23. April 2020

Ges­tern hat­te der ande­re Ban­den­chef Geburtstag:

Uljanowtchik

Lenin als Ver­tei­di­ger des Ver­samm­lungs­rechts, das ist unge­fähr wie Hit­ler als Hüter des Shabbat.
Ansons­ten pas­sen die bei­den nicht nur zuein­an­der wie Ursa­che und Wir­kung oder Yin und Yang, sie fei­er­ten auch um nur zwei Tage getrennt ihr Wie­gen­fest. Bei­der Anhän­ger tun es noch heu­te, die einen aller­dings, wie man sieht, hul­di­gen ihrem Mas­sen­mör­der ganz unge­niert und offen. Weil die­se Figu­ren sich zugleich immer so schön dar­über auf­re­gen, sei die Fest­stel­lung wie­der­holt: Hit­ler war der Gegen-Lenin. Ohne Lenin wäre er Aqua­rell­ma­ler geblie­ben. Ohne Lenins Bol­sche­wis­mus hät­te es irgend­ei­nen deut­schen Revan­che­krieg gege­ben, aber kein Drit­tes Reich. Der Natio­nal­so­zia­lis­mus war eine Häre­sie des Bol­sche­wis­mus. Wäh­rend der brau­ne Schoß nicht mehr kreißt, ist der rote frucht­bar noch…

Leser *** merkt an, ich möge doch Ernst Nol­te als Quel­le des „Gegen-Lenin” ange­ben (tat­säch­lich spricht Nol­te in „Der Faschis­mus in sei­ner Epo­che” von „Anti-Mar­xis­mus”), und fragt, ob ich auf der ori­gi­na­le­ren wenn nicht ori­gi­nel­le­ren Sei­te der Mau­er über­haupt etwas vom His­to­ri­ker­streit mit­be­kom­men hät­te. Nein, ich habe die­se Dis­kus­si­on von herr­schafts­süch­ti­gen Lakai­en über ihre Lieb­lings­ta­bus erst nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung ange­wi­dert zur Kennt­nis genom­men, aber Nol­tes zen­tra­le The­se vom kau­sa­len Nexus war mir und allen Absol­ven­ten des DDR-Schul­sys­tems alt­ver­traut. Wir beka­men in Staats­bür­ger­kun­de und Geschich­te ein­ge­bimst, dass der „Faschis­mus” – die Genos­sen spra­chen immer vom „Faschis­mus”, weil sie als sozia­lis­ti­sche Stief­brü­der der Nazis nicht den ent­lar­ven­den Begriff Natio­nal­so­zia­lis­mus benut­zen woll­ten – die letz­te und radi­kals­te Reak­ti­on des „Impe­ria­lis­mus” und der „reak­tio­närs­ten Kräf­te des Mono­pol­ka­pi­tals” auf den welt­his­to­ri­schen Sie­ges­zug des Sozialismus/Kommunismus gewe­sen sei. Wir lern­ten also Nol­tes The­se von klein­auf, nur mit dem beson­de­ren Merk­mal, dass wir gehal­ten waren, den beschrie­be­nen Sie­ges­zug ganz groß­ar­tig zu fin­den. Geschul­te Dia­lek­ti­ker, wie wir es waren, nah­men wir Hit­ler prak­tisch als Geburts­hel­fer jener bes­se­ren Welt, in der wir dan­kens­wert­wei­se ein­ge­sperrt waren. (Kei­ne Ban­ge, kommt alles wieder.)

                                 ***

Alex­an­der Gau­land, AfD, hat heu­te im Bun­des­tag vor­ge­schla­gen, die Befol­gung der Qua­ran­tä­ne­vor­keh­run­gen in die pri­va­te Ver­ant­wor­tung der Bür­ger zu über­füh­ren. Die Men­schen sei­en dazu sel­ber imstan­de; wie der täg­li­che Gang durch jede belie­bi­ge Stadt bewei­se, sei das Pro­blem­be­wusst­sein so aus­ge­prägt, dass eine wei­te­re staat­li­che Beschrän­kung der Grund­rech­te obso­let wer­de. Des­halb könn­ten auch Restau­rants, Bier­gär­ten und Kir­chen etc. unter ange­mes­se­nen Auf­la­gen wie­der öffnen. 

Gau­land sag­te: Lasst den frei­en, mün­di­gen Bür­ger sel­ber über den Grad sei­ner Vor­keh­run­gen ent­schei­den. Im Netz und vor allem auf twit­ter las ich, der Vor­schlag sei men­schen­feind­lich, men­schen­ver­ach­tend und poten­ti­ell mör­de­risch. Die­se Skla­ven­see­len und Staats­k­nu­tenknut­scher wol­len bevor­mun­det wer­den, sie wol­len geführt, gegän­gelt und gege­be­nen­falls bestraft wer­den, sie wol­len, dass auch ihre Nach­barn geführt, gegän­gelt und gege­be­nen­falls bestraft wer­den, sie wol­len sie sel­ber über­wa­chen und gege­be­nen­falls anschwär­zen. Die staats­fromm-unter­tä­ni­ge Volks­ge­mein­schafts­men­ta­li­tät fin­det die indi­vi­du­el­le Frei­heit men­schen­feind­lich.

