6. Juli 2020

War­um hat der Aller­welts-Lin­ke eine Aver­si­on gegen die Schön­heit, ob nun in der städ­ti­schen Archi­tek­tur, auf der Büh­ne, in den Küns­ten, bei den Manie­ren, bei der Klei­dung? War­um ist ihm alles Gelun­ge­ne, Wohl­ge­ra­te­ne, Voll­ende­te so ver­hasst? Weil er es nicht geschaf­fen hat. Weil es ihm sei­ne ästhe­ti­sche Impo­tenz vor Augen führt. Weil es ihn an den schä­bi­gen Vor­ort erin­nert, aus dem er stammt. Weil er sich ange­sichts des Schö­nen min­der­wer­tig fühlt. 

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„Der Jude ist es, der den Neger an den Rhein bringt”, schrieb A. Hit­ler in sei­ner ras­sen­kämp­fe­ri­schen Zukunfts­schau „Mein Kampf” (1925). Heu­te ist es der Jude, der den schwar­zen Mann ver­sklavt hat und seit­her am Fort­kom­men hin­dert, aber die Bewe­gung „Black Hebrew Lives Mat­ter” stellt sich zum Kampf:

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So, Genos­sen, sieht ein „schwar­zer Block” aus. Verstanden?!

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Recht wun­der­lich ward mir zumu­te, als ich in den ver­gan­ge­nen Tagen Chaim Nolls 2015 erschie­ne­ne Auto­bio­gra­phie „Der Schmug­gel über die Zeit­gren­ze” las. Plötz­lich erstand sie vor mei­nem inne­ren Auge wie­der, die „Ehe­ma­li­ge”, jenes immer noch depri­mie­rend unto­te Land, „wo ich geschleppt das Jugendkreuz/ und mei­ne Dor­nen­kro­nen” (Hei­ne), die­ses enge, tris­te, ein­ge­mau­er­te und des Nachts nur schumm­rig beleuch­te­te Land vol­ler Genos­sen, Poli­zis­ten und Spit­zel, in dem stän­dig getrun­ken und geraucht wur­de, obwohl weder die Alko­ho­li­ka noch der Tabak schmeck­ten, wo der all­ge­mei­ne Man­gel, die Aus­sichts­lo­sig­keit, das Ein­ge­sperrt­sein und die offi­zi­el­len Lügen die Men­schen ent­we­der stumpf­sin­nig oder ver­rückt mach­ten, wo wir aber den­noch irgend­wie auf­wuch­sen, gemäs­tet mit Pro­pa­gan­da zwar, aber bald auch immun dage­gen, wo wir zur Schu­le gin­gen, lach­ten, fei­er­ten, mau­sel­ten, in Kon­zer­te und die Oper pil­ger­ten, lasen, dis­ku­tier­ten und der eine oder ande­re von der Frei­heit träumte.

Chaim Noll ist der Sohn von Die­ter Noll, und des­sen Namen kennt jeder, der in der DDR die Schu­le besucht hat: Noll seni­or schrieb den zwei­bän­di­gen Roman „Die Aben­teu­er des Wer­ner Holt”, Teil eins war Pflicht­lek­tü­re in der Ober­stu­fe (eine der weni­gen aus dem real­so­zia­lis­ti­schen Staats­gat­ter stam­men­den Pflicht­lek­tü­ren, die man als Schü­ler nicht nur ange­ödet las) und mit zwei Mil­lio­nen ver­kauf­ten Exem­pla­ren der wohl bekann­tes­te Roman der DDR. Das Buch wur­de ver­filmt, und auch den Film kann­te drü­ben prak­tisch jeder. Die Hand­lung spielt wäh­rend der Höl­len­fahrt des Drit­ten Rei­ches, es geht um die Ver­führ­bar­keit jun­ger Men­schen durch ein tota­li­tä­res Regime, und das Beson­de­re an die­sem Werk bestand dar­in, dass kei­ne Kom­mu­nis­ten dar­in vor­ka­men und das Per­so­nal trotz­dem nicht beson­ders nega­tiv gezeich­net war. Der Land­ser Holt hät­te man sel­ber gewe­sen sein können.

