15. Juni 2020

Milo Hunger

                                 ***

Vor ein paar Tagen zitier­te ich an die­ser Stel­le die Fest­stel­lung des Autors Micha­el Esders, die „Inge­nieu­re der Mehr­heits­mei­nung” sei­en momen­tan damit beschäf­tigt, ein Publi­kum zu for­men, wel­ches „selbst ein Höchst­maß an kogni­ti­ver Dis­so­nanz” nicht mehr als stö­rend emp­fin­de, und führ­te eine Rei­he von Bei­spie­len dafür an. 

Ein beson­ders gro­tes­kes Exem­pel gesellt sich die­ser Tag zu den Pflicht­fi­gu­ren des hie­si­gen „Doppeldenk”-Formationstanzes: Das­sel­be poli­ti­sche Milieu, aus dem die Leu­te stam­men, die mit „Black lives matter”-Schildern durch deut­sche Stra­ßen mar­schie­ren und über­all Ras­sis­ten wit­tern, will den Begriff „Ras­se” aus Arti­kel 3 des Grund­ge­set­zes strei­chen, wo geschrie­ben steht: „Nie­mand darf wegen sei­nes Geschlech­tes, sei­ner Abstam­mung, sei­ner Ras­se, sei­ner Spra­che, sei­ner Hei­mat und Her­kunft, sei­nes Glau­bens, sei­ner reli­giö­sen oder poli­ti­schen Anschau­un­gen benach­tei­ligt oder bevor­zugt werden.” 

Von der Relo­ti­us­spit­ze wird vermeldet:

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Uups, das war falsch, damals leb­te die­ser Typus des jour­na­lis­ti­schen Bra­ten­rie­chers in der BRD noch gar nicht, prä­zi­ser for­mu­liert: Sein brau­ner Vor­gän­ger war am Aus­ster­ben, der rot­grü­ne Nach­fol­ger noch nicht im Amt oder, was den kon­kre­ten Fall angeht, gebo­ren. Das hier ist der rich­ti­ge Passus:

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Ein Ersatz­be­griff ward bis­lang, soviel ich weiß, nicht vor­ge­schla­gen. Wahr­schein­lich soll nach den Vor­stel­lun­gen der Grü­nen im GG ste­hen: „Nie­mand darf wegen sei­nes Mensch­seins benach­tei­ligt wer­den.” Hal­ten wir fest: Es gibt Ras­sis­mus, Ras­sen­un­ru­hen, Ras­sen­dis­kri­mi­nie­rung – aber kei­ne Ras­sen. Es gibt Volks­ver­het­zung – aber kein Volk. Es gibt Frau­en­feind­lich­keit und Frau­en­quo­ten – aber Geschlecht ist ein Konstrukt.

Wie steht es dann um Behaup­tun­gen wie „Die wei­ße Ras­se ist der Krebs der Mensch­heits­ge­schich­te” (Sus­an Sonn­tag, 1967) oder „Das größ­te Ver­bre­chen der Mensch­heits­ge­schich­te ist die wei­ße Vor­herr­schaft” (so die Autorin Ali­ce Has­ters vor ein paar Tagen)? Für wes­sen Schuld schä­men sich die „So sorry”-Knierutscher?

Anhand wel­cher Kri­te­ri­en mögen die­se freund­li­chen Men­schen ent­schei­den wol­len, wer wem die jeweils zehn Dol­lar ein­zu­hän­di­gen hat:

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Und was wird künf­tig aus der „kri­ti­schen Weiß­seins­for­schung”, wenn es gar kei­ne Wei­ßen gibt? 

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(Die­ser vom Spie­gel ent­deck­te inne­re Weiß­seins­kri­ti­ker ist übri­gens der­sel­be Mal­colm Ohan­we, den ich am 11. Juni mit einem Tweet zitiert habe – ein biss­chen scrol­len –, in dem er sich einen Spiel­film mit Lynch­mor­den an wei­ßen Frau­en und Kin­dern wünscht, das wür­de er „gern groß­spu­rig pro­du­ziert im Kino sehen”. Kann ich ver­ste­hen; man sieht ja bei den Wei­ßen auch die Wun­den und das Blut besser.)

