22. März 2020

Das ist von wirk­li­cher Komik: Baden-Würt­tem­berg will als ein­zi­ges Bun­des­land sei­ne Bau­märk­te nicht schlie­ßen. Links des Rheins wür­den sie – also nicht mehr „sie”, nur noch eine Mehr­heit – auf die Bar­ri­ka­den gehen, wenn die Wein­hand­lun­gen dicht­ma­chen soll­ten. Aber selbst­ver­ständ­lich sind auch Schaf­fe, schaf­fe und Savoir-viv­re nur sozia­le Konstrukte.

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Leser ***, der mir all­sonn­täg­lich Adno­ten zu den bzw. wider die Acta zueig­net, eröff­net die aktu­el­le Sen­dung mit einem Zitat des Sati­ri­kers Hen­ning Vens­ke, wel­ches lau­tet: „Men­schen mit Mäu­se­ge­hirn sind weit ver­brei­tet. Egal, zu wel­cher Spe­zi­es Sie gehö­ren: Wenn Ihre Mut­lo­sig­keit Sie zu über­wäl­ti­gen droht, flüch­ten Sie. Es gibt da meh­re­re Ange­bo­te: Vor der Geschich­te in den Opti­mis­mus, vor der Rea­li­tät in die Nost­al­gie, vor der Empa­thie in den Alko­hol, vor der Ana­ly­se in die Eso­te­rik und – beson­ders nahe­lie­gend: vor der Eigen­ver­ant­wor­tung unter die Auto­ri­tät. Oder ab nach Phan­ta­sia, ins Reich des Okkul­ten, wo feis­te Mythen schau­rig-schö­ne Wei­sen sin­gen, zum Bei­spiel Rich­tung Panem zu den Tri­bu­ten oder nach Pan­do­ra im Alpha-Cen­tau­ri-Sys­tem, viel­leicht auch zum Herrn der Rin­ge und sei­nen Hob­bits: Da lässt sich am bes­ten nach dem Sinn des Lebens for­schen, und dort wer­den Sie her­aus­fin­den: Es ist der Sinn des gesun­den Men­schen­ver­stan­des, vor lau­ter Angst ver­rückt zu werden.”

Sozia­lis­mus, Gen­der und Allah hat er ver­ges­sen (das zählt wohl ohne­hin zur Flucht unter die Auto­ri­tät), ansons­ten ist das Zitat befür­wor­tet und genehmigt. 

Eines nur muss ich pro domo anmer­ken: Ich flüch­te nicht vor der Empa­thie in den Alko­hol – das taten wohl eini­ge Stand­ort­ärz­te von Ausch­witz, bevor sie zur Selek­ti­on gin­gen –, son­dern mit dem Alko­hol in die Empa­thie. Nüch­tern ertra­ge ich kaum jeman­den. (Ich erin­ne­re zu mei­ner Ent­las­tung an die Bis­marck zuge­schrie­be­ne Sen­tenz, dass der Deut­sche erst nach einer hal­ben Fla­sche Cham­pa­gner zum Men­schen werde.)

Ach so, und eins noch: Man darf die Flucht in die Nost­al­gie nicht mit dem melan­cho­li­schen Grund­ge­fühl gegen­über dem end­li­chen Men­schen­le­ben ver­wech­seln, aus wel­chem alle Epik schöpft – und Epik ist not­ge­drun­gen retrospektiv.

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Virenschutz

(Netz­fund)

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Das Coro­na-Virus tötet über­wie­gend Alte bzw. vor­er­krank­te Älte­re, was sich mit den Erkennt­nis­sen die­ses Infek­tio­lo­gen deckt. Für die meis­ten ande­ren Men­schen ist es unge­fähr­lich und fügt sich somit in den aktu­el­len geis­ti­gen Bür­ger­krieg Jung gegen Alt bzw. Coro­na-Par­ty-fei­ern­de Kli­ma­kids gegen Oma Umweltsau. 

