19. April 2020

Wo libe­ra­li­siert wird, fal­len Späne.

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Am 7. Mai 1982 notier­te Johan­nes Gross in sein Tagebuch: 

„Die Juden haben recht und schlecht unter Mos­lems wie unter Chris­ten über­lebt. Das ist das Mira­kel des Hau­ses Isra­el. Wenn sei­ne Geschich­te ein­mal sub spe­cie aeter­ni­ta­tis geschrie­ben ist, wird nicht die Ver­fol­gung her­vor­ra­gen, son­dern die Dul­dung, die dem Volk zuteil wur­de, das allen ande­ren sag­te, daß es das aus­er­wähl­te sei.”

An die­se Wor­te ent­sann ich mich wäh­rend der Lek­tü­re des Romans „Jakob der Knecht” von Isaac Bas­he­vis Sin­ger. Er han­delt in der Zeit des Chmel­nyz­kyj-Auf­stands, eines gegen Polen-Litau­en gerich­te­ter Feld­zugs der Sapo­ro­ger Kosa­ken unter der Füh­rung von Boh­dan Chmel­nyz­kyi, der im letz­ten Jahr des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges anhub und bis 1657 dau­er­te. In der Geschichts­schrei­bung gilt er als Befrei­ungs­krieg des ukrai­ni­schen und des weiß­rus­si­schen Vol­kes gegen die Will­kür des pol­ni­schen Land­adels. Auf ihrem Vor­marsch Rich­tung Wes­ten rich­te­ten die Kosa­ken zahl­rei­che Mas­sa­ker an, bei denen neben Polen und katho­li­schen Geist­li­chen vor allem tau­sen­de Juden abge­schlach­tet wur­den; die Schät­zun­gen rei­chen von 18.000 bis zu 40.000 jüdi­schen Opfern.

Ange­sichts der ent­setz­li­chen Abfol­ge von Pogro­men und Ver­trei­bun­gen, die sich wie ein Gene­ral­bass durch die jüdi­sche Geschich­te zieht, mag die Bemer­kung von Gross degou­tant wir­ken. Aller­dings: Was ist die Geschich­te ande­res als eine depri­mie­ren­de Serie von Mord, Krieg, Mas­sa­ker, Ver­fol­gung und Aus­mer­zung? Als Chmel­nyz­kyi sei­nen Zug begann, lagen die deut­schen Lan­de in Trüm­mern und jeder drit­te Ein­woh­ner war der Sol­da­tes­ka oder dem Hun­ger zum Opfer gefal­len. Zuvor hat­ten die Spa­ni­er Süd­ame­ri­ka und davor die Mon­go­len die sla­wi­sche und die mus­li­mi­sche Welt ver­wüs­tet und gan­ze Städ­te aus­ge­mor­det; davor waren ihrer­seits die Mus­li­me unter ande­rem mor­dend in Nord­in­di­en ein­ge­fal­len und und und. Zum ande­ren darf man nicht ver­ges­sen, wie mäch­tig Gott im Mit­tel­al­ter und noch in der frü­hen Neu­zeit war, Got­tes­läs­te­rung und Abfall von Gott gal­ten als todes­wür­di­ge­re Ver­bre­chen als etwa Kinds- oder sogar Königs­mord. Wenn aller­dings sub spe­cie aeter­ni­ta­tis das Beson­de­re an den goji­schen Völ­kern sein soll, dass sie jenes Volk unter sich dul­de­ten, wel­ches von sich sag­te, es sei das aus­er­wähl­te, stellt sich auto­ma­tisch die Fra­ge nach der umge­kehr­ten Per­spek­ti­ve: Wie brach­ten die Juden es fer­tig, das durch­zu­hal­ten – trotz des stän­di­gen Blut­zolls, der sei­nen grau­si­gen Höhe­punkt in der Shoa erreich­te, wel­che sich aber aus der Gesamt­schau auf die Geschich­te der Kin­der Isra­els in die Pogro­me und Mas­sa­ker davor ein­füg­te? Woher nah­men sie ihr stau­nens­wer­tes Selbst- und Sonderbewusstsein? 

