24. Mai 2020

Die Sonn­ta­ge mit­un­ter doch wie­der (und etwas ver­spä­tet) den Künsten!

Als eine der „berüch­tigs­ten” Stel­len im Œuvre Ernst Jün­gers gilt der Ein­trag vom 27. Mai 1944 in sei­nem Tage­buch „Strah­lun­gen”, weni­ge Tage vor der alli­ie­ren Inva­si­on der Nor­man­die. Die anglo-ame­ri­ka­ni­sche Luft­waf­fe bom­bar­dier­te zu die­ser Zeit Indus­trie­an­la­gen, Bahn­hö­fe und Brü­cken in Paris. Jün­ger, der damals im Hotel „Rapha­el” wohn­te, beschreibt, wie er auf das Dach des Hotels stieg und das Schau­spiel der nahen­den Flie­ger beob­ach­te­te: „Ihr Angriffs­ziel waren die Fluss­brü­cken. Art und Auf­ein­an­der­fol­ge der gegen den Nach­schub gerich­te­ten Maß­nah­men deu­ten auf einen fei­nen Kopf. Beim zwei­ten Mal, bei Son­nen­un­ter­gang, hielt ich ein Glas Bur­gun­der, in dem Erd­bee­ren schwam­men, in der Hand. Die Stadt mit ihren roten Tür­men und Kup­peln lag in gewal­ti­ger Schön­heit, glich einem Kel­che, der zu töd­li­cher Befruch­tung über­flo­gen wird. Alles war Schau­spiel, war rei­ne, von Schmerz bejah­te und erhöh­te Macht.”

Wer an Jün­gers skan­da­lös distan­zier­ter Zeit­zeu­gen­schaft, an sei­ner ento­mo­lo­gi­schen Unter­kühlt­heit Anstoß neh­men und ihn zum „eiskalte(n) Wol­lüst­ling der Bar­ba­rei” (aus der Etap­pe: Tho­mas Mann) abqua­li­fi­zie­ren woll­te, ließ sich die­se Pas­sa­ge dabei nicht ent­ge­hen; auch in den weni­gen Inter­views wur­de der Dich­ter auf sei­ne Schil­de­rung ange­spro­chen (ich ent­sin­ne mich sogar eines Autors – aber nicht an des­sen Namen –, der ihm die Erd­bee­ren im Glas vor­warf; dabei pas­sen Erd­bee­ren wun­der­voll zum Bur­gun­der). Was aber nie­man­dem auf­fiel: Bei der Ges­te han­del­te es sich um eine Imi­ta­tio.

In Fried­rich Kitt­lers Vor­le­sung „Weltatem. Über Richard Wag­ners Medi­en­tech­no­lo­gie” (Erst­ver­öf­fent­li­chung 1986) stieß ich jetzt auf den Hin­weis, aber als Proust-Leser und ‑Bewun­de­rer hät­te ich auch sel­ber dar­auf kom­men kön­nen: „Fran­zö­si­sche Kri­ti­ker haben kürz­lich ver­sucht, aus die­sem Wein­glas den Nihi­lis­mus und Ästhe­ti­zis­mus sei­nes Trin­kers zu dedu­zie­ren. So schlecht infor­miert sind Inter­pre­ten. Denn Jün­ger auf sei­ner Hotel­ter­as­se zitier­te nur: einen ande­ren Welt­krieg, einen ande­ren Schriftsteller.”

