20. August 2020

Wer sich mit einem Lin­ken auf ein Gespräch ein­lässt, wird regel­mä­ßig auf einen Dün­kel sto­ßen, der sich aus der Über­zeu­gung speist, über die bes­se­ren Theo­rie­mo­del­le und Welt­erklä­run­gen zu ver­fü­gen. Theo­re­tisch ist der Lin­ke immer auf dem Qui­vi­ve. Viel­leicht muss man ihm die­se Bla­siert­heit gön­nen. In der Pra­xis ver­sa­gen die­se Figu­ren mit­samt ihren Theo­rien ja immer zuver­läs­sig. Des­we­gen hat der Apho­ris­ti­ker Arne Kolb völ­lig recht, wenn er schreibt: „Die Klug­heit gebie­tet, dass die letz­ten sozia­lis­ti­schen Regime zu Anschau­ungs­zwe­cken erhal­ten werden.”

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(Netz­fund)

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Olaf Scholz gedenkt der Opfer des Amok­läu­fers von Hanau.

Scholzsche Selektion

Gabrie­le Rath­jen, die Mut­ter des Täters, fehlt. Weil sie das ein­zi­ge bio­deut­sche Opfer war? Quatsch! Es gibt inzwi­schen ein­fach nur zu weni­ge Ange­hö­ri­ge, die SPD wäh­len könnten.

Mer­ke: Noch wider­wär­ti­ger als die Mit­leid­lo­sig­keit ist die Bekun­dung selek­ti­ven Mitleids.

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Scharf rügt mich Leser ***, nach­dem er mich zuvor mit Lob ein­ge­seift hat, wegen mei­ner Skep­sis gegen­über der Gefähr­lich­keit des der­zei­ti­gen Super­stars unter den Viren. Da mir nichts will­kom­me­ner ist, als Leser, die mei­ne Tira­den kri­ti­sie­ren oder bes­ser: kor­ri­gie­ren – ich habe ja prak­tisch von kei­ner Sache Ahnung, kann mein Nicht­wis­sen aber bes­ser fomu­lie­ren als die ande­ren –, und *** nicht der ein­zi­ge Leser ist, der die gerin­ge Sterb­lich­keit einer ver­gleichs­wei­se hohen Dis­zi­plin der Deut­schen zuschreibt, rücke ich sein Schrei­ben hier ein (natür­lich ohne das Lob):

„Ich bin als Mathe­ma­ti­ker und Natur­wis­senschft­ler trau­rig dar­über, mit wel­cher Über­heb­lich­keit und mathematisch/naturwissenschaftlicher Igno­ranz sie das The­ma covid19 ins Lächer­li­che zie­hen. Als jemand der sich beruf­lich mit der Model­lie­rung kom­ple­xer dyna­mi­scher Sys­te­me wie Epi­de­mien befasst, kann ich Ihnen ver­si­chern, daß die Gefahr durch covid19 real ist.

Sie ver­glei­chen covid19 mit der schwe­ren Grip­pe­sai­son 2018 und schrei­ben ‚Haben Sie 2018 irgend­wo Mas­ken gese­hen? Eben.’ Dabei sind in Deutsch­land nicht zuletzt ‚wegen’ der Infek­ti­ons­schutz­maß­nah­men erst 1.5% der Bevöl­ke­rung mit covid19 infi­ziert (RKI Blut­spen­der­stu­die), wäh­rend sich 2018 schät­zungs­wei­se 20% mit dem Influ­en­za­vi­rus infi­zier­ten. Was covid19 im Ver­gleich zur Grip­pe tat­säch­lich anrich­tet, wenn sich ver­gleich­bar vie­le Men­schen infi­zie­ren sehen Sie auf die­ser Grafik:

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(Link)