Vor zwan­zig Jah­ren lös­ten sol­che Gedan­ken anti­se­mi­ti­sche Emp­fin­dun­gen in mir aus (doch, doch, anti-semi­tisch ist kor­rekt, und zwar bezieht sich die­ser Ter­mi­nus nicht auf die semi­ti­schen Völ­ker, son­dern auf die Nach­fah­ren Sems gemäß Noahs Ruf aus 1 Mose 9,26: „Geprie­sen sei Jah­we, der Gott Sems!”). Das heißt, ich stell­te mich auf die Sei­te der Vie­len gegen die anma­ßen­den Weni­gen. Gott hat es mir ver­ge­ben, wie er mir auch ver­zie­hen hat, dass ich nicht an ihn glau­be, denn aus Sei­ner War­te ist jeder Athe­ist ein köst­li­cher Witz­bold. Auch ich habe mir ver­zie­hen, denn ich emp­fand bis­wei­len anti­se­mi­tisch zu einer Zeit, als man damit kei­nen Blu­men­topf hät­te gewin­nen kön­nen. Inzwi­schen sehe ich die Sache mit den Juden anders­her­um, unab­hän­gig davon, ob nun eine Kor­re­la­ti­on oder Kau­sa­li­tät dazu besteht, dass Anti­se­mi­tis­mus neu­er­dings wie­der in Mode kommt. Was liegt an den Vie­len? Was gibt es Unan­ge­neh­me­res als die Majo­ri­tät? Ich will mei­ne ver­blei­ben­den Jah­re lang nur­mehr noch das Beson­de­re, das Dis­tink­te, das Exklu­si­ve prei­sen. Mer­ke Mark Twain: Es stimmt nicht, dass wir arro­gant sind, wir wol­len nur unter uns blei­ben. Oder, in die­sem Zusam­men­hang nicht unpi­kant, mer­ke Ernst Nol­te: Wenn Hit­ler, einem Zeug­nis von Goe­b­bels zufol­ge, gesagt hat, der Jude sei das „abso­lut intel­lek­tu­el­le Wesen”, dann möge sich jeder Intel­lek­tu­el­le dar­über im kla­ren sein, dass er „in den Juden sein eigens­tes Wesen ver­wor­fen sieht” („Streit­punk­te”, Ber­lin 1993, S. 401).

Mit einem Satz: Der Gedan­ke der Erwäh­lung ist mir hoch­sym­pa­thisch, so wenig er schaum­ge­bo­ren und so sehr er getrübt ist durch sei­ne Her­kunft aus dem Geis­te des Res­sen­ti­ments, der schöp­fe­ri­schen Kom­pen­sa­ti­on, der jenes klei­ne Völk­chen zusam­men­schmie­de­te und tran­szen­dent wer­den ließ, das als ein Spiel­ball zwi­schen Assy­rer, Ägyp­ter, Hethi­ter, Baby­lo­ni­er und spä­ter Römer gera­ten war und zuletzt in alle Win­de unter die Völ­ker zer­streut wur­de. Aber im Ghet­to bewähr­te sich die Treue Isra­els über Genera­tio­nen und alle Pogro­me hin­weg. Heu­te haben die Juden ihr Land, die „reli­giö­se Wet­ter­ecke des Pla­ne­ten” (Peter Slo­ter­di­jk), zurück­ge­won­nen, nach­dem sie den fürch­ter­lichs­ten Anschlag auf ihre Exis­tenz über­stan­den haben, und Atom­ra­ke­ten ste­hen zu des­sen Schutz bereit. Wer nach Bewei­sen für Got­tes Plä­ne sucht, kann durch­aus fün­dig werden.

Ich bin ein biss­chen abge­schweift, aber was wäre dem Leben ange­mes­se­ner als die Abschwei­fung? Ich las also Sin­gers Roman, und ich las ihn atem­los in einem Zug, die Nacht hin­durch bis in den Mor­gen, obwohl er schreck­lich ist und der Leser das Umwen­den jeder Sei­te zu fürch­ten beginnt, unge­fähr wie man sich fürch­tet, in den dunk­len Gas­sen einer ver­ru­fe­nen Gegend um die jeweils nächs­te Ecke zu bie­gen. Es ist eine Lie­bes­ge­schich­te weit über den Tod hin­aus, und es ist der Ver­such einer Ant­wort auf die Fra­ge, wie ein Mensch alle Schre­cken über­ste­hen kann, ohne an sich und sei­nem Glau­ben irre zu werden.

