5. Mai 2020

Man müs­se, schreibt Peter Slo­ter­di­jk im zwei­ten Band von „Zei­len und Tage”, den Ter­mi­nus Ehren­mord von sei­ner ori­en­ta­lisch-tri­ba­len Bedeu­tung ent­kop­peln, denn die­ses Ver­bre­chen wer­de „nahe­zu regel­mä­ßig von der moder­nen Publi­zis­tik ver­übt, indem man Per­so­nen am Medi­en­pran­ger exis­ten­ti­ell auslöscht”.

                                 ***

Neue Begrif­fe:

Kli­ma­scha­ria
Will­kom­mens­f­atz­kes
Flücht­lings­kitsch
Minis­te­ri­al­ban­dit
Bunt­heits­nip­pes

                                 ***

Wenn man wirk­lich ein­mal eine Ver­schwö­rungs­theo­rie braucht, wird kei­ne vorstellig. 

Kei­ne Ver­schwö­rungs­theo­rie kann die Fra­ge beant­wor­ten, war­um so vie­le Deut­sche Mer­kel wählen.

                                 ***

„War­um”, fragt Leser ***, „asso­zi­ie­ren Sie die stramm alles Nicht­lin­ke denun­zie­ren­de ‚Süd­deut­sche Zei­tung’ mit dem Kampf­blatt der Natio­nal­so­zia­lis­ten? Wäre ‚Neu­es Süd­deutsch­land’ nicht der tref­fen­de­re Sar­kas­mus als ‚Süd­deut­scher Beobachter’?”

Das, geehr­ter Herr ***, täte denen ja nicht weh. Im Übri­gen hal­te ich Men­ta­li­täts­kon­stan­ten für fun­da­men­ta­ler als ideo­lo­gi­sche Milch­bru­der- oder Wahlverwandschaft.

                                 ***

Schnelltests

(Netz­fund)

 
Kei­ne Regie­rung, auch die inkom­pe­ten­tes­te nicht, lässt sich die Gele­gen­heit ent­ge­hen, jene „Ängs­te” zu for­cie­ren, gegen deren Ursa­chen sie sich als Ret­ter prä­sen­tie­ren kann. Die über Kein-schö­ner-Land ver­häng­te Mas­ken­pflicht dient letzt­lich der Sta­bi­li­sie­rung des ohne­hin­ni­gen Panik­le­vels, was sich leicht dar­an erken­nen lässt, dass sie nicht ver­fügt wur­de, als die Infek­ti­ons­zah­len stie­gen, son­dern als sie zu sin­ken began­nen, denn vor­her waren halt kei­ne Mas­ken da. Nie­mand möge behaup­ten, die Din­ger besä­ßen kei­ne Wir­kung, ihre Sug­ges­tiv­wir­kung ist enorm. (Dass es sinn­vol­ler ist, eine Mas­ke zu tra­gen statt kei­ne, bleibt davon unberührt.)

Rein ästhe­tisch sind die Schlei­er sogar ein Gewinn. Eine mas­kier­te Maid wird plötz­lich geheim­nis­voll und inter­es­sant, weil sich alle Kon­zen­tra­ti­on auf die Augen rich­tet, das pri­märs­te aller sekun­dä­ren Geschlechts­or­ga­ne, und die ande­ren Details, an denen ja in der Regel irgend­ein Makel haf­tet, ver­bor­gen und damit der Phan­ta­sie des Betrach­ters über­las­sen blei­ben. Man kennt die­ses Phä­no­men der spre­chen­den Augen aus ori­en­ta­li­schen Län­dern, doch eine Mas­ke ver­hüllt weder das Haar noch müs­sen die Frau­en mono­chro­me Ganz­kör­per­sä­cke tragen… 

                                 ***   

Fro­he Kun­de kommt aus der Welt der Schie­nen­fahr­zeu­ge. Nach andert­halb Jahr­hun­der­ten binä­rer Dis­kri­mi­nie­rung – der Wag­gon, die Loko­mo­ti­ve – sagen muti­ge Quee­ru­lan­ten der Zwangs­he­te­ro­nor­ma­ti­vi­tät den Kampf an:

Transwaggon

PS: Leser *** fragt, ob ich etwa aus schie­rer Russo­pho­bie die durch und durch gen­der­ge­rech­te „Trans­si­bi­ri­sche Eisen­bahn” über­se­hen hätte. 