Die­ter Noll trat 1946 in die KPD ein, in den 1960ern war er Mit­glied der SED-Bezirks­lei­tung Ber­lin. 1961, ein Jahr nach dem Erschei­nen des ers­ten Ban­des, erhielt er den Hein­rich-Mann-Preis, zwei Jah­re spä­ter folg­te der Natio­nal­preis der DDR. Damit zähl­te der Schrift­stel­ler zwar nicht direkt zur Nomen­kla­tu­ra, aber zu den pri­vi­le­gier­ten Staats­künst­lern. Das nur vor­ab für die via Euro­vi­son zuge­schal­te­ten Zuhö­rer aus dem Westen.

Chaim kam 1954 als Hans Noll zur Welt, das heißt, er erleb­te noch das Ber­lin vor dem Mau­er­bau. Rüber­ge­macht ist er 1984. Von die­sen drei­ßig Jah­ren erzählt das Buch. Ein Teil der Hand­lung spielt im Prenz­lau­er Berg, in Stra­ßen, wo auch ich mich her­um­trieb, und es fal­len vie­le DDR-spe­zi­fi­sche Begrif­fe, die ich noch ken­ne, aber auch eini­ge, die ich ver­ges­sen hat­te: das Kar­ree etwa, wie wir damals die Häu­ser­blocks nann­ten („Ick jeh nur ums Kar­ree!”), der Schus­ter­jun­ge, wie nicht nur ein Bröt­chen, son­dern auch eine bekann­te Knei­pe im Prenz­lau­er Berg hieß, der Wrie­ze­ner Güter­bahn­hof, wo die Trans­por­te der Neu­ein­be­ru­fe­nen zur NVA abgin­gen, oder der Gas­heiz­kör­per „Gamat 3000”, obwohl ich die­se Din­ger sel­ber in Neben­job-Nacht­schich­ten email­liert und gestanzt habe („Ich hab gestanzt heut Nacht/ Die gan­ze Nacht heut Nacht!”).

Der spe­zi­el­le Reiz an Nolls Buch besteht für einen Zög­ling der „Ehe­ma­li­gen” dar­in, dass lau­ter wei­land aus Pres­se und Funk bekann­tes Per­so­nal auf­taucht, nur eben aus umge­kehr­ter Per­spek­ti­ve betrach­tet, von innen. Hier ver­keh­ren Minis­ter­töch­ter, Pro­fes­so­ren, Schau­spie­ler, Muse­ums­di­rek­to­ren, Regis­seu­re, Chef­re­dak­teu­re, Archi­tek­ten, Künst­ler, Schrift­stel­ler, Funk­tio­nä­re – die Kul­tur­schi­cke­ria der DDR. (Mein Vater lei­te­te zwar den Ost­ber­li­ner Möbel­han­del, aber das reich­te nicht für Kon­tak­te zur Haute­vo­lee und zur Nomen­kla­tu­ra erst recht nicht.) 

Nolls Bank­nach­ba­rin in der Schu­le ist Nina Hagen, spä­ter kommt Tama­ra Danz, die als Sän­ge­rin der Rock­bad „Sil­ly” Kar­rie­re machen wird, in sei­ne Klas­se. Noll stu­diert zunächst Mathe­ma­tik, spä­ter Kunst und Kunst­ge­schich­te. Er hei­ra­tet die Toch­ter von Wer­ner Klem­ke, Pro­fes­sor für Buch­gra­fik und Typo­gra­fie an der Hoch­schu­le für Bil­den­de und Ange­wand­te Kunst in Ber­lin-Wei­ßen­see und einer der bekann­tes­ten Illus­tra­to­ren der DDR (Klem­ke gestal­te­te unter ande­rem die Titel­bil­der der popu­lä­ren Zeit­schrift Das Maga­zin). Es ist eine Welt der West­wa­gen, West­mö­bel, West­kla­mot­ten, West­tan­tie­men, West­bü­cher, West­zei­tun­gen, eine Welt mit Zehn-Zim­mer-Woh­nung (oder wie es in der DDR hieß: Zehn-Raum, wobei eine Zehn im Land der Ein- bis Drei­raum-Woh­nun­gen offi­zi­ell nicht exis­tier­te), Haus­häl­te­rin und Haus auf Hid­den­see. Eine Par­al­lel­ge­sell­schaft, dem nor­ma­len Ost­deut­schen ver­schlos­sen, deren Ange­hö­ri­ge pri­vi­le­giert und bekannt, aber macht­los waren. Die Toch­ter von Hein­rich Mann erscheint zum Besuch; Her­mann Hen­sel­mann, der Erbau­er der Sta­lin­al­lee, lädt zu Tisch; Wie­land Herz­fel­de durch­schrei­tet das Pro­sze­ni­um; Mar­kus Wolf zeigt sich kurz im Büh­nen­hin­ter­grund; der Staats­fas­sa­den­ma­ler Wal­ter Woma­cka, des­sen „Paar am Strand” in Ulrich Plenz­dorfs „Die neu­en Lei­den des jun­gen W.” nicht ganz zu Unrecht als „Brech­mit­tel” figu­riert, aber gleich­wohl bei uns daheim in Repro­duk­ti­on an der Wand hing (hier das Original):