Irgend­wer möch­te, dass wir spal­tungs­ir­re wer­den. Es ist ein letzt­lich sadis­ti­scher Wunsch, der aus Macht­ge­lüs­ten wächst. Wie der sym­pa­thi­sche Fol­ter­meis­ter O’Bri­en aus Orwells „1984” will uns die­ser Typus zwin­gen zu erklä­ren, dass wir fünf Fin­ger sehen, obwohl nur vier gezeigt wer­den. Aber da steht etwas im Wege, das sich nicht so ein­fach weg­räu­men lässt: die Realität.

Molekulargenetikerin

Bei der israe­li­schen Fir­ma MyHe­ri­ta­ge, die neben US-ame­ri­ka­ni­schen Fir­men wie Ancestry.com zu den füh­ren­den Anbie­tern auf dem Markt der pri­va­ten bio­lo­gisch-genea­lo­gi­schen For­schung gehört, kann sich jeder Inter­es­sier­te eine gene­ti­sche Ana­ly­se sei­ner eth­nisch-ras­si­schen Her­kunft beschaf­fen. Die Tat­sa­che, dass so etwas über­haupt mög­lich ist, ver­trägt sich schlecht mit der Unter­stel­lung, Ras­se exis­tie­re nicht und sei ein „sozia­les Konstrukt”.

Die Idee bzw. die erwünsch­te Illu­si­on, es möge kei­ne Ras­sen geben, obwohl bereits jedes Kind sein Gegen­über umstands­los sei­ner Ras­se zuord­net (es gibt Aus­nah­men, die sich nicht leicht zuord­nen las­sen), so wie jeder Mensch in Sekun­den­bruch­tei­len ohne sei­nen Wil­len ent­schei­det, zu wel­chem der bei­den Geschlech­ter (dito) und zu wel­cher Alters­grup­pe sein Gegen­über gehört, die­se erwünsch­te Illu­si­on wur­de erst im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert von lin­ken Wis­sen­schaft­lern wie Franz Boas, Ste­phen Jay Gould und Richard Lewon­tin in die Welt geru­fen. Ihnen assis­tier­te jene men­schen­freund­li­che, unter ande­rem auf Durk­heim fußen­de Schu­le der Sozio­lo­gie, die Umwelt­ein­flüs­se zur Haupt- oder allei­ni­gen Ursa­che mensch­li­cher Eigen­schaf­ten ver­klär­te und der Päd­ago­gik somit gera­de­zu pro­me­t­hei­sche Fähig­kei­ten zuschrieb. Da in jedem Lin­ken nicht nur ein Büro­krat, son­dern auch eine Gou­ver­nan­te steckt, war der Weg die­ser Idee in die Schu­len, Uni­ver­si­tä­ten und Medi­en vor­ge­zeich­net. Intel­lek­tu­el­le Moden wie Kon­struk­ti­vis­mus und Post­struk­tu­ra­lis­mus nah­men sie begeis­tert auf und ver­trie­ben die natur­wis­sen­schaft­li­chen Erklä­run­gen mensch­li­chen Ver­hal­tens aus den Uni­ver­si­tä­ten und Trendverlagen.