Deutsch­land hat im März (aus­nahms­wei­se ein­mal) etwas rich­tig gemacht und durch frü­hen Lock­down zehn­tau­sen­de Men­schen­le­ben geret­tet. Ver­zei­hen Sie, aber Ihre Stim­mungs­ma­che gegen Infek­ti­ons­schutz wirkt wie ein Schild­bür­ger, der wäh­rend der Sturm­flut im tro­cke­nen Dorf gegen den teu­ren Deich demons­triert. Nur weil Kri­sen oft von den Mäch­ti­gen zum Zwe­cke der Unter­ta­nen­gän­ge­lung auf­ge­bauscht und instru­men­ta­li­siert wer­den, heißt das nicht, daß eine Pan­de­mie nicht real und Schutz­maß­nah­men nicht objek­tiv gerecht­fer­tigt sein können.”

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Die Welt teilt mit:

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„Der aus Eri­trea stam­men­de Tat­ver­däch­ti­ge ist nach einem vor­läu­fi­gen psych­ia­tri­schen Gut­ach­ten wegen einer psy­chi­schen Erkran­kung schuld­un­fä­hig”, schreibt das Blatt. Den­noch tut es ihm leid. Merk­wür­dig, nicht wahr? Er sieht sei­ne Schuld ein, ist aber nicht schuldfähig.

Chaim Noll stell­te im August des ver­gan­ge­nen Jah­res einen Ver­gleich an zwi­schen Ama­deu Anto­nio, jenem Gast­ar­bei­ter aus Ango­la, der 1990 von einer Grup­pe jun­ger Deut­scher im bran­den­bur­gi­schen Ebers­wal­de tot­ge­schla­gen wur­de, und dem namen­lo­sen Jun­gen, den der ICE im Frank­fur­ter Gleis­bett zer­fetz­te. Noll schrieb damals:

„Der Name Ama­deu Anto­nio wur­de dadurch nicht nur für dubio­se Zwe­cke aus­ge­nutzt, son­dern auch – dies der posi­ti­ve Aspekt – vor dem Ver­ges­sen bewahrt. Und so die Untat, die zum Tod des jun­gen Afri­ka­ners führ­te. Sie ist ins kol­lek­ti­ve Gedächt­nis Deutsch­lands ein­ge­gan­gen: Ama­deu Anto­nio hat einen Wiki­pe­dia-Ein­trag, anläss­lich sei­nes Todes­ta­ges gibt es Zei­tungs­ar­ti­kel und Rund­funk­sen­dun­gen, in Schul­bü­chern und zeit­his­to­ri­schen Wer­ken wird sein Fall erwähnt, ein gutes Dut­zend haupt­amt­li­cher Mit­ar­bei­ter der Ama­deu Anto­nio Stif­tung lebt von ihm, von der Erin­ne­rung an ihn. Das alles bewirkt sein Name. Ein Name kann zum Sym­bol wer­den. Was aber geschieht, wenn das Opfer anonym bleibt?

Der Name des ‚acht­jäh­ri­gen Jun­gen’, den ein ande­rer Afri­ka­ner am 29. Juli 2019 auf Gleis sie­ben des Frank­fur­ter Haupt­bahn­hofs vor einen ein­fah­ren­den Zug gesto­ßen, also vor­sätz­lich ermor­det hat, wird nicht bekannt gege­ben. Die deut­schen Behör­den – und mit ihnen die staats­treu­en Medi­en – ver­schwei­gen die Iden­ti­tät des Opfers. Dafür mag es plau­si­ble Grün­de geben: Rück­sicht auf die Fami­lie, vor allem auf die Mut­ter, die selbst knapp mit dem Leben davon kam und der man begreif­li­cher­wei­se öffent­li­che Auf­merk­sam­keit erspa­ren möch­te. Die­ses Argu­ment ist so schwer­wie­gend, dass kein eini­ger­ma­ßen rück­sichts­vol­ler Mensch die Maß­nah­me kri­ti­sie­ren wird. Sie hat indes­sen einen ver­bor­ge­nen Aspekt. Eine heim­li­che Neben­wir­kung, von der ich anneh­me, dass die Ver­ant­wort­li­chen sehr wohl um sie wissen.