Womacka

…, die­ser Wal­ter Woma­cka also pro­te­giert den Erzäh­ler, obwohl der als Que­ru­lant gilt, an der Kunst­hoch­schu­le; Hans-Georg Pones­ky, eine Art Tho­mas Gott­schalk der DDR, umdie­nert aufs Absto­ßends­te einen hohen Kul­tur­funk­tio­när, weil der über sei­ne nächs­te Sen­dung ver­fügt; Mimen wie Win­fried Glatz­eder oder die Dar­stel­ler des „Wer­ner Holt”-Films (Moni­ka Woy­to­wicz!) klin­geln an der Tür… Als Noll an der Komi­schen Oper arbei­tet, lernt er Wal­ter Fel­sen­stein und sei­ne Frau Maria ken­nen, „eine mit Pri­vi­le­gi­en über­häuf­te, von der Bevöl­ke­rung mit ver­hal­te­ner Empö­rung bedach­te Öster­rei­che­rin, die auf ihrem Anwe­sen Mari­en­hof in Glie­ni­cke Pfer­de und Hus­kys hielt, spä­ter immer grö­ße­re und exo­ti­sche­re Tie­re, Kra­gen­bä­ren, sogar einen Grizz­ly”, und die regel­mä­ßig „in einem rie­si­gen ame­ri­ka­ni­schen Wagen” vol­ler Kaf­fee, Schnaps, Süßig­kei­ten und Ziga­ret­ten an der Oper vor­fährt, um die Haus­hand­wer­ker für Pri­vat­ar­bei­ten auf ihrem Anwe­sen zu entschädigen.

Das ist alles vor­bei und weit­ge­hend ver­ges­sen, aber hoch­in­ter­es­sant für einen, der dort gelebt hat, ohne mit die­sem Milieu je zu tun zu bekommen.

„Unter uns, im fünf­ten Stock des Hau­ses, leb­te der Schrift­stel­ler Her­mann Kant, damals ver­hei­ra­tet mit der Schau­spie­le­rin Vera Oel­schle­gel, bei­de fuh­ren West­wa­gen, er einen Kar­mann Ghia, sie ein Opel Cou­pé – das deut­li­che Sym­bol sozia­ler Pri­vi­le­gie­rung.” Kant war der Staats­schrift­stel­ler schlecht­hin, eine Art Gün­ter Grass der DDR; Frau Oel­schle­gel, die spä­ter ihren Ehe­mann ver­ließ, um das Polit­bü­ro­mit­glied Kon­ny Nau­mann zu ehe­li­chen, ent­sprä­che in die­sem Bild unge­fähr einer Ost­ber­li­ner Vero­ni­ca Ferres. 

Ende des name drop­ping.

