23. Mai 2020

Die aktu­el­le Vor­der­an­sicht des von einem jour­na­lis­ti­schen Frei­korps bedien­ten Sturm­ge­schüt­zes an der Ham­bur­ger Relo­ti­us­spit­ze, kos­me­tisch leicht ins Kennt­li­che korrigiert:

Stürmer neu

Der Herr rechts im Bild ist übri­gens kein AfD-Mit­glied mehr. Man kann die Ten­denz näm­lich auch anders­her­um inter­pre­tie­ren: Wie ein von inter­es­sier­ten Medi­en stets durchs Ver­grö­ße­rungs­glas prä­sen­tier­ter Par­tei­flü­gel in sei­ner tat­säch­li­chen Dimen­si­on sicht­bar wird. 

                                 ***

Wenn wir schon beim lei­di­gen The­ma sind. Wie jeder Besu­cher des Klei­nen Eck­la­dens weiß, wird hier immer akri­bisch zwi­schen Lücken‑, Lügen- und Lum­pen­pres­se unter­schie­den, und so wol­len wir es auch hal­ten im Fall des mehr als nur mut­maß­lich von Links­ex­tre­mis­ten began­ge­nen Mord­an­schla­ges auf Andre­as Zieg­ler, Mit­glied der alter­na­ti­ven Gewerk­schaft Zen­trum Auto­mo­bil, ver­übt am Ran­de der Grund­rech­te-Demo zu Stutt­gart am 16. Mai. 
 
Die dpa hat­te lako­nisch gemeldet: 

 
„Nach dem Angriff auf Teil­neh­mer der Stutt­gar­ter Coro­na-Demons­tra­ti­on schwebt eines der drei ver­letz­ten Opfer in Lebens­ge­fahr. Der 54-jäh­ri­ge Mann wer­de behan­delt, wie die Poli­zei am Diens­tag mit­teil­te. Auch sei­ne 38 und 45 Jah­re alten Beglei­ter sei­en bei der Atta­cke am ver­gan­ge­nen Sams­tag ver­letzt wor­den. Es wer­de wegen ver­such­ter Tötung ermit­telt und ein poli­ti­scher Hin­ter­grund wei­ter nicht aus­ge­schlos­sen. Der Staats­schutz sei in die Suche nach den noch unbe­kann­ten Tätern ein­ge­bun­den, hieß es weiter.

Die drei Män­ner waren am Sams­tag auf dem Weg zur Kund­ge­bung auf dem Cann­stat­ter Wasen ange­grif­fen und nie­der­ge­schla­gen wor­den. ‚Der­zeit gehen die Ermitt­ler davon aus, dass die Täter die Män­ner gezielt angrif­fen haben’, teil­te die Poli­zei mit. In der Nähe des Tat­orts sei­en zwei Schlag­rin­ge und wei­te­re Gegen­stän­de gefun­den wor­den, die mit der Tat in Ver­bin­dung ste­hen könnten.”

Die meis­ten Zei­tun­gen und Sen­de­an­stal­ten ver­mel­de­ten die Blut­tat in dür­ren Wor­ten – kei­nes­wegs alle; das huma­nis­ti­sche Leit­me­di­um Zeit etwa scheint in sei­ner online-Aus­ga­be rou­ti­niert dar­auf ver­zich­tet zu haben –, und dabei wird es wohl blei­ben; kein Skan­dal, kei­ne Kam­pa­gne, kei­ne Soli­da­ri­täts­ap­pel­le etc. Ein 54jähriger liegt im Koma, auf der Web­sei­te der Sezes­si­on steht zu lesen, ihm sei, obwohl er bereits bewusst­los war, eine Gas­pis­to­le an den Kopf gehal­ten und abge­feu­ert wor­den (dass eine Gas­pis­to­le am Tat­ort gefun­den wur­de, ver­kün­de­te dpa spä­ter eben­falls), so what? Wenn sich kein rech­ter Täter auf­trei­ben lässt, läuft die Empö­rungs­ma­schi­ne­rie nicht an, denn das wäre kon­tra­pro­duk­tiv und wür­de das Publi­kum ver­un­si­chern. (Man kann die­ses selek­ti­ve Ver­hal­ten der Medi­en auch bei Ter­ror­an­schlä­gen beob­ach­ten: Jede Woche sprengt irgend­wo in Afri­ka oder Asi­en ein isla­mi­scher Radi­ka­ler Men­schen in die Luft, mas­sa­kriert Boko Haram die Bewoh­ner eines Dor­fes, was unter „Ver­misch­tes” oder „Aus­land” kür­zest­mög­lich abge­han­delt wird. Aber wenn der Täter ein Wei­ßer ist, dem sich eine ras­sis­ti­sche, anti­mus­li­mi­sche und über­haupt rech­te Gesin­nung beschei­ni­gen lässt, kommt er auf die Sei­te 1, auch wenn er bei den Anti­po­den auf der Süd­halb­ku­gel mordet.) 