Unter Medi­zi­nern mit mul­ti­eth­ni­scher Kund­schaft hat sich frei­lich längst (wie­der) die Erkennt­nis durch­ge­setzt, dass ein sozia­les Kon­strukt namens Pati­ent je nach Haut­far­be vul­go Eth­nie oft unter­schied­lich behan­delt wer­den muss. Asia­ten, Schwar­ze und Wei­ße labo­rie­ren unter­schied­lich häu­fig und hef­tig an bestimm­ten Krank­hei­ten und reagie­ren unter­schied­lich auf die­sel­ben Medi­ka­men­te. So erkran­ken Schwar­ze in den USA weit­aus häu­fi­ger an der erb­li­chen Sichel­zel­len­an­ämie als ande­re Eth­ni­en, auch ihr Herz­in­farkt­ri­si­ko ist viel­fach höher als das der Wei­ßen (aber nied­ri­ger als jenes vom Ame­ri­ka­nern indi­scher Her­kunft). Wäh­rend Kon­struk­ti­vis­ten und lin­ke Sozio­lo­gen für Unter­schie­de jeg­li­cher Art sozia­le Benach­tei­li­gung oder Ras­sis­mus ver­ant­wort­lich machen – passt immer, bringt ggfs. Staats­kne­te und erspart For­schungs­auf­wand –, hal­ten Medi­zi­ner in Spi­tä­lern und For­schungs­zen­tren das Erb­gut der ver­schie­de­nen Eth­ni­en für weit­aus prä­gen­der. Was zum Bei­spiel die unter­schied­li­che Wir­kung ein- und des­sel­ben Medi­ka­ments auf ver­schie­de­ne Din­gens betrifft, kam man in Über­see zu dem Schluss, dass die über­wie­gend wei­ßen Pro­ban­den bei den Zulas­sungs­tests deren Resul­ta­te eth­nisch ver­zerr­ten. Das heißt: Wer in der Pra­xis oder im Kran­ken­haus nicht ein biss­chen auf Racial pro­filing ver­traut, bringt am Ende Pati­en­ten um. Racial pro­filing kann Leben ret­ten. Ein Kon­strukt namens eth­ni­sche Grup­pe unter­schei­det sich von einem ande­ren Kon­strukt namens eth­ni­sche Grup­pe durch eini­ge sei­ner schreck­lich unkon­stru­ier­ten Gene. Umge­kehrt ver­ra­ten die Gene, von wel­cher Grup­pe ein Indi­vi­du­um abstammt. 

Gene­tisch deter­mi­niert sind nicht nur die Haut­far­be und ande­re typi­sche Unter­schie­de des Erschei­nungs­bil­des, son­dern auch kol­lek­ti­ve Eigen­schaf­ten, etwa die Aben­teu­er­lust oder die Aggres­si­vi­tät. Ers­te­re kor­re­liert mit einem Allel des Dopa­min-Rezep­tor-Gens 4 (DRD4) und kommt zum Bei­spiel bei Euro­pä­ern häu­fi­ger vor als bei Ost­asia­ten, Letz­te­re hängt zusam­men mit einem Allel des Monoa­mi­nooxi­da­se-A-Gen (MAOA), das beim Abbau des Stress­hor­mons Nor­ad­re­na­lin eine Rol­le spielt, nur bei 0,1 bis 0,5 Pro­zent der Euro­pä­er, aber bei 15,6 Pro­zent der bekann­ter­ma­ßen als „heiß­blü­tig” gel­ten­den Ara­ber vor­kommt (und bei ame­ri­ka­ni­schen Gefäng­nis­in­sas­sen immer­hin dop­pelt so häu­fig wie in der Gesamtpopulation).