Nach­dem das Neue Deutsch­land die Ver­lei­hung des Hein­rich-Mann-Prei­se an Vater Noll gemel­det hat­te, „änder­te sich das Ver­hal­ten von Nach­barn, Bekann­ten, Hand­wer­kern, Ange­stell­ten der Woh­nungs­ver­wal­tung spür­bar”, ohne dass jemand dazu auf­ge­for­dert wor­den wäre, „sie ver­stan­den von selbst, dass der Geehr­te von nun an anders zu behan­deln war”. Gleich­sam über Nacht war die Fami­lie in den Kreis des sozia­lis­ti­schen Adels auf­ge­stie­gen. Zu den neu­en Besitz­tü­mern gehör­te bei­spiels­wei­se eine rote Klapp­kar­te, die der Vater aus dem Sei­ten­fens­ter sei­nes Wol­gas dem Volks­po­li­zis­ten hin­hielt, der ihn wegen über­höh­ter Geschwin­dig­keit ange­hal­ten hat­te, wor­auf­hin der Mann salu­tier­te und dem Genos­sen Groß­schrift­stel­ler eine gute Wei­ter­fahrt wünsch­te. Als Jugend­li­cher wur­de Noll juni­or ein­mal von der Poli­zei ver­haf­tet, weil er betrun­ken Fahr­rad gefah­ren war, auf dem Revier behan­del­te man ihn durch­aus rabi­at, bis sich her­aus­stell­te, wes­sen Sohn er wa …

Natür­lich hat­te die Pri­vi­le­gie­rung ihren Preis. „Erfolg war damals in der DDR eine von der Par­tei ver­wal­te­te Ange­le­gen­heit, und die Par­tei erwar­te­te Gegen­leis­tun­gen.” Es herrsch­te ein Kodex wie bei der Mafia: Wir bevor­zu­gen dich, wir ver­sor­gen dich, wir schüt­zen dich, aber du gehörst uns, und der Tag wird kom­men, an dem wir dich brau­chen. Auch und gera­de in die­sen Krei­sen hat­te man, bei allen gedul­de­ten Allü­ren und Marot­ten, „auf Linie” zu sein und im Bedarfs­fall ein Bekennt­nis zu lie­fern. „Nicht mit­ma­chen hieß, dass man nicht dafür war. Nicht dafür sein hieß, dass man dage­gen war. Woge­gen? Gegen den Fort­schritt, den Sozia­lis­mus, den Fort­schritt in der Welt. Wer woll­te gegen den Fort­schritt sein? … Das unver­zeih­lichs­te Delikt war die Ver­wei­ge­rung wei­te­ren Mitmachens.”

Ein zen­tra­les Ereig­nis für das DDR-Kul­tur­mi­lieu bil­de­te die Aus­bür­ge­rung von Wolf Bier­mann anno 1976 samt der anschlie­ßen­den Pro­tes­te dage­gen – ein Lehr­stück, das uns zugleich mit­ten in die Gegen­wart führt. Bekann­te ost­deut­sche Künst­ler wie der Bild­hau­er Fritz Cremer und die Schrift­stel­ler Ste­fan Hermlin und Chris­ta Wolf hat­ten eine Peti­ti­on für Bier­mann unter­schrie­ben. Noll schil­dert, wie sein Schwie­ger­va­ter ihn wäh­rend eines Spa­zier­gangs unver­mit­telt dar­auf anspricht und sich erkun­digt, ob er etwa auch unter­schrei­ben wol­le, er möge es ja nicht tun, vie­le der Unter­zeich­ner glaub­ten, wenn sie ihren Namen unter jenen von Pro­mi­nen­ten wie Wolf und Hermlin setz­ten, wer­de ihnen nichts pas­sie­ren, aber es sei doch klar, wie das enden wer­de, Hermlin wer­de sei­ne Unter­schrift zurück­zie­hen, Wolf Selbst­kri­tik üben, aber die ande­ren, die Klei­nen, die wer­de man gril­len, denen wer­de man an die Jobs und Stu­di­en­plät­ze gehen. Genau so kam es. Und genau so läuft es heu­te und wahr­schein­lich immerdar.