„Was ist das Leben ande­res als ein Tanz über Grä­bern?”, singt im Roman der Bad­chan, der Unter­hal­ter der Hoch­zeits­ge­sell­schaf­ten. Die­ses Bewusst­sein ist mei­ner und vor allem der Fol­ge­ge­nera­ti­on abhan­den gekom­men. Die Poin­te bei den­je­ni­gen, die sich „Fri­day for Future” auf die Pla­ka­te schrei­ben (eine eige­ne Spra­che besit­zen sie nicht mehr; man merkt es auch, wenn sie deutsch reden), besteht dar­in, dass nie­mand eine Zukunft haben wird, der kei­ne Ver­gan­gen­heit und kei­ne Ehr­furcht vor den­je­ni­gen kennt, auf deren Dasein sein Leben fußt; es dau­ert frei­lich eine Wei­le, bis die­se Lek­ti­on ver­ab­folgt sein wird. Die Poin­te bei den Kin­dern Isra­els wie­der­um besteht dar­in, dass sie heu­te in den Augen vie­ler Glo­ba­li­sie­rer und one-world-Agen­ten wie­der wie die ver­stock­ten, bekeh­rungs­un­wil­li­gen Ghet­to­ju­den in den Augen der Chris­ten dastehen.

Das führt mich zur nächs­ten nahe­lie­gen­den Abschwei­fung. Ver­gan­ge­ne Woche schau­te ich mir den Net­flix-Vier­tei­ler „Unor­tho­dox” nach dem auto­bio­gra­phi­schen Best­sel­ler von Debo­rah Feld­man an. Der Film ist nicht so übel, wie man bei einer deut­schen Pro­duk­ti­on befürch­ten muss, was unter ande­rem dar­an liegt, dass die drei Haupt­rol­len und auch eini­ge Neben­rol­len mit jüdi­schen Schau­spie­lern besetzt sind. Feld­man schil­dert in ihrem Buch, wie sie aus dem geschlos­se­nen ultra­or­tho­do­xen New Yor­ker Juden­tum gewis­ser­ma­ßen deser­tiert ist, und sie beschreibt die­ses Milieu aus­führ­lich, sei­ne Glau­bens­stren­ge, den strikt durch­or­ga­ni­sier­ten All­tag, die Abschot­tung, den halb erwünsch­ten, halb erzwun­ge­nen Kin­der­reich­tum, die skur­ri­len Bräu­che und rigi­den Vorschriften.

Ortho­do­xe Jüdin­nen sche­ren sich bei­spiels­wei­se das Haar kurz und tra­gen Perü­cken, ana­log zum Kopf­tuch der Mus­li­min­nen. Sie suchen sich ihr Ehe­ge­spons nicht aus, son­dern wer­den ver­hei­ra­tet, nach­dem sie ihren künf­ti­gen Part­ner in einem zwan­zig­mi­nü­ti­gen kon­trol­lier­ten Vier-Augen-Gespräch ken­nen­ler­nen durf­ten (ich habe in einem Jeru­sa­le­mer Hotel ein­mal einer sol­chen Hei­rats­an­bah­nung hos­pi­tie­ren kön­nen). Ihre Auf­ga­be sind der Haus­halt und das Gebä­ren mög­lichst vie­ler Kin­der. Frem­den Män­nern dür­fen sie nicht in die Augen schau­en, so wie umge­kehrt der from­me Jude auch nicht den Schick­sen in die Augen sehen soll. Kon­tak­te außer­halb ihres Sozio­tops sind nicht erwünscht, den Män­nern aber bei der Geschäfts­aus­übung gestat­tet. Am Shab­bath dür­fen from­me Juden kei­nen Hand­schlag ver­rich­ten (im Hotel­lift war­ten sie, bis ein Goj oder ein weni­ger Ortho­do­xer kommt und den Eta­gen­knopf drückt). Die peni­ble Ein­hal­tung der Spei­se­vor­schrif­ten nimmt einen erheb­li­chen Teil des Tages in Anspruch. Für Män­ner ist das täg­li­che Stu­di­um von Tanach und Tal­mud Gebot. Es gibt in die­sen Fami­li­en kein Inter­net, kein TV, kei­ne welt­li­chen Bücher oder Küns­te. Die Ähn­lich­kei­ten mit from­men Mos­lems sind evi­dent. Der­je­ni­ge, der dafür emp­fäng­lich ist, begreift den Groll der Kopie­rer aufs Original. 

Wer aus die­sem selbst­ge­wähl­ten Ghet­to aus­bricht und oben­drein noch aus dem Näh­käst­chen plau­dert – Feld­man schil­dert zum Bei­spiel aus­führ­lich die prü­de­rie­be­ding­ten Schwie­rig­kei­ten, die sie und ihr sowohl im Buch als auch im Film über­aus sym­pa­thi­scher Ehe­mann mona­te­lang am Voll­zug der Ehe hin­der­ten –, ist ein Ver­rä­ter, lädt Schan­de auf die Fami­lie und wird ver­sto­ßen. Der Leser oder Zuschau­er hat nun die Opti­on, sich mit einer von bei­den Sei­ten zu identifizieren.