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(Dass der Knilch ohne alte wei­ße Män­ner weder ein Hän­di noch eine Blei­be noch ein Auto noch Wor­te hät­te, erwäh­ne ich der pene­tran­ten Voll­stän­dig­keit hal­ber doch. )

Eine gewis­se Ähn­lich­keit zur ille­ga­len Mas­sen­ein­wan­de­rung 2015 ff. besteht dar­in, dass sich bei die­sem dar­wi­nis­ti­schen Wett­lauf auch die Jun­gen und Fit­ten durch­setz­ten, der­weil die Schwa­chen und Alten ruhig zurück­blei­ben durften. 

Wel­che Rol­le die Ver­harm­lo­sungs­pro­pa­gan­da von Medi­en und Bun­des­re­gie­rung bei der Ver­brei­tung von Covid-19 spiel­te, erläu­tert Dirk Mül­ler. In der Tat ist es min­des­tens kuri­os, dass eine inzwi­schen Aus­gangs­sper­ren erwä­gen­de Regie­rung jah­re­lang Stim­mung gemacht hat gegen Leu­te, die sich für Kri­sen­fäl­le pro­phy­lak­tisch mit Kon­ser­ven ein­deck­ten („Prep­per”) und sie, hui-buh!, stracks dem schlim­men rech­ten Spek­trum zuordnete. 

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Übri­gens: Ein Flücht­ling ist ein Mensch, der aus einem Land flieht. Wer gezielt in ein Land flieht, dafür Schlep­per bezahlt und auf sei­nem Weg meh­re­re Gren­zen über­quert, ist ein Migrant, Glücks­rit­ter, Ein­dring­ling, Despe­ra­do, fami­liä­rer Brü­cken­kopf, Glau­bens­ver­brei­ter, Islam-Kom­bat­tant oder was auch immer, aber kein Flücht­ling. Das war der Grund für die Dritt­staa­ten­re­ge­lung bei der Grund­ge­setz­än­de­rung anno 1993, und das ist der Grund, war­um es in Deutsch­land kaum Flücht­lin­ge gibt. 

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„Die AfD hat Ihr Wahl­er­geb­nis m.E. in Thü­rin­gen nicht wegen, son­dern trotz Höcke erreicht, ein Ähn­li­ches wie in Sach­sen mit Herrn Urban, den im Ver­gleich mit Höcke kaum jemand kennt”, meint Leser ***. „In vie­len Bun­des­län­dern wür­de die AfD wahr­schein­lich ohne Spit­zen­kan­di­da­ten ähn­li­che Ergeb­nis­se erzie­len wie mit.” 

Das sehe ich ähn­lich. Die AfD wird trotz­dem gewählt, trotz Gegen­pro­pa­ga­da aus allen Roh­ren, trotz Boy­kott, trotz Anti­fa-Angrif­fen, trotz Ver­fas­sungs­schutz­be­ob­ach­tung, was zusam­men not­ge­drun­gen dazu führt, dass die Per­so­nal­de­cke dünn (wie man zuletzt bei den Kom­mu­nal­wah­len gese­hen hat) und mit­un­ter bizarr besetzt ist – der bra­ve Otto-Nor­mal-Deut­sche im geho­be­ne­ren Dienst will eben lie­ber ein recht­schaf­fe­nes, unbe­an­stan­de­tes Mit­glied einer zwar schwin­den­den, aber bis zuletzt hof­fent­lich mei­nungs­ho­mo­ge­nen Volks­ge­mein­schaft sein als ein Dissident. 

„Ich möch­te aus­drück­lich sagen”, fährt *** fort, „dass das The­ma des zum Regie­rungs­schutz mutier­ten ‚Ver­fas­sungs­schut­zes’ (der, ein welt­wei­tes Novum für einen Geheim­dienst, sei­ne Bobach­tungs­zie­le und mit­un­ter ‑Ergeb­nis­se in Echt­zeit bekannt­gibt) hier­bei kei­ne Rol­le spielt. Ich hal­te die­se Trup­pe seit Hal­den­wang für eine nicht mehr ernst­zu­neh­men­de Insti­tu­ti­on, da die Ver­fas­sung seit 2015 maß­geb­lich durch die immer noch amtie­ren­de Regie­rung gebro­chen wur­de. Ich habe auch nichts gegen Höcke, weil er so aus­sieht, wie er aus­sieht, und habe mir, als Reak­ti­on auf das ZDF-Som­mer­inter­view, z.B. das ‚Compact’-Sonderheftchen durch­ge­le­sen und dar­an nichts gefun­den, was nicht auch schon mit Kapi­tel­über­schrif­ten wie ‚Iden­ti­tät Deutsch­lands bewah­ren‘ im CDU/C­SU-Wahl­pro­gramm 2002 stand.