Noll seni­or zog sei­ne eige­nen Schlüs­se aus dem Vor­gang (ob er es aus frei­en Stü­cken tat oder jemand nach­half, weiß auch sein Sohn nicht). Er schrieb im Mai 1979 einen Brief an Hon­ecker, in dem er die Schrift­stel­ler Ste­fan Heym, Joa­chim Seyp­pel und Rolf Schnei­der als „kaput­te Typen” denun­zier­te, die sich aus Gel­tungs­sucht dem Klas­sen­feind andien­ten. Wenig über­ra­schend ließ der Genos­se Erich anfra­gen, ob der Brief im Neu­en Deutsch­land ver­öf­fent­licht wer­den dür­fe. Das Schrei­ben soll zum Aus­schluss von neun Autoren aus dem DDR-Schrift­stel­ler­ver­band bei­getra­gen haben.

Für den Sohn, des­sen Ver­hält­nis zum ers­ten Arbei­ter- und Bau­ern­staat auf deut­schem Boden längst ein gestör­tes war, mar­kier­te das väter­li­che Bekennt­nis den defi­ni­ti­ven Bruch. „Wir sahen bald, dass Indif­fe­renz hier nicht funk­tio­nier­te. Wenn irgend­et­was unser Weg­ge­hen aus der DDR beschleu­nigt hat, war es die­ser Brief. Er führ­te zu unse­rer gesell­schaft­li­chen Isolation.”

Das war in der DDR ein biss­chen anders als in der Mer­kel-BRD: Dort konn­ten all­zu eif­ri­ge Bekennt­nis­se zur Regie­rung im pri­va­ten Umfeld zum Ersterben der Gesprä­che füh­ren, wäh­rend heu­te ein freund­li­ches Wort über die Oppo­si­ti­on oder Donald Trump die Kün­di­gung von Bekannt­schaf­ten zur Fol­ge haben kann.

Noll ent­zog sich dem Wehr­dienst bei der NVA, indem er eine psy­cho­so­ma­ti­sche Erkran­kung simu­lier­te und durch exzes­si­ves Fas­ten ein Vier­tel sei­nes Kör­per­ge­wichts ver­lor. Wäh­rend er in der Geschlos­se­nen Abtei­lung der Psych­ia­trie saß, began­nen die Zer­set­zungs­maß­nah­men gegen sei­ne Fami­lie: nächt­li­che Anru­fe, Dro­hun­gen, Unbe­kann­te war­fen die Schei­ben der Woh­nung ein (man erlebt das heu­te wie­der, und es ste­cken womög­lich teil­wei­se die­sel­ben Leu­te dahin­ter). Über einen aus­län­di­schen Diplo­ma­ten schmug­gel­te er sei­ne Tage­bü­cher und ande­re Tex­te in den Wes­ten. Spä­ter stell­te Noll einen Aus­rei­se­an­trag für sich und sei­ne Fami­lie. Damit war er vom Pro­te­gé zum Feind des Staa­tes gewor­den, aber er konn­te zum letz­ten Male von sei­ner Pri­vi­le­gie­rung zeh­ren. Ingrid Berg, die Nich­te des Minis­ter­rats­vor­sit­zen­den Wil­li Stoph, hat­te im Febru­ar 1984 mit Mann, Kin­dern und Schwie­ger­mut­ter in der Deut­schen Bot­schaft zu Prag um Asyl gebe­ten, ein pein­li­cher Vor­fall für die SED-Füh­rung. Nolls Fami­lie war mit Frau Berg flüch­tig bekannt, die Sta­si ver­mu­te­te indes eine enge­re Bekannt­schaft. Der obers­te DDR-Kul­tur­funk­tio­när Kurt Hager schrieb an Sta­si-Chef Erich Miel­ke: „Das Bei­spiel der Fami­lie Berg, mit der sie bekannt sind, scheint sie unein­sichtg gemacht zu haben.” Die Genos­sen woll­ten kein gro­ßes Bohei um den Fall. Die Aus­rei­se wur­de genehmigt.

„In unse­ren letz­ten Jah­ren in Ost-Ber­lin”, erin­nert sich Noll, „sind wir so ein­sam gewe­sen wie nie zuvor und nie danach, auch heu­te nicht, da wir in der Wüs­te leben.”

