Fortgesetzter 6. Februar 2020

Der gemüt- und geschmack­vol­le Teil der an Deutsch­land inter­es­sier­ten Men­schen fragt sich seit eini­gen Jah­ren, wo der Punkt sein mag, von wel­chem der Riss aus­geht, der das Sys­tem Mer­kel schließ­lich zum Ein­sturz bringt. Nun bie­tet sich der Erfur­ter Land­tag als Opti­on an. Mit siche­rem Instinkt und der in 13 Jah­ren akku­mu­lier­ten Hybris einer letzt­lich doch vul­gä­ren Per­son hat die Kanz­le­rin das erkannt, wes­halb sie fer­tig­brach­te, was selbst Ulb­richt sich nicht getraut hät­te: das Ergeb­nis einer demo­kra­ti­schen Wahl prak­tisch für ungül­tig zu erklä­ren. For­mell darf sie das nicht, es steht ihr nicht an, die Land­ta­ge und ihre Abge­ord­ne­ten ent­schei­den frei, aber auf dem Umweg über die Par­tei­en, die sich den Staat bekannt­lich zur Beu­te gemacht haben, ver­su­chen sie und ihre Satra­pen… – ja was eigent­lich? Einen Putsch von oben, gewiss, aber mit wel­chem Ziel?

Der neue thü­rin­gi­sche Minis­ter­prä­si­dent, des­sen Namen man sich nicht mer­ken muss, ist beim Vor­zei­gen der Instru­men­te in Rekord­ge­schwin­dig­keit ein­ge­knickt und zurück­ge­tre­ten; der Arme hat sechs Kin­der und will nicht als Paria wei­ter­le­ben. Die Alt- bzw. Block­par­tei­zen­tra­len ver­lan­gen Neu­wah­len und eine neue, das heißt die alte lin­ke Rame­low-Regie­rung als Ergeb­nis. Aber wer­den sie die bekommen?

Schritt eins ist, nein: scheint getan, der bereits ver­ei­dig­te Lan­des­chef gibt auf. Sei­ne Par­tei, die FDP (die in den letz­ten Stun­den gelernt hat, wie schnell man zur Nazi­par­tei ernannt wird; die Fami­lie des neu­en Minis­ter­prä­si­den­ten wur­de sofort bedroht, die Kin­der muss­ten mit Begleit­schutz in die Schu­le), spricht sich beflis­sen für Neu­wah­len aus. Das kann sie frei­lich nicht ent­schei­den, dafür braucht es eine Mehr­heit im Land­tag. Dort haben die rechts­kon­ser­va­tiv-bür­ger­lich-libe­ra­len Par­tei­en ein Sechs-Stim­men-Über­ge­wicht gegen­über der bis­lang regie­ren­den lin­ken Ein­heits­front: 22 AfD, 21 CDU, 5 FDP ver­sus 29 Lin­ke, 8 SPD, 5 Grü­ne. Eigent­lich ist alles klar, aber die Fans der SED lügen die AfD zur NSDAP 2.0 um. Koali­tio­nen sind einst­wei­len unmög­lich. Wenn nun aber der bür­ger­lich-rech­te Block trotz­dem gegen die Land­tags­auf­lö­sung votiert, sind die Mer­ke­lis­ten am Ende, mögen sie auch ihr juve­ni­les Fuß­volk vor die Büros der Abweich­ler ent­sen­den. Die Kanz­le­rin könn­te allen­falls noch Trup­pen nach Thü­rin­gen schi­cken, müss­te aber man­gels eige­ner Streit­kräf­te klä­ren, wel­ches Land sei­ne zur Ver­fü­gung stellt. Nato-Part­ner fal­len lei­der aus. Viel­leicht Kuba? 