Die Anony­mi­sie­rung des Opfers ist die Garan­tie dafür, dass es ver­ges­sen wird. Und damit das Ver­bre­chen, das zu sei­nem Tod führte.”

Ich wie­der­ho­le: Noch wider­wär­ti­ger als die Mit­leid­lo­sig­keit ist die Bekun­dung selek­ti­ven Mitleids.

„Ist die­ses voll­kom­men unschul­di­ge Kind, das von einem wie auch immer moti­vier­ten erwach­se­nen Mann auf grau­sa­me Wei­se ermor­det wur­de, kein Sym­bol?”, fuhr Noll fort. „Kein Geden­ken wert? Kei­ne erin­nern­den Zei­tungs­ar­ti­kel? Kei­ne Stif­tung in sei­nem Namen? War­um nicht? Weil es, aller Ver­mu­tung nach, ein wei­ßes Kind war, ein genu­in euro­päi­sches, ein deut­sches? Ich beken­ne, dass ich damit nur schwer leben kann. Irgend­et­was an Infor­ma­ti­on müs­sen wir den Behör­den noch abtrot­zen, sei­ne Initia­len, ein paar Details über sein kur­zes Leben, ein – und sei es gepi­xel­tes – Bild, damit die­ses sinn­los geop­fer­te Kind nicht im Nebel der Namen­lo­sig­keit ver­schwin­det und in weni­gen Wochen ver­ges­sen ist.”

Wen­den wir uns nun wie­der jener polit­me­dia­len Ban­de zu, die genau das will, das Ver­schwin­den und Ver­ges­sen­wer­den die­ses armen Jun­gen, weil er ein fal­sches Opfer eines – durch­aus reprä­sen­ta­ti­ven – fal­schen Täters war. Der kur­ze und wie wider­wil­lig geschrie­be­ne Arti­kel schließt:

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Der Fall lös­te eine Debat­te über die Sicher­heit an Bahn­stei­gen aus – geht es noch nie­der­träch­ti­ger? Das bezieht sich kei­nes­wegs nur auf die Welt; es schrei­ben sowie­so alle das­sel­be, deut­sche Jour­na­lis­ten sind bere­chen­bar wie der Mondzyklus:

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Und die Press­strol­che ver­brei­ten nicht mal ein Mär­chen, es gab danach tat­säch­lich eine „Debat­te” – also orches­trier­te Wort­mel­dun­gen iden­ti­schen Inhalts von Grün bis Uni­on – über die Sicher­heit an Bahn­hö­fen, wobei als eigent­li­che Gefahr die (übri­gens von wei­ßen Män­nern erfun­de­ne) Eisen­bahn iden­ti­fi­ziert wur­de. Ist doch logisch. Gäbe es kei­ne Mes­ser, käme es nicht zu Mes­ser­at­ta­cken. Gäbe es kei­ne Frau­en, könn­te sie nie­mand ver­ge­wal­ti­gen. Und so weiter.

***

Zahl­rei­chen Geburts­tags­grü­ße und ‑wün­sche häuf­ten mir die Eck­la­den­be­su­cher ges­tern ins Post­fach. Dan­ke, dan­ke! Das kann einen glatt dafür ent­schä­di­gen, dass von vier Kin­dern – es blei­ben ja immer „Kin­der” – drei den Tag ver­ges­sen haben. (Mit zuneh­men­dem Alter hat der Geburts­tag ohne­hin nur noch die Funk­ti­on, den­je­ni­gen gegen­über, die ihn ver­passt haben, den Belei­dig­ten zu spie­len; mei­ne Maman etwa ergat­ter­te auf die­se Wei­se eine Wie­der­gut­ma­chungs­gold­ket­te von mir.)

 

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