25. Juli 2020

„Die­ses klei­ne Lächeln der Cel­lis­tin
nach der Kadenz im zwei­ten Satz,
obwohl soeben der Sicher­heits­rat
zusam­men­ge­tre­ten ist”

Hans Magnus Enzensberger

                                 ***

Die Enkel*innen fechten’s bes­ser aus (Mon­ta­ge?):

Rautenede

                                 ***

Lese­rin *** meint, in ver­ein­zel­ten Bemer­kun­gen mei­ner­seits eine unstatt­haf­te Mise­ra­bi­li­sie­rung der alten Bun­des­re­pu­blik zu erken­nen, und zürnt sacht: „Sie ken­nen die ‚Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land‘, über die Sie nicht genug her­zie­hen kön­nen, über­haupt nicht. Sie haben nie in ihr gelebt. Sie machen stän­dig aus ihr eine Art Zwerg­staat als Gegen­pol Ihrer ver­hass­ten DDR. Haber­mas als typi­sches Gewächs der Bun­des­re­pu­blik dar­zu­stel­len ist mit Ver­laub ein­fach nur blöd. 

So win­zig ist die­ses Land nicht, und vor allem bestand es nie nur aus ein paar äußerst ein­fluss­rei­chen aka­de­mi­schen Zir­keln. Genau so blöd wäre es, wenn ich behaup­te­te, Joseph Ratz­in­ger sei ein typi­sches Gewächs der Bun­des­re­pu­blik. Er ist noch nicht ein­mal ein typi­scher Bayer.

Die­ses Deutsch­land, in dem ich auf­wach­sen durf­te, war viel­leicht das bes­te Deutsch­land, das es im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert gab. Wir hat­ten  ein her­vor­ra­gen­des Bil­dungs­sys­tem, Kin­der aus äußerst ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen konn­ten, waren sie intel­li­gent und flei­ßig genug, auf­stei­gen, ohne dass nach ihrer Welt­an­schau­ung gefragt wur­de, wenn sie nicht gera­de offen links- oder rechts­ra­di­kal waren. Die deut­schen Arbei­ter dach­ten gar nicht dar­an, den Paro­len der 68er zu fol­gen, was die­se bis auf den heu­ti­gen Tag nicht ver­zie­hen haben.

Wir hat­ten einen Rechts­staat, fast kei­ne Kor­rup­ti­on. In Buch­hand­lun­gen zu gehen, war eine Freu­de ob der Viel­falt. Ich konn­te ein geis­tig anre­gen­des Leben füh­ren. Und brauch­te nicht nur hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand ängst­lich tuscheln, um über Enge und Spie­ßig­keit, die es durch­aus gab, zu spre­chen. Was wir jetzt haben, bzw. die letz­ten drei­ßig Jah­re, das ist nicht die Bon­ner Repu­blik. Die­se ist tot. Und es wird sie nie mehr geben. Die Kri­se der deut­schen Uni­ver­si­tät hat die Bun­des­re­pu­blik übri­gens aus der Ver­gan­gen­heit über­nom­men, die bestand schon vor 1933.

Sie haben nie in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gelebt. Und Ihr Herr Masch­ke mag sei­ne eige­ne Mei­nung haben, nur ist die nicht repräsentativ.

Als es zur Wie­der­ver­ei­ni­gung kam, haben wir West­deut­schen erst mal bezahlt wegen des Murk­ses Ihrer DDR. Und dann war, und das ist ent­schei­dend, die Daseins­be­rech­ti­gung der alten Bun­des­re­pu­blik erlo­schen. Wir hat­ten im Kal­ten Krieg das Schau­fens­ter zu sein, in das ‚der Osten‘ nur schau­en durf­te, ohne den Laden betre­ten zu dür­fen. Indem der Sowjet­kom­mu­nis­mus zusam­men gebro­chen war, brauch­te der Wes­ten, die inter­na­tio­na­le Hoch­fi­nanz, die­sen west­deut­schen Teil­staat nicht mehr.

