1. Mandrill 2020

„Damit ein Skep­ti­ker gebo­ren wird, müs­sen tau­send Gläu­bi­ge wüten.„
Cior­an

                                ***

Grund­le­gen­de Anläs­se, ihm zu wider­spre­chen, bie­tet Had­mut Danisch ja nicht, Nuan­cen dage­gen schon. Zum Bei­spiel in sei­ner jüngs­ten Phil­ip­pi­ka gegen die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten, die er qua­si als Anti­kli­max zur vor­her­ge­hen­den Prei­sung der natur­wis­sen­schaft­li­chen For­schung vor­trägt, gera­de heu­te, in pan­de­mi­schen Zei­ten. Hui und pfui. 

Was sein Lob der „har­ten” Wis­sen­schaf­ten, Lob der Natur­for­schung, Lob der Tech­nik betrifft, bin ich ziem­lich d’ac­cord (Tech­nik ist oft Tin­n­eff). Was er über die Jour­na­lis­ten im All­ge­mei­nen und die ttt-Aka­de­mi­ker­p­re­ka­ri­ats­sen­dung des Herrn Moor (weder Karl noch Franz) sagt: dito. Danischs Ver­ach­tung für die soge­nann­ten Geis­tes­wis­sen­schaf­ten pflich­te ich bei, sofern expli­zit jenes Seg­ment in Rede steht, an dem sich der Bra­ve bevor­zugt abar­bei­tet: Gen­der, Sozi­al­kram, Post­struk­tu­ra­lis­mus, die­se „hoch­ag­gres­si­ve Dum­men­trup­pe”, die sich „ernst­lich ein­bil­det, es gäbe kei­ne Rea­li­tät, alles nur Gere­de – weil es bei ihnen nicht mehr als Gere­de gibt. (…) Die haben die letz­ten Jah­re das Ziel ver­folgt, alles das zu sabo­tie­ren und abzu­schaf­fen, was uns jetzt gera­de ret­ten kann: Medi­zin, Bio­lo­gie, For­schung, Wis­sen­schaft, Gren­zen, Staat. Das ist genau die Wis­sen­schafts­feind­lich­keit, die­ses Sabo­ta­ge­tum, das ich hier schon so lan­ge beschreibe.” 

Frei­lich, ist der Begriff „Geis­tes­wis­sen­schaf­ten” schon hei­kel – die Angel­sach­sen spre­chen tref­fen­der von Huma­nities –, so hat das, was Danisch hier beschreibt, weder mit Geist noch mit Wis­sen­schaft zu tun, son­dern es han­delt sich im mil­de­ren Fal­le um Zeit­geist­ge­döns, im schlim­me­ren um Geis­tes­zer­stö­rungs­an­lei­tun­gen oder ‑sym­pto­me.

Zu den sogen. Geis­tes­wis­sen­schaf­ten gehö­ren aber nicht nur aka­de­mi­sche Hüpf­bur­gen für neo­mar­xis­ti­sche Spin­ner und Bäl­le­bä­der für After­kul­tur­be­schwaf­ler, son­dern auch seriö­se und gran­di­os über­flüs­si­ge Wis­sens­ge­bie­te wie Alt­phi­lo­lo­gie, Ägyp­to­lo­gie, Archäo­lo­gie oder Medi­ävis­tik. Ich kann auf Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Sozi­al­psy­cho­lo­gen ver­zich­ten, auf Gen­der-Okkul­tis­ten sowie­so – die „Kri­ti­schen Weiß­seins­for­scher” frei­lich mögen aus dem­sel­ben Grun­de ewig leben wie Ephi­al­tes! –, aber ich möch­te nicht in einer Welt ohne Alt­phi­lo­lo­gen, Ägyp­to­lo­gen und Medi­ävis­ten leben. Und auch das Wör­ter­buch des Uga­ri­ti­schen will ich nim­mer­mehr mis­sen! Natur­wis­sen­schaf­ten schön und gut, aber sie mes­sen oder begrün­den kei­ner­lei Sinn. Sie ermög­li­chen ihn nur. Immerhin. 

