20. März 2020

„Einer schrieb: ‚Ich dach­te, mit dir ein geis­ti­ges Duell zu füh­ren. Aber ich sehe, du bist unbe­waff­net.’ ”
(Chat-Fund­stück von Botho Strauß, zitiert in „Der Fortführer”)

                                    ***

Ein recht auf­schluss­rei­ches Dop­pel- oder Par­al­lel­in­ter­view ereig­ne­te sich und trug sich zu im Foy­er des Bun­des­ta­ges vor einer Woche; ich stieß heu­te mor­gen auf den Mit­schnitt und gestat­te mir, das Gespräch zu refe­rie­ren und ein wenig zu glos­sie­ren. Ein Phoe­nix-Repor­ter – also ein nor­ma­ler öffent­lich-recht­li­cher Kanal­ar­bei­ter, kein Phö­nix unter den Repor­tern – befrag­te die Abge­ord­ne­ten Roman Reusch (Schwe­fel­par­tei) und Hel­ge Lindh (Schwund­par­tei) am Ran­de der Bun­des­tags­de­bat­te über „Rechts­ter­ro­ris­mus und Hasskriminalität”. 

Auf­schluss­reich war das Gespräch allein inso­fern, als hier ein Mensch mit jahr­zehn­te­lan­ger the­men­re­le­van­ter Berufs­pra­xis auf einen rei­nen Par­tei­funk­tio­när traf. Reusch, 66, arbei­te­te bis zu sei­ner Wahl in den Bun­des­tag als lei­ten­der Ober­staats­an­walt in Ber­lin und wur­de, wie die Zeit­geistschrott­sam­mel­stel­le bereits in der Kopf­leis­te sei­nes Ein­trags mit­teilt, als „Hard­li­ner” bezeich­net (er the­ma­ti­sier­te als einer der ers­ten Juris­ten den exor­bi­tant hohen Anteil von Migran­ten bei der Jugend­ge­walt). Lindh, 43, auch hier fol­ge ich der Sam­mel­stel­le, stu­dier­te „Ange­wand­te Kul­tur­wis­sen­schaf­ten” und danach Sozio­lo­gie, Ger­ma­nis­tik und Geschich­te; es folg­te ein Stu­di­um der Neue­ren Deut­schen Phi­lo­lo­gie, Ger­ma­nis­ti­schen Sprach­wis­sen­schaft, Neue­ren und Neu­es­ten Geschich­te ein­schließ­lich Lan­des­ge­schich­te und Sozio­lo­gie – wir haben es ent­we­der mit einem veri­ta­blen Neue­ren und Neu­es­ten Poly­his­tor zu tun oder mit jeman­dem, der vie­les, aber nichts rich­tig stu­diert hat (inwie­weit das Ger­ma­nis­tik­stu­di­um sei­ne Sprach­fä­hig­keit ver­edel­te, wird in dem Inter­view recht deut­lich). Nach dem Stu­di­um begann Lindh sei­ne Par­tei­kar­rie­re, außer­halb des Poli­tik­be­triebs gear­bei­tet hat er nie. Soviel vorab.

Das Gespräch beginnt mit der Fra­ge, ob die Her­ren per­sön­lich von ver­ba­len oder kör­per­li­chen Angrif­fen auf Man­dats­trä­ger betrof­fen sei­en, von denen der­zeit viel die Rede sei. Als ers­ter ist der Sozi an der Rei­he. Er berich­tet von Dro­hun­gen, Hass­brie­fen und Beschimp­fun­gen („Aus­ge­burt von Inzest”). Wie er dar­auf reagie­re? Es sei für ihn ein „Ansporn, gegen Demo­kra­tie­feind­lich­keit und Ras­sis­mus anzu­ge­hen”, ver­setzt Lindh. Er ist also offen­kun­dig der Ansicht, ihn zu beschimp­fen sei ras­sis­tisch, wor­aus eine künst­li­che­re Intel­li­genz als mei­ne fol­gern wür­de, dass er von Schwar­zen, Chi­ne­sen oder India­nern gezaust wird. Aber natür­lich hat er nur brav sei­ne ver­ba­len Platz­pa­tro­nen abge­feu­ert. (Dass er in der Auf­zäh­lung den Anti­se­mi­tis­mus ver­ges­sen hat, kann der Eyle geschul­det sein oder mit einer von den Sozis neu­er­dings hef­tig umwor­be­nen Kli­en­tel zusam­men­hän­gen, die das tra­di­tio­nel­le SPD-Wäh­ler­mi­lieu mäh­lich erset­zen soll.)