Die Film­ver­si­on unter­schei­det sich deut­lich vom Buch. Das Kind, das die Haupt­fi­gur im Buch bereits zur Welt gebracht hat, trägt Esther „Esty” Shapi­ro dort noch im Bauch. Sie flieht im Film von Brook­lyn nach Ber­lin, wo sie sich einer Grup­pe von Musik­stu­den­ten anschließt und schließ­lich eine Auf­nah­me­prü­fung als Pia­nis­tin anstrebt – sie hat­te in New York bei einer Mie­te­rin ihrer Fami­lie Kla­vier­un­ter­richt genom­men –; im Ori­gi­nal kom­men weder Ber­lin noch die Musik vor. Estys Mann Yakov und des­sen Cou­sin Moi­sche fol­gen ihr nach Ber­lin, um sie, not­falls mit Gewalt, zurückzuholen.

Dass der Film ein deut­sches Copy­right trägt, offen­bart der ihn durch­zie­hen­de Ber­lin-Kitsch. Der „Reichs­hauptslum” (Don Alp­hon­so) erscheint hier als ein emo­tio­nal gut durch­wärm­tes, hyper­to­le­ran­tes, lie­bens­wür­di­ges Bio­top hilfs­be­rei­ter Kos­mo­po­li­ten. Ein bes­se­res Auf­fang­netz als die mul­ti­kul­tu­rel­le und sexu­ell diver­se Cli­que an der Musik­hoch­schu­le kann sich eine gestran­de­te reli­giö­se Rene­ga­tin auf der Suche nach indi­vi­du­el­ler Frei­zü­gig­keit nicht wün­schen, auch wenn ihr eine Stu­den­tin, eine Israe­lin übri­gens, nach dem ers­ten Vor­spiel am Pia­no­for­te unver­blümt zu ver­ste­hen gibt, was für jeden auch nur vier­tel­wegs Kun­di­gen ohne­hin klar ist, näm­lich dass sie nicht die gerings­te Chan­ce habe, die Auf­nah­me­prü­fung zu bestehen.

Ich sag­te, man ste­he nun als Zuschau­er vor der Opti­on, für eine von bei­den Sei­ten Par­tei zu ergrei­fen, was anfangs, in der Welt der Ortho­do­xen, rela­tiv leicht gelingt, denn man ver­steht Esthers Flucht­re­flex nur zu gut. Doch je län­ger die Hand­lung in Ber­lin spielt, des­to stär­ker wur­de zumin­dest bei mir die Äqui­di­stanz. Das hängt einer­seits damit zusam­men, dass mir Yakow und Mois­he, die bei­den Ver­fol­ger, weit sym­pa­thi­scher sind als Esther und ihre Stu­den­ten­trup­pe, denn sie ste­hen für etwas, so sehr man es auch ableh­nen mag, wäh­rend die ande­ren bloß Laub im Wind sind. Spä­tes­tens indes, wenn die bei­den auf der Suche nach Yakows Frau die Nacht­clubs und Tech­no-Schup­pen durch­strei­fen, wo gesichts­ge­pierc­te, täto­wier­te, in tren­di­gen Lum­pen umher­lau­fen­de, Dro­gen ein­wer­fen­de freie Men­schen fei­ern und ein Mann­weib­chen mit halb rasier­tem Schä­del die Plat­ten zum Tanz auf­legt, ver­schiebt sich die Per­spek­ti­ve noch ein­mal: Es mag bei­des absto­ßend sein, aber das eine ist es noch, das ande­re längst, das eine hat Jahr­hun­der­te über­dau­ert, das ande­re nicht ein­mal ein Men­schen­al­ter, und ich will um Him­mels­wil­len nicht ent­schei­den müs­sen, was abscheu­li­cher ist… 

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Ety­mo­lo­gie. Dis­grace bedeu­tet Schan­de, Bla­ma­ge, Schmach, grace ist die Anmut (die Gra­zi­en grü­ßen).
Wie schön: Feh­len­de Gra­zie ist eine Schande.

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Paw­low­scher Reflex:

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„Der heu­ti­ge gemei­ne Deut­sche ist inzwi­schen förm­lich süch­tig nach Regeln für sich und die Sei­nen. Der ekelt sich nahe­zu vor per­sön­li­cher Frei­heit. Man sieht es an das Mer­kel. Die Deut­schen kön­nen sich an der ein­fach nicht sattekeln.”

Aus einem Leser­brief auf der Web­sei­te von eigen­tüm­lich frei.