Der Mann, der in Stutt­gart sein Grund­recht wahr­neh­men woll­te, sich fried­lich und lei­der ohne Waf­fen zu ver­sam­meln, wird ent­we­der wie­der gesund oder über­lebt als Krüp­pel oder, was Gott ver­hü­ten möge, gar nicht; was auch immer geschieht, man wird es Ihnen – nicht über­all, aber da und dort – in teil­nahms­lo­sen Wor­ten mit­tei­len und zur Tages­ord­nung, dem „Kampf” gegen „rechts”, über­ge­hen, zu dem der Anschlag letzt­lich auch gehörte. 

Dass sich lin­ke Schlä­ger­ru­del durch Ereig­nis­se wie die Rück­nah­me der Minis­ter­prä­si­den­ten­wahl in Thü­rin­gen zuguns­ten des SED-Kan­di­da­ten oder die Nobi­li­tie­rung einer kom­mu­nis­ti­schen Sys­tem­geg­ne­rin zur Ver­fas­sungs­rich­te­rin in Meck-Pomm ani­miert, ermu­tigt und auch legi­ti­miert füh­len, ist durch­aus wahrscheinlich:

Screenshot 2020 05 23 21.11.52

Was aber trei­ben die Qua­li­täts­me­di­en, näher­hin jenes Seg­ment davon, dem man unbe­greif­li­cher­wei­se nach­sagt, es sei kon­ser­va­tiv? War von dort Kri­tik ver­nehm­bar? Ein #auf­schrei gar? Ach was. Aber es kün­digt sich gera­de einer an, weil der „rech­te” Schrift­stel­ler Jörg Ber­nig im düs­ter­deut­schen Rade­beul das Kul­tur­amt über­neh­men soll. 

Die Leip­zi­ger Täter­volks­zei­tung, 1894–1933 SPD, 1946–1989 SED, seit 1990 bei­des gleich­zei­tig und kreuz­wei­se, schreibt heu­te (Sei­te 5):

„Bei einer Abstim­mung am Mitt­woch gewann Ber­nig dann knapp mit 17 Stim­men, zwei Stim­men vor der Kan­di­da­tin aus Anna­berg-Buch­holz. Eini­ge der Stadt­rä­te sol­len bei der Bekannt­ga­be blass gewor­den sein. ‚Wir hat­ten in Rade­beul einen Kem­me­rich-Moment’, sagt einer von ihnen.

‚Die von unse­rer Ver­wal­tung favo­ri­sier­te Bewer­bung hat kei­ne Mehr­heit bekom­men’, sagt heu­te der par­tei­lo­se Ober­bür­ger­meis­ter Bert Wend­sche. ‚Es geht aber, bei einer demo­kra­ti­schen Wahl, nicht dar­um, ob ich den Kan­di­da­ten gut oder schlecht fin­de.’ Er wol­le, so Wend­sche nun eine Debat­te ansto­ßen. In die­ser sehen vie­le Rade­beu­ler nun eine Chan­ce: Wenn der Druck groß genug wird, könn­te der neue Amts­lei­ter nach sechs­mo­na­ti­ger Pro­be­zeit wie­der ent­las­sen wer­den. Was, wenn man so will, die Voll­endung des Rade­beu­ler ‚Kem­me­rich-Moments’ wäre.”

Die eine Wahl wird per Füh­re­rin­nen­be­fehl „rück­gän­gig gemacht”, die ande­re gilt nur „auf Pro­be”, aber die Ernen­nung einer Ver­fas­sungs­fein­din von links zur Ver­fas­sungs­hü­te­rin geht unbe­plärrt durch. Liegt es viel­leicht daran:

Merkel und Kommunistin

Und nun set­zen Sie bit­te den pas­sen­den der drei oben genann­ten Kopp­lungs­be­grif­fe zu „Pres­se” ein.

                                 ***

Alex­an­der Gau­land hat vor Zei­ten in einer Rede – viel­leicht mit einer nicht ganz glück­li­chen For­mu­lie­rung – erklärt, dass er die Natio­nal­so­zia­lis­ten für einen Hau­fen Schei­ße hält. Natur­ge­mäß muss die­se Sicht bei Leu­ten auf Able­hung sto­ßen, deren Dasein auf der fixen Idee fußt, dass die Nazis die Stif­ter einer völ­lig neu­en nega­ti­ven Reli­gi­on gewe­sen sei­en, wel­cher sie ihre Ersatz­iden­ti­tät ver­dan­ken. (Hier das aktu­ells­te Bei­spiel, am Ende, bei der zwei­ten Ant­wort der sym­pa­thi­schen Messdienerin.)