Nun also Kame­ra auf Reusch. Wird er etwa auch ange­fein­det? „Selbst­ver­ständ­lich”, lau­tet die Ant­wort. Bereits als Staats­an­walt sei er häu­fig bedroht wor­den, „und zwar von Leu­ten, die man ernst neh­men muss”. Die­sen fei­nen Unter­schied über­ge­hen wir mal rasch, damit unser sozi­al­de­mo­kra­ti­sches Sen­si­bel­chen kei­nen Ansporns­ver­lust erlei­det. Ange­fein­det und bis­wei­len auch bedroht zu wer­den, gehört heut­zu­ta­ge ja für jeden vier­tel­wegs Expo­nier­ten zum All­tag, aber Hun­de, die bel­len, bei­ßen bekannt­lich sel­ten bis nie. Sogar im Klei­nen Eck­la­den gehen gele­gent­lich Hass­bot­schaf­ten ein, sie wer­den gele­sen, kor­ri­giert, meis­tens befür­wor­tet und schließ­lich sorg­fäl­tig gelöscht. (Wer sich ein Bild davon machen will, wie elan­voll unser­eins bereits in Frie­dens­zei­ten, also vor der gro­ßen Flut, beschimpft wur­de, kann hier eini­ge ver­gnüg­li­che Reak­tio­nen aus der wei­land schwu­len Sze­ne auf einen Focus-Kom­men­tar lesen.) Das ist alles eher belang­los und im Hono­rar mit­ent­hal­ten. Den Rubi­kon oder die rote Linie mar­kiert der nicht­ver­ba­le Angriff. Und da kann Reusch mit Grün­den dar­auf hin­wei­sen, dass sich die Mehr­zahl aller hand­fes­ten Atta­cken gegen AfD-Poli­ti­ker rich­tet. Wie Niko­laus Fest unlängst kon­sta­tier­te: Es wer­den nicht die Häu­ser von lin­ken Poli­ti­kern ange­grif­fen, nicht die Autos von Lin­ken „abge­fa­ckelt”, nicht Gast­wir­te bedroht, die Lin­ke bei sich tagen las­sen. Der­glei­chen Angrif­fe rich­ten sich immer gegen AfD-Mit­glie­der oder ‑Sym­pa­thi­san­ten.

Dazu sagt Lindh kein Wort. Er nimmt im gesam­ten Gespräch kei­ner­lei Bezug dar­auf. Weil er es nicht wahr­ha­ben will – oder weil er es im soge­nann­ten Tiefs­ten sei­nes Inne­ren irgend­wie okay fin­det? Jeden­falls wird im Welt­bild sol­cher Leu­te jeder Angriff auf einen AfD­ler mit einem „Sel­ber schuld” eti­ket­tiert und abge­tan. Für sie gibt es nur Rechts­ex­tre­mis­ten, die straf­ver­folgt wer­den müs­sen und deren „poli­ti­scher Arm” (so Lindhs Genos­se Micha­el Roth, Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter und Staats­mi­nis­ter für Euro­pa) bis in die Par­la­men­te reicht.

Der Inter­view­er mag eben­falls nicht recht glau­ben, dass auch Reusch böse Post oder Schlim­me­res von den eigent­lich Guten bekommt. Sei er wirk­lich bedroht? Oh ja, das LKA sei gera­de vor kur­zem wie­der mit einer einer „Gefähr­de­ten­an­spra­che” bei ihm vor­stel­lig gewor­den. Sol­che Anspra­chen rich­ten sich, wie der Name andeu­tet, an Gefährdete.