Im sie­ben­ten Teil von „A a la recher­che du temps per­du” stat­tet Robert de Saint-Loup, der Nef­fe der Madame Vil­le­pa­ri­sis und des Barons de Char­lus, im Front­ur­laub Paris einen Besuch ab und trifft dort auch sei­nem Freund Mar­cel. Der erzählt „fast demü­tig”, wie wenig man in der Haupt­stadt vom Krie­ge zu spü­ren bekom­me. Robert ant­wor­tet, es gehe doch auch in Paris manch­mal „unglaub­lich” zu. „Er mein­te damit einen Angriff von Zep­pe­li­nen, der am Tag zuvor statt­ge­fun­den hat­te”  – es gab zwei Zep­pe­lin-Angrif­fe auf Paris, der ers­te am 21. März 1915, der zwei­te am 29. Janu­ar 1916 –, „und frag­te mich, ganz als rede er von irgend­ei­nem ästhe­tisch höchst bedeut­sa­men Schau­spiel, ob ich auch alles gut gese­hen habe. Man ver­steht noch, daß an der Front eine gewis­se Koket­te­rie dar­in besteht, in einer Situa­ti­on, in der man jeden Augen­blick getö­tet wer­den kann, etwa fest­zu­stel­len: ‚Wie wun­der­voll, die­ses Rosa und die­ses zar­te Grün!’ Aber davon war ja bis­her für Saint-Loup in Paris bei einem unbe­deu­ten­den Luft­an­griff, den man von unse­rem Bal­kon aus in der Stil­le der Nacht hat­te mit­an­se­hen kön­nen (wobei aller­dings eine wirk­li­che ‚Gala-Illu­mi­na­ti­on’ mit nütz­li­chen, unse­rem Schut­ze die­nen­den Strah­len­gar­ben und Fan­fa­ren­klän­gen statt­ge­fun­den hat­te, die nicht nur zum Zwe­cke einer Para­de ertön­ten), frei­lich nichts zu sehen. Ich sprach zu ihm von der Schön­heit der im Dun­kel auf­stei­gen­den Flugzeuge.”

Saint-Loup pflich­tet ihm bei und beschreibt, wie sich die auf­stei­gen­den Zep­pe­li­ne in sei­ner Wahr­neh­mung „zu einer Art von Stern­bild” zusam­men­fügt hät­ten. Aber fin­de er, Mar­cel, nicht auch den Augen­blick „am schöns­ten”, an dem sie „auf die Jagd” gin­gen, „den Augen­blick, in dem sie etwas Apo­ka­lyp­ti­sches bekom­men”? Saint-Loup erwähnt die den Angriff beglei­ten­den Sirenen­tö­ne, und eine Asso­zia­ti­on stellt sich ihm ein, mit wel­cher Fran­cis Ford Cop­po­la 64 Jah­re spä­ter Film­ge­schich­te schrei­ben wird: „Man muß sich wirk­lich fra­gen, ob es sich um ein Auf­stei­gen von Flie­gern oder nicht viel­mehr um Wal­kü­ren han­delt. … die­se Sirenen­tö­ne klin­gen wirk­lich nach Walkürenritt!”

Und auch die Pari­ser Hotels kom­men zuletzt ins Spiel, wenn Saint-Loup zu Mar­cel sagt, er sei sich sicher, dass man wäh­rend die­ser Luft­an­grif­fe „in allen gro­ßen Hotels ame­ri­ka­ni­sche Jüdin­nen im Hemd sehen kann, wie sie die Per­len, die ihnen ein­mal erlau­ben sol­len, einen total ver­arm­ten Her­zog zu hei­ra­ten, an ihre wel­ken Brüs­te drücken.”

 („Auf der Suche nach der ver­lo­re­nen Zeit”, Teil 7 „Die wie­der­ge­fun­de­ne Zeit”, Frank­furt 2000, S. 3790 ff.)

Im Inter­view mit dem Spie­gel erklär­te Jün­ger die Situa­ti­on auf der Dach­ter­as­se fast ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter so: „Die­se Eng­län­der den­ken, der geht jetzt in den Bun­ker. Da haben sie sich aber getäuscht. Auf die­se Spiel­re­geln las­se ich mich nicht ein. Aber die ande­ren Deut­schen und die Fran­zo­sen tun das. Sie gehen in den Luft­schutz­kel­ler, aber das ist mei­ne Sache nicht. Ich gehe in die obers­te Eta­ge und sehe mir den Luft­an­griff an. Und sehe viel­leicht durch das Sekt­glas. Dann ist das noch ein gewis­ses Bru­der­schaft­s­trin­ken mit dem Tode. Das ist der Anarch. Das ist der Mann, der sich über­haupt nicht küm­mert um die, die da oben Angst machen wol­len, und um die, die da unten Angst haben, son­dern der, der da gemüt­lich am Fens­ter steht und sieht: die Erd­bee­re kristallisiert.