Uner­träg­lich sind hin­ge­gen sei­ne Ent­glei­sun­gen wie zuletzt, die wie­der ein­mal eine bewusst bun­des­weit Krei­se zie­hen­de Pro­vo­ka­ti­on dar­stel­len und eben­so eine par­tei­in­ter­ne Kriegs­er­klä­rung sind. Die­ser Feh­de­hand­schuh wur­de nun anschei­nend auf­ge­nom­men. Par­tei­kol­le­gen ‚aus­schwit­zen’ zu wol­len, spielt sich auf eben­so erbärm­li­chen und abgrund­dum­mem Niveau ab wie die­se als ‚Krebs­ge­schwür’ zu titu­lie­ren. Ich den­ke, die AfD wür­de mit einem Aus­schluss Höckes soviel Mit­glie­der ver­lie­ren wie die ‚Jun­ge Frei­heit’ nach dem Bruch von Die­ter Stein mit die­sem an Lesern ver­lo­ren hat, aller­dings im Wes­ten mas­siv zuge­win­nen, wenn der rest­li­che Rah­men stimmt. Und ein paar Mit­glie­der zu ver­lie­ren wird sicher nicht scha­den, z.B. die 21, die in Braun­schweig Gede­on als Vor­stand wäh­len wollten. 

Ansons­ten mache ich mir ernst­haf­te Sor­gen z.B. über Herrn Resch, DUH, des­sen Geschäfts­feld weg­zu­bre­chen droht und der nun in Fried­richs­ha­fen sitzt, trau­rig auf den Boden­see blickt und von Brüs­sel und vom Hacke­schen Markt träumt wäh­rend sein ‚Luft­han­sa Sena­tor Sta­tus’ bedroht wird. Auch besor­gen mich die arbeits­lo­sen Text­lie­fe­ran­ten von Gre­ta Tugut oder die Orga­ni­sa­to­ren der Schlep­per­boo­te vor Liby­en über die kei­ner mehr berich­tet. Könn­te man nicht, wenn einem an der Ret­tung der Welt gele­gen ist vor­geb­lich, sich ‚for Future’ auch im Sin­ne eine ‚Corona’-Hilfe enga­gie­ren? Z.B. durch Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen, Kran­ken­be­treu­ung in Hos­pi­tä­lern, Onlin­e­be­ne­fiz­ver­an­stal­tun­gen, Ein­kaufs­hil­fe für Betag­te die allei­ne in Woh­nun­gen sit­zen? All das wird’s wohl nicht geben. Auch die ‚Grü­nen’ schei­nen verstummt.”

Stimmt. Das Virus mag aus anthro­po­zen­tri­scher Sicht ein übler Gesel­le sein, aber es ist dafür ver­ant­wort­lich, dass die Gren­zen wie­der kon­trol­liert wer­den, dass die EU in all ihrer pran­gen­den Unwich­tig­keit dasteht, dass die Grü­nen und Gre­ta nicht nur die Klap­pe hal­ten, son­dern alle west­li­che Welt sich in Ruhe ver­ge­wär­ti­gen kann, wie eine Gesell­schaft und die zu ihr gehö­ren­de Wirt­schaft aus­sä­hen, wenn die­sen Figu­ren das Sagen hät­ten. Das wird sich in den nächs­ten Wochen aber noch deut­li­cher offen­ba­ren. Ob Coro­na Trump besiegt, wie ein Ana­lyst erstaun­lich früh ora­kel­te, wer­den wir sehen. Die Jün­ger Gre­tas aber dürf­te das Virus längst erle­digt haben.