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Noch inter­es­san­ter als der Ein­blick in das Leben der DDR-Kul­tur­schi­cke­ria ist eine ande­re Ebe­ne des Buches. Es gehör­te zu den Eigen­tüm­lich­kei­ten der sozia­lis­ti­schen Welt, dass Juden dort offi­zi­ell nicht exis­tier­ten. Die ermor­de­ten rus­si­schen und ukrai­ni­schen Juden bei­spiels­wei­se gal­ten offi­zi­ell als ermor­de­te Sowjet­men­schen. Gemäß der kom­mu­nis­ti­schen Gleich­heits­dok­trin waren sol­che Unter­schie­de, wie alle ande­ren eth­nisch-kul­tu­rel­len Dif­fe­ren­zen auch, „über­wun­den”. Als Reli­gi­ons­ge­mein­schaft exis­tier­te das Juden­tum in der DDR offi­zi­ell nicht, es gab kei­ne als sol­che erkenn­ba­re Syn­ago­ge im Land, nur impro­vi­sier­te Räum­lich­kei­ten hin­ter nichts­sa­gen­den Fas­sa­den, wo man sich mehr oder weni­ger infor­mell traf. Ich erin­ne­re mich noch, wie wir im Deutsch­un­ter­richt der viel­leicht vier­ten oder fünf­ten Klas­se über die Juden­ver­fol­gung spra­chen und eine Mit­schü­le­rin – sie trug den schö­nen Namen Ondra – auf die von mei­ner Klas­sen­leh­re­rin gestell­te Fra­ge, ob denn jemand wis­se, war­um die „Hit­ler­fa­schis­ten” die Juden ver­folg­ten, erklär­te: „weil sie eine ande­re Reli­gi­on hat­ten”. Ich schwö­re bei Gott: Ich hör­te damals zum ers­ten Mal in mei­nem Leben die Wor­te „Juden” und „Reli­gi­on”. In mei­nem Eltern­haus hing das Kon­ter­fei von Fidel Cas­tro an der Wand, und im „Raum­tei­ler” – ein Bücher­re­gal gab es nicht – stan­den die aus­ge­wähl­ten Wer­ke von Marx, Engels und Lenin. Ich hat­te auch spä­ter kei­ne Ahnung davon, dass Die­ter Noll und eini­ge ande­re Künst­ler und Funk­tio­nä­re Juden – oder bes­ser: jüdi­scher Abstam­mung – waren, die Genos­sen emp­fan­den sich ja nicht als Juden.

Chaim Nolls Groß­el­tern wur­den im Drit­ten Reich aus ras­si­schen Grün­den zur Schei­dung genö­tigt; als der Groß­va­ter den­noch wei­ter mit sei­ner jüdi­schen Frau zusam­men­blieb, zwang man sie, die Kin­der in „ari­sche” Hän­de zu geben. Die Groß­mutter gehör­te spä­ter zu den weni­gen Über­le­ben­den des Lagers The­re­si­en­stadt. Die­ter Noll wur­de in der Schu­le als „Halb­ju­de” schi­ka­niert und ver­prü­gelt. Der Groß­va­ter von Nina Hagen, Chaim Nolls Bank­nach­ba­rin, wur­de von den Nazis ermor­det, „doch son­der­bar: Wir ver­lo­ren dar­über kein Wort. Jude­sein war ‚kein Thema’.”