Spä­ter dach­te ich, das kann ich den Leu­ten doch nicht vor­ent­hal­ten. Das mußt du ihnen auf­schrei­ben. Was pas­siert aber? Sowohl Eng­län­der als auch Deut­sche schimp­fen: Das ist ja wie bei Kai­ser Nero, oder der Autor ist noch sno­bis­ti­scher als Oscar Wilde.”

Und im Gespräch mit der Zeit, auf die Wor­te des Inter­view­ers: „Schon im Ers­ten Welt­krieg haben Sie sich, meist ohne Helm, in ver­we­ge­ne Ein­zel­ak­tio­nen gestürzt und die Gefahr genos­sen”, ant­wor­te­te die­ser Ken­taur aus Krie­ger und Dichter: 

„Gott, die Sache hat mir eben nicht so viel Angst gemacht.”

                                 ***

PS: Meh­re­re Leser machen dar­auf auf­merk­sam, dass Ernst Jün­ger sei­ne berühm­te „Bur­gun­der­sze­ne” womög­lich nur fin­giert habe. Der Publi­zist und Jün­ger­do­ku­men­te-Auf­spü­rer Tobi­as Wim­bau­er soll recher­chiert haben, dass am frag­li­chen Tag kein Luft­an­griff auf Paris statt­fand; Wim­bau­er deu­te die Sze­ne statt­des­sen als meta­pho­ri­sche Beschrei­bung des Geschlechts­ak­tes mit einer fran­zö­si­schen Ärz­tin, mit wel­cher Jün­ger damals ein Ver­hält­nis hatte. 

Mir erscheint die­se The­se zu über­spannt; ein Bom­ben­an­griff ver­hält sich zu einem Fick wie der Ödi­pus des Sopho­kles zu jenem Sig­mund Freuds; für mich ist es schwer vor­stell­bar, dass Jün­ger sich bei der Gewich­tung so ver­tan haben könn­te. Was die Mög­lich­keit einer Datums­ver­wechs­lung ins Spiel bringt. Dass die­se Sze­ne zu Jün­ger passt, steht wohl außer Fra­ge. (Ich habe übri­gens mit dem Begriff Imi­ta­tio nicht zum Aus­druck brin­gen wol­len, dass der eine Dich­ter den ande­ren mit einem erfun­de­nen Tage­buch­ein­trag zitier­te, son­dern mit sei­nem tat­säch­li­chen Verhalten.) 

„Die Kri­tik an den Erd­bee­ren”, schreibt Freund ***, „die mich auch sehr erstaun­te, galt doch ihr Urhe­ber nie als Wein­ken­ner oder irgend­wie Exper­te für höhe­re Lebens­art, son­dern woll­te stets ‚pro­le­ta­risch’ wir­ken, geht nach mei­ner Erin­ne­rung auf Han­nes Heer zurück.”

PS vom 31. Mai: Leser *** weist dar­auf hin, dass aus dem Tage­buch von Haupt­mann Max Hat­tin­gen, damals im Stab des Mili­tär­be­fehls­ha­bers in Frank­reich, her­vor­geht, dass am Abend des besag­ten Tages durch­aus ein Bom­ben­an­griff  – „6 Ket­ten zu 6 Maschi­nen” – stattfand.

Leser *** merkt an: „Daß die Bur­gun­der­sze­ne die Aus­übung des Geschlechts­ver­kehrs sym­bo­li­sie­ren sol­le, insi­nu­iert Tobi­as Wim­bau­er durch­aus nicht. Sei­ne Deu­tung der Sze­ne ist kom­plex und kann nicht auf den Unter­ti­tel ‚Kel­che sind Kör­per’ redu­ziert wer­den. Es soll­te auch der Hin­weis nicht feh­len, daß Wim­bau­er selbst in sei­nem ein­schlä­gi­gen Auf­satz die Stel­le bei Proust aus­führ­lich behan­delt, und zwar unter dem Titel ‚Vor-Bil­der der Szene’.”