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PS: Leser*** ist sau­er über den Vor­red­ner und des­sen Zitie­rer: „Ich kann­te Sie gar nicht. Über Höcke kam ich dann zur Sezes­si­on und Kubit­schek und von dort irgend­wann zufäl­lig auch zu Vide­os mit Ihnen. Dass ich Sie über­haupt ken­ne, ver­dan­ken Sie Höcke.”

Und vice ver­sa, geehr­ter Herr! 

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Die­sen emi­nen­ten Dia­log kom­men­tiert Freund ***, der mich dar­auf hin­wies, mit einer Anek­do­te, „die Juli­us Schoeps erzählt hat (sie ist nir­gends schrift­lich festgehalten):

1934, Ku’damm. Hans-Joa­chim Schoeps trifft zufäl­lig auf Hans Blü­her, und der sagt zu ihm: ‚Ach, Herr Schoeps, die­se Nazis haben wirk­lich alles ver­hunzt, sogar den Antisemitismus!’ ”

PS: Leser *** weist dar­auf hin, dass die­se Anek­do­te doch publi­ziert wur­de, und zwar in Schoeps Auto­bio­gra­phie „Die letz­ten 30 Jahre”.

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Leser *** macht dar­auf auf­merk­sam, dass die FAZ „mit Ein­tref­fen des Coro­na-Virus die Leser­kom­men­tar­funk­ti­on voll­kom­men abge­schafft hat. Das geziel­te Abschal­ten ein­zel­ner Kom­men­tar­mög­lich­kei­ten ging zwar schon frü­her los, näm­lich mit der Bericht­erstat­tung über die Blut­tat von Hanau, wozu sys­te­ma­tisch kein ein­zi­ger Ari­ti­kel der FAZ kom­men­tiert wer­den konn­te, ver­mut­lich mit dem Ziel, das media­le Trom­mel­feu­er gegen die angeb­li­che geis­ti­ge Mit­tä­ter­schaft der AfD unge­stört und ohne kri­ti­sche Stim­men im Hin­ter­grund durch­zu­zie­hen. Ein Schelm, der hier nicht gesteu­er­te Absicht erkennt. Denn wer in der Ver­gan­gen­heit das ab und zu frei­ge­schal­te­te Leser­fo­rum der FAZ zu bestimm­ten ‚Reiz­the­men’ auf­such­te, konn­te fest­stel­len, dass dort die Bericht­erstat­tung der FAZ oft mehr­heit­lich kri­tisch hin­ter­fragt wur­de. Jetzt, in Zei­ten von Coro­na, hat die Redak­ti­on die Kom­men­tar­funk­ti­on voll­kom­men abge­schafft. Eine Begrün­dung dafür habe ich nicht gese­hen. So funk­tio­niert Mei­nungs­mit­spra­che bei der FAZ – ein Blatt, das schon lan­ge nicht mehr das ist, was es ein­mal war. Fast fühlt man ange­sichts die­ses Vor­gangs an den bekann­ten Aus­spruch von Ber­tolt Brecht erin­nert: ein­fach mal die Leser­schaft abschaf­fen. Es kann aber auch sein, dass die Redak­ti­on aus Sor­ge vor einer Infek­ti­on eine Ansamm­lung von meh­re­ren kri­ti­schen Kom­men­ta­ren nicht mehr zulas­sen möch­te. Zu groß ist die Gefahr einer Ansteckung.”

Dass die „Zei­tung für Deutsch­land” sich inzwi­schen als Ver­laut­ba­rungs­or­gan der Bun­des­re­gie­rung ver­steht, beweist sie Leit­ar­ti­kel für Leit­ar­ti­kel. „Es wird immer Par­tei­en in der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie geben, die Insti­tu­tio­nen, Man­da­te und Ver­fah­ren nur nut­zen, um einen ande­ren Staat, eine ande­re Gesell­schaft, ein neu­es Volk, ja, gar einen neu­en Men­schen zu schaf­fen”, hat etwa der FAZ-Redak­teur Jasper von Alten­bockum in einem Kom­men­tar über die AfD geschrie­ben. „Sol­che Zie­le dür­fen nur dann ver­folgt wer­den, wenn sie unver­rück­ba­re Grund­la­gen des Staa­tes akzep­tie­ren. Dazu dient die Ver­fas­sung. Die Ver­su­chung ist für radi­ka­le Kräf­te aller­dings groß, sie nur zum Schein anzu­er­ken­nen, ihr nur solan­ge treu zu sein, wie sie sich als Tar­nung ein­set­zen lässt.” 