                                 ***

Oder so:

Screenshot 2020 05 23 22.10.23

                                 ***

Per­len deut­schen Geis­tes­wis­sen­schaf­fens, x.-te Fol­ge. Zum bes­ten Abspann der Film­ge­schich­te fällt einem Genos­sen bzw. Gauch namens Gei­er, der sich von Freund Hein nicht ins ega­li­tä­re Hand­werk pfu­schen las­sen will, Fol­gen­des ein:

Screenshot 2020 05 22 09.06.16

(Tho­mas Gei­er, „ ‚Doing Eth­ni­ci­ty’ durch Inter­kul­tu­rel­len Unter­richt. The­ma­ti­sie­rung natio­nal­eth­ni­scher Dif­fe­renz”, Aus: Bräu, Karin (Hrsg.); Schli­ckum, Chris­ti­ne (Hrsg.): „Sozia­le Kon­struk­tio­nen in Schu­le und Unter­richt. Zu den Kate­go­rien Leis­tung, Migra­ti­on, Geschlecht, Behin­de­rung, sozia­le Her­kunft und deren Interdependenzen”.)

                                 ***

Ich bekam neu­lich an mei­ner Plan­stel­le Besuch samt Kame­ra; wen’s inter­es­siert: Der Bei­trag fin­det sich hier.

                                 ***

„Ich durf­te”, schreibt Leser ***, „drei Jah­re in einem sta­bi­len west­afri­ka­ni­schen Land arbei­ten und arbei­te jetzt in einem ost­afri­ka­ni­schen Bür­ger­kriegs­ge­biet. In bei­den Län­dern hat­te bzw. habe ich (u.a.) mit gebil­de­ten, ruhi­gen und auf­rich­ti­gen Ein­hei­mi­schen zu tun. Die­se den­ken so über Fami­lie, Reli­gi­on, Homo­se­xua­li­tät und ande­re Völ­ker, ande­re afri­ka­ni­sche Völ­ker wohl­ge­merkt, dass ihnen in Deutsch­land regel­mä­ßig der Face­book-Account gesperrt und das Auto abge­fa­ckelt wür­de – wenn sie ihre Gedan­ken denn so in der deut­schen Öffent­lich­keit äußerten.

Dar­über hin­aus bekom­men sie alle recht detail­liert mit, was spä­tes­tens seit 2015 in Deutsch­land läuft. Prak­tisch alle mögen und respek­tie­ren die Deut­schen, aber wäh­rend die Unge­bil­de­ten die offe­nen Gren­zen als Auf­stiegs­chan­ce betrach­ten, sind die Gebil­de­ten per­plex, dass so ein rei­ches Land sei­ne Gren­zen nicht schüt­zen möch­te. Man­che (christ­li­che Ost­afri­ka­ner) kom­bi­nie­ren das noch mit einer Islam­kri­tik, für deren Vehe­menz man auf einer Pegi­da-Demo aus­ge­buht würde.

In die­sem Sin­ne – sol­len die Grü­nen ruhig recht behal­ten, Deutsch­land wird sich ‚ziem­lich dras­tisch ver­än­dern’. Ich freue mich zwar nicht so sehr wie sie dar­auf, aber ich freue mich zumin­dest auf ihr dum­mes Gesicht, wenn die Antei­le so weit ver­scho­ben sind, dass CSD-Para­den ver­bo­ten und Lehr­plä­ne geän­dert werden. 

Kurz gesagt: Mir kommt’s so vor, dass die Welt nach wie vor nor­mal ist, nur die Deut­schen halt nicht. Die sind was Besonderes.”

Total
0
Shares
Vorheriger Beitrag

21. Mai 2020

Nächster Beitrag

24. Mai 2020

Ebenfalls lesenswert

12. März 2018

Wir sind „welt­of­fen” und dür­fen uns nicht „abschot­ten”, lau­tet bekannt­lich das Man­tra der Will­kom­mens­kul­tur­schaf­fen­den und ihrer Füh­rungs­of­fi­zie­re. Aber…

16. Mai 2021

Chris­ti­an Thie­le­mann wird nur noch bis zum Som­mer 2024 die Staats­ka­pel­le Dres­den lei­ten. Die säch­si­sche Kul­tur­mi­nis­te­rin Bar­ba­ra Klepsch…

25. Juli 2020

„Die­ses klei­ne Lächeln der Cel­lis­tinnach der Kadenz im zwei­ten Satz,obwohl soeben der Sicher­heits­ratzusam­men­ge­tre­ten ist” Hans Magnus Enzensberger                                  ***…

11. April 2018

„Jedes Indi­vi­du­um mit ‚Idea­len’ ist ein poten­ti­el­ler Mör­der.„Nicolás Gómez Dávila                                    *** Man erkennt ein wirk­lich frei­es, auch…