Sor­ry, sehr geehr­ter Herr Klo­n­ovs­ky, die­je­ni­gen, die wirk­lich die Strip­pen zie­hen, wer immer das sein mag, hat­ten nie vor, die alte Bun­des­re­pu­blik mit der DDR-Bevöl­ke­rung zu ver­ei­nen. Und ein Herr Haber­mas ist auch nur eine Mario­net­te, wenn auch eine ein­fluss­rei­che. Die DDR-Bevöl­ke­rung gier­te nach der DM, wir haben alle den Euro. Ein simp­les Bei­spiel, aber es zeigt was.”

Gnä­di­ge Frau, das ist alles rich­tig und zugleich, im Sin­ne der Kau­sa­li­tät – der heu­ti­ge Tag ist ein Resul­tat des gest­ri­gen – und des pan­ta rhei, auch wie­der nicht, denn was die­ses Land heu­te ern­tet, ist in der guten alten Bon­ner Repu­blik aus­ge­sät wor­den. Zunächst ein­mal war die BRD tat­säch­lich ein poli­ti­scher Zwerg­staat, eine exter­ne Pro­vinz der USA, so wie die DDR eine deut­sche Sowjet­re­pu­blik gewe­sen ist. Frei­lich leg­te der West­teil auf­grund jener deut­schen Men­ta­li­tät, die es eigent­lich gar nicht gibt, nach dem Krieg das berühm­te Wirt­schafts­wun­der hin (das wäre im Osten ähn­lich gelau­fen, wenn er nicht den Kom­mu­nis­ten in die Hän­de gefal­len wäre, die zwar stän­dig vom Pri­mat der Öko­no­mie rede­ten, aber von Wirt­schaft nie etwas begrif­fen haben). Trotz­dem ent­stand der Keim des Nie­der­gangs in west­deut­schen Gehir­nen, die unbe­strit­ten zu den best­ge­wa­sche­nen aller Zei­ten gehören.

Der Aus­stieg aus der deut­schen Geschich­te wur­de in der BRD beschlos­sen, die 68er ver­an­stal­te­ten ihre Totem­tän­ze in der BRD, die Grü­nen wur­den in der BRD gegrün­det, die soge­nann­te Zivil­ge­sell­schaft, die­se gei­fern­de Hyä­ne und Fort­set­zung der Volks­ge­mein­schaft mit ande­rem Eti­kett, ist ein Pro­dukt der BRD. Die sich sel­ber Anti­fa titu­lie­ren­de Neo­fa ist eben­falls ein Gewächs der BRD. Die absur­de Migra­ti­on von Kul­tur­frem­den in die deut­schen Sozi­al­sys­te­me begann in der BRD (und bis heu­te hat die­se Repu­blik es nicht geschafft, ver­nünf­ti­ge Ein­wan­de­rungs­re­geln zu eta­blie­ren, weil die selbst­ge­schaf­fe­ne Selbst­ab­schaf­fungs­ideo­lo­gie sie dar­an hin­dert). Der Gebur­ten­knick hub im Wes­ten an, nicht in der DDR. Die neu­ro­tisch auto­ag­gres­si­ve „Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung” bis zurück zu Fried­rich und Luther ist ein Erzeug­nis der BRD, egal inwie­weit die Angel­sach­sen sie den Deut­schen in die Hir­ne gepflanzt haben mögen und wie sehr die Sie­ger von damals inzwi­schen sel­ber dar­an ver­rückt gewor­den sind. Die Ver­in­ner­li­chung der Nie­der­la­ge, das Stre­ber­tum im end­gül­ti­gen Besiegt­sein, die Ver­herr­li­chung der Macht­lo­sig­keit, die Ableh­nung alles Deut­schen und die Degra­die­rung der eige­nen Geschich­te zur Unheils­ge­schich­te, all das wur­de im Wes­ten viel inni­ger betrie­ben als bei den Brü­dern und Schwes­tern im Osten, so dass man im Wes­ten auch ohne die Wie­der­ver­ei­ni­gung auf dem heu­ti­gen Stand der kul­tu­rel­len und all­mäh­lich eth­ni­schen Selbst­ab­leh­nung ange­langt wäre. Frank­reich hat es ohne ein real­so­zia­lis­ti­sches Pen­dant ja eben­falls hinbekommen. 