Mit den Wor­ten „einen ande­ren Staat, eine ande­re Gesell­schaft, ein neu­es Volk, einen neu­en Men­schen” beschreibt Alten­bockum eine genu­in lin­ke Uto­pie, deren Ver­wirk­li­chung – die „Umwand­lung einer mono­eth­ni­schen, mono­kul­tu­rel­len Gesell­schaft in eine mul­ti­eth­ni­sche” (Yascha Mounk) – inzwi­schen die von allen „Alt­par­tei­en” (Cl. Roth) akkla­mier­te Poli­tik der Bun­des­re­gie­rung ist. Kon­kret geht es dabei um die Aus­dün­nung und mäh­li­che Ent­mach­tung des Grund­ge­setz-Sou­ve­räns „deut­sches Volk” durch die För­de­rung einer sowohl dis­rup­ti­ven (um ein Mer­kel­sches Lieb­lings­wort zu ver­wen­den) als auch ste­ti­gen Migra­ti­on juve­ni­ler Kul­tur­frem­der einer­seits, die Aus­höh­lung der natio­na­len Sou­ve­rä­ni­tät und schlei­chen­de Ent­mach­tung des Par­la­ments auf dem Umwe­ge der immer umfas­sen­de­ren Unter­wer­fung unter die EU zum ande­ren. Das öde Pro­gramm heißt: Auf­lö­sung der Natio­nen und natio­na­len Tra­di­tio­nen, För­de­rung der welt­wei­ten Migra­ti­on, eth­ni­sche und sexu­el­le Diver­si­fi­zie­rung (Gen­der), Aus­höh­lung der tra­di­tio­nel­len Fami­lie, am Ende eine Welt­ein­heits­be­völ­ke­rung aus losen Ein­zel­nen, beherrscht von einer tugend­ter­ro­ris­ti­schen Welt­re­gie­rung, die jeden Ein­zel­nen bis in die letz­ten Win­kel sei­nes Sozi­al­ver­hal­tens kon­trol­lie­ren und recht­lei­ten kann. Wel­cher Nicht­fa­schist woll­te zu einem sol­chen Welt­heils­plan Nein sagen?

Jeder Weg wird gemein­hin schritt­wei­se zurück­ge­legt. Im Land­tag von NRW fand am 4. März eine Anhö­rung im Zusam­men­hang mit dem All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG, frü­her Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­setz) statt. Ein Teil­neh­mer mail­te mir Aus­zü­ge aus einem Gut­ach­ten dazu:

„Hin­ter­grund der Ein­füh­rung von Nicht­dis­kri­mi­nie­rungs­pflich­ten in das deut­sche Zivil­recht von der Uni­ons­ebe­ne her ist der Umstand, daß das Euro­pa­recht – was eben­falls in der brei­ten Öffent­lich­keit weit­hin ver­kannt wird – völ­lig anders funk­tio­niert, als etwa das natio­na­le Ver­fas­sungs­recht mit sei­nem Kata­log der Grund­rech­te, die pri­mär als staats­ge­rich­te­te Abwehr­rech­te und aus Sicht des Staa­tes als nega­ti­ve Kom­pe­tenz­nor­men zu ver­ste­hen sind, oder das natio­na­le Zivil­recht, das eben auf den Grund­satz der Pri­vat­au­to­no­mie gegrün­det ist. Pri­vat­au­to­no­mie wür­de jeden­falls in die­sem Zusam­men­hang unter ande­rem bedeu­ten, daß die inne­ren Moti­ve eines Bür­gers bei sei­nem pri­va­ten Geschäf­ten zivil­recht­lich nicht inter­es­sie­ren und staat­lich nicht zu erfor­schen sind, son­dern der Bür­ger sich bei sei­nen Ver­trä­gen eben nur an die äuße­ren Regeln zu hal­ten hat, also zum Bei­spiel sei­ne Ver­trags­part­ner nicht arg­lis­tig täu­schen darf; ob er hin­ge­gen lie­ber ein jun­ges Ehe­paar mit Kin­dern als Mie­ter haben will oder ein exzen­trisch wir­ken­des homo­se­xu­el­les Pär­chen, war her­kömm­lich immer sei­ne Pri­vat­an­ge­le­gen­heit. Gera­de die­ses staat­li­che und recht­li­che Des­in­ter­es­se an der pri­va­ten Gesin­nung eines Bür­gers (also ob die­ser etwa mit den poli­ti­schen Vor­stel­lun­gen einer bestimm­ten Par­tei inner­lich kon­form ging, oder aber die­se ablehn­te) nann­te man in der alten Bun­des­re­pu­blik ‚Frei­heit’ und betrach­te­te das recht­li­che Gege­ben­sein die­ser pri­va­ten Frei­heit als wesent­li­ches Abgren­zungs­merk­mal des eige­nen poli­ti­schen Sys­tems gegen­über den Lebens­ver­hält­nis­sen in der DDR. Umge­kehrt galt die Ver­pflich­tung des Pri­vat­man­nes, auch im Rah­men sei­ner pri­va­ten Rechts­ge­schäf­te (etwa als Arbeit­ge­ber oder Ver­mie­ter) an der Ver­wirk­li­chung über­ge­ord­ne­ter poli­ti­scher Zie­le mit­wir­ken zu müs­sen, der poli­ti­schen Theo­rie der alten Bun­des­re­pu­blik als das unver­kenn­ba­re Merk­mal eines tota­li­tä­ren Systems.”

Und an ande­rer Stelle:

„Das Euro­pa­recht kennt im enge­ren Sin­ne weder den Unter­schied zwi­schen Ver­fas­sungs­recht und Pri­vat­recht, noch den Grund­satz der Pri­vat­au­to­no­mie als Grund­pfei­ler einer frei­heit­li­chen Zivil­rechts­ord­nung. Daher ist das Euro­pa­recht auch nicht etwa ein höhe­res trans­na­tio­na­les Ver­fas­sungs­recht, son­dern es funk­tio­niert nach dem Mus­ter des fran­zö­si­schen Ver­wal­tungs­rech­tes nach pla­nungs­recht­li­chen Grund­sät­zen. D.h., es ori­en­tiert sich nicht an Tat­be­stand und Rechts­fol­ge, son­dern es gibt Zie­le vor, die von den Akteu­ren zu errei­chen sind, wobei es auf den Unter­schied zwi­schen staat­li­chen und pri­va­ten Akteu­ren nicht durch­grei­fend ankommt; das Recht defi­niert im Uni­ons­recht nicht den äuße­ren Rah­men aller Poli­tik, son­dern es dient als Werk­zeug der Gesell­schafts­ver­än­de­rung. Wo das Euro­pa­recht Grund­rech­te und Grund­frei­hei­ten gewähr­leis­tet, da die­nen die­se durch­weg nicht – im Unter­schied etwa zur Kon­zep­ti­on der Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes – der Siche­rung einer selbst­zweck­haft gedach­ten pri­va­ten Frei­heit des Bür­gers, son­dern sie sol­len den Bür­ger in die Lage ver­set­zen, dem Uni­ons­recht mög­lichst auch gegen den abwei­chen­den poli­ti­schen Wil­len eines Mit­glied­staa­tes zur Gel­tung zu ver­hel­fen. D.h., über­all tritt der instru­men­ta­le und mit­hin gera­de nicht frei­heits­si­chern­de Cha­rak­ter des Uni­ons­rechts zu Tage.”

Noch Fra­gen?