Danisch über­ant­wor­tet näm­lich nicht nur die Geschwätz­kund­ler der Ton­ne, son­dern – mit der tücki­schen Abwä­gung, was unver­zicht­bar sei – auch die Küns­te: „Dass Kunst und Sport gera­de weg sind, weil sie nicht wirk­lich wich­tig sind und zum Unter­hal­tungs­pro­gramm gehö­ren”, stel­le uns vor die Fra­ge, „wozu man sie eigent­lich so braucht und was der Gesell­schaft fehlt, wenn man sie nicht mehr hat. (…) Stellt Euch vor, Coro­na ist vor­bei, und kei­ner will sie zurück haben? Ist es viel­leicht wie bei der Dro­ge, dass nur die Sucht das Ver­lan­gen steu­ert, aber der Ent­zug einen bemer­ken lässt, dass man sie nicht braucht?”

Hier nun ist Wider­spruch fäl­lig. Wenn ich vor die Wahl gestellt wür­de, ent­we­der auf Gesund­heits­ver­sor­gung oder auf die Küns­te zu ver­zich­ten, wür­de ich mich seuf­zend gegen Ers­te­re ent­schei­den – wobei ich zu den Küns­ten selbst­re­dend auch die Musik rech­ne sowie alle Lite­ra­tur, und Lite­ra­tur ist für mich getreu der Defi­ni­ti­on von Don Nicolás „alles, was mit Talent geschrie­ben ist” –, denn ein Leben ohne Küns­te wäre ein Irr­tum. Wozu soll­te ich gesund blei­ben, wenn ich dazu ver­dammt wür­de, geis­tig die Exis­tenz eines Bar­ba­ren zu füh­ren? Ein Leben ohne die Küns­te – und das wäre ja letzt­lich ein Leben ohne mich – emp­fän­de ich als so gro­tesk sinn­los, dass ich es mir recht zügig neh­men wür­de.
Sela, Psal­me­nen­de.   

                                ***

Geneig­te® Leser*_inx, len­ken Sie Ihre geschätz­te Auf­merk­sam­keit bit­te auf die­se Gegen­über­stel­lung. Was ist falsch?

AxtMachete

Münchhausen

 
Was, fra­ge ich, ist falsch?

Genau. Der Täter mit Axt und Mache­te mag unter psy­chi­schen Pro­ble­men lei­den – es klingt nach „Schei­dung auf afgha­nisch” (und wenn: Irgend­was wird sie schon gemacht haben) –, doch sei­ne Tat ist ein­deu­tig rechts. Aus drei­er­lei Grün­den. Ers­tens han­delt es sich um einen Mann, kei­nen alten wei­ßen zwar, aber das Leben ist kein Wunsch­kon­zert. Zwei­tens ist Gewalt immer rechts, wie der SPD-Den­ker R. Steg­ner sta­tu­iert und nach­ge­wie­sen hat. Drit­tens fällt mir gera­de nicht ein, geht aber in die­se Richtung. 

Man mag jetzt ein­wen­den, dass Ras­sis­mus als Tat­mo­tiv nicht in Fra­ge kommt (aber Sexis­mus = rechts!), denn die Ver­wen­dung von Axt und Mache­te deu­tet dar­auf hin, dass der Trau­ma­ti­sier­te noch nicht län­ger hier lebt, mit­hin eher sel­ber Opfer zumin­dest von struk­tu­rel­lem Ras­sis­mus wur­de, der immer von der Mehr­heits­ge­sell­schaft aus­geht und nie­mals umge­kehrt, wie zum Bei­spiel die­ses Recht­lei­tungs­por­tal von Hoch­be­gab­ten für Hoch­be­gab­te vor­bild­lich darlegte:

„Der Ras­sis­mus­vor­wurf wird von unten nach oben erho­ben: Men­schen die unter­drückt wer­den, zei­gen die­se Unter­drü­ckung auf. Die Unter­drü­cken­den sind dabei in der Mehr­heit, sonst wür­de sich die Situa­ti­on gar nicht erst erge­ben.”
(Des­we­gen gab es auch kei­nen Ras­sis­mus in Süd­afri­ka, bevor Man­de­la ihn dort nolens volens etablierte.)