Der Inter­view­er ver­langt sodann nach einer Erklä­rung, woher die­se neue Aggres­si­vi­tät in der Gesell­schaft rüh­re. Es naht der gro­ße Moment des sogen. Geis­tes­wis­sen­schaft­lers: Das sei, führt Lindh aus, ein „Ergeb­nis aus ganz vie­len Debat­ten: Islam­de­bat­te, Debat­te über Flücht­lin­ge”, bei­spiels­wei­se der „Ver­het­zung”, die sein Par­tei­ge­nos­se Thi­lo Sar­ra­zin im Lan­de ange­rich­tet habe. Und alles wer­de ver­stärkt durch „die Platt­for­men”, die im Netz den „Hass antrei­ben”. Debat­ten und Platt­for­men schei­nen für den Sozi ein Pro­blem zu sein.

Hal­ten wir hier einen Moment inne. Die­se Leu­te – ich spre­che in der Mehr­zahl, weil die Lindhs aus­schließ­lich im Plu­ral exis­tie­ren, ein­zeln sind sie nichts –, die­se Leu­te mei­nen oder fin­gie­ren es zumin­dest, dass „Hass” und „Het­ze” ihre Ursa­chen gewis­ser­ma­ßen in sich selbst haben, jeden­falls nicht in der Rea­li­tät und schon gar nicht im Han­deln der „Alt­par­tei­en” (wie Clau­di Roth sie lie­be­voll nann­te, bevor ihr eige­ner Ver­ein sel­ber eine wur­de), und dass man die schlim­men Rechts­po­pu­lis­ten nur aus den Foren und Par­la­men­ten ver­trei­ben müs­se, damit der behag­li­che Burg­frie­den der Bun­des­re­pu­blik der 1990er Jah­re zurückkehre. 

„Das sind aber nur Medi­en, die das trans­por­tie­ren”, wen­det der Inter­view­er wei­se ein, ver­folgt den Gedan­ken aber nicht wei­ter, son­dern will von Reusch wis­sen, wie er denn die Atta­cken außer­halb des Net­zes erklä­re, zum Bei­spiel die Angrif­fe auf Rettungskräfte.

Nach sei­ner beruf­li­chen Kennt­nis sei dafür eine Kli­en­tel ver­ant­wort­lich, „die nicht in ers­ter Linie Mül­ler, Mei­er, Schul­ze heißt”, ver­si­chert der Straf­ver­fol­ger mit der empi­risch fun­dier­ten Toll­kühn­heit eines Beam­ten, der sei­ne Kar­rie­re hin­ter sich weiß. Das habe vor etwa 15 Jah­ren begon­nen; Feu­er­wehr­leu­te, Ret­tungs­kräf­te und Poli­zei­be­am­te wür­den in bestimm­ten Gegen­den als Reprä­sen­tan­ten des Staa­tes betrachtet,und in ihnen wer­de qua­si jener Staat ange­grif­fen, den man ablehne.

Jetzt wird es wohl höchs­te Zeit für den Wech­sel vom all­ge­mei­nen zum per­sön­li­chen Ras­sis­mus­vor­wurf, aber Lindh hat ent­we­der nichts geschnallt oder er tut so, jeden­falls erklärt er, Reuschs Grup­pen­be­schrei­bung sei „kryp­tisch”, es gin­ge ihm wohl um „lin­ke Kräf­te, die staats­feind­lich sind”, er aber, Lindh, las­se sich „nicht auf das Spiel ein, links mit rechts zu ver­rech­nen, weil jede Form von Angrif­fen auf den Staat inak­zep­ta­bel ist”. Will er des­halb über die Angrif­fe von links so wenig spre­chen will wie über die Atta­cken der­je­ni­gen, die noch nicht so lan­ge hier leben? Na was denn sonst! Stracks ver­lässt der Rote den wan­ken­den Grund der empi­ri­schen Rea­li­tät, um auf die Par­la­ments­re­den der AfD als „Grund der Ent­hem­mung” zu insis­tie­ren, wie ja auch der Seis­mo­graf am Erd­be­ben nicht ganz unbe­tei­ligt und wahr­schein­lich sogar mit­schul­dig ist. Erwähn­te ich, dass der Bub „Ange­wand­te Kul­tur­wis­sen­schaf­ten” stu­dier­te, bevor er sich kühn einer noch här­te­ren Wis­sen­schaft namens Sozio­lo­gie zukehrte?