Kurz­um: Die heu­ti­ge Lage grün­det fest auf den Fun­da­men­ten der Bon­ner Repu­blik. Die Saat der heu­ti­gen geis­ti­gen Unfrei­heit wur­de in der BRD aus­ge­sät. Erin­nern wir uns der zahl­rei­chen Hexen­jag­den gegen Anders­den­ken­de, sofern sie rechts stan­den, Schmitt, Masch­ke, Moh­ler, Hepp, Nol­te etc. pp., über­haupt des His­to­ri­ker­streits als der gro­ßen Debat­te über Abstand und Stär­ke der Git­ter­stä­be des bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen intel­lek­tu­el­len Lauf­ställ­chens. Die BRD pro­du­zier­te ganz ohne Sta­si Knecht­see­len zuhauf, es geschah – das ist das Inter­es­san­te – aller­dings über­wie­gend frei­wil­lig, weil der Wohl­stand den Blick auf die Zukunft ange­nehm verstellte.

Übri­gens gibt es kaum ein typi­sche­res Geschöpf der alten Bun­des­re­pu­blik als den Habermas.

Was mich betrifft, mein Bild von jen­seits der Mau­er hat vor allem der Herr Bed­narz geprägt. Wer des­sen TV-Maga­zin sah, woll­te gar nicht dort ein­rei­sen – des­we­gen habe ich ein­mal vor­ge­schla­gen, die alten Moni­tor-Sen­dun­gen zur Abschre­ckung in Afri­ka aus­zu­strah­len; man redet doch immer von Flucht­ur­sa­chen­be­sei­ti­gung. Natür­lich ist mei­ne Wahr­neh­mung nicht reprä­sen­ta­tiv, aber im Lau­fe der Jah­re sind alle fast Frei­heit­li­chen und fast alle Kon­ser­va­ti­ven im Wes­ten vor die­sem lin­ken Zeit­geist ein­ge­knickt. Die BRD wäre auch ganz allein die­sen Weg in den Neo­so­zia­lis­mus gegan­gen, es bedurf­te der SED-Sta­si-Anti­fa-Mer­kel-Kaha­ne-Ver­stär­kung aus der Zone gar nicht, wenn­gleich gera­de in die­sem Unter­holz zusam­men­wuchs, was zusammengehörte.

Gewiss, aus kon­su­mis­ti­scher Per­spek­ti­ve betrach­tet ließ es sich womög­lich nie­mals und nir­gend­wo kol­lek­tiv bes­ser leben als in West­deutsch­land zwi­schen 1970 und 2000, doch wenn der Zug auf dem fal­schen Gleis in die fal­sche Rich­tung fährt, ist es vom Ende her betrach­tet völ­lig gleich­gül­tig, wie gut man zwi­schen­zeit­lich im Spei­se­wa­gen geges­sen hat.

                                 ***

Man wird den­noch sagen: Es war nicht alles schlecht in der BRD:

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                                 ***