Ras­sis­mus führ­te indes den Abzugs­fin­ger des Amok­läu­fers rech­ten Hass­tä­ters von Hanau, der ein Mit­glied der einst­wei­len noch Mehr­heits­ge­sell­schaft war, von der er immer­hin ca. die Hälf­te zu opfern sich bereit­erklär­te (und er fing ja bei sich und sei­ner Mut­ter damit wie­der­gut­ma­chungs­er­hei­schend an). Nach­dem das BKA kurz­zei­tig den fal­schen Anschein erweckt hat­te, man habe kei­nen Beleg dafür gefun­den, dass Tobi­as Rath­jen ein Rechts­ex­tre­mist gewe­sen sei oder wenigs­tens Kon­tak­te zur rechts­ex­tre­men Sze­ne, wie man sagt, unter­hielt, macht nun des­sen Chef Hol­ger Münch deut­lich, dass er die Lek­ti­on aus dem Fall des Hans-Georg Maaßen ver­stan­den hat. Wenn alle Par­tei­en des anti­fa­schis­tisch-demo­kra­ti­schen Blocks und sämt­li­che Wahr­heits- und Qua­li­täts­me­di­en der demo­kra­tisch ermit­tel­ten Ansicht sind, dass der Mord­schüt­ze ein Rech­ter war und die AfD mit­ge­schos­sen hat, kann sich nicht irgend­ein Kri­mi­na­ler hin­stel­len und das Gegen­teil behaup­ten. Das wäre ja so, als wür­de ein Ver­fas­sungs­schüt­zer flun­kern, es habe in Chem­nitz nach dem bedau­er­li­chen Zwi­schen­fall mit zwei Schutz­su­chen­den gar kei­ne „Hetz­jag­den auf Aus­län­der” gege­ben.
 

PS: „Das grund­le­gen­de Pro­blem hin­ter der Straf­tat eines Migran­ten ist die poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung dafür”, sag­te übri­gens der Herr Maaßen gele­gent­lich. Man sieht, ihm wur­den Schild und Schwert der Alt­par­tei­en zu recht ent­wun­den. Der Gro­ße Vor­sit­zen­de sprach: „Bestra­fe einen, erzie­he tau­send.” Der klei­ne BKA-Vor­sit­zen­de hat’s sofort kapiert. 

PPS: Alles Gute, Wah­re und Schö­ne zu den not­we­ni­gen und gerecht­fer­tig­ten Kos­me­tik­maß­nah­men an der BKA-Ein­schät­zung hat, dies­mal schon wie­der beson­ders schön, Alex­an­der Wendt gesagt.

PPPS: Der Abschluss­be­richt wird nach letz­ter Aus­kunft des BKA erst in Wochen bzw. gar Mona­ten vor­lie­gen; inso­fern ist Herr Münch­hau­sen gar nicht genug dafür zu prei­sen, dass er das gewünsch­te Ergeb­nis schon kennt & durchsticht.

                                 ***

„Sehr geehr­ter Herr Klo­n­ovs­ky, am 29.3. schrie­ben Sie von Ihrem Ent­schluss, Coro­na weit­ge­hend aus­spa­ren zu wol­len. Bit­te über­den­ken Sie die­se Ent­schei­dung!”, meint Lese­rin ***, Kin­der­ärz­tin. „Gegen die poli­ti­schen Maß­nah­men wel­che jetzt mit die­sem Virus begrün­det wer­den, sind die poli­ti­schen Fol­gen der Roll­ra­sen­be­we­gung der psy­chisch labi­len Fami­lie aus Schwe­den im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes ein Kin­der­spiel gewe­sen. Das Strick­mus­ter ist doch immer das Glei­che und auch für einen Lai­en zu durch­schau­en. Eine Situa­ti­on (Euro, Kli­ma, Migra­ti­on, Coro­na­ver­brei­tung…) wird in die Nähe der Apo­ka­lyp­se gerückt, wes­halb die poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen alter­na­tiv­los sei­en und bestehen­des Recht für ein höhe­res Ziel ‚vor­über­ge­hend’ aus­ge­setzt wird.

Aktu­ell kann nie­mand sagen, was die rich­ti­ge Stra­te­gie im Umgang mit Coro­na ist, da uns ver­nünf­ti­ge Daten für Deutsch­land feh­len. Es geht aus mei­ner Sicht auch nicht pri­mär um rich­tig oder falsch son­dern dar­um, dass die Poli­tik mög­lichst ratio­na­le Ent­schei­dun­gen trifft, wel­che auf Fak­ten beru­hen. Auch muss das gel­ten­de Recht von Volks­ver­tre­tern ein­ge­hal­ten wer­den. Frau Esken bringt schon mal Ent­eig­nun­gen, Ver­zei­hung ‚eine ein­ma­li­ge Abga­be durch beson­ders wohl­ha­ben­de Bür­ger’ um ‚die Staats­fi­nan­zen nach der Kri­se wie­der in Ord­nung zu brin­gen’, ins Spiel…” 