Ich kann hier nicht wei­ter ins Detail gehen. Einen prä­gnan­ten Über­blick zum der­zei­ti­gen For­schungs- und Dis­kus­si­ons­stand gibt der Anthro­po­lo­ge Andre­as Von­der­ach in sei­nem aktu­el­len Buch „Die Dekon­struk­ti­on der Ras­se” (hier oder hier). Sein Resü­mee lau­tet: „Ras­sen sind weder klar von­ein­an­der abgrenz­bar, noch in sich homo­gen und sta­tisch, aber real und exis­tent.” Einen nach­drück­li­chen Beleg dafür lie­fert die Selbst­zu­schrei­bung von Zuge­hö­rig­keit. In einer Unter­su­chung „von 236 DNS-Poly­mor­phis­men von 3636 Pro­ban­den aus 15 ver­schie­de­nen Orten in den USA und Tai­wan”, durch­ge­führt anno 2009 von einem US-ame­ri­ka­ni­schen For­scher­team, ergab sich, „dass die ethnische/rassische Selbst­zu­ord­nung (weiß, afri­ka­nisch, ost­asia­tisch und his­pa­nisch) zu 99,86 Pro­zent mit der gene­ti­schen Clus­ter­zu­ge­hö­rig­keit über­ein­stimmt.” In sei­nem Buch „Die Gel­ben, die Schwar­zen, die Wei­ßen” schil­der­te Frank Böckel­mann, dass sei­ne japa­ni­schen Gesprächs­part­ner auto­ma­tisch zu den Begrif­fen „Wei­ße” und „wei­ße Ras­se” wech­sel­ten, als er von Deut­schen, Euro­pä­ern oder Ame­ri­ka­nern sprach. Über Augen­schein­li­ches dis­ku­tiert man nicht, gera­de inner­halb des dis­kus­si­ons­ab­hol­den Kol­lek­tiv­kon­strukts Japa­ner nicht. Und anders als uns von inter­es­sier­ter Sei­te immer ein­ge­re­det wird, sind die Ras­sen bzw. ihre Wahr­neh­mung als anders­ar­tig kei­nes­wegs eine dis­kri­mi­nie­ren­de Erfin­dung der wei­ßen Kolo­ni­al­her­ren, son­dern man fin­det die­se Unter­schie­de bereits auf alt­ägyp­ti­schen Reli­efs oder im anti­ken Grie­chen­land; „Äthio­pi­er” etwa heißt wört­lich „Brand­ge­sich­ter”, was ein kla­rer Beleg dafür ist, dass Homer sie als auf­fäl­lig ver­schie­den von den Bewoh­nern der grie­chi­schen Welt empfand.

Aus einer gewis­sen, immer noch mäch­ti­gen, aber durch die Erkennt­nis­se vor allem der Gene­tik täg­lich obso­le­ter wer­den­den, meist von soge­nann­ten Geis­tes­wis­sen­schaft­ler mit inqui­si­to­ri­schem Eifer ver­tre­te­nen Per­spek­ti­ve ist das alles blan­ker Ras­sis­mus. Nach Ansicht der deut­schen Autorin Sus­an Arndt etwa, die im Jahr des freund­li­chen Gesichts der Kanz­le­rin bei C.H. Beck ein Buch zum The­ma ver­öf­fent­licht hat, fällt bereits „der Glau­be, dass es ‚Ras­sen’ gebe”, in die­se Kate­go­rie. Die Dame ist übri­gens Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin. „Zu ihren Arbeits­ge­bie­ten gehö­ren west­afri­ka­ni­sche Frau­en­li­te­ra­tur, Kri­ti­sche Weiß­seins­for­schung, bri­ti­sche Lite­ra­tur mit einem Schwer­punkt Shake­speare, Sexis­mus, Inter­sek­tio­na­li­tät, Femi­nis­mus und Ras­sis­mus”, belehrt die Schrott­sam­mel­stel­le. Fragen?