Reusch ent­geg­net in sei­ner kontruk­ti­vis­mus­all­er­gi­schen Ein­falt, dass es zum Geschäft gehö­re, „den  poli­ti­schen Geg­ner so schwarz wie mög­lich anzu­ma­len” (Black­fa­cing!), wes­halb er nach­drück­lich emp­feh­le, „sich unse­rer Reden anzu­hö­ren”; dann kön­ne jeder sel­ber ent­schei­den, ob es sich um Het­ze han­de­le. Im Übri­gen sei das ein „alter sta­li­nis­ti­scher Kampf­be­griff”, der im Arti­kel 6, Absatz 2 der DDR-Ver­fas­sung von 1949 nie­der­ge­legt wur­de (als „Boy­kott­het­ze”). Reusch räumt ein, dass sei­ne Par­tei durch­aus „mit Leu­ten zu kämp­fen” habe, „denen es gelun­gen ist, in der AfD unter­zu­kom­men”, obwohl sie mit ihren Ansich­ten dort nicht hin­ge­hör­ten; man sei dabei, die­se Leu­te raus­zu­schmei­ßen, aber „das dau­ert eben, weil es rechts­staat­lich zugeht”. Gera­de ereil­te der Par­tei­aus­schluss den Abge­ord­ne­ten W. Gede­on aus Stutt­gart, aber Lindh und Genos­sen wer­den wohl nicht eher ruhen, als bis das letz­te Mit­glied aus der AfD aus­ge­schlos­sen wor­den ist.

Dem Phoe­nix-Jour­na­lis­ten fällt nun selbst­ver­ständ­lich die übels­te Het­ze der letz­ten Wochen ein; er erin­nert dar­an, dass die rech­te Oppo­si­ti­on wahl­wei­se als „Gesin­del” (Merz), „gif­ti­ger Abschaum” (Wan­der­witz) oder „Krebs­ge­schwür” (Brok) ver­un­glimpft wur­de… – ich scher­ze. Was ihm tat­säch­lich ein­fällt, ist Ali­ce Wei­dels Rede von „Kopf­tuch­mäd­chen, ali­men­tier­ten Mes­ser­män­nern und sons­ti­gen Tau­ge­nicht­sen”. Damit sei ja wohl auch die Par­tei­spit­ze des ver­ba­len Hoo­li­ga­nis­mus überführt.

„Ein von Steu­er­gel­dern ali­men­tier­ter Mes­ser­mann ist aus mei­ner Sicht tat­säch­lich ein Tau­ge­nichts”, ver­setzt Reusch unge­rührt. Wer­de damit nicht die gesam­te Grup­pe der Ein­wan­de­rer dis­kri­mi­niert?, hält der Fra­ger dage­gen. Nein, lau­tet die Ant­wort, natür­lich nicht, aber man kön­ne ohne­hin „nicht so sorg­fäl­tig for­mu­lie­ren, dass einem das Wort nicht im Mund umge­dreht werde”.