                                 ***

Mit der soge­nann­ten Coro­na­kri­se ver­bin­den sich auch vie­le Hoff­nun­gen, nicht nur im Sin­ne des beschleu­nig­ten Erb­an­tritts oder der Abschaf­fung läs­ti­ger Grund­rech­te, auch in jenem des rei­ni­gen­den Gewit­ters. Danisch hat gera­de eine ent­spre­chen­de Beob­ach­tung gemacht

Ame­ri­ka­ni­sche Uni­ver­si­tä­ten fan­gen an, Non­sen­se-Fakul­tä­ten wie Gen­der- oder Afri­can-Ame­ri­can-Stu­dies auf­zu­lö­sen, die ein­fach kei­nen Nut­zen produzieren:

„Anschei­nend hat man schon län­ger drauf gelau­ert, den Schwach­sinn los­zu­wer­den, nur kei­ne recht­li­che Hand­ha­be gehabt. Coro­na lie­fert die Gele­gen­heit. (…) Beacht­li­che Wir­kung: Durch das Coro­na-Virus wer­den ame­ri­ka­ni­sche Uni­ver­si­tä­ten wie­der gesund.”

                                  ***

Nach dem lei­der, lei­der von Links­ex­tre­mis­ten vor­ge­tra­ge­nen und des­we­gen prak­tisch längst ver­ges­se­nen Angriff auf einen Dreh­trupp der heu­te show stieß ich im Netz auf die­se prä­gnan­te Zusam­men­fas­sung von deren Sen­de­kon­zept (das den gan­zen Vor­fall umso rät­sel­haf­ter macht; hat­te das Kamer­team die Lin­ken womög­lich gegen deren Wil­len gefilmt, weil man die für rech­te Anti-Qua­ran­tä­ne-Demons­tran­ten hielt?): 

96016435 606836186707917 4601403712101941248 o

                                  ***

„Tsche­chow und Pusch­kin sind hin­sicht­lich der voll­stän­di­gen Har­mo­nie, die ihre Wer­ke zum Aus­druck brin­gen, die reins­ten Autoren, die Russ­land her­vor­ge­bracht hat. Es war hart für Gor­kij, dass ich in der­sel­ben Vor­le­sung über ihn gespro­chen habe, aber der Unter­schied zwi­schen den bei­den ist höchst lehr­reich. Wenn Russ­land im 21. Jahr­hun­dert hof­fent­lich ein ein­neh­men­de­res Land ist als jetzt, wird Gor­kij nur noch ein Name in einem Lehr­buch sein, Tsche­chow aber wird leben, so lan­ge es Bir­ken­ge­höl­ze, Son­nen­un­ter­gän­ge und den Drang zu schrei­ben gibt.”

(Von Nabo­kov spä­ter gestri­che­ner Pas­sus aus sei­ner Tsche­chow-Vor­le­sung, die er in den 1940er Jah­ren in Stan­ford und am Wel­les­ley Col­le­ge hielt, geschrie­ben 1940/41)

                                 ***

„In einer Hin­sicht gehen Sie (lei­der) kon­form mit Ihren Oppo­si­ti­ons­kol­le­gen“, schrieb Leser ***, „anti­de­mo­kra­ti­scher theo­re­ti­scher Phy­si­ker (’natür­li­che Ord­nung’, Hans-Her­mann Hop­pe)”, noch vor der Coro­na-Kri­se, aber es passt auch heu­te, und moniert „die stän­di­ge, abfäl­li­ge Kon­sta­tie­rung eines angeb­li­chen ‚Unter­ta­nen­geis­tes’ der Deut­schen, der die Deut­schen seit der Urzeit bis in alle Ewig­keit dazu füh­re, die kon­ser­va­ti­ve Oppo­si­ti­on nicht zu erhö­ren und immer wei­ter die Par­tei­en des Mut­tispek­trums zu wäh­len. Ich behaup­te dage­gen, dass die­ser ‚Unter­ta­nen­geist’, wie auch vie­les an die­sen ‚west­li­chen, auf­klä­re­ri­schen Wer­ten’, phi­lo­so­phi­sche Luft mit wenig Rea­li­täts­be­zug ist (also nicht Teil der ’natür­li­che Ord­nung’ oder sogar natur­ge­setz­li­chen Ver­hal­tens­mus­ter der Men­schen). Das ist leicht fest­stell­bar für mich, denn ich lebe ja mit­ten unter genau die­sen bür­ger­li­chen Men­schen, über die da geur­teilt wird (und ich lebe auch ger­ne unter ihnen, denn es sind höf­li­che, zivi­li­sier­te Menschen).