Ein Haupt­ar­gu­ment der Ras­sen­leug­ner brach im Jahr 2003 in sich zusam­men. Richard Lewon­tin, damals an der Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go, hat­te im Jahr 1972 Blut­pro­te­ine von Men­schen aus der gan­zen Welt unter­sucht und war zu dem Ergeb­nis gelangt, dass die meis­ten gene­ti­schen Unter­schie­de – etwa 85 Pro­zent – inner­halb einer mensch­li­chen Popu­la­ti­on bestün­den, die Unter­schie­de zu ande­ren Popu­la­tio­nen oder Ras­sen indes nur etwa 15 Pro­zent betrü­gen. Die ras­si­sche Varia­bi­li­tät erschien ihm folg­lich als mini­mal im Ver­gleich zur Gesamt­va­ria­bi­li­tät, und sei­ne Argu­men­ta­ti­on gehört bis heu­te zum Reper­toire dick­hirn­scha­li­ger Viel­falts­p­la­nie­rer. Im erwähn­ten Jahr führ­ten die US-ame­ri­ka­ni­schen Gene­ti­ker Jef­frey C. Long und Rick A. Kitt­les (ein Schwar­zer übri­gens) eine Art Über­prü­fung die­ser Wer­te durch, sie unter­such­ten acht gene­ti­sche Merk­ma­le von acht mensch­li­chen Popu­la­tio­nen, füg­ten aller­dings der Ana­ly­se noch eine Grup­pe von Schim­pan­sen hin­zu. Leg­te man Lewon­tins Wer­te zugrun­de, hät­te kein Ras­sen­un­ter­schied zwi­schen den Affen und Men­schen exis­tiert. 15 Pro­zent Abwei­chung kön­nen eben ver­dammt viel sein.

PS: Leser *** wüss­te den Unter­schied zwi­schen Ras­sen und Eth­ni­en gern deut­li­cher for­mu­liert. „Es gab in den ver­gan­ge­nen 200.000 Jah­ren wahr­schein­lich etli­che 100.000 oder mehr Eth­ni­en, d.h. auf­grund ihrer räum­li­chen und ver­wand­schaft­li­chen Nähe des Zusam­men­le­bens eine gemein­sa­me Kul­tur (=nach Franz Boas die Sum­me der Inter­ak­tio­nen des Indi­vi­du­ums mit sich selbst und der Umwelt aus­bil­den­de sozio­kul­tu­rel­le Grup­pen), dage­gen wahr­schein­lich kaum 1000 Ras­sen, also auf­grund einer geo­gra­fi­schen (sel­te­ner sozia­len) Iso­la­ti­on ent­stan­de­ne geno­ty­pisch und häu­fig auch phä­no­ty­pisch unter­scheid­ba­re Gruppen/Varianten inner­halb der mating group Homo (die Spe­zies­be­zeich­nung ver­knei­fe ich mir). Beim Ter­mi­nus Ras­se steht also die Gene­tik im Vor­der­grund, beim Begriff Eth­nie die Kul­tur. Ich wür­de Franz Boas auch nicht als Lin­ken bezeich­nen. Er ist aus mei­ner Sicht einer der bes­ten Ethnologen/Anthropologen des 20. Jhs. und wur­de seit den 1940ern von der Genera­ti­on sei­ner eige­nen Schü­ler, den Kul­tur­re­la­ti­vis­ten, übel dis­kre­di­tiert, was sich bis zum heu­ti­gen Tag fort­setzt. Als Nach­kriegs­deut­scher kann man in die­ser Debat­te aber sowie­so nur den Kür­ze­ren ziehen.”

 

                                 ***

Zum Vori­gen.

Dem Befund, dass Ras­se kein „Kon­strukt” ist, son­dern eine bio­lo­gi­sche Tat­sa­che, sekun­diert auch Charles Mur­ray mit sei­nem neu­es­ten Buch „Human Diver­si­ty. The Bio­lo­gy of Gen­der, Race, and Class” (New York 2020). Die Erkennt­nis­se von Gene­tik und Neu­ro­wis­sen­schaf­ten sei­en längst über die „Ortho­do­xie” hin­aus­ge­gan­gen, schreibt Mur­ray. Die herr­schen­den Dog­men, Ras­se und Geschlecht sei­en Kon­struk­te, bezeich­net er mit einer gewis­sen Mil­de, die von der Kam­pa­gne her­rüh­ren kann, mit der man ihn für sein Buch „The Bell Cur­ve” überk­ü­bel­te, als „Halb­wahr­hei­ten”. Und so mag es recht sein – kein Ver­nünf­ti­ger stellt ja in Abre­de, dass sowohl die Gene als auch die Umwelt den Men­schen prä­gen; die Gene geben den Rah­men des Mög­li­chen vor, und die Umwelt bestimmt, wie weit eine Per­son damit kommt.