Kommt eine Mehr­heit für die Par­la­ments­auf­lö­sung zustan­de, sind Neu­wah­len fäl­lig. Dann wäre der Herr, des­sen Namen man sich viel­leicht doch mer­ken muss (aber nur, wenn es kei­ne Neu­wah­len gibt und er sich zum zwei­ten Male als Fuchs erwie­se), immer­hin ein paar Wochen Lan­des­va­ter. Fragt sich frei­lich, was Neu­wah­len an der Kon­stel­la­ti­on ver­än­dern sol­len. Die FDP und die Grü­nen sind mit gro­ßer Mühe über die Fünf-Pro­zent-Hür­de gekom­men, bei­den droh­te das Land­tags-Aus, bei der FDP wäre es sogar ziem­lich sicher. Soll hei­ßen: Die gel­be Umfaller­trup­pe schlü­ge, nur um Mer­kels Wün­schen zu will­fah­ren, im Osten den Weg von der Bedeu­tungs­lo­sig­keit in die fak­ti­sche Nicht­exis­tenz ein; Thü­rin­gen ist ja das ein­zi­ge Ost­land, in dem die Frei­de­mo­kra­ten über­haupt in einem Land­tag sit­zen. Auch für die SPD könn­te es knapp werden.

Bei den Wah­len wür­de die AfD höchst­wahr­schein­lich zule­gen, weil frus­trier­te Bür­ger die Gele­gen­heit zur Denk­zet­tel­wahl nutz­ten – vie­le Ossis haben noch DDR-Erfah­run­gen; außer­dem herr­schen in der Zone noch gewis­se Illu­sio­nen über demo­kra­ti­sche Ver­fah­ren –, die CDU wür­de Stim­men ein­bü­ßen, bei der Lin­ken weiß man’s nicht. Dann hät­te Thü­rin­gen ein Par­la­ment aus Lin­ker, AfD und CDU, even­tu­ell mit einer 5,5‑Prozent SPD als Hofzwerg. Die Ber­li­ner Zen­tra­len wür­den dies­mal mit äußers­tem soge­nann­ten Nach­druck dar­auf bestehen, dass die CDU und die Lin­ke sich gegen die Schwe­fel­brü­der ver­bün­den. Eigent­lich müss­te alles glatt gehen. Aber wir sind in Thü­rin­gen. Bei den Wil­den. Auch die CDU besteht zum Teil aus sol­chen letzt­lich unbe­re­chen­ba­ren Figu­ren. Die sind anders als der west­deut­sche Rück­ver­si­che­rer und Knet­hal­tungs-Typus. Könn­te sein, dass die wirk­lich die Schnau­ze voll haben und nicht mehr mit­spie­len, egal, was die in Ber­lin ihnen vor­schrei­ben wol­len. Der eine oder ande­re wird sich an 1989 erin­nern, als in Ber­lin auch so hys­te­risch wie fol­gen­los in Tele­fo­ne gebrüllt wur­de und im Süden all­mäh­lich ein erst bit­te­res und dann spöt­ti­sches Geläch­ter dar­über anhub. Damals haben die Bon­zen den Leu­ten übri­gens auch ein­re­den wol­len, dass die Nazis vor den Toren und zur Macht­über­nah­me bereitstünden. 

Was dann? Tja, wie gesagt, vie­le rei­zen­de Men­schen fra­gen sich, wo die Soll­bruch­stel­le des Beton­sys­tems Mer­kel ist… 

                                 ***

SEDDDDD

 
(Netz­fund)

Oder aber:

Ramelowarsch

(dito)

Und der noch (wie’s scheint, kehrt der alten Zonen­hu­mor zurück):

Krenzler

                                 ***

„Sehr geehr­ter Herr Klo­n­ovs­ky, das wars. Wozu noch wäh­len? Das ein­zig Gute an der gan­zen Sache Thü­rin­gen ist, dass ich mei­ne Feig­heit ad acta gelegt habe und mich voll­um­fäng­lich ‚geoutet’ habe. Und das ist gut so. Man hat­te mich in der Fir­ma als etwas rechts und Exzen­tri­ke­rin ein­g­schätzt. Jetzt bin ich zur Voll­rech­ten gewor­den. Denn eine Kol­le­gin sprach mich an und frag­te mich, was ich von der Sache hal­te. Dann habe ich gesagt, was ich von der Sache halte.