Da ich eben­falls bür­ger­li­che Kon­tak­te nach Schwe­den habe, kann ich zunächst ein­mal fest­stel­len, dass es kei­ne wesent­li­chen Unter­schie­de zu Deutsch­land in der Hin­sicht ‚llinks­grü­ner infan­ti­ler, destruk­ti­ver Unsinn’ gegen ratio­na­len Kon­ser­va­tis­mus gibt. Ähn­li­che Ansich­ten der Bür­ger, ähn­li­che Wahl­er­geb­nis­se, ähn­li­che Medi­en­si­tua­ti­on usw. Aus der Per­spek­ti­ve der natür­li­chen Ord­nung: Wie soll­te der – deut­sche oder schwe­di­sche – Bür­ger sich auch anders ver­hal­ten? Der Groß­teil der Bevöl­ke­rung ist poli­tisch unbe­gabt und der Hori­zont inter­es­san­ter poli­ti­scher Gedan­ken damit auch sehr begrenzt. Die­ser Groß­teil ist auf poli­ti­sche Füh­rung und Gestal­tung ange­wie­sen, kann es nicht aus sich sel­ber her­vor­brin­gen. Natür­lich reden die­se Men­schen oft über poli­ti­sche The­men, benut­zen Aus­drü­cke wie ‚kri­tisch’ oder ‚auf­ge­klärt’. Aber es sind ja nur Phra­sen, die aus den Mas­sen­me­di­en über­nom­men wer­den.
  
Wei­ter­hin das angeb­li­che, roman­tisch ver­klär­te ‚Rebel­len­tum’ und der ‚Frei­geist’ gewis­ser süd­eu­ro­päi­scher Völ­ker. Nein, deren Han­deln ist poli­tisch nicht intel­li­gen­ter als das ihrer nord­eu­ro­päi­schen Vet­tern. Stän­di­ges Strei­ken, Ver­let­zen von Regeln usw. ist nur ein Aus­druck von rück­stän­di­ger und nicht­funk­tio­na­ler Zivi­li­sa­ti­on. Letzt­lich ist die Ange­passt­heit der Bür­ger in Ost­asi­en – Japan, Korea z.B. – ganz enorm. Da hält man sich an Regeln und Vor­ga­ben, wesent­lich strik­ter als die angeb­li­chen Unter­ta­nen-Deut­schen. Und Ost­asi­en pro­spe­riert, sie wer­den uns über­ho­len. Sich dort im öffent­li­chen Raum zu bewe­gen, z.B. öffent­li­cher Trans­port, ist ein Genuss gegen die Shi­t­ho­le-Situa­ti­on in den Bahn­hö­fen West­eu­ro­pas. Sich an Regeln hal­ten und nicht süd­län­disch her­um­zu­la­men­tie­ren, ‑lavie­ren, ‑trick­sen ist ein Zei­chen von Zivilisation.”

Total
0
Shares
Vorheriger Beitrag

4. Mai 2020

Nächster Beitrag

6. Mai 2020

Ebenfalls lesenswert

21. Juli 2019

Die Sonn­ta­ge immer…?  Es gibt eine still­le­ben­haf­te All­täg­lich­keit, die durch­aus als Kunst durchginge:                                         *** Er habe in 25…

22. August 2019

Wie ver­dor­ben und schwäch­lich muss eine Gesell­schaft sein, deren Eli­ten aus allen publi­zis­ti­schen Roh­ren mit Moral­platz­pa­tro­nen auf das…

21. März 2018

Gehört der Bud­dhis­mus zu Deutsch­land? Der Hin­du­is­mus? Voo­doo? Oder will da etwa jemand aus­gren­zen?Anders gefragt: Gibt es über­haupt…

26. Oktober 2018

Bei einer Podi­ums­dis­kus­si­on bemüh­te der Medi­en­wis­sen­schaft­ler und phi­lo­so­phi­sche Kopf Nor­bert Bolz als Gleich­nis für den Zustand unse­res Lan­des…