Ver­söhn­lich klingt auch Mur­rays Vor­schlag, künf­tig viel­leicht nicht immer von „Unter­drü­ckung” oder „Pri­vi­le­gi­en” zu spre­chen, son­dern statt­des­sen von „Glück”:

„No serious indi­vi­du­al belie­ves in the ortho­do­xy any lon­ger, but what bio­lo­gy tea­ches us is not shat­te­ring, dan­ge­rous and to be fea­red. Here is whe­re we are in the use of gene­tics and neu­ro­sci­ence at the moment (…) Far from any fear of, e.g., gene­tic deter­mi­nism, we will beco­me accus­to­med to see­ing a grea­ter role play­ed by hap­pen­stance and ran­dom occur­rence. We will not speak so much of pri­vi­le­ge or opp­res­si­on, but more often of luck.”

                                 ***

Ges­tern ließ ein Bekann­ter die FAS bei uns lie­gen, also die Sonn­tags­aus­ga­be des Frank­fur­ter Welt­blat­tes, die etwas locke­rer, weni­ger tief­grün­dig und nicht ganz so pläo­kon­ser­va­tiv und zeit­geist­fres­se­risch ist wie die unter der Woche erschei­nen­de Mut­ter­ga­zet­te. Mir geriet so seit Lan­gem ein­mal wie­der eine Zei­tung in die Hän­de, und ich soll­te es nicht bereuen.

Auf Sei­te 1 Auf­ma­cher „Streit über ‚Rasse‘-Begriff”. Es geht natür­lich um die vor­ge­schla­ge­ne GG-Ände­rung. Eine CSU-Frau argu­men­tiert pfif­fig, wenn man den Ter­mi­nus til­ge, wäre der ja doch irgend­wie übrig­blei­ben­de Ras­sis­mus juris­tisch noch schwe­rer zu grei­fen; irgend­ein Bischof, mit Sicher­heit Pro­tes­tant, also Athe­ist und dazu ver­dammt, (Noch-)Minderheiten gegen­über offi­zi­ell so viel Zer­knir­schung zu bekun­den, dass es vor den eige­nen Leu­ten fürs Aus­er­wähl­t­sein langt, ver­kün­det in buß­ge­stütz­ter Ahnungs­lo­sig­keit, seit Jahr­zehn­ten rede „nie­mand Ver­nünf­ti­ges” mehr „von ver­schie­de­nen Ras­sen”. Am Ende des Arti­kels Ver­wei­se auf die Fort­set­zung des The­mas, gleich auf sechs wei­te­ren Sei­ten. Und zwar in den Res­sorts: Poli­tik, Feuil­le­ton und Sport. Und im Wis­sen­schafts­teil? Ach was.

Auf Sei­te 2 ein ganz­sei­ti­ges Inter­view mit einer ehe­ma­li­gen Vize­prä­si­den­tin der bald ohne­hin wohl abge­schaff­ten Ber­li­ner Poli­zei, die über Dis­kri­mi­nie­rung (sei­tens der Bul­len) klagt und Racial pro­filing schlimm fin­det. Klar, wenn die Poly­pen im Gör­lit­zer Park immer nur jun­ge Schwar­ze kon­trol­lie­ren, kön­nen die wei­ßen Omas mit dem gan­zen Stoff abhauen.

