mühe, sie ande­ren zu unter­stel­len. Deren einer war auch Cho­der­los de Laclos, des­sen Brief­ro­man „Les liai­sons dan­ge­reu­ses” zu einem Best­sel­ler mit Fol­gen avan­cier­te. Im Zen­trum steht die intri­gan­te Mar­qui­se de Mer­teuil, eines der gro­ßen Scheu­sa­le der Lite­ra­tur. Davon abge­se­hen, dass die „Gefähr­li­chen Lieb­schaf­ten”, wie der Titel auf deutsch heißt, gro­ße Lite­ra­tur sind, waren sie auch Mani­pu­la­ti­on in höchs­ter Voll­endung. Laclos, der vor der Revo­lu­ti­on dem Her­zog von Orlé­ans als Pri­vat­se­kre­tär dien­te, war ein Ken­ner des Milieus, in dem sein – gleich­wohl erfun­de­ner – Roman spiel­te, und er lie­fer­te sozu­sa­gen als ein ver­früh­ter (und lite­ra­risch begab­ter) Claas Relo­ti­us fik­ti­ves Belas­tungs­ma­te­ri­al für den Pro­zess, den die Jako­bi­ner spä­ter dem Anci­en Régime berei­ten soll­ten. Dass er als Reden­schrei­ber Robes­pierres und Offi­zier in deren Dienst trat, war fol­ge­rich­tig. Laclos eröff­ne­te den Weg des lite­ra­ri­schen Klas­sen­kamp­fes ver­mit­tels mora­li­scher Denun­zia­ti­on der Gegen­sei­te unter Zuhil­fe­nah­me nega­tiv über­zeich­ne­ter Cha­rak­te­re, die er als zutiefst ver­derbt, nie­der­träch­tig und besei­ti­gens­wert vor­führ­te, und vie­le folg­ten ihm nach; ich nen­ne als Zei­ten und Kon­ti­nen­te über­span­nen­de Par­tes pro toto nur Hein­rich Mann und Ta-Nehi­si Coates.

All das harrt einer gründ­li­chen Dekon­struk­ti­on von rechts. Aber wer steigt schon gern in eine Kloake?

                                 ***

Zum Vori­gen.
Das Gan­ze als Kurz­ver­si­on: „Gäbe es gute Leu­te in der Regie­rung, hät­te die Wirt­schaft sie längst abge­wor­ben.”
Ronald Rea­gan

                                 ***

„Ewig ein Rät­sel bleibt dem Begab­ten der min­der Begab­te.
Ewig dem Künst­ler ein Sphinx haust der gewöhn­li­che Mensch.„
Noch­mals Peter Hacks

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