Bekannt­lich mach­ten sich seit 1917 zahl­rei­che Juden der Mit­wir­kung am Kom­mu­nis­mus schul­dig, oft aus ver­steh­ba­ren Grün­den, doch die Inte­gra­ti­on in die kom­mu­nis­ti­sche Welt­be­we­gung hat sie so wenig vor der Ver­fol­gung bewahrt wie jene ins deut­sche Volk. Der bekann­te Aus­spruch von Trotz­kis Vater Dawid Bron­stein, dass die Trotz­kis die Revo­lu­ti­on machen und die Bron­steins dafür bezah­len müs­sen, stimm­te nicht ganz, auch die Trotz­kis muss­ten bezah­len. Die Kom­mu­nis­ten ent­le­dig­ten sich der Juden fast mit ähn­li­cher Kon­se­quenz wie ihre feind­li­chen brau­nen Brü­der. Väter­chen Sta­lin erklär­te die jüdi­schen Kom­mu­nis­ten zu Zio­nis­ten – der Begriff „Zio­nist” stand syn­onym für „Agent des Welt­ka­pi­ta­lis­mus” – und ver­däch­tig­te sie, Ver­bin­dun­gen in die USA und ande­re kapi­ta­lis­ti­sche Feind­staa­ten zu unter­hal­ten, womit sie zu inne­ren Fein­den wur­den, mit der Fol­ge, dass vie­le Juden den „Säu­be­run­gen” zum Opfer fie­len. In den Ost­block­staa­ten rich­tet sich die­se Para­noia gegen die­je­ni­gen jüdi­schen Emi­gran­ten, die vor den Nazis Rich­tung Wes­ten emi­griert waren und nach Kriegs­en­de zurück­kehr­ten. Erst nach Sta­lins Tod ende­ten die Ver­fol­gun­gen, doch Jude­sein blieb ein Makel, eine Art fal­sches Bewusstsein.

Der jun­ge Noll erfährt von all­dem erst durch sei­ne ers­te jüdi­sche Freun­din Nico­let­ta, genau­er: durch deren Mut­ter Agnes, genannt Agi, ver­wit­wet, sechs Kin­der, „eine unga­ri­sche Jüdin, deren Eltern kom­mu­nis­ti­sche Funk­tio­nä­re waren, in der Nazi­zeit nach Mos­kau flüch­te­ten und in Sta­lins ‚Säu­be­run­gen’ ums Leben kamen. Sie war sech­zehn, als ihre Eltern eines Nachts von NKWD-Leu­ten ver­haf­tet wur­den. Wie vie­le Kin­der kom­mu­nis­ti­scher Emi­gran­ten besuch­te sie die Karl-Lieb­knecht-Schu­le in Mos­kau. ‚Jeden Mor­gen kam irgend­ein Kind wei­nend zur Schu­le’, erzähl­te sie mir, ‚weil man in der Nacht die Eltern abge­holt hat­te.’ ” Doch in der Schu­le habe den Kin­dern „eine womög­lich noch qual­vol­le­re Pro­ze­dur” bevor­ge­stan­den: „Man dräng­te sie dazu, sich von ihren Eltern los­zu­sa­gen”. Sie muss­ten vor allen ande­ren auf­ste­hen und ein for­mel­haf­tes Bekennt­nis spre­chen: dass sie über­zeugt von der Schuld ihrer Eltern sei­en, ihre Taten bedau­er­ten und ihre Bestra­fung begrüß­ten. „Die­se Sät­ze”, schreibt Noll, „hat­ten Tau­sen­de gespro­chen. Aber nicht Agi. Sie war in der Ver­samm­lung wie gefor­dert auf­ge­stan­den, doch ohne ein Wort zu sagen.” Zur Stra­fe habe man sie aus dem Kom­so­mol aus­ge­schlos­sen und 1941 vor die Alter­na­ti­ve GULag oder Par­ti­sa­nen­kampf hin­ter der Front gestellt; sie ent­schied sich für Vari­an­te zwei. (An der Mos­kau­er Schu­le war sie übri­gens Mit­schü­le­rin von Mar­kus Wolf und Wolf­gang Leonhard.)

Durch Agi, die an der Komi­schen Oper arbei­te­te und deren Haus „von jun­gen Leu­te wim­mel­te”, kam Noll in Kon­takt zu ande­ren Juden und damit zu sei­nen eige­nen Wur­zeln. Schwer­lich habe man irgend­wo­an­ders in Ost-Ber­lin so vie­le jun­ge Juden in einem Raum tref­fen kön­nen wie in Agis Küche. Es waren „fast alle­samt Kin­der höhe­rer Funtk­tio­nä­re, Sta­si- und KGB-Offi­zie­re”, den­noch habe dort eine Atmo­sphä­re der Offen­heit und des Dage­gen­seins geherrscht. Man schau­te zum Bei­spiel bei der Fuß­ball-WM 1974 das Spiel der bei­den deut­schen Natio­nal­mann­schaf­ten, und der Sieg der DDR wur­de all­ge­mein bedauert.