Auf Sei­te 6 folgt mein per­sön­li­ches Haileid der gesam­ten Aus­ga­be: Ein Sozio­lo­ge und Bio­graf Max Webers erklärt im Inter­view unter der Über­schrift „Mer­kel ver­kör­pert das Ide­al Max Webers”, dass Mer­kel das Ide­al Max Webers ver­kör­pert. War­um? Weil sie die „rich­ti­ge Kom­bi­na­ti­on” aus den bekann­ten bei­den Ethi­ken lebe, ja inkar­nie­re: „Jetzt in der Coro­na-Zeit zeigt sie eine alter­na­tiv­lo­se Ver­ant­wor­tungs­ethik. Aber in ent­schei­den­den Momen­ten ist sie eben auch Gesin­nungs­ethi­ke­rin, etwa in der Flücht­lings­kri­se.“ Die ein­set­zen­de Sprach­lo­sig­keit, könn­te Karl Kraus geschrie­ben haben, ging im Geläch­ter unter.

Sei­te 8, Mei­nung, „Ras­sis­mus steckt in uns allen”. Stimmt, aber anders als der Jour­na­list es the­ra­pie­ren zu kön­nen meint. (Dane­ben for­dert eine Fre­de­ri­ke namens Böge: „Chi­na ent­ge­gen­tre­ten”, einst­wei­len noch ohne Aus­ru­fungs­zeo­chen; wir sind gespannt.)

„Die deut­sche Dis­kus­si­on über Ras­sis­mus muss sich ändern”, meint auf Sei­te 36 wie­der­um James Gre­go­ry Atkin­son, „Sohn eines in Deutsch­land sta­tio­nier­ten schwar­zen US-Sol­da­ten und einer wei­ßen deut­schen Mut­ter”, der in Frankfurt/M. irgend­wie als Kura­tor arbei­tet und ori­gi­nell argu­men­tiert: „Bei der Fra­ge, ob es struk­tu­rel­len Ras­si­mus auch in Deutsch­land gibt, stel­len sich bei mir die Nacken­haa­re auf. 12,6 Pro­zent für die AfD bei der letz­ten Bun­des­tag­wahl.” Effekt­voll gewählt ist auch sei­ne Kadenz: „Mit den Wor­ten der afro­deut­schen Grü­nen-Poli­ti­ke­rin Ami­na­ta Tou­ré: ‚Die Fra­ge ist nicht: Gibt es Ras­sis­mus in Deutsch­land?, son­dern: Wie kön­nen wir gemein­sam als Gesell­schaft Ras­sis­mus bekämp­fen?’ ” Wenn wir ihn erst mal bekämp­fen, wird es ihn schon geben. Erin­nert ein biss­chen an Elek­tro­au­tos oder Mar­tin Schulz.

Aber end­lich das Feuil­le­ton! Ganz­sei­ti­ges Inter­view mit Paul B. Pre­cia­do, einem spa­ni­schen Phi­lo­so­phen und “Queer-Theo­re­ti­ker”. Frü­her hieß Paul übri­gens Bea­trix, er ist ein Trans­mensch, und da er bereits pro­mo­viert wur­de, „in Phi­lo­so­phie und Archi­tek­tur-Theo­rie”, und über­dies in Paris „Drag King-Work­shops” durch­führ­te, „wo die per­for­ma­ti­ve Kon­struk­ti­on von Männ­lich­keit erforscht” wur­de, geht der Sei­ten­wech­sel viel­leicht als Habi­li­ta­ti­on durch.

Denn, wie Pre­cia­do sich eli­tär-per­for­ma­tiv selbst kon­stru­iert, „immer mehr Leu­te defi­nie­ren sich als nicht-binär und for­dern nicht mehr ein­fach das Recht, von einem Mann zur Frau zu wer­den oder umge­kehrt, son­dern stel­len das Regime binä­rer Geschlech­ter in Fra­ge. Wenn ich dar­über rede, hal­ten mich die Leu­te manch­mal für ver­rückt – aber für mich ist das mit der koper­ni­ka­ni­schen Wen­de ver­gleich­bar. Ich glau­be, wir erle­ben die Infra­ge­stel­lung von Kate­go­ri­sie­run­gen, die die Infra­struk­tur des patri­ar­chal-kolo­nia­lis­ti­schen Sys­tems bilden.”