Noch zum Vori­gen.
Es ist natür­lich ein ulki­ges Argu­ment, ich kenn­te die alte BRD gar nicht aus eige­nem Erle­ben, also dürf­te ich sie nicht beur­tei­len; umge­kehrt hat Anne Will mal der Ali­ce Wei­del beschei­nigt, sie kön­ne die DDR nicht zum Ver­gleich her­an­zie­hen, weil sie dort nicht gelebt habe (aber dar­über, wie das Drit­te Reich funk­tio­nier­te und wel­che Bedin­gun­gen in den deut­schen Kolo­nien geherrscht haben, dür­fen alle frei von der Leber weg urtei­len). Jede Art von His­to­rio­gra­phie wür­de damit hin­fäl­lig. Das ist übri­gens ein dezi­diert lin­ker Wunsch, die Lin­ke wür­de gern die klas­si­sche, mit Kri­te­ri­en ope­rie­ren­de Geschichts­schrei­bung durch Oral Histo­ry erset­zen, wobei selbst­ver­ständ­lich nur „von unten” erzählt wer­den darf; dann wäre die Welt­ge­schich­te end­lich zum Welt­ge­richt herunterviktimisiert.

                                 ***

 

Leser *** schreibt: „Sie dür­fen die Dame ger­ne dar­über auf­klä­ren, daß wir Ost­deut­schen vor­her mit unse­rer 1. De-Indus­tria­li­sie­rung die Repa­ra­tio­nen für den Wes­ten mit­be­zahlt haben: 97–98% der gesamt­deut­schen Repa­ra­tio­nen und pro Kopf im Ver­gleich zum Wes­ten das 130-fache. Das waren die größ­ten Repa­ra­tio­nen, die die Geschichts­schrei­bung über­haupt kennt: 2.000 bis 2.400 der bes­ten Indus­trie­be­trie­be, 10.800 km Eisen­bahn­stre­cke und an jah­re­lan­gen Ent­nah­men aus lau­fen­der Pro­duk­ti­on bis zu 48% des Brut­to­so­zi­al­pro­dukts. Die Volks­wirt­schaft will ich sehen, die das verkraftet.
 
Ange­sichts des­sen ist die Auf­bau­leis­tung der Ost­deut­schen gar nicht hoch genug anzu­er­ken­nen. Das eigent­li­che Wirt­schafts­wun­der fand im Osten statt. Und die­ser Rück­stand wäre auch nicht auf­zu­ho­len gewe­sen, wenn die Wirt­schaft nicht von Beton­köp­fen geführt wor­den wäre.
 
Die Kriegs­ver­lus­te der Sowjets, die eine GESAMTDEUTSCHE Wehr­macht zu ver­ant­wor­ten hat­te, belie­fen sich auf 1.710 Städ­te, 70.000 Dör­fer, 32.000 Indus­trie­be­trie­be, 64.000 km Eisen­bahn­stre­cke und nicht zuletzt 27 Mil­lio­nen Todes­op­fer – die meis­ten davon Zivi­lis­ten. Die ein­sei­ti­gen Repa­ra­tio­nen waren übri­gens eine Idee der Ame­ri­ka­ner, die dies 1945 in Pots­dam vor­schlu­gen, weil die West­mäch­te im Ver­gleich zur SU kaum Kriegs­schä­den hat­ten. Da man Gebie­te, die man wirt­schaft­lich so unter­schied­lich behan­delt, nicht poli­tisch gleich behan­deln kann, beschlos­sen die West­mäch­te 1945, „mit­ten durch Deutsch­land eine Gren­ze zu zie­hen und öst­lich von ihr alles von Ruß­land ver­wal­ten und unter das sowje­ti­sche Sys­tem des Staats­so­zia­lis­mus stel­len zu las­sen”. Nach­zu­le­sen übri­gens nicht nur bei Rolf Stei­nin­ger son­dern auch auch bei His­to­ri­kern wie Her­mann Graml, Jür­gen Fosche­poth, Udo Wengst…
 
Auch alle wei­te­ren Schrit­te zur deut­schen Tei­lung gin­gen von den West­mäch­ten aus. Wäh­rend man den so feis­ten wie selbst­ge­rech­ten Brü­dern und Schwes­tern im Wes­ten mit Mar­schall­plan und Schul­den­schnitt Zucker in den Aller­wer­tes­ten blies, hat man den Osten ans Mes­ser gelie­fert und so lan­ge aus­blu­ten las­sen, bis die Leu­te 1953 auf die Stra­ße gegan­gen sind. Unmit­tel­bar nach dem 17. Juni hat man die Repa­ra­tio­nen für been­det erklärt.
 