Aber war­um behel­li­ge ich Sie mit so was Bana­lem? Ganz ein­fach, weil heu­te der Point of No Return erreicht ist. Die maxi­ma­le Ent-täu­schung. Zuerst hat­te ich wie­der die­ses Unwirk­lich­keits­ge­fühl, als die Maxi­ma Lea­der-Figur sag­te ‚Die Wah­len müs­sen wie­der­holt wer­den.’ Unwirk­lich­keits­ge­fühl, ganz stark. So als wäre ich in einem Comic. Als Figur. Dann las ich ‚Gabri­el: Die Kan­ze­rin hat die Ehre Deutsch­lands geret­tet.’ So was kann man sich nicht aus­den­ken. Der Zel­ler braucht nichts mehr zu den­ken, der kann es 1:1 übernehmen.

Ich kom­me zu dem, was mich so nach­hal­tig aus der Fas­sung bringt: es sind viel mehr mei­ne Kol­le­gen als die­se soge­nann­ten Poli­ti­ker. Was ich in der Dis­kus­si­on mit mei­ner Kol­le­gin merk­te. Es wird sich nichts dre­hen. Es wird kei­ne ande­re Deu­tungs­ho­heit geben. Kein Krat­zen nutzt was, das Framing sitzt wie Beton. Übri­gens ist m E auch kei­ne Sta­si nötig, das Volk ist folg­sam und begeis­tert. Ich glau­be auch nicht, dass es Pro­ble­me geben wür­de, mit der Rock­län­ge oder mit dem Kopf­tuch. Nein, es wür­de Grün­de geben, war­um es gut ist, es zu tra­gen.  Nein, es wird nicht wie in ‚Unter­wer­fung’ sein, wozu auch? Es wird kei­ne Auf­stän­de geben, kei­ne Demons­tra­tio­nen wie im Iran in den 60er Jah­ren , als die Frau­en zunächst ‚Nein’ sag­ten. So was wür­de es in Deutsch­land nicht geben.

Trotz­dem hat es gut getan. Allei­ne schon ges­tern den Rame­low mit den Hän­den auf­ge­stützt zu sehen, war es wert. Fri­sche Luft für einen Tag. Frei­heit für einen Tag.”

 
Das dach­ten Johan­nes Schön­bach und ich Anfang 1989 in der DDR auch, geehr­te Frau***! Die­se Kol­le­gen sind nur Füll­sel. Die reden heu­te so und mor­gen so. Die hys­te­ri­sche Reak­ti­on der Eta­blier­ten, dies „Schande”-Zeter und „Zivilisationsbruch”-Mordio, ist viel zu schrill, viel zu hys­te­risch, viel zu klir­rend, um fehl­in­ter­pre­tiert zu wer­den; da geht nicht mehr viel, die sind mit ihrem Latein an Ende, die haben nichts mehr zu bie­ten, die kön­nen nur noch den ihnen unlieb­sa­men Teil des Demos für sein fal­sches Ver­hal­ten beschimp­fen. Sie begrei­fen nicht ein­mal, dass sie die Fol­gen ihrer Poli­tik prä­sen­tiert bekom­men. Es muss nur einer Nein sagen, dann ist Schluss. Hät­te die­ser FDP-Mann Nein gesagt, wäre das Kar­ten­haus zusam­men­ge­fal­len. Was wol­len sie denn tun außer Ruf­mord? Sie haben kei­ne Trup­pen, höchs­tens 2000 Neo­fa-Stei­ne­wer­fer lan­des­weit, ansons­ten ihre paar tau­send Stu­den­ten, NGO-Hiwis und Tage­löh­ner, die sie für Demos zusam­men­trom­meln. Die Kri­sen wer­den über uns her­ein­bre­chen wie in ihren Reden der Kli­ma­wan­del, und sie wer­den kei­ne Lösun­gen anbie­ten kön­nen. Ruhig Blut, das wird schon.

                                 ***

Als die CDU noch die dienst­tu­en­de Höcke­par­tei war:

Nazi CDU1

Nazi CDU

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