Na was denn sonst!

„Zum ers­ten Mal in die­sem Aus­maß seh­nen sich Men­schen unter 30 nach dem Ende der Nekro­po­li­tik. … Nie­mand inter­es­siert sich mehr für Produktion.”

Zumin­dest nicht bei Sozi­al­de­mo­kra­ten, Grü­nen, UNESCO-Lin­ken und ande­ren Ken­nern, die wis­sen, dass Gel­der oder geld­wer­te Din­ge bewil­ligt und nicht pro­du­ziert werden.

„Das (sic!) Ziel ist nicht irgend­ei­ne Art von Kom­mu­nis­mus, son­dern eine kom­plet­te Ver­än­de­rung des Begeh­rens und des Bewusst­seins. Dazu gehört auch eine radi­ka­le Kri­tik der moder­nen Demo­kra­tie. Denn es geht auch um eine ande­re Art poli­ti­scher Reprä­sen­ta­ti­on. Ich nen­ne es Somo­kra­tie; nicht die Macht des Demos, des Vol­kes, son­dern die Macht leben­di­ger Wesen, die Macht des Lebens.”

Eigent­lich mag ich Exo­ten und auch eine gewis­se Hybris, sogar, wenn ihr Trä­ger zu spin­nen anfängt („Jede Revo­lu­ti­on ist Trans-”; ins­be­son­de­re die von Kho­mei­ni). Als im Kör­per eines alten wei­ßen Nazis ein­ge­sperr­te min­der­jäh­ri­ge nige­ria­ni­sche Les­be bin ich auch für eine gewis­se Devi­anz erwärm­bar. Doch ich käme nie auf den Trich­ter, Exo­ten oder Devi­an­te zu Ver­an­stal­tern einer koper­ni­ka­ni­schen Wen­de zu über­hö­hen. Als ein sol­cher Schwät­zer ist man im Feuil­le­ton wahr­schein­lich am bes­ten auf­ge­ho­ben. Für här­te­re Fäl­le gibt es Spezialisten.

Wei­ter habe ich die Amü­sier­aus­ga­be des kon­ser­va­ti­ven deut­schen Leit­me­di­ums dann nicht gelesen.

                                 ***

Zum Vori­gen, näher­hin zur Nobi­li­tie­rung der ucker­mär­ki­schen Heim­su­chung im Kanz­le­rin­nen- und Kanz­ler­amt zur Voll­stre­cke­rin Max Weber­scher Poli­tik­vor­stel­lun­gen, notiert Leser ***:

„Kurz nach Ende des Welt­kriegs sprach Max Weber fol­gen­de Wor­te zu sei­nem Audi­to­ri­um: ‚Aber das sei Ihnen gesagt: Zur Wie­der­auf­rich­tung Deutsch­lands in sei­ner alten Herr­lich­keit wür­de ich mich gewiß mit jeder Macht der Erde und auch mit dem leib­haf­ti­gen Teu­fel ver­bin­den, wenn ich noch Poli­tik trie­be. Nur nicht mit der Macht der Dumm­heit.’ (MWG I, 16, S. 273). Das fällt dann wohl unter nega­ti­ve Dialektik?”

                                 ***

Das ist – oder war – die Redak­ti­on von ben­to. An der Frau­en­quo­te lag’s jeden­falls nicht. 

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Und wie vor­bild­lich mul­ti­kul­tu­rell die­se Trup­pe ist! Ich mei­ne: war.

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„Wie sich jeden Tag deut­li­cher zeigt, wären die West­deut­schen sogar die bes­se­ren DDR-Bür­ger gewe­sen.” Alex­an­der Wendt                                      *** Wer…