Trotz alle Anpas­sungs­ver­su­che in sei­ner Jugend sei er in kei­ner deut­schen Grup­pe hei­misch gewor­den, schreibt Noll an einer Stel­le. „Was als ‚all­ge­mein aner­kannt’ galt, hat früh mei­nen Wider­spruch erregt: gesell­schaft­li­che Kon­ven­tio­nen, Moden, grup­pen­wei­se Abspra­chen. Ich habe mich immer zu Men­schen und Din­gen hin­ge­zo­gen gefühlt, die als ‚umstrit­ten’ galten.”

1995 ging Noll mit sei­ner Frau, der Male­rin Sabi­ne Kaha­ne (Binah Kaha­na), nach Isra­el. 1998 erhielt er die israe­li­sche Staatsbürgerschaft.

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PS: „Die DDR-Grenz­be­am­ten durch­wühl­ten mei­nen Kof­fer und fan­den einen Roman von Hein­rich Böll, ‚Ansich­ten eines Clowns’, in der Aus­ga­be des Deut­schen Taschen­buch-Ver­lags, wor­auf sie mich auf den Gang führ­ten und mir mit­teil­ten, dass der Besitz die­ses Buches straf­bar sei.” (Noll, ebenda)

Eines muss man den DDR-Gren­zern las­sen: Von Lite­ra­tur ver­stan­den sie was (frei nach H. Gremliza).

PPS: „Kein Lob­preis, sei es aus dem Osten oder Wes­ten, konn­te mir die Pro­sa der Chris­ta Wolf schmack­haft machen, ihre sprach-imma­nen­te Selbst­un­ter­drü­ckung, ihr furcht­sa­mes Ver­mei­den eines kla­ren Wor­tes, die abschwä­chen­den Attri­bu­te und mat­ten Meta­phern.” (noch­mals Noll)

PPPS: Fest­ge­hal­ten sei noch, dass Nolls Schwä­her Wer­ner Klem­ke Bier­mann nicht son­der­lich lei­den moch­te – die Pfau­en haben es schwer bei den Kul­ti­vier­ten – und ihn mit den Wor­ten beschrieb, er sei „pene­trant, laut und stets dar­auf aus, sei­ne Lie­der vor­zu­sin­gen”, sei­ne Klamp­fe tra­ge er „wie eine Dro­hung” bei sich. 

PPPPS: Und zuletzt das: In der Geschlos­se­nen Abtei­lung des Insti­tuts für Psy­cho­the­ra­pie Leip­zig erhielt Noll einen Ein­blick in die Welt derer, die der Real­so­zia­lis­mus geis­tig und see­lisch zer­stört hat­te. Er beschreibt die Sym­pto­me eini­ger Pati­en­ten. Etwa: „Ein Dekan der Leip­zi­ger Uni­ver­si­tät, Pro­fes­sor für Poli­ti­sche Öko­no­mie, saß manch­mal stumm auf sei­nem Bett­rand und weinte.” 

Man soll nicht über Kran­ke spot­ten, aber das ist komisch. 

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Noch bzw. wie­der zum Vori­gen. Der Nord­ku­rier meldet:

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Ob dort „Gegen­pro­tes­te” steht, weil der Zeitungsmann/ auch kein deut­sches Wort mehr kann (nach Peter Hacks)? Oder weil sich nach hie­si­ger Sit­te „Pro­tes­te” aus­schließ­lich gegen „rechts” rich­ten können? 

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Zum Vor­vo­ri­gen. Der Süd­deut­sche Beob­ach­ter mel­det, dass die Front weder wankt noch wackelt:

Screenshot 2020 07 06 10.33.03

Leser ***, einer jener argen Schel­me, denen die Digni­tät der nicht mehr nur kanz­ler­amts­na­hen, son­dern inzwi­schen kanz­ler­amts­fi­nan­zier­ten frei­en Pres­se ein Rät­sel ist, steu­ert die­sen Kom­men­tar bei:

u81449 199713 ch dom berlin show
 

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