Der Sozi war lan­ge nicht an der Rei­he und kommt jetzt end­lich wie­der dran. Das sei ja wohl „der Gip­fel des Zynis­mus und der Ver­höh­nung”, schnalzt er zynis­mus­gip­fel­ken­ne­risch mit der Zun­ge, sowohl in sol­chen Reden als auch in ihrem Antrag zur Grenz­si­che­rung pla­zie­re die AfD „bewusst bestimm­te Topoi, die Bil­der erzeu­gen, und die­se Bil­der sind blank ras­sis­tisch”. Na end­lich! Nicht nur vom Pro­phe­ten Moham­med sollst du dir kein Bild machen, auch vom Mes­ser­mann nicht! Wer die­sen Ras­sis­mus nicht erken­ne, so unser sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Diede­rich Heß­ling, „der ist nicht mit der Fähig­keit der Auf­fas­sungs­ga­be geseg­net”. So wie er sel­ber oben­drein noch mit der Fähig­keit der Gabe der ele­gan­ten For­mu­lie­rung! Ein paar genia­le Auf­fas­sun­gen spä­ter wider­spricht Lindh sei­nem Kon­tra­hen­ten nicht nur über­haupt, son­dern „aus vol­ler Über­zeu­gung und Sou­ve­rä­ni­tät”. Unser viel­fach Stu­dier­ter hat ersicht­lich kaum Schwie­rig­kei­ten, sich sogar jen­seits der Ras­sis­mus-Leucht­strei­fen mit bei­na­he mer­kel­scher Ele­ganz durch das seman­ti­sche Minen­feld der Spra­che zu bewegen. 

Bis zum letz­ten Satz tan­giert den Sozi der Unter­schied zwi­schen Wor­ten und Taten nicht, er redet von Stra­fen für „Dro­hun­gen”, also für Inter­net-Ein­trä­ge oder Hass­mails, weil er genau weiß, dass Stra­fen für Taten plötz­lich die eige­nen Anti- oder Neo­fa-Boden­trup­pen ins Spiel bräch­ten. Gut spät­so­zi­al­de­mo­kra­tisch ist auch sei­ne Ent­geg­nung auf eine vom Inter­view­er zitier­te Kri­tik des Deut­schen Anwalts­ver­eins, der neue Geset­zes­ent­wurf der Regie­rung zur Ver­fol­gung von Hass­kri­mi­na­li­tät lau­fe auf 150.000 zusätz­li­che Ver­fah­ren im Jahr hin­aus, dafür bräuch­te man erheb­lich mehr Per­so­nal: „Es kann ja nicht sein, den Grund, dass wir nicht genug Per­so­nal haben, dafür zu neh­men, es nicht zu tun” (also das Gesetz nicht durch­zu­drü­cken). „Wir kön­nen ja nicht sagen, weil wir Per­so­nal­man­gel in den Län­dern haben, bekämp­fen wir nicht den Rechts­ex­tre­mis­mus.” Das ist lin­ke Welt­sicht par excel­lence: Ob die Vor­aus­set­zun­gen exis­tie­ren, inter­es­siert nicht, die Ideo­lo­gie muss durch­ge­setzt wer­den. Und es geht selbst­re­dend aus­schließ­lich gegen rechts. Angrif­fe auf die AfD sind letzt­lich legitim.

Drei Scho­li­en dazu. Ers­tens: „Ras­sist” ist eine weit üble­re, weil ehr­ab­schnei­den­de, stig­ma­ti­sie­ren­de und letzt­lich zur sozia­len Äch­tung füh­ren­de Belei­di­gung als, sagen wir, „Drecks­fot­ze” (wie Frau Kün­ast beschimpft wur­de). Hier ein Bei­spiel dafür: Ein AfD-MdB, Leh­rer, erzählt, was er an der Schu­le erlebt hat, und wird von Grü­nen dafür als „Ras­sist” geschmäht. Womit, neben­bei, das Haupt­mo­tiv für die Ver­wen­dung des Schreck­wor­tes erklärt wäre: Es geht dar­um, die Erwäh­nung uner­wünsch­ter Rea­li­tä­ten zu bekämp­fen. (Dass tat­säch­li­cher Ras­sis­mus empö­rend ist, war unter Zivi­li­sier­ten immer aus­ge­mach­te Sache; dazu bedarf es kei­ner Grünen.)

Zwei­tens: Die Zen­tral­stel­le zur Bekämp­fung der Inter­net- und Com­pu­ter­kri­mi­na­li­tät hat 84 Ver­fah­ren wegen sym­pa­thi­sie­ren­der Äuße­run­gen für die Amok­tat von Hanau ein­ge­lei­tet. Die meis­ten Ver­fah­ren wer­den wegen Bil­li­gung einer Straf­tat geführt. Nur von der ech­ten Tat und dem wirk­li­chen Täter liest und hört man nichts mehr. Gibt es denn kein end­gül­ti­ges Ermitt­lungs­er­geb­nis? War der Täter am Ende so irre, dass eine Ent­schul­di­gung der ande­ren Par­tei­en bei der AfD fäl­lig würde?