                                 ***

Als Voll­stre­cker die­ser letzt­lich ver­fas­sungs­feind­li­chen Poli­tik tritt gro­tes­ker­wei­se der Ver­fas­sungs­schutz an. In einem Inter­view sagt des­sen thü­rin­gi­scher Satrap Ste­phan J. Kramer: 

„Mir geht es um die Neue Rech­te, die nicht mehr so neu ist. Die­se Neue Rech­te exis­tiert par­al­lel zum gewalt­tä­ti­gen Rechts­ex­tre­mis­mus, wie wir ihn jüngst immer wie­der erlebt haben. Sie hat mit ihrem ‚ideo­lo­gi­schen Rechts­ex­tre­mis­mus’ seit Jahr­zehn­ten suk­zes­siv sozia­le Räu­me erobert und die­se mit ihren völ­kisch, natio­na­lis­ti­schen Gif­ten durch­setzt. Und die­se Neue Rech­te sehe ich als eine min­des­tens eben­so gro­ße Bedro­hung wie den gewalt­tä­ti­gen Rechts­ex­tre­mis­mus, viel­leicht sogar noch ein Stück mehr.”

Fal­sche Ansich­ten – und zwar des­to fal­scher, je ver­fas­sungs­kon­for­mer – sind „viel­leicht ein Stück” gefähr­li­cher als Gewalt­ta­ten: Allein für die­sen Satz müss­te der Mann ent­las­sen wer­den. (Die­se fal­schen Ansich­ten sind übri­gens in den meis­ten Staa­ten nicht nur der Erde, son­dern auch Euro­pas Regierungshandeln.) 

„Sie wer­den sich fra­gen, was es noch Schlim­me­res geben kann, als wenn Blut fließt und Men­schen ver­letzt oder sogar ermor­det wer­den. Lang­fris­tig schlim­mer ist die Zer­set­zung der Fun­da­men­te unse­rer offe­nen Gesell­schaft und unse­rer Demo­kra­tie durch solch einen gif­ti­gen Spalt­pilz, wie ihn die Neue Rech­te darstellt.”

Das alte Mus­ter: Nicht die Rea­li­tät, nicht poli­tisch erzeug­te rea­le Zumu­tun­gen, son­dern Ansich­ten spal­ten die Gesell­schaft. Mar­xis­tisch erzo­gen, spie­le ich da nicht mit. 

„Jeder hat wohl seit 2015 eine zuneh­men­de Radi­ka­li­sie­rung auch in der Mit­te der Gesell­schaft bemerkt.”

War­um nur? Ist irgend­et­was passiert?

„Die­se Mit­te hat­te bis vor ein paar Jah­ren Gewalt als Mit­tel der Aus­ein­an­der­set­zung im poli­ti­schen Dis­kurs eigent­lich immer abge­lehnt. Doch plötz­lich gibt es eine Ent­hem­mung und Anwen­dung von Gewalt inner­halb der Gesellschaft.”

Anti­fa? Mes­ser­män­ner? Anis Amri? Mia und Maria?

„Da ist es nun wirk­lich kein Hexen­werk dar­auf zu kom­men, dass die poli­ti­sche Ver­gif­tung mit Hass­re­den und Het­ze ihre kon­kre­ten Wir­kun­gen nicht ver­fehlt haben.”

Ah, AfD, Inter­net, alter­na­ti­ve Medi­en als Vor­be­rei­ter von „Kas­sel” oder „Hanau”. Mei­ne Gegen­the­se habe ich längst unter dem Applaus eines FAZ-Genies for­mu­liert: Mul­ti­kul­ti ist nicht nur „geschei­tert” (A. Mer­kel), son­dern pro­du­ziert eben auch „Ver­wer­fun­gen” (Yascha Mounk).

„Im Ergeb­nis haben sich zuneh­mend Tei­le unse­rer Bevöl­ke­rung in der Mit­tel­schicht regel­recht radi­ka­li­siert. Sie ver­su­chen jetzt, mit gewalt­tä­ti­gen Maß­nah­men poli­ti­sche Dis­kus­sio­nen zu bestreiten.”

So so, Tei­le der Mit­tel­schicht ver­su­chen, „mit gewalt­tä­ti­gen Maß­nah­men” (GEZ-Ver­wei­ge­rung? Zusam­men­ste­hen zu dritt?) „poli­ti­sche Dis­kus­sio­nen zu bestrei­ten”? Mir ist kei­ne ein­zi­ge Maß­nah­me der Mit­tel­schicht bekannt. Kann inzwi­schen der gesam­te Appa­rat nur noch Mer­kel­deutsch? – Aber mal unter uns geis­ti­gen Brand­stif­tern: Wer so spricht, ist gefähr­lich. Ihm könn­te ein­fal­len, mit gewalt­tä­ti­gen Maß­nah­men poli­ti­sche Dis­kus­sio­nen zu bestrei­ten. (Nein, natür­lich wür­de das einer Lakai­en­na­tur nicht ein­fal­len. Es muss ihr schon befoh­len werden.)

„Eine Kau­sa­li­tät zwi­schen Hass und Hetz­re­den auf der einen Sei­te, sowie Gewalt­tä­tig­kei­ten gegen Men­schen und Sachen (sic!) auf der ande­ren kann heu­te nie­mand wirk­lich ernst­haft bestreiten.”

Eine Kau­sa­li­tät zwi­schen dem Import feind­li­cher Frem­der und der wach­sen­den Feind­lich­keit gegen die dafür Ver­ant­wort­li­chen indes muss jeder bra­ve schon län­ger hier Leben­de bestrei­ten, wenn ihm nicht der Regie­rungs­schutz auf die Pel­le rücken soll. 

PS: Erwähn­te ich, dass Kra­mer nicht nur der SPD ange­hört, son­dern auch im Bei­rat der Ama­deu Anto­nio Stif­tung sitzt?

PPS: „Der Aus­druck ‚Dumm­bart’ stimmt meis­tens.”
Johan­nes Groß

                               ***

„Annah­me:”, schreibt Leser ***, „die Regie­rung ver­gibt jetzt tat­säch­lich unbe­grenz­te Kre­di­te an Unter­neh­men und in drei Mona­ten läuft die Wirt­schaft nor­mal; dann haben wir im Herbst 2021 Bun­des­ta­ges­wahl; wenn dann rot-rot- grün dran­kommt, pas­siert fol­gen­des: Jus­tiz­mi­nis­te­rin Kip­ping bringt zusam­men mit Wirt­schafts­mi­nis­ter Rix­in­ger ein Gesetz ein, das besagt, dass alle Staats­kre­di­te (weil sie sowie­so nicht zurück­ge­zahlt wer­den kön­nen) im Wege eines Debt-to-Equi­ty swaps in Eigen­ka­pi­tal umge­wan­delt wer­den. Dann haben wir auf demo­kra­ti­sche Wei­se und unter dem Jubel der ÖR den Sozia­lis­mus eingeführt.

Auch Immo­bi­li­en­be­sit­zer soll­ten sich nicht freu­en: über Zwangs­hy­po­the­ken hat man schon mal wäh­rend der Euro-Kri­se laut nach­ge­dacht. Das wird noch rich­tig lustig.”

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23. März 2020

Neme­sis: Das Leben kann so ein­fach sein. PS: „Der Frau kann gehol­fen wer­den. Ein mir bekann­ter Spar­gel­bau­er in Süd­hes­sen…

1. Mandrill 2020

„Damit ein Skep­ti­ker gebo­ren wird, müs­sen tau­send Gläu­bi­ge wüten.” Cioran *** Grund­le­gen­de Anläs­se, ihm zu wider­spre­chen, bie­tet Had­mut Danisch…

Intelligenzpresse

Im Arti­kel der FAZ über die AfD-nahe Desiderius-Erasmus-Stiftung… … fabri­ziert der Ver­fas­ser, augen­schein­lich „ein nor­ma­les Pro­dukt unse­res staat­li­chen…

17. Dezember 2018

Über­all in Euro­pa, Aus­tra­li­en oder anders­wo im soge­nann­ten Wes­ten, wo Mus­li­me in gro­ßer Zahl ein­wan­dern, gehö­ren sie zu…