Und ab 1990 hat man mit Hil­fe der Treu­hand den Osten ein zwei­tes Mal zuguns­ten west­deut­scher Pro­fi­teu­re de-indus­tria­li­siert. Die ost­deut­sche Wirt­schaft wäre mit einem Bruch­teil der Mit­tel zu sanie­ren gewe­sen, die das Gan­ze anschlie­ßend gekos­tet hat. Aber das war wirt­schafts­po­li­tisch nicht gewollt. Man hat sich lie­ber die Bil­lig­kon­kur­renz vom Hals geschafft. Die west­deut­sche Wirt­schaft war Ende der 80er nur zu 85% aus­ge­las­tet. Da kam das Vier­tel mehr an Kon­su­men­ten gera­de recht. Im Übri­gen sind 85 % der ost­deut­schen volks­ei­ge­nen Lie­gen­schaf­ten an West­deut­sche ver­schleu­dert wor­den – bekannt­lich oft für die sym­bo­li­sche 1 Mark. 10 % gin­gen an aus­län­di­sche „Inves­to­ren”. Nur 5% duf­ten von Ost­deut­schen erwor­ben werden.
 
Stellt sich unterm Strich die Fra­ge: Wer hat hier seit 1945 also tat­säch­lich bezahlt?”

PS: Leser *** wider­spricht die­ser „lei­der viel­fach ver­brei­te­ten ‚mit­tel­deut­schen’ Argu­men­ta­ti­on, die den­noch nicht rich­tig ist. Ers­tens: Repa­ra­tio­nen gab es auch im Wes­ten (z.B. Beschlag­nah­me der Han­dels­flot­te, Beschlag­nah­me der Aus­lands­gut­ha­ben, Beschlag­nah­me von Paten­ten und ande­ren Rech­ten), und dies nicht zu knapp. Als Repa­ra­tio­nen sind sicher­lich auch die Gebiets­ver­lus­te im (his­to­ri­schen) Ost­deutsch­land und die Ver­lus­te des pri­va­ten Ver­mö­gens der 15 Mil­lio­nen Ver­trie­be­nen anzu­se­hen. Doch was es nur und aus­schließ­lich im Wes­ten gab, waren die Wie­der­gut­ma­chung und der Las­ten­aus­gleich. Die direk­ten Wie­der­gut­ma­chungs­leis­tun­gen sind mit 76 Mil­li­ar­den Euro anzu­set­zen, indi­rek­te Leis­tun­gen, etwa durch Waf­fen- und Waren­lie­fe­run­gen an Isra­el, tau­chen in kei­ner Sta­tis­tik auf. Die Las­ten­aus­gleichs­leis­tun­gen betru­gen ca. 74 Mil­li­ar­den Euro. Auch inso­weit gab es indi­rek­te Leis­tun­gen in Form von Abkom­men mit Dritt­staa­ten, die dem wei­te­ren Las­ten­aus­gleich zuzu­ord­nen sind, zum Bei­spiel mit Ita­li­en und Öster­reich, aber auch – aus Las­ten­aus­gleichs­sicht – mit solch exo­ti­schen Län­dern wie Ägyp­ten und Hon­du­ras. Die Ver­trie­be­nen in Mit­tel­deutsch­land wur­den 1994 in den Las­ten­aus­gleich ein­be­zo­gen, zwar nur pau­schal mit jeweils 4.000 DM (statt der ca. 7.500 DM, die die Ver­trie­be­nen in West­deutsch­land durch­schnitt­lich erhiel­ten), doch bei 1,3 Mil­lio­nen Berech­tig­ten kamen eben­falls über 5 Mil­li­ar­den DM zusam­men. Also: Wenn wir schon kla­gen, dann bit­te gemeinsam.”