Leser ***, eben­falls Arzt, schreibt „vom son­ni­gen Zürichsee”:

„Natür­lich sind Mas­ken zur Ver­hin­de­rung bzw. Reduk­ti­on von Tröpf­chen­in­fek­tio­nen sinn­voll und wirk­sam, ins­be­son­de­re auch nor­ma­le, bil­li­ge OP-Mas­ken. Sie bie­ten kei­nen 100%igen Schutz; aber wo im Leben gibt es 100% Sicher­heit? Der Grund, dass Mas­ken nicht emp­foh­len wur­den, ist schlicht und ein­fach die Tat­sa­che, dass Euro­pa geschla­fen hat! Wenn man kei­ne Mas­ken hat, sieht es dumm aus, wel­che zu emp­feh­len … Nun ändert sich komi­scher­wei­se die Ein­schät­zung lang­sam, sie­he Herrn Kurz, das RKI.
 
Die NZZ bringt es schon in der Schlag­zei­le auf den Punkt: ‚Hygie­ne­mas­ken gegen Coro­na­vi­ren: Das BAG wider­spricht sei­nen eige­nen Emp­feh­lun­gen! Bei Tichy sogar ein Bild von Ver­sa­ger Spahn, der plötz­lich Mas­ke trägt. Wirkt fast so pro­fes­sio­na­li­siert wie ein weis­ser Kit­tel. Irre!
 
Wie man so dumm sein kann, zu behaup­ten, dass das Coro­na­vi­rus nicht durch Tröp­chen­in­fek­ti­on über­tra­gen wird (als Erkran­kung der obe­ren Atem­we­ge) und dass Mas­ken nicht davor schüt­zen, wird sich dem nor­ma­len Men­schen nie erschlies­sen. Eigent­lich muss man schrei­ben: Jetzt fal­len die Masken.”
 

Leser *** wie­der­um hat „reich­lich Ver­bin­dun­gen nach Chi­na, weil mei­ne Frau dort gebo­ren ist und fast mei­ne gan­ze Fami­lie dort lebt. 

Wir haben auch jede Men­ge Freun­de dort, in den unter­schied­lichs­ten Posi­tio­nen. So sind zwei mei­ner Schwa­ger Unter­neh­mer, unse­re bes­te Freun­din dort ist Purcha­sing Mana­ger. Da ich in letz­ter Zeit im TV lau­fend Kla­gen über den Man­gel an Mas­ken und Schutz­klei­dung in Deutsch­land und ande­ren euro­päi­schen Län­dern gehört habe, habe ich mei­ne Bezie­hun­gen etwas poliert. In con­cre­to zu einem Unter­neh­men in Shen­zhen, das die­ses Zeug her­stellt. Zwar haben chi­ne­si­sche Unter­neh­men zur Zeit kei­ne Schwie­rig­kei­ten, welt­weit Abneh­mer für die genann­ten Pro­duk­te zu fin­den, aber es ist mir gelun­gen, zu ver­ab­re­den, dass ich bevor­zugt eini­ge Lie­fe­run­gen nach Euro­pa len­ken könnte. 
 
Ich habe des­halb an die 20 oder 25 Adres­sen in Deutsch­land, der Schweiz und Ita­li­en ange­schrie­ben, dass ich Ihnen das Gewünsch­te ver­mit­teln könn­te. Ich hat­te sogar meist eine Preis- und Waren­lis­te ange­hängt. Mit äus­serst mode­ra­ten Prei­sen. Unter mei­nen Adres­sa­ten waren Kran­ken­häu­ser, Apo­the­ken­be­darfs-Shops, Minis­te­ri­en, Ämter, Gross­händ­ler, Ärz­te­ver­bän­de. Natür­lich weiss ich, dass sol­che Mails auf Miss­trau­en stos­sen – schliess­lich bin ich selbst ein miss­traui­scher Mensch. Aber wenn man eine Ware drin­gend braucht, könn­te man so einem Schrei­ber doch wenigs­tens mal ver­suchs­wei­se auf den Zahn füh­len und ihn um genaue­re Infos bit­ten, so, wie ich es ange­bo­ten habe. Jetzt raten Sie mal, wie vie­le sich bei mir, bzw. bei mei­nem chi­ne­si­schen Kon­takt, gemel­det haben: NICHT EIN EINZIGER. 
 
Inzwi­schen gilt das Ange­bot nicht mehr. Mein Part­ner in Chi­na ist irri­tiert. Und ich auch.”
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