Ich habe nun ver­sucht, das von Wim­bau­er her­aus­ge­ge­be­ne Buch „Ernst Jün­ger in Paris”, in wel­chem sich auch der in Rede ste­hen­de Auf­satz zur „Bur­gun­der­sze­ne” befin­det, zu kau­fen, aber es ist nir­gend­wo zu bekom­men (auf­grund mei­ner Ange­wohn­heit, Bücher mit Anmer­kun­gen zu ver­un­zie­ren, kom­men Biblio­the­ken für mich kaum in Fra­ge). Ver­gleichs­wei­se aus­führ­lich wird Wim­bau­ers Deu­tung in die­sem Auf­satz refe­riert, er muss uns hier also genü­gen. Ich zitiere:

„Nun hat es wohl man­cher geahnt: der Wahr­heits­ge­halt der Bur­gun­der­sze­ne ist nicht son­der­lich hoch – sie ist pure, lust­vol­le Sti­li­sie­rung … Zuvie­le Impli­ka­te deu­ten … auf eine hoch­kom­ple­xe Lite­ra­ri­zi­tät: auf ein (tag)traumähnliches, per Ima­gi­na­ti­on und Fabu­la­ti­on ‚kon­stru­ier­tes’ Gebil­de, das sich gän­gi­ger Moti­ve aus Lite­ra­tur, Bil­den­der Kunst, selbst der Bibel bedient. Wim­bau­er schlüs­selt sie umsich­tig auf – von der sexu­el­len Sym­bo­lik der Erd­bee­re in Boschs ‚Gar­ten der Lüs­te’, bei Vil­lon, Bür­ger und Tho­mas Mann, der christ­li­chen Fisch- und Schlan­gen­sym­bo­lik bzw. der Bedeu­tung des Weins, der Kel­ter als Zorn Got­tes, über die Bil­der der Apo­ka­lyp­se und die Opfer­hand­lun­gen bei Zosi­mos von Pano­po­lis bis hin zu den als lite­ra­ri­sche Prä­tex­te nach­ge­wie­se­nen ein­schlä­gi­gen Pas­sa­gen bei E. T. A. Hoff­mann, Proust (Flie­ger­an­grif­fe und Wal­kü­ren­ritt) oder Oscar Wil­de (Bur­gun­der­glas). Die­ses alles als ‚Humus’ Jünger’scher Ima­gi­na­ti­on und ‚Traum­ar­beit’ nach­zu­wei­sen, ist eine erstaun­li­che Rechercheleistung.

Da aber die meis­ten Bedeu­tungs­schich­ten auf ein ero­tisch-sexu­el­les Zen­trum gra­vi­tie­ren, lag für Wim­bau­er der Schluss nahe, in der Bur­gun­der­sze­ne arbei­te … eine Bewäl­ti­gungs­tech­nik, die in pri­va­tes­te Berei­che der Jünger’schen Bio­gra­phie hin­ab­steigt: daher kön­ne sie auch (nicht müs­se!) ‚ganz anders’ gele­sen wer­den, als inti­me Chif­frie­rung näm­lich, als ‚meta­pho­ri­siert-ver­schlei­er­te Schil­de­rung einer eska­lier­ten Lie­bes-Affä­re’, die Jün­ger tat­säch­lich zu der (im Tage­buch unter fünf Deck­na­men auf­tre­ten­den) deut­schen Kin­der­ärz­tin Sophie Ravoux in Paris unter­hielt, und die nach Tren­nun­gen im Mai 1944 erneut auflebte.”

Das ist alles recht hübsch und intel­lek­tu­ell reiz­voll, ändert frei­lich nichts an der Fra­ge, ob Jün­ger auf dem Dach des Hotels einen Flie­ger­an­griff als ästhe­ti­sches Ereig­nis erleb­te und den Bom­bern, also dem Tode zutrank oder nicht. Und ob er die Erd­bee­ren, nach­dem er das Glas geleert hat­te, als Nach­tisch ver­speis­te, mit oder ohne ero­ti­sche Assoziationen.

Die Sache erin­nert mich an die Bemer­kung eines (eher posi­ti­vis­tisch arbei­ten­den) Ägyp­to­lo­gen über die (durch­aus spe­ku­la­ti­ven) Publi­ka­tio­nen eines Kol­le­gen: Wenn er des­sen Bücher auf­schla­ge, erschei­ne es ihm, als habe jemand das Ägyp­ti­sche Muse­um mit Schein­wer­fer­in­stal­la­tio­nen aben­teu­er­lich illu­mi­niert, doch wenn er sie zuschla­ge, sähen die Expo­na­te wie­der genau­so aus wie zuvor.

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