Hören Sie sich, geneig­te Lese­rin, die Zwi­schen­ru­fe und das Hohn­ge­läch­ter der art­ge­recht Gehal­te­nen von rot bis grün an und bil­den Sie sich Ihre Mei­nung zum geis­tig-sitt­li­chen Niveau die­ses Parlaments. 

                                 ***

Noch zum Vori­gen.
Selbst­ver­ständ­lich ist die twit­ter-Bla­se alles ande­re als reprä­sen­ta­tiv für das Volk bzw. „die Men­schen da drau­ßen im Land” (A. Mer­kel), also die Nütz­lin­ge. Was sich dort mit­teilt, stammt viel­mehr zu gro­ßen Tei­len aus dem media­len und kul­tu­rel­len, nein: kul­tur­in­sti­tu­tio­nel­len Was­ser­kopf die­ses Lan­des, es sind meist Leu­te, die von staat­li­cher Ali­men­tie­rung leben und zu viel freie Zeit haben, gera­de jetzt, wo man ihre Arbeit noch weni­ger braucht als ohne­hin schon. Ihr Ein­fluss steht und fällt damit, dass man sie mit irgend­ei­ner Mehr­heit ver­wech­selt. Bernd Zel­ler lässt in sei­nem Comic im aktu­el­len Heft von Tichys Ein­blick einen erbos­ten GEZ-Kun­den die pas­sen­den Wor­te dazu sprechen:

20200423 141453

Sie sind der Rand. Sie sind die Dum­men. Sie kön­nen nichts. Und immer wiederholen!

 
                                 ***

Leser *** sen­det mir mit offen­kun­di­ger Gemüts­ver­schat­tung den x‑ten Bau­ern­fän­ger­ver­such zu, Anti­se­mi­tis­mus und „Isla­mo­pho­bie” in einen gedank­li­chen Rah­men zu quet­schen, dies­mal von einem öster­rei­chi­schen Poli­to­lo­gen – man erwar­te nicht, dass ich hier „Wis­sen­schaft­ler” schrei­be – mus­li­mi­scher Pro­ve­ni­enz vor­ge­tra­gen, einem Fascho­lali­ker, der ver­sucht, aus der Gleich­set­zung ein wenig anti­po­pu­lis­ti­schen Honig zu sau­gen, denn von irgend­et­was muss ja auch so eine Exper­te leben. Sie dür­fen aber nicht von mir erwar­ten, geehr­ter Herr ***, dass ich mich mit die­sem Text befas­se, denn es ist immer der­sel­be lang­wei­li­ge, dreis­te, talent­los geschrie­be­ne Text, auf den ich nur mit einer Wie­der­ho­lung des­sen ant­wor­ten kann, was ich schon ein­mal geschrie­ben habe, nämlich: 

Juden im Reich 1933: etwa 500 000. Mus­li­me in Deutsch­land heu­te: min­des­tens sechs Mil­lio­nen. Jetzt bit­te ver­glei­chen: Wie­vie­le Nobel­preis­trä­ger, Erfin­der, Pro­fes­so­ren, Ärz­te, Kom­po­nis­ten, Autoren, Künst­ler etc. pp. gab es unter deut­schen Juden und gibt es heu­te unter deut­schen Mus­li­men bzw. Mus­li­men in Deutsch­land? Umge­kehrt: Wie vie­le Sozi­al­hil­fe­emp­fän­ger, Ter­ro­ris­ten, Gefähr­der, Mes­ser­ste­cher, Ver­ge­wal­ti­ger etc.pp. gab es damals und gibt es heu­te unter den deut­schen Juden, und wie­vie­le gibt es unter deut­schen Mus­li­men bzw. Mus­li­men in Deutschland? 

Der Ver­gleich Drit­tes Reich-BRD mag bei der Ana­ly­se gewis­ser regie­rungs­kon­for­mer Meu­ten­in­stink­te hilf­rei­che Par­al­le­len zuta­ge för­dern, aber bei der Behand­lung von Juden und Mus­li­men führt er ledig­lich zu der nicht beson­ders sen­sa­tio­nel­len Ein­sicht in deren nahe­zu völ­li­ge Inkom­men­sura­bi­li­tät. Dafür bringt er aber etwas ganz ande­res zur noch vol­le­ren Deut­lich­keit, näm­lich was für ver­ach­tens­wer­te Ban­di­ten die Natio­nal­so­zia­lis­ten waren und was für bedau­erns­wer­te Trot­tel die Will­kom­mens­so­zia­lis­ten sind.

                                 ***

Alter­na­tiv­los:

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(Ich dan­ke Leser *** für die Zusendung.)

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