 

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Neu­es aus der Welt der zar­tes­ten Ver­su­chung, seit es sozia­le Kon­struk­te gibt. Eine schwar­ze Viren­for­sche­rin unter­stellt, die Covid-19-Pan­de­mie kön­ne wegen „wei­ßer Pri­vi­le­gi­en” und „sys­te­ma­ti­scher Unter­drü­ckung” der Schwar­zen auf einen „Geno­zid” an Letz­te­ren hin­aus­lau­fen. Da die­ser Vor­wurf prak­tisch immer und über­all zutrifft, erüb­rigt sich die Beweis­auf­nah­me. Es wird nur ein wei­te­res Stück in ein Mosa­ik namens Ankla­ge­schrift gegen die Wei­ßen ein­ge­fügt. Wie es aus­schaut, wird sie auch das Urteil mit­ent­hal­ten: Schul­dig in allen Punk­ten.

In den ver­gan­ge­nen fünf­zig Jah­ren hat der Ras­sis­mus in der west­li­chen Welt in einem ein­zig­ar­ti­gen Maße abge­nom­men, er ist nicht nur so gut wie ver­schwun­den, son­dern auf auto­ag­gres­si­ve Wei­se invers gewor­den, er hat sich gegen den Wes­ten sel­ber gerich­tet, aber man dankt es den selbst­kri­ti­schen Okzi­dent­lern nicht; je weni­ger Ras­sis­mus exis­tiert, des­to lau­ter wird das Geschrei über den angeb­li­chen All­tags- und Struk­tur-Ras­sis­mus, so wie das Geschrei über die schäd­li­che Umwelt­bi­lanz des Auto­mo­bils immer lau­ter erklang, je weni­ger Schad­stof­fe im Stra­ßen­ver­kehr frei wur­den; ange­feu­ert von west­li­chen Lin­ken cre­scen­die­ren die Dis­kri­mi­nie­rungs- und Ent­schä­di­gungkla­gen, und nie­mand soll glau­ben, dass sie ein­mal von selbst enden, dass sie sozu­sa­gen wie ein Feu­er all­mäh­lich aus­ge­hen, son­dern im Gegen­teil, der Ras­sis­mus gegen die eins­ti­gen wei­ßen Her­ren wird noch sei­ne gro­ßen Zei­ten erle­ben, er wird wach­sen und auf­lo­dern, sei­ne Agen­ten wer­den das Geld, die Habe und das Land der Nach­kom­men der eins­ti­gen Unter­drü­cker for­dern, und es wer­den womög­lich auch „Strö­me von Blut” (Enoch Powell) flie­ßen.

 

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Zum Vori­gen.

Die west­li­che Kul­tur „ist die ein­zi­ge, die ihre ‚Schuld’ ande­ren gegenüber ein­ge­steht und obses­siv nach eige­ner Schuld sucht. Wenn in ande­ren Kul­tu­ren von kol­lek­ti­ver ‚Schuld’ die Rede ist, dann fast aus­schließ­lich im Sin­ne von Unge­hor­sam gegenüber Gott oder sei­nen Gebo­ten. Dort begrei­fen die Eli­ten ihre eige­nen Kol­lek­ti­ve ent­we­der als unschul­di­ge Opfer oder als glor­rei­che Sie­ger. In Euro­pa hin­ge­gen emer­giert die Vor­stel­lung, ‚Täter’ zu sein und ein kulturübergreifendes ‚Unrecht’ began­gen zu haben.” 

Die­se Ein­stel­lung „ist zur Achil­les­fer­se der west­li­chen Kul­tur gewor­den. Die west­li­che Kul­tur ins­ge­samt steht ‚grou­pes mémoriels’ gegenüber, die überhaupt nicht dar­an den­ken, Schuld bei sich sel­ber zu suchen. Unter Bedin­gun­gen einer Glo­ba­li­sie­rung, die sich gegen den men­schen­recht­li­chen Uni­ver­sa­lis­mus ent­schie­den sträubt – denn sie klagt des­sen Klau­seln radi­kal ein­sei­tig nur gegen den Wes­ten ein –, ist es selbstmörderisch gewor­den, die­ser geis­ti­gen Ten­denz in unse­rer Kul­tur frei­en Lauf zu lassen.”

Egon Flaig, „Was not­tut”, Ber­lin 2019, S. 145/146

 

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Ich bin Ihnen noch die Auf­lö­sung der Coro­na-Quiz­auf­ga­be vom 15. April schul­dig. Die zitier­te Pas­sa­ge steht weder bei Grass noch bei Slo­ter­di­jk noch bei Götz Aly, son­dern in: Alex­an­der Gau­land: „Hel­mut Kohl. Ein Prin­zip”, Ham­burg 1994, Neu­auf­la­ge Ber­lin 2020, S. 65

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