Drit­tens: Die gro­ße Stun­de der Lindhs wird erst noch kom­men, lan­ge nach der Coro­na­kri­se, wenn der Euro­raum implo­diert ist, die deut­sche Indus­trie am Boden liegt, die Ener­gie­ver­sor­gung im Modus Rus­si­sches Rou­let­te läuft, die Arbeits­lo­sig­keit die 20 Pro­zent erreicht und kaum mehr Mit­tel vor­han­den sind, um die Migran­ten im Lan­de ruhig zu hal­ten; dann wird das fei­ne begriff­li­che, heu­ris­ti­sche und logis­ti­sche Instru­men­ta­ri­um der Neue­ren und Neu­es­ten Sozio­lo­gen, Gen­der­kund­ler und Quo­ten­frau­en gefragt sein, „und ich freu mich drauf” (KGE).

(Das gesam­te flot­te Drei­er­ge­spräch zum Nach­hö­ren hier.)

                                 ***

Leser *** schreibt: „Eigent­lich pas­siert jetzt nur das schlag­ar­tig, was der deut­sche Staat seit Jah­ren schlei­chend betreibt. Des­halb ist auch frag­lich, ob ein Staat, der die letz­ten Jah­re, obwohl er über die Gefah­ren einer mög­li­chen Pan­de­mie infor­miert war, anstatt ent­spre­chen­de finan­zi­el­le Reser­ven für den Kata­stro­phen­fall anzu­le­gen und Schutz­an­zü­ge und Atem­mas­ken zu bevor­ra­ten, die Wirt­schaft maxi­mal abge­mol­ken und büro­kra­ti­siert hat und den größ­ten Anteil der Steu­er­gel­der ideo­lo­gisch getrig­gert, durch Ener­gie­wen­de, Migra­ti­on, Gen­der Main­strea­ming, Kli­ma­hys­te­rie und Schat­ten­bo­xen gegen rechts etc. ver­un­treut hat, zu die­sem früh­zei­ti­gen, geziel­ten Ein­grei­fen finan­zi­ell und orga­ni­sa­to­risch über­haupt in der Lage gewe­sen wäre. Als Faust­for­mel kann für Deutsch­land seit 2015 gel­ten, daß hier­zu­lan­de alles, was der Staat ent­schei­det und von den Medi­en beju­belt wird, garan­tiert nicht der Logik eines gesun­den Men­schen­ver­stan­des ent­spricht, son­dern ideo­lo­gie­be­ses­sen und irra­tio­nal ist. Und das wird auch das Pro­blem nach Coro­na sein, denn wäh­rend die Wirt­schaft größ­ten­teils zugrun­de geht, wird der Staat mit sei­nen Macht- und Pro­pa­gan­da­s­truk­tu­ren und sei­nem Beam­ten­ap­pa­rat über­le­ben. Und das wird garan­tiert jedes Wirt­schafts­wun­der, wie es ande­ren­falls denk­bar wäre, bereits im Kei­me ersti­cken. Die Haupt­ur­sa­che des Wirt­schafts­wun­ders nach dem Krie­ge war m.E. näm­lich das Dar­nie­der­lie­gen staat­li­cher Struk­tu­ren. In dem Maße, wie sich in den fol­gen­den Jah­ren der Staat erhol­te, gin­gen Pro­duk­ti­vi­tät und Wohl­stand zurück, auch wenn das Leben auf­grund der tech­ni­schen Errun­gen­schaf­ten noch eine Wei­le leich­ter wur­de. Inso­fern sind die Zukunfts­aus­sich­ten alles ande­re als rosig.” 

                                 ***

Vor kur­zem lief die Mel­dung über den Ticker, dass „nam­haf­te Autoren des Rowohlt-Ver­la­ges” das Haus in einem Offe­nen Brief auf­ge­for­dert haben, „auf die Ver­öf­fent­li­chung der umstrit­te­nen Memoi­ren des Hol­ly­wood-Regis­seurs Woo­dy Allen zu verzichten”.

Unter den unum­strit­te­nen Nam­haf­ten befin­den sich „Sascha Lobo, Kath­rin Pas­sig, Mar­ga­re­te Sto­kow­ski, Giu­lia Becker, Kirs­ten Fuchs, Till Rae­ther und Sven Stri­cker”; ich kann auf­at­men, zwei davon ken­ne ich, und ich weiß, dass sie sich ihren Namen vor allem als Denun­zi­an­ten gemacht haben.

„Das Buch eines Man­nes, der sich nie über­zeu­gend mit den Vor­wür­fen sei­ner Toch­ter aus­ein­an­der­ge­setzt hat, und der öffent­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen über sexu­el­le Gewalt als Hexen­jagd her­un­ter­ge­spielt hat, soll­te kei­nen Platz in einem Ver­lag haben, für den wir ger­ne und mit gro­ßem Enga­ge­ment schrei­ben”, hieß es in dem Schrei­ben wei­ter. Die Unter­zeich­ner woll­ten das Buch nicht grund­sätz­lich ver­hin­dern. „Woo­dy Allen man­gelt es nicht an Mög­lich­kei­ten, sich mit­zu­tei­len. Aber der Rowohlt Ver­lag muss ihn dar­in nicht unterstützen.” 

Mit ande­ren Wor­ten: Die ger­ne und mit gro­ßem Enga­ge­ment Schrei­ben­den haben, wie alle Welt auch, kei­nen Schim­mer, ob etwas an den Vor­wür­fen stimmt, aber sie wol­len die Chan­ce nut­zen, sich wich­tig zu machen und die Tugend­hel­den zu spie­len, weil das gera­de en vogue ist. Wie bei­spiels­wei­se auch im Fal­le Pla­ci­do Dom­in­gos, der nach Vor­wür­fen wegen sexu­el­ler Beläs­ti­gung, die bis zu drei Jahr­zehn­te zurück­la­gen, als Chef der Los Ange­les Ope­ra zurück­trat und inzwi­schen nir­gend­wo mehr auf­tre­ten kann. Wer sich erin­nert, wie der Tenor vor 30 Jah­ren aus­sah und wel­ches stan­ding er in sei­ner Bran­che genoss, kann sich leicht aus­ma­len, wie oft umge­kehrt er beläs­tigt wurde.

Was Allen betrifft, hat sich schon vor zwei Jah­ren sein Sohn Moses Far­row zu den Anschul­di­gun­gen geäu­ßert und unter ande­rem geschrieben: 

„To tho­se who have beco­me con­vin­ced of my father’s guilt, I ask you to con­si­der this: In this time of #MeToo, when so many movie hea­vy­weights have faced dozens of accu­sa­ti­ons, my father has been accu­sed of wrong­do­ing only once, by an enra­ged ex-part­ner during con­ten­tious cus­to­dy nego­tia­ti­ons. During almost 60 years in the public eye, not one other per­son has come for­ward to accu­se him of even beha­ving bad­ly on a date, or acting inap­pro­pria­te­ly in any pro­fes­sio­nal situa­ti­on, let alo­ne moles­ting a child. As a trai­ned pro­fes­sio­nal, I know that child mole­sta­ti­on is a com­pul­si­ve sick­ness and devia­ti­on that deman­ds repe­ti­ti­on. Dyl­an was alo­ne with Woo­dy in his apart­ment count­less times over the years without a hint of impro­prie­ty, yet some would have you belie­ve that at the age of 56, he sud­den­ly deci­ded to beco­me a child moles­ter in a house full of hos­ti­le peop­le orde­red to watch him like a hawk.”

During almost 60 years not one other per­son. Bei Dom­in­go waren es immer­hin ein Dut­zend Frau­en, denen schlag­ar­tig und kol­lek­tiv die Erin­ne­rung aufschien.

                                 ***

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