                                 ***

Heber­to Padil­las Gedicht über den von den Toten zurück­keh­ren­den „Ted­dy” Ador­no, das ich im Acta-Ein­trag vom 22. aus dem Kopf Gün­ter Masch­kes zitier­te, hat zahl­rei­che Leser ermun­tert, in ihren Biblio­the­ken zu kra­men und nach dem ver­grif­fe­nen Ori­gi­nal­band zu suchen; man­che sand­ten mir auch Links zu ebay und ZVAB, wo Padil­la doch noch zu haben war; nicht zuletzt tru­del­ten Hin­wei­se auf die von Andre­as Thal­mayr her­aus­ge­ge­be­ne Lyrik-Antho­lo­gie „Das Was­ser­zei­chen der Posie” ein, die 1997 bei Eich­born erschie­nen ist und das von Haber­mas hin­ter­trie­be­ne Spott­ge­dicht ent­hält. Hier­mit sei es kor­rekt wie­der­ge­ge­ben; man wird festel­len, dass Masch­kes Gedächt­nis beacht­lich ist, es fehl­ten nur Kleinigkeiten:

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                                 ***

In dem Band stieß ich auf das Gedicht „Arti­kel 3 (3)” von Alfred Andersch aus dem Jahr 1976, also mit­ten aus der guten alten Bon­ner Repu­blik. Andersch sah das frei­lich völ­lig anders:

ein Volk von
ex-nazis
und ihren
mit­läu­fern
betreibt schon wie­der
sei­nen Lieb­lings­sport
die hetz­jagd auf
kom­mu­nis­ten
sozia­lis­ten
huma­nis­ten
dis­si­den­ten
linke

Man sieht, nicht nur Mer­kel hat „Hetz­jag­den” er- bzw. emp­fun­den, auch der Herr Andersch, 1976, ein Jahr vor dem „deut­schen Herbst”, gegen die RAF und ihre klamm­heim­li­chen Freun­de, lei­der noch nicht von „Anti­fa Zecken­biss” mitgefilmt.

bei­spiels­wei­se
wird eine par­tei zuge­las­sen
damit man
die exis­tenz
ihrer mit­glie­der
zer­stö­ren kann
eigent­lich waren
die nazis
ehr­li­cher
zuge­ge­ben
die neue metho­de ist
cleverer

Bei aller Ver­dreht- und Sei­ten­ver­kehrt­heit: Wie prophetisch!

drei­ßig jah­re spä­ter
gibt es wie­der
sagen wir
zehn­tau­send
die ver­hö­ren
die neue gestapo

In gewis­ser Wei­se lag der Kerl ja ganz rich­tig: 30 Jah­re spä­ter, 30 Jah­re nach dem Zusam­men­bruch des Real­so­zia­lis­mus, sind sie wie­der da, und es gibt eine neue, frei­lich viel smar­ter bzw. „cle­ve­rer” als wei­land spit­zeln­de, denun­zie­ren­de und zer­set­zen­de Stasi. 

die radi­ka­len sind aus­ge­schlos­sen
vom öffent­li­chen dienst
also ein­ge­schlos­sen
ins lager
das errich­tet wird
für den Gedan­ken an
die ver­än­de­rung
öffent­li­chen dienstes

die gesell­schaft
ist wie­der geteilt
in wäch­ter
und bewachte

In der Tat, so weit hat es der „Kampf gegen rechts” – der auf Sei­ten der Kämp­fer bis­lang nahe­zu opfer­los blieb, was sei­ne Popu­la­ri­tät erklärt – immer­hin gebracht. Nur dass einer, der das kon­sta­tiert, nicht mehr wie Andersch als „zeit­kri­ti­scher Autor” (Schrott­sam­mel­stel­le), son­dern eher als „Het­zer”, „Spal­ter” oder „Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker” bezeich­net wird.

                                 